Ist Arbeit wirklich alles?

Männliche Vielfalten und das ganze Leben

Erwerbsarbeit gilt in Deutschland immer noch als die soziale Aufgabe des Mannes. Entsprechend „männlich“ sind viele Organisations- und Unternehmenskulturen strukturiert. Nach ihrem persönlichen Stellenwert von Arbeit gefragt, nennen viele Männer „Familie ernähren“ und „gebraucht werden“ als Hauptkriterien. Die allermeisten arbeiten für die Familie, die wenigsten für ihre persönliche „Anerkennung“, „Spaß an der Arbeit“ oder weil Arbeit „das Wichtigste in ihrem Leben“ sei. Erwerbsarbeit ist (immer noch) die männliche Form der Fürsorge.

Erwerbsarbeit – längst nicht mehr die soziale Aufgabe des Mannes

In unserer Gesellschaft ist das Modell des männlichen Alleinverdieners innerhalb der Familie immer noch sehr selbstverständlich. Werden Männer, die dieses Selbstbild verinnerlicht haben, arbeitslos, sind sie vielfach tief im Kern ihres Selbstbildes getroffen. Oftmals fehlen eigene Vorstellungen und Ideen für Alternativen. Diese Situation empfinden viele Männer als Perspektivlosigkeit und enorme Belastung.

Politische Legitimierung traditioneller männlicher (Familien)fürsorge

Das traditionelle Verständnis männlicher (Familien)Fürsorge wurde politisch legitimiert: Staat, Arbeitgeber und Gewerkschaften der alten BRD gingen bei ihren Verabredungen in der Nachkriegszeit mit großer Selbstverständlichkeit vom Modell des männlichen Alleinverdieners aus. Dessen Beitrag zum Familienleben bestand vor allem aus der finanziellen Absicherung der Partnerschaft, des Haushalts und der Kindererziehung und wurde durch Erwerbsarbeit geleistet. Auch die DDR vergesellschaftete Männer hauptsächlich über die Erwerbsarbeit. Allerdings wurde hier von einem Doppelverdiener_innenmodell ausgegangen: Männer und Frauen gingen gleichberechtigt Vollzeitjobs nach. Staatliche Unterstützungsstrukturen ermöglichten ihnen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dennoch wurde die Zuständigkeit für Kinder und Familie auch in der DDR hauptsächlich Frauen zugeschrieben. Deindustrialisierung vor und nach der Wendezeit, Verlagerungen von Unternehmensstandorten ins Ausland, hohe Arbeitslosenzahlen sowie insgesamt ein tiefgreifender Strukturwandel hin zur Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft beschleunigen einen Wandel in den Geschlechterverhältnissen. Prekäre Arbeitsverhältnisse mit Zeitverträgen, Leiharbeit und Zeitarbeit erschweren Männern, die Position des Alleinverdieners auszufüllen, selbst wenn sie es wollten. Jüngere Männer entlasten sich in dieser Hinsicht bereits. Ihre Männlichkeitsvorstellungen sind weniger stark von der Erwerbsarbeit abhängig. Für sie ist weniger der materielle Wohlstand der zentrale Wert von Arbeit, sondern vielmehr die Verwirklichung eigener Vorstellungen in ihrer Tätigkeit sowie die gleichberechtigte Aufteilung von Kinderbetreuung und Haushaltsversorgung mit ihren Partner_innen.

Emanzipatorische Männerpolitik ermöglicht vielfältige Lebensmodelle

Eine emanzipatorische und gleichstellungsorientierte Männerpolitik eröffnet Männern Räume für alternative Rollenmodelle. Der Wandel von Partnerschaftsmodellen insbesondere jüngerer Generationen schafft Anknüpfungspunkte um auf das „ganze Leben“ in seinen vielfältigen Facetten und Formen zu schauen. Männer haben darin die selbstbestimmte Wahlfreiheit für eine individuelle Balance verschