Stellungnahme des Bundesforum Männer zum Referentenentwurf zur Änderung des Gewaltschutzgesetzes
Das Bundesforum Männer – Interessenverband für Jungen, Männer und Väter e. V. (BFM) hat am 19. September 2025 eine Stellungnahme zum Referent:innenentwurf des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV) veröffentlicht. Der Entwurf zur Änderung des Gewaltschutzgesetzes sieht u. a. die Einführung einer elektronischen Aufenthaltsüberwachung (eAÜ) sowie die Möglichkeit zur verpflichtenden Teilnahme an einem Angebot der Täterarbeit vor. Das BFM begrüßt die grundsätzliche Stärkung des zivilrechtlichen Gewaltschutzes, weist aber auch auf notwendige Ergänzungen und Präzisierungen hin.
Elektronische Aufenthaltsüberwachung
Die Einführung einer elektronischen Aufenthaltsüberwachung (eAÜ) wird vom Bundesforum Männer grundsätzlich positiv bewertet. Sie kann in eng begrenzten Hochrisikofällen wirksam zum Schutz beitragen und die Durchsetzung von Schutzanordnungen sichern. Positiv hervorgehoben wird, dass mit der geplanen Gesetzesänderung vorgesehen ist, künftig auch in kindschaftsrechtlichen Verfahren Gewaltschutzanordnungen erlassen zu können.
Das BFM regt in dem Zusammenhang an, dass auch Kinder, die Zeugen massiver Partnerschaftsgewalt werden, ausdrücklich in den Schutzbereich einbezogen werden. Zudem werden klare Verfahren gefordert, um nach Ablauf der befristeten Maßnahme zur überprüfen, ob die Voraussetzungen weiterhin vorliegen, etwa durch unabhängige fachliche Gutachten. Entscheidend für das BFM ist aber, dass die eAÜ nicht isoliert betrachtet werden kann sondern in ein umfassendes System aus Prävention, Intervention und Unterstützung eingebettet werden muss. Hier besteht weiterhin Handlungsbedarf über den Gesetzentwurf hinaus.
Täterarbeit als Bestandteil der Prävention
Die Möglichkeit, Täterarbeit verpflichtend anzuordnen, bewertet das Bundesforum Männer ebenfalls als wichtigen Schritt. Aus Sicht des BFM sollte der Fokus dabei allerdings nicht ausschließlich auf sozialen Trainingskursen liegen. Vielmehr sollten auch fachlich geeignete Beratungs- und Interventionsangebote im Einzelsetting als Option eingeschlossen sein. Je nach Bedarfslage und tatsächlicher Verfügbarkeit können auf diese Weise vorhandene Angebote der Täterarbeit passgenauer und zielführender adressiert werden.
Gerichtlich angeordnete Täterarbeit fällt in den Bereich der Tertiärprävention, als wichtigem und unabdingbaren Bestandteil des Gewaltschutzes. Als BFM sehen wir darüber hinaus die Notwendigkeit, auch primär- und sekundärpräventive Maßnahmen der Gewaltprävention deutlicher zu stärken und mit der Perspektive einer geschlechterreflektierten Jungen- und Männerarbeit zu verknüpfen, um bereits frühzeitig anzusetzen und Gewalt zu verhindern.
Strukturelle und politische Rahmenbedingungen
In seiner Stellungnahme weist das Bundesforum Männer abschließend auf mehrere Schwachstellen und grundsätzliche Überlegungen hin:
Begrenzte Reichweite: Die erwarteten Einsatzzahlen zur eAÜ betreffen nur eine kleine Gruppe von Fällen im Hochrisikobereich. Angesichts der dokumentierten Fallzahlen häuslicher Gewalt insgesamt, bleiben viele Betroffene weiterhin unzureichend geschützt.
Bestehende Schutzrechte: Vorrangig muss sichergestellt werden, dass vorhandene Regelungen konsequent angewandt werden. Dies umfasst insbesondere auch eine bessere Schulung und Ausstattung von Gerichten, Polizei und Beratungseinrichtungen.
Strukturelle Begleitmaßnahmen: Neue Instrumente sind vor allem dann wirksam, wenn sie eingebettet sind in eine umfassende Infrastruktur aus frühzeitiger Gefährdungseinschätzung, Prävention, Beratung, Schutz- und Unterstützungsstrukturen. Hier sind weitere Anstrengungen nötig.
Finanzierung: Es bedarf vor allem ausreichender Mittel, um insgesamt Präventions-, Beratungs- und Schutzstrukturen im Gewaltbereich bundesweit zu sichern und auszubauen – für Mädchen und Frauen, aber darüber hinaus auch für Jungen, Männer und alle Geschlechter.
Frühe Prävention: Sowohl eAÜ als auch Täterarbeit greifen erst reaktiv nach erfolgter Gewalt. Parallel dazu ist es notwendig, vorbeugend die Primär- und Sekundärprävention zu stärken und auszuweiten.
Download der vollständigen Stellungnahme
Die ausführliche Stellungnahme des BFM zum Referentenentwurf können Sie hier herunterladen:
Stellungnahme der Geschäftsstelle des BFM zum geplanten Gesetz zur Vaterschaftsanfechtung
Das Bundesforum Männer (BFM) begrüßt den Referentenentwurf eines Gesetzes zur Umsetzung des Urteils des Bundesverfassungsgerichts zur Vaterschaftsanfechtung und freut sich über die Gelegenheit zur Stellungnahme. Der vorliegende Gesetzentwurf bleibt jedoch hinter den Erwartungen an ein modernes Abstammungsrecht zurück. Was fehlt – und was jetzt nötig ist.
Worum geht es?
Das Bundesverfassungsgericht hat im April 2024 geurteilt: Die Rechte leiblicher Väter müssen im Verfahren zur Vaterschaftsanfechtung stärker berücksichtigt werden. Der aktuelle Referentenentwurf des Bundesministeriums der Justiz trägt diesem Urteil nun Rechnung. Er will leiblichen Vätern unter bestimmten Voraussetzungen den Zugang zur rechtlichen Elternstellung ermöglichen – auch gegen den bisherigen rechtlichen Vater.
Vaterschaft zwischen Biologie, Beziehung und Recht
Die geplante Reform berührt zentrale Fragen: Wer gilt als Vater? Wer darf Verantwortung übernehmen? Und wessen Rechte wiegen schwerer – die des rechtlichen Vaters, des leiblichen Vaters, der Mutter oder des Kindes? Das Bundesforum Männer begrüßt, dass der Entwurf versucht, zwischen genetischer und sozial-familiärer Vaterschaft eine neue Balance zu schaffen. Doch viele Details bleiben problematisch – vor allem aus Sicht des Kindes.
Kritikpunkte
Fokus auf Biologie vs. Caring Masculinity Der Entwurf stärkt zwar die Position des leiblichen Vaters, verliert dabei aber die Bedeutung kontinuierlicher Fürsorge aus dem Blick. Die tatsächliche Übernahme von Verantwortung – aktive Vaterschaft und „Caring Masculinity“ – muss stärker gewichtet werden.
Altersgrenzen zur Vater-Kind-Bindung fragwürdig Im Entwurf ist vorgesehen, dass eine Anfechtung durch den leiblichen Vater stets Erfolg haben soll, wenn sie vor Vollendung des sechsten Lebensmonats des Kindes erfolgt, da in diesem Zeitraum eine sozial-familiäre Beziehung zum rechtlichen Vater noch nicht entstanden sein könne. Bindungen entstehen früh – und können auch bei Säuglingen vielfältig sein. Eine differenziertere Einzelfallregelung wäre kindesgerechter.
Zu wenig Schutz des Kindes bei „zweiter Chance“ Eine spätere Anfechtung – etwa nach Wegfall der Beziehung zum rechtlichen Vater – soll möglich sein. Doch eine Kindeswohlprüfung ist dabei nicht immer vorgesehen. Das birgt unnötige Risiken für das Kind.
Persönliche Anhörung des Kindes – aber wie? Kinder sollen künftig angehört werden – das ist richtig. Doch es braucht klare Regeln, wie das altersgerecht, sensibel und ohne Loyalitätskonflikte geschieht.
Familienvielfalt ignoriert Queere Familienmodelle, etwa mit zwei Vätern und nicht-binäre Elternteile bleiben im Entwurf außen vor. Das ist weder zeitgemäß noch verfassungskonform.
Eine Übersicht aller Kritikpunkte und Kernforderungen finden Sie in der vollständigen Stellungnahme, die am Seitenende zum Download bereitsteht.
Was jetzt zu tun ist
Das Bundesforum Männer fordert u.a.:
Eine gleichstellungsorientierte Gesetzesfolgenabschätzung
Die rechtliche Anerkennung fürsorglicher, sozialer Vaterschaft
Kindgerechte Fristenregelungen auf Basis aktueller Entwicklungspsychologie
Schutz queerer und nicht-binärer Familienkonstellationen
Eine klare Option für Mehrelternschaft
Klare und kindeswohlorientierte Verfahren bei Anfechtung und Anerkennung
Download
Vollständige Stellungnahme der Geschäftsstelle des Bundesforum Männer
Nicht zurück zur alten Wehrpflicht
Medienberichten zufolge fordert der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Thomas Röwekamp (CDU), die zügige Wiederherstellung des alten Wehrdienstgesetzes – und damit faktisch die einseitige Reaktivierung der Wehrpflicht nur für Männer. Aus Sicht des Bundesforums Männer ist ein solches Vorhaben gleichstellungspolitisch wie gesellschaftlich problematisch.
BFM gegen geschlechtsbasierte Dienstpflicht
Am 22. Juli 2025 hatte die Bundesregierung in ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Fraktion DIE LINKE zum geplanten neuen Wehrdienstgesetz klargestellt, dass eine Änderung des Artikels 12a des Grundgesetzes – und damit eine verfassungsrechtliche Öffnung der Wehrpflicht für Frauen – „derzeit nicht geplant“ sei. Das bedeutet im Klartext, wenn die Wehrpflicht kommt, dann ausschließlich für Männer.
Vor einem Jahr (5. Juni 2024) hatte Bundesverteidigungsminister Pistorius im Bundestag gesagt: „Im Ernstfall brauchen wir wehrhafte junge Frauen und Männer, die dieses Land verteidigen können. Wir müssen durchhaltefähig und aufwuchsfähig sein. Ich bin überzeugt: Wir brauchen eine neue Form des Wehrdienstes.“
Eine schnelle Rückkehr zur alten Wehrpflicht, wie von Röwekamp gefordert, wäre jedenfalls keine neue Form des Wehrdienstes, sondern würde die männliche Dominanz in der Bundeswehr – mit aktuell knapp 87 Prozent Männern als Soldaten – zementieren, tradierte Geschlechterrollen verfestigen und unzeitgemäße einseitige Männlichkeitsbilder reproduzieren. Eine Wehrpflicht nur für Männer nährt die überkommene Vorstellung, in der Männlichkeit als wehrhaft, hart und kampfbereit gilt – ein rückwärtsgewandtes Narrativ, das gesellschaftlich längst überwunden sein sollte.
Die Idee, dass alle jungen Männer künftig auf ihre Wehrfähigkeit, körperliche Härte und Tauglichkeit zum Dienst an der Waffe hin überprüft und im Zweifel sogar zwangsverpflichtet werden sollen, widerspricht den Prinzipien einer demokratischen und geschlechtergerechten Gesellschaft, die auf Vielfalt, Gleichberechtigung und individuelle Selbstbestimmung gründet.
Nicht zurück in alte Rollen
Das Bundesforum Männer spricht sich deshalb klar gegen eine geschlechtsbasierte Dienstpflicht aus. Dass über die Hälfte der 18- bis 34jährigen die Wiedereinführung einer Wehrpflicht ablehnt unterstreicht, dass eine offene, zukunftsorientierte Debatte über Formen eines allgemeinen gesellschaftlichen Engagements nötig ist, die alle Geschlechter einbezieht, zivilgesellschaftliches Engagement anerkennt und sich an Prinzipien von Gleichstellung, Teilhabe und demokratischer Verantwortung orientiert.
Wichtig ist, dass diese Debatte gemeinsam mit jungen Menschen geführt wird und nicht über ihre Köpfe hinweg. Bereits im Juni 2025 haben wir uns für eine geschlechtergerechte(re) Neuausrichtung von Wehr- und Gesellschaftsdiensten ausgesprochen. Angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen bekräftigen wir diese Position mit Nachdruck.
Gleichstellung ist #unverhandelbar – Bundesforum Männer tritt Bündnis bei
Das Bundesforum Männer ist dem Bündnis „Gleichstellung – #unverhandelbar“ beigetreten. Gemeinsam mit zahlreichen Organisationen stellen wir uns damit gegen eine drohende Aushöhlung der Gleichstellungsarbeit auf kommunaler Ebene.
Gleichstellung ist nicht verhandelbar – wir stehen an der Seite der Gleichstellungsbeauftragten
In mehreren Bundesländern, darunter Sachsen, gibt es politische Bestrebungen, die gesetzlich verankerte Gleichstellungsarbeit zu schwächen. Ein zentraler Angriffspunkt: Gleichstellung soll von einer Pflicht- zu einer freiwilligen Aufgabe auf kommunaler Ebene erklärt werden. Dies hätte zur Folge, dass Gleichstellungsbeauftragte abgebaut oder abgeschafft werden könnten – mit gravierenden Konsequenzen für Chancengleichheit, gesellschaftliche Teilhabe und Demokratie.
Das Bündnis „Gleichstellung – #unverhandelbar“ setzt ein klares Zeichen gegen diesen Kurs. Es wurde von der LAG der Kommunalen Gleichstellungsbeauftragten Sachsen initiiert und vereint zivilgesellschaftliche Organisationen, Fachverbände und engagierte Einzelpersonen, die sich für den Erhalt und Ausbau kommunaler Gleichstellungsarbeit einsetzen.
Das Bundesforum Männer – Interessenverband für Jungen, Männer und Väter unterstützt dieses Anliegen ausdrücklich und ist dem Bündnis beigetreten. Denn Gleichstellungspolitik betrifft alle – auch Jungen, Männer und Väter. Eine wirksame Gleichstellungspolitik braucht starke und unabhängige Gleichstellungsstellen – auch und gerade auf kommunaler Ebene.
Auch Männern ist Gleichstellung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe ein wichtiges Anliegen. Gerade die kommunale Ebene ist relevant, um Menschen tatsächlich vor Diskriminierung durch zugeschriebene Geschlechterrollen zu schützen. Wer Gleichstellung und ihre Strukturen infrage stellt, gefährdet unsere Demokratie. Unser Beitritt zum Bündnis #unverhandelbar ist ein klares Bekenntnis für Gleichstellung und für gesellschaftlichen Zusammenhalt auch und gerade vor Ort.
Thomas Altgeld, BFM Vorstandsvorsitzender
Wir erklären uns solidarisch mit den Kolleg:innen in Sachsen – und mit allen, die sich bundesweit tagtäglich für Gleichstellung stark machen.
Wehrpflicht-Debatte: Gleichstellung ernst nehmen – Jungen und junge Männer nicht alleinlassen
Die Debatte über eine mögliche Wiedereinführung der Wehrpflicht hat in Deutschland an Fahrt aufgenommen – verstärkt durch sicherheitspolitische Herausforderungen in Europa und entsprechende Vorschläge aus der Politik. Für das Bundesforum Männer ist klar: Eine Rückkehr zur alten Logik – Wehrpflicht nur für Männer – ist nicht akzeptabel.
Wenn Wehrpflicht, dann geschlechtergerecht, demokratisch und zukunftsfähig
Wenn Wehrpflicht oder ein verpflichtender Gesellschaftsdienst in Betracht gezogen werden müssen, dann nur geschlechtergerecht – für alle Bürger:innen, die in das entsprechende Alters- und Einsatzraster fallen. Im Fokus steht aktuell jedoch nur die junge Generation – und dabei insbesondere Jungen und junge Männer.
Ein Blick auf die skandinavischen Nachbarn zeigt, dass Gleichberechtigung auch in Fragen von Sicherheit und Verteidigung möglich ist: In Norwegen (seit 2015), Schweden (seit 2017) und ab Juli 2025 auch in Dänemark gilt eine allgemeine Wehrpflicht für Männer und Frauen. Diese Länder machen vor, dass Vielfalt und Gleichstellung nicht nur Werte sind, die es zu verteidigen gilt, sondern die auch für funktionierende und glaubwürdig demokratische Streitkräfte relevant sind.
Junge Männer stärken – nicht zurück in alte Rollen
Gerade für viele junge Männer bringt die Wehrpflichtdebatte Unsicherheit, Ängste und ein Gefühl von Überforderung mit sich. Sie spüren den Erwartungsdruck, „Verantwortung zu übernehmen“, ohne dass es gleichzeitig Räume für kritische Reflexion gibt. Jungen und junge Männer dürfen mit ihren Sorgen nicht allein gelassen werden – weder mit Ängsten vor einem möglichen Dienst, noch mit überkommenen Vorstellungen von Stärke, Pflicht oder Männlichkeit.
Ein verpflichtender Dienst – ob militärisch oder zivil – darf nicht zur Reproduktion traditioneller Rollenbilder beitragen, sondern muss eingebettet sein in eine Bildungs- und Aufklärungsarbeit, die reflektiert, ermutigt und neue Männlichkeitsbilder fördert. Solche Bilder betonen demokratische Verantwortung, Solidarität und die Fähigkeit, auch in Ausnahmesituationen als reflektierte Bürger zu handeln.
Gesellschaftliche Verantwortung braucht politische Unterstützung
Schulen und andere zivilgesellschaftliche Akteure, nicht zuletzt die Jungenarbeit, spielen eine zentrale Rolle, um insbesondere junge Männer in dieser Debatte zu begleiten. Doch dafür brauchen sie politische Rückendeckung – durch Ressourcen, Qualifizierung und Raum für die Auseinandersetzung.
Für eine Kultur der freiwilligen Beteiligung
Die Debatte um Wehrpflicht ist auch eine Debatte über das Selbstverständnis unseres Gemeinwesens und von Demokratie. Statt auf Zwang zu setzen, plädieren wir für eine offene Diskussion über freiwillige Gesellschaftsdienste, die vielfältig sind – sozial, ökologisch, kulturell oder im Bereich des Zivil- und Katastrophenschutzes – und allen Geschlechtern offenstehen.
Das Bundesforum Männer steht für eine gleichstellungsorientierte Gesellschafts- und damit auch Sicherheitspolitik. Wir setzen uns dafür ein, dass Jungen und Männer als Teil einer pluralen Demokratie Verantwortung für unsere Gesellschaft übernehmen (können) – ganz im Sinn nachhaltiger Männlichkeit.
Vatertag 2025: Ein Tag für Väter – und für mehr Gleichstellung
Am 29. Mai 2025 ist Vatertag. Ein Tag, der Anlass gibt, über Rollenbilder, Erwartungen und Rahmenbedingungen für aktive Vaterschaft nachzudenken. Aus Sicht des Bundesforum Männer ist der Vatertag eine Gelegenheit, den Blick auf moderne und aktive Vaterschaft zu lenken: auf Väter, die sich kümmern. Die begleiten. Die da sind. Die Verantwortung übernehmen. Für ihr soziales Umfeld und für die Haus- und Sorgearbeit, die in einer Familie anfällt.
Moderne Väter wollen präsent sein – im Alltag ihrer Kinder und in der Gestaltung des Familienlebens. Doch wollen allein reicht nicht. Sie müssen es auch tun. Dafür braucht es auch geeignete Rahmenbedingungen. Hier ist die Politik gefordert, ermöglichende Strukturen zu schaffen und weiterzuentwickeln. Ein zentrales Instrument hierfür ist das Elterngeld.
Dr. Dag Schölper, Geschäftsführer BFM
Das Elterngeld: Ein zentraler Baustein aktiver Vaterschaft
Seit seiner Einführung im Jahr 2007 hat sich das Elterngeld zu einer der bedeutendsten familienpolitischen Leistungen entwickelt. Anders als das frühere Erziehungsgeld ist es als Lohnersatzleistung konzipiert: Eltern erhalten in der Regel 65 % des wegfallenden Nettoeinkommens, bei Geringverdienenden bis zu 100 %. Der Mindestbetrag liegt bei 300 € und der Höchstbetrag bei 1.800 € monatlich.
Vorteile für Väter und Familien:
Ermöglicht einen Einkommensausgleich bei einer familienbedingten Auszeit aus dem Beruf oder bei einer Reduktion der Arbeitszeit.
Fördert mit den zusätzlichen Partnermonaten die partnerschaftliche Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit.
Macht väterliche Sorgearbeit sichtbarer – auch in der Arbeitswelt.
Schafft Anreize für Väter, sich von Anfang an in die Kindererziehung und -betreuung einzubringen und früh eine eigene Vater-Kind-Beziehung aufzubauen.
Über 46 % aller Väter nehmen mittlerweile Elterngeld. Noch immer beziehen Väter mehrheitlich aber nur zwei Monate. Damit bleibt das Potenzial zur Förderung gleichberechtigter Elternschaft weitgehend ungenutzt.
Mehr Infos zum Elterngeld
Basiselterngeld: bis zu 14 Monate, wenn sich beide Eltern beteiligen (12+2-Modell). ElterngeldPlus: doppelt so lange, halber Betrag – ideal für Teilzeit. Partnerschaftsbonus: 4 zusätzliche Monate, wenn beide Eltern parallel 25–32 Stunden in Teilzeit arbeiten. Bezugsberechtigt: Eltern, die ihr Kind selbst betreuen und maximal 32 Stunden/Woche arbeiten. Mehr Infos & Rechner:www.familienportal.de
Elterngeld-Reform durch Schwarz-Rote-Bundesregierung?
In ihrem Koalitionsvertrag haben CDU, CSU und SPD für diese Legislatur eine Reform des Elterngeldes angekündigt – und dabei auch gleichstellungspolitische Zielsetzungen im Blick. Konkret sollen Anreize für mehr Partnerschaftlichkeit gesetzt werden, insbesondere für mehr Väterbeteiligung in alleiniger Verantwortung. Als geeignete Maßnahmen werden benannt:
Erhöhung der Lohnersatzrate auf mehr als 65 % – ob insgesamt oder nur für einen Teil der Elterngeldmonate, das bleibt erst mal offen.
Anzahl und Aufteilung der Bezugsmonate soll geändert werden. Statt des bisherigen12+2-Modells wäre bspw. 8+3+3 oder 6+4+4 denkbar. Oder eben auch mehr als insg. 14 Monate.
Die Einkommensgrenze und der Mindest- und Höchstbetrag sollen spürbar angehoben werden. Genaue Zahlen werden nicht genannt, aber verschiedene Berechnungen zeigen, dass inflationsbereinigt die Untergrenze mindestens bei 400 Euro liegen und die Obergrenze auf ca. 2.400 Euro angehoben werden müsste
Eine lange überfällige Flexibilisierung der Berechnungsgrundlage bei Selbständigen soll eingeführt werden.
Als Bundesforum Männer halten wir diese geplanten Maßnahmen für dringend geboten, um das Elterngeld weiterzuentwickeln. Über die Reform des Elterngeldes hinaus bräuchte es allerdings noch weitere Maßnahmen, um Väter zu aktivieren und zu gewinnen, um Sorgearbeit gerechter zwischen den Geschlechtern zu verteilen und insgesamt dazu beizutragen, dass „Caring Masculinities“ zum selbstverständlichen Leitbild nachhaltiger Männlichkeit wird. Eine bezahlte Vaterschaftsfreistellung nach Geburt, wie in der letzten Legislatur als Familienstartzeit geplant, wäre eine solche Maßnahme. Die neue Bundesregierung konnte sich darauf in ihrem Koalitionsvertrag allerdings nicht verständigen. Zudem gilt, dass alle Vorhaben des Koalitionsvertrags unter Finanzierungsvorbehalt stehen.
Elterngeld in der Diskussion: Warum es bleiben muss
In den letzten Monaten gab es auch Stimmen in der öffentlichen Debatte, die eine Einschränkung oder gar Abschaffung des Elterngeldes ins Spiel gebracht haben. Angesichts angespannter Haushaltslage auf Bundesebene wurden das Elterngeld in seiner heutigen Form infrage stellen. Aus Sicht des Bundesforum Männer wäre eine solche Sparmaßnahme familien-, gleichstellungs- und gesellschaftspolitisch ein fatales Signal. Nicht zuletzt, weil Evaluierungen gezeigt haben: das Elterngeld wirkt! Das Elterngeld ist nicht nur eine finanzielle Unterstützung – es ist eine strukturverändernde Maßnahme, die Eltern eine finanziell abgesicherte Zeit für Sorgearbeit im ersten Lebensjahr des Kindes ermöglicht, die die Erwerbstätigkeitsquote von Müttern gesteigert, die die Väterbeteiligung an der Sorgearbeit erhöht und dies kulturell in Betrieben und insgesamt in der Gesellschaft sichtbarer gemacht hat.
Warum das Elterngeld unverzichtbar ist:
Es schafft zeitliche und finanzielle Freiräume für Väter, sich aktiv um ihre Kinder zu kümmern.
Es fördert partnerschaftliche Aufgabenteilung von Anfang an – eine Voraussetzung für echte Gleichstellung von Müttern und Vätern.
Es stabilisiert Familien in der sensiblen Phase nach der Geburt – weil es einen Rahmen schafft, gut und abgesichert in der neuen Lebensphase Familie anzukommen.
Es sendet ein wichtiges Signal: Sorgearbeit ist wertvoll und notwendig – dies wird gesellschaftlich, politisch und auch ökonomisch anerkannt.
Es wirkt auch langfristig, weil eine frühe Vater-Kind-Beziehung gestärkt wird und viele Väter, die Elterngeld genommen haben, auch danach mehr Verantwortung für Sorgearbeit übernehmen.
Gerade in einer Zeit, in der Familien vielfältiger und ökonomische Unsicherheiten größer werden, und in der Gleichstellung weiterhin nicht erreicht ist, braucht es nicht weniger, sondern mehr Investitionen in Infrastruktur und Rahmenbedingungen des Sorgens. Und Anreize dafür, Sorgearbeit zwischen den Geschlechtern gerechter zu verteilen. Denn Sorgearbeit ist gesellschaftlich notwendige Arbeit. Und ohne, dass dafür jemand Sorge trägt und diese übernimmt, wären Erwerbsarbeit und wirtschaftliche Tätigkeit in der Form, wie sie für uns heute selbstverständlich ist, nicht möglich.
Fazit: Ein Vatertag für die Zukunft
Der Vatertag 2025 ist mehr als ein symbolischer Anlass – er ist ein Aufruf zur Veränderung und Weiterentwicklung. Damit mehr Väter Verantwortung übernehmen, braucht es Rahmenbedingungen, die nicht nur das Wollen ermöglichen, sondern auch das Können. Das Elterngeld bleibt hierbei ein zentrales Instrument – wenn es mutig weiterentwickelt und eine Elterngeldreform in dieser Legislatur tatsächlich umgesetzt wird.
Vielfalt verteidigen – Haltung zeigen am Diversity Tag 2025
Während reaktionäre Stimmen in Politik und Wirtschaft an Einfluss gewinnen, geraten Fortschritte in Sachen Vielfalt und Gleichstellung zunehmend unter Druck. Von Politik und Unternehmen fordern wir, sich weiterhin für Diversitäts-Programme und -Initiativen nachhaltig starkzumachen. Sonst wären die DEI-Kampagnen (Diversity, Equity, Inclusion) der letzten Jahre nicht mehr als das gewesen, was Kritiker:innen schon immer monierten: bloße Symbolpolitik.
Bedroht vom weltweiten Backlash: Diversität muss mehr als Image-Pflege sein
Während in den letzten Jahren immer mehr Firmen und Regierungen dazu übergegangen sind, Diversity-Programme einzuführen, können wir aktuell in vielen Ländern der westlichen Welt eine Kehrtwende beobachten. US-Präsident Donald Trump führt im Militär ein Berufsverbot für Trans*personen ein, Meta-CEO Mark Zuckerberg fordert mehr „maskuline Energie“ in Unternehmen sowie Gesellschaft und der deutsche Software-Riese SAP streicht seine Ziele zur Geschlechtervielfalt.
Als Bundesforum Männer beobachten wir diese Entwicklungen mit großer Sorge. Denn auch in Deutschland gibt es laute Stimmen, die einer diversitätsoffenen Arbeitswelt und Gesellschaft unverholen eine Absage erteilen und die Zeit zurückdrehen wollen. Traditionelle Männlichkeitsbilder und die Diskriminierung von Minderheiten scheinen wieder salonfähig und Teil des (politischen) Mainstreams zu werden. Das dürfen wir nicht zulassen.
Bundesforum Männer Geschäftsführer Dr. Dag Schölper kommentiert: „Diversität darf nicht nur ein Lippenbekenntnis von Politik und Unternehmen sein. Vielfaltsoffenheit und Diskriminierungsfreiheit müssen handlungsleitend werden, sein und bleiben. Gerade jetzt.“
Warum alle Männer von Vielfalt profitieren
Vielfalt verstehen wir auch als Teil des Leitbilds einer „Caring Masculinity”, also einer (selbst-)fürsorglichen, empathischen und nachhaltigen Männlichkeit. Maskulinistische und diversitätsfeindliche Idealen schränken den Handlungs- und Entwicklungsraum von Jungen, Männer und Väter stark ein. Der Männerpsychologe Markus Theunert brachte es im September 2024 in einem Interview mit dem Magazin Brigitte auf den Punkt: „Männer, die sich an traditionellen Männlichkeitsnormen orientieren, sterben früher, einsamer und bitterer.”
Das Bundesforum Männer setzt sich für Vielfalt ein
Als gleichstellungsorientierter Verband stehen wir seit unserer Gründung an der Seite derer, die sich tagtäglich für Diversität einsetzen, unter patriarchalen sowie diskriminierenden Strukturen leiden und deren hart erkämpfte Rechte bedroht sind. Mit der letztjährigen Unterzeichnung der Charta der Vielfalt wollten wir nicht nur ein Zeichen nach Außen senden, sondern verstehen dies weiterhin als konkreten Handlungsauftrag an das BFM, Vielfalt in unserem Verband noch stärker in den Blick zu nehmen. Auch als Co-Träger der Initiative Männer gegen Rechts fordern wir Männer aktiv dazu auf, sich für eine offene, vielfältige und freie Gesellschaft einzusetzen.
Was jetzt passieren muss – Unsere Forderungen an Politik und Wirtschaft
Als Bundesforum Männer leisten wir unseren Beitrag für ein modernes, vielfältiges Männlichkeitsbild. Wir fordern Unternehmen dazu auf, an DEI-Programmen (Diversity, Equity, Inclusion) festzuhalten oder diese gar erst einzuführen. Davon profitieren auch die Unternehmen. Firmen mit einer hohen Geschlechtervielfalt in Führungsteams haben beispielsweise eine 25 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, überdurchschnittlich profitabel zu sein, so die Ergebnisse einer 2020 veröffentlichten Studie der Wirtschaftsberatung McKinsey. Eine Analyse der Boston Consulting Group stellte fest, dass Unternehmen mit einer überdurchschnittlichen Diversität im Management 45 Prozent ihres Umsatzes aus Innovationen zogen – bei Firmen mit unterdurchschnittlich diversem Management waren es nur 26 Prozent.
Für die Regierung ergibt sich aus unserer Sicht der klare Auftrag, bestehende Gleichstellungsgesetze und Diversitätsprogramme zu stärken und zu schützen. Auch um diese resilienter gegen zersetzende Angriffe zu machen. Nur eine Politik, die auch marginalisierte und zunehmend unter Druck stehende Gruppen sieht und einbezieht, kann den Anspruch erheben, Politik für ganz Deutschland zu machen. Gerade in Zeiten, in denen andernorts Gleichstellung und Vielfalt in Frage gestellt werden, sollte Deutschland – gemeinsam mit anderen europäischen Demokratien – selbstbewusst für die Vorteile einer offenen und pluralen Gesellschaft einstehen.
Pflegegeld als Lohnersatz – ein Fortschritt für Gleichstellung und fürsorgliche Männlichkeit
Mit ihrem Vorstoß zur Einführung eines Pflegegelds als Lohnersatzleistung für pflegende Angehörige hat Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) eine wichtige und überfällige Debatte aufgegriffen. Wie die ZEIT am 20. Mai 2025 berichtet, wird die Initiative von Sozialverbänden begrüßt. Auch aus Sicht des Bundesforum Männer wäre eine solche Leistung erfreulich, nicht zuletzt aus gleichstellungspolitischer Perspektive.
Wer pflegt, darf nicht verlieren – auch nicht finanziell
Pflege ist eine zentrale gesellschaftliche Herausforderung. 5,7 Millionen Menschen gelten in Deutschland als pflegebedürftig – Tendenz steigend. Über 80 % der pflegebedürftigen Menschen werden zu Hause versorgt, meist von Angehörigen. Diese leisten Tag für Tag wertvolle und unsichtbare Arbeit – oft unter enormer zeitlicher, psychischer und wirtschaftlicher Belastung.
Ein Familienpflegegeld, wie es der unabhängige Beirat für die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf vorschlägt und das analog zum Elterngeld als Lohnersatzleistung ausgestaltet ist, wäre ein wichtiger Schritt, um die Pflege von Angehörigen und anderen nahestehenden Menschen zu erleichtern. Die Pflege von alten und kranken Menschen ist systemrelevant. Wer hier Verantwortung übernimmt, darf nicht in ein Armutsrisiko abrutschen.
Auch Männer profitieren
Für das Bundesforum Männer ist dabei zentral: Auch und gerade Männer würden von einer solchen Reform profitieren. Denn mit einem solchen Pflegegeld wird es für berufstätige Männer – die sich zunehmend als pflegende Angehörige engagieren wollen und müssen – strukturell leichter, Pflegeaufgaben zu übernehmen. Damit würde die Angehörigenpflege ohne Gefährdung der wirtschaftlichen Existenz erleichtert und für die Wirtschaft bleiben die dringend nötigen Arbeitskräfte erhalten.
Ein Lohnersatzmodell erhöht die Zugänglichkeit zur Sorgearbeit für Männer in mehrfacher Hinsicht:
Es reduziert finanzielle Barrieren, insbesondere für Männer in prekären oder mittleren Einkommensverhältnissen.
Es signalisiert gesellschaftliche Anerkennung für Care-Arbeit – auch für Männer.
Es unterstützt das Leitbild der „Caring Masculinity“ – einer fürsorglichen, zugewandten und verantwortungsvollen Männlichkeit, für die sich das Bundesforum Männer seit vielen Jahren stark macht.
Caring Masculinity – was meint das?
Der Begriff Caring Masculinity beschreibt eine Form von Männlichkeit, die sich nicht über Dominanz, Abgrenzung oder Leistung, sondern über Fürsorge, Beziehung und Verantwortung definiert. Männer, die pflegen, erziehen, begleiten – das ist kein gesellschaftlicher Randbereich, sondern ein zentrales Zukunftsbild gelingender Geschlechterpolitik.
BFM im Bündnis Sorgearbeit fair teilen
Das zivilgesellschaftliche Bündnis Sorgearbeit fair teilen setzt sich für die geschlechtergerechte Verteilung unbezahlter Sorgearbeit im Lebensverlauf ein. Seine 32 Mitgliedsverbände haben sich zum Ziel gesetzt, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft für den Gender Care Gap und seine Auswirkungen zu sensibilisieren und sich für die Schließung der Sorgelücke einzusetzen. Das Bundesforum Männer engagiert sich seit 2020 im Bündnis.
Unsere Position: Sorgearbeit gerecht machen – für alle Geschlechter
Ein Lohnersatz-Pflegegeld ist mehr als eine Sozialleistung. Es ist ein Baustein für eine geschlechtergerechte Sorgeinfrastruktur, in der auch Männer Care-Verantwortung übernehmen können – ohne gesellschaftliche, kulturelle oder ökonomische Hürden.
Das Bundesforum Männer begrüßt den Vorschlag von Ministerin Prien ausdrücklich und fordert die Bundesregierung auf, diesen Impuls aufzugreifen und in den angekündigten Strukturreformen des Pflege- und Gesundheitsbereichs entschlossen umzusetzen.
Unser erster Eindruck: Koalitionsvertrag aus Sicht gleichstellungsorientierter Männerpolitik enttäuschend!
Damit die Gleichstellung der Geschlechter gelingt und nachhaltig vorangebracht wird, sind auch Jungen, Männer und Väter systematisch mit einzubeziehen. Als Unterstützer und Verbündete, als eigenständige Agenten des Wandels und in ihrer Vielfalt mit je eigenen Interessen und Bedarfen.
Gleichstellung braucht alle – auch Männer
Der nun vorliegende Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD lässt diese Perspektive leider vermissen. Zwar wird in der Präambel als Ziel ausgegeben: „Die tatsächliche Gleichstellung von Frauen und Männern in Wirtschaft, Staat und Gesellschaft und deren Durchsetzung ist zentrales Anliegen unserer gesamten Regierungsarbeit.“ Gleichstellungsorientierte Männerpolitik als wichtiger Bestandteil auf dem Weg dahin wird aber mit keinem Wort erwähnt. Dies zeigt sich auch beim Blick in zentrale Themenfelder und Vorhaben.
Gewaltschutz braucht umfassende Perspektiven
Beim Thema Gewaltschutz ist es richtig und notwendig, dass auch stärker auf Prävention geschaut wird. Zugleich dürfen neben Frauen auch Männer und weitere Geschlechter als Betroffenengruppen nicht aus dem Blick geraten. Täterarbeit ist ein wichtiger Bestandteil von Gewaltprävention, aber diese muss sehr viel mehr auch Angebote der Primär- und Sekundärprävention einbeziehen.
Jungen- und Männerarbeit als Baustein für Extremismusprävention und Demokratieförderung
Dazu wäre es zentral, geschlechterreflektierte Ansätze in Bildung, Beratung und psychosozialer Arbeit mit Jungen und Männern verstärkt auf- und auszubauen. Nicht nur zur Gewaltprävention und Förderung von Gleichstellung, sondern auch, um Antifeminismus und Extremismus zu begegnen und Demokratie zu stärken.
Gesundheitsförderung für Männer mitdenken
Richtig ist das Vorhaben im Gesundheitsbereich, Vorsorge, Behandlung und Forschung geschlechts- und diversitätssensibel auszugestalten. Dabei müssen Jungen und Männer dann aber auch in ihrer Vielfalt explizit angesprochen und einbezogen werden. Gerade mit Blick auf Suchtprävention und mentale Gesundheit wäre dies wichtig. Denn sowohl in den Statistiken zu Alkohol- und Drogenmissbrauch als auch zu Suiziden sind Männer überrepräsentiert und nehmen zugleich Angebote der psychosozialen Beratung und Psychotherapie seltener wahr als Frauen.
Aktive Vaterschaft braucht klare politische Signale
Die Förderung aktiver Vaterschaft und einer gerechteren Verteilung von Sorge- und Erwerbsarbeit ist im Koalitionsvertrag immerhin mit konkreten Maßnahmen hinterlegt. Das ist aus unserer Sicht zentral, weil der Anfang hier den Unterschied macht! Das Elterngeld soll in wichtigen Punkten reformiert und Partnerschaftlichkeit und mehr Väterbeteiligung in alleiniger Verantwortung gestärkt werden. Hier wird abzuwarten sein, wie genau dies umgesetzt werden soll. Bedauerlich ist, dass eine bezahlte Vaterschaftsfreistellung nach Geburt nicht mehr vorgesehen ist, so wie dies in der letzten Legislatur noch mit der Familienstartzeit geplant war.
Finanzierung offen – Umsetzung fraglich
Grundsätzlich gilt: Alle vorgesehenen Vorhaben und Maßnahmen stehen bis auf weiteres erst mal unter Finanzierungsvorbehalt. Eine Ankündigungspolitik ohne substantielle Umsetzung hatten wir im Bereich der Gleichstellungspolitik allerdings schon in der letzten Legislatur. So kommt die Gleichstellung der Geschlechter nicht voran!
Boys’Day als Türöffner: Jungen für SAGE-Berufe und neue Männlichkeitsbilder gewinnen
Am 3. April 2025 bietet der Jungen-Zukunftstag „Boys’Day“ Jungen die Möglichkeit, Berufe in sozialen, erzieherischen und pflegerischen Bereichen kennenzulernen – fernab von Geschlechterklischees. Der Aktionstag trägt dazu bei, Berufswahlmuster zu hinterfragen, vielfältige Teams zu fördern und langfristig Fachkräftelücken in diesen Bereichen zu verringern.
Die Berufswahl ist immer noch geschlechterstereotypisch verteilt
Traditionelle Geschlechterbilder prägen Vorstellungen junger Menschen maßgeblich bei ihrer eigenen Berufs- und Lebensplanung. Dies verdeutlichen nicht zuletzt die am häufigsten gewählten Ausbildungsberufe im Jahr 2024: Bei den Frauen waren die beliebtesten Ausbildungsberufe Kauffrau für Büromanagement, Zahnmedizinische Fachangestellte, Medizinische Fachangestellte und Verkäuferin. Bei Männern waren die Top vier Kraftfahrzeugmechatroniker, Fachinformatiker, Elektroniker und Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik (Bundesinstitut für Berufsbildung 2025).
Wagt man den umgekehrten Blick und betrachtet dezidiert den Anteil von Männern und Frauen in Berufen, die traditionell mit dem jeweils anderen Geschlecht in Verbindung gebracht werden, eröffnet sich ein ebenso ernüchterndes Bild. Der Frauenanteil in den sogenannten MINT-Ausbildungsberufen liegt über die letzten 15 Jahre nahezu unverändert bei um die 10 Prozent. Bei den Absolvent:innen des Studienfachs Lehramt im Primarbereich (Grundschulen) wiederum lag der Männeranteil im Jahr 2023 lediglich bei 13,8 Prozent (Statistisches Bundesamt 2025). Männer sind somit in „klassischen Frauenberufen“ weiter unterrepräsentiert – könnten aber gerade hier zum gesellschaftlichen Wandel sowohl dieser Berufsfelder als auch von Männlichkeitsbildern selbst beitragen.
Auf welchen Beruf die Wahl schließlich fällt, dazu werden oft bereits in Kindheit und Jugend wichtige Spuren gelegt. Orientiert ist diese Wahl wesentlich auch an geschlechterstereotypen Verhaltenserwartungen und Anforderungen. Hier setzt der Boys’Day an, der Jungen ermutigt „Erfahrungen in Berufen und Studienfächern, in denen der Männeranteil bislang unter 40 Prozent liegt“ (Boys’Day 2025) zu machen, insbesondere in den Bereichen Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege sowie Erziehung und Bildung (sogenannte SAGE-Berufe). Ein höherer Anteil von Männern in diesen Berufen kann dazu beitragen, die Fachkräftelücke dort zu verringern. Zugleich könnten damit Teams und Kollegien vielfältiger aufgestellt, das Leitbild von caring masculinities kann gestärkt und Männern insgesamt der Zugang zu emotionalen, fürsorglichen Kompetenzen in privater, wie in beruflicher Arbeit erleichtert werden.
Gleichzeitigkeit von traditionellen und modernen Geschlechterbildern
Aber nicht nur durch die Teilnahme am Boys’Day und die dabei gemachten Erfahrungen entstehen neue Perspektiven. Mit Blick auf Geschlechterbilder und Rollenverständnisse sind auch positive langfristige Tendenzen unter Jugendlichen zu beobachten, wie Ergebnisse einer aktuellen Sinus-Jugendstudie (bpb 2024) zeigen.
So wissen Mädchen wie Jungen um geschlechterstereotype Bilder und Zuweisungen; diese werden „von den meisten Befragten als antiquiert und unsinnig bewertet“ (bpb 2024: 222). Einige dieser Zuschreibungen beziehen sich auch auf Ungleichheiten in den Sphären Erwerbsarbeit und privater Sorgearbeit. Bei der Frage nach geschlechtsspezifischen Zuschreibungen nennen die Befragten mit Blick auf Frauen unter anderem „Mutterschaft“, „Kinderbetreuung“ und „Haushalt“, während in Bezug auf Männer „leistungsorientiert“, „verdienen Geld“ und „Pragmatiker“ aufgezählt werden (ebd.). Allerdings zeigt die Sinus-Studie zugleich auch die Wirkmacht dieser Stereotype, denn auch bei Jugendlichen, die sich selbst als progressiv einstufen, sind diese weiterhin stark „im Hinterkopf verankert“ (ebd.).
Die von Jugendlichen wahrgenommenen Gruppen, die Rollenerwartungen an sie herantragen, sind vielfältig. Während einerseits oft vage die „Gesellschaft“ oder die „ältere Generation“ genannt werden, gelten andererseits auch Eltern, die Peer-Group und soziale Medien als prägende Einflüsse. Zudem unterscheidet sich der Umgang mit den Erwartungen bei Jugendlichen stark. Einige lehnen die Stereotype aktiv ab oder setzen sich bewusst mit ihrer eigenen Rolle auseinander. Andere hingegen gaben an, Stereotype zu übernehmen, sei es, weil sie diese nicht als einschränkend empfinden oder sie sich damit sogar identifizieren – allerdings ohne dabei zwingend bestimmten Rollenzuweisungen wie „Ernährer“ oder „Hausfrau“ zuzustimmen (bpb 2024: 224). Deutlich wird jedoch, dass die Vorstellung des „starken Mannes“ in einigen Jugendgruppen weiterhin tief verankert ist (ebd.). Unterschiede lassen sich hier sowohl zwischen den sozialen Milieus und Bildungsschichten als auch zwischen den Geschlechtern identifizieren. So sind es mehrheitlich Jungen mit „formal niedriger Bildung“, die „[f]estgefügte Geschlechtsidentitäten und Rollenbilder“ (ebd.: 223) unterstützen. Einher geht dies meist mit christlichen oder muslimischen Überzeugungen (ebd.).
Gerade weil Rollenerwartungen von so vielen Seiten an Kinder herangetragen werden, und damit auch Ansichten zum Thema Berufswahl, sind Aktionstage wie der Boys’Day so wichtig (kompetenzz 2024: 4). Sowohl kurz- als auch langfristig kann der Boys’Day Anstöße geben, damit Jugendliche die von außen an sie herangetragenen, traditionellen stereotypen Rollenzuschreibungen als solche identifizieren können und diese in der Praxis weiter an Bedeutung verlieren.
Der Boys’Day aktiviert vorhandenes Potenzial
Die Der Boys’Day – Jungen-Zukunftstag ist ein bundesweiter Orientierungstag zur beruflichen Orientierung und Lebensplanung für Jungen.
Der Boys’Day bietet einen Raum, um Vorbehalte gegenüber weiblich konnotierten Berufen abzubauen und Geschlechterklischees zu hinterfragen. Die zum Boys’Day 2022 durchgeführte Wirkungsstudie stimmt hoffnungsvoll: 27 Prozent der befragten Jungen konnten sich nach dem Aktionstag vorstellen, in sozialen und erzieherischen Berufen zu arbeiten – vor dem Aktionstag gaben dies nur 17 Prozent der Befragten an (kompetenzz 2022: 4). Bei Gesundheits- und Pflegeberufen stieg der Anteil von 16 auf 22 Prozent (ebd.).
Männer, die in Teilzeit arbeiten, sind immer noch eine Minderheit
Angesichts der Spannweite von traditionellen über indifferente bis hin zu progressiven Einstellungen in Bezug auf eigenes Verhalten, Berufswahl und Rollenbilder überrascht es umso mehr, wie wenig Arbeitswelt und Unternehmen auf diese Bandbreite vorbereitet sind und sich insbesondere im Hinblick auf Vaterschaft daran so wenig ausrichten.
Im Jahr 2022 arbeiteten nach wie vor 87 Prozent der aktiv erwerbstätigen Väter in Vollzeit (Statistisches Bundesamt 2023), obwohl davon eigentlich 19 Prozent ihre Arbeitszeit reduzieren wollten. Von diesen 19 Prozent gab wiederum die Hälfte an, dass sie gerne mehr Zeit für die Familie hätte (IfD Allensbach 2022: 18 u. 23). Generell lässt sich beobachten, dass Vätern eine partnerschaftliche Aufteilung in Sachen Kinderbetreuung zusehends wichtiger wird (Prognos 2024: 36). Oft sind es jedoch finanzielle Zwänge bzw. die Anforderungen an den Mann, hauptverantwortlich Familienernährer zu sein, die dem nach wie vor entgegenstehen.
Väter haben allerdings durchaus Lösungen im Blick, wie sich Vaterschaft und Erwerbsarbeit besser vereinbaren lassen: Von denjenigen Vätern, die gerne vollzeitnah in Teilzeit arbeiten wollen, geben 59 Prozent an, dass flexiblere Arbeitszeiten helfen würden, Kinderbetreuung und Beruf zu vereinbaren. 57 Prozent wünschen sich dafür kostenlose Kinderbetreuung (Statistisches Bundesamt 2023). Darüber hinaus sagen 83 Prozent der Väter mit Kindern im Vorschulalter, dass Unternehmen es genauso akzeptieren sollten, wenn sie ihre Erwerbstätigkeit zugunsten der Kinderversorgung reduzieren, wie diese es bei Müttern tun (Bundesforum Männer 2023: 18).
Die Teilzeitquote von Männern ist allerdings nach wie vor gering und lag 2023 – unabhängig davon, ob sie selbst Vater sind oder nicht – bei 13,3 Prozent; bei Frauen waren es demgegenüber rund 50 Prozent (Statistisches Bundesamt 2025). Und trotz des bereits aufgeführten Wunsches vieler Väter nach mehr Vereinbarkeit von Beruf und Familie, geben von den in Teilzeit arbeitenden Vätern nicht mal ein Drittel (29 Prozent) an, dies wegen der Kinderbetreuung zu tun (Statistisches Bundesamt 2024). Der Wunsch nach Teilzeit bei Vätern wird größer, wenn die Kinder älter sind – also nach der Kleinkindphase, wenn Mütter wieder in den Beruf einsteigen oder ihre Arbeitszeit ausweiten wollen (BMFSFJ 2023: 52).
Festgehalten werden kann: Männliche Erwerbstätigkeit ist nach wie vor geprägt von der Idee des Vollzeit-Familienernährers, der zu Lasten privater Sorgearbeit in Haushalt und Kinderbetreuung im Betrieb uneingeschränkt verfügbar ist. Karriere in Teilzeit ist weiterhin eine Ausnahme – und für Männer nochmals ungewöhnlicher als für Frauen. Das traditionelle, männliche Erwerbsarbeitsmodell setzt auf die uneingeschränkte Verfügbarkeit von Männern – und schiebt die Verantwortung für unbezahlte Sorgearbeit in Haushalt, Kindererziehung und der Betreuung pflegebedürftiger Angehöriger den Frauen zu.
Dabei leiden nicht nur viele erwerbstätige Väter (und auch Mütter) unter solchen veralteten Strukturen, auch für Unternehmen können sich familienbewusste und väterfreundliche Lösungen auszahlen. So geben in einer Studie zur Väterfreundlichkeit der Wirtschaft 450.000 Väter an, schon einmal den Beruf zugunsten besserer Vereinbarkeit von Job und Familie gewechselt zu haben. 1,7 Millionen Väter denken oder dachten aus diesem Grund bereits über einen Arbeitgeberwechsel nach (Prognos 2022: 13). Bieten Unternehmen väterfreundliche Modelle an, können sie nicht nur auf zufriedenere Mitarbeiter bauen, sondern auch die Fluktuation reduzieren und damit Kosten für Akquise, Wissensmanagement und neue Einarbeitung sparen.
Es braucht Beiträge auf verschiedenen Ebenen
Der Boys’Day ist ein wichtiger Baustein neben anderen, um Care-Berufe als mögliche Berufsfelder für Jungen aufzuzeigen und die Vereinbarkeit von privater Sorgearbeit und beruflicher Erwerbsarbeit als Thema für Jungen und Männer stärker ins Bewusstsein zu rufen. Gerade diesen zweiten Aspekt sollte der Boys’Day zukünftig noch viel deutlicher hervorheben. Unternehmen, die am Boys’Day teilnehmen, können hier positive Vorbilder sein, indem sie neben der Berufsorientierung zugleich zeigen, wie sie Vätern durch geeignete betriebliche Maßnahmen eine bessere Vereinbarkeit ermöglichen. Dies können bspw. flexible Arbeitszeitregelungen, Teilzeit oder insgesamt eine entsprechende väter- und familienbewusste Unternehmenskultur sein. Zugleich müssen von politischer Seite die nötigen Rahmenbedingungen verbessert werden. Dies umfasst den weiteren Ausbau von Kinderbetreuungsmöglichkeiten, steuerliche Anreize für eine partnerschaftliche Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit und eine Stärkung bezahlter Freistellungsoptionen für Väter. Sowohl durch eine Weiterentwicklung des Elterngeldes, wie durch die Einführung einer Vaterschaftsfreistellung nach Geburt. Auch in der Schule sollten im Rahmen der Berufsorientierung differenzierte Angebote gemacht werden, die Berufskunde mit Bildungs- und Lerninhalten zum Thema Vereinbarkeit und den geschlechts- und lebenslaufbezogenen Folgen von biografischen Entscheidungen, wie der Berufswahl und der Familiengründung, verknüpfen. Schulen sollten nicht bei der Frage „Was ist dein Traumberuf?“ verharren, sondern darüber hinausgehen und weitergehende Perspektiven eröffnen.
Bundesinstitut für Berufsbildung (2025): Pressemitteilung: Kauffrau für Büromanagement und Kfz-Mechatroniker weiter hoch im Kurs (online), URL: https://www.bibb.de/de/pressemitteilung_203218.php (letzter Zugriff: 11. März 2025).
kompetenzz (2024): Zwischen Tradition und Emanzipation, Befragung zur Berufs- und Lebensplanung der Teilnehmer*innen 2023, PDF-Zugriff: 32846_a84daad8ab27775.pdf
IfD Allensbach (2022): Weichenstellungen für die Aufgabenteilung in Familie und Beruf, Zweite Befragung – 2022, PDF-Zugriff: 9213_Weichenstellungen.pdf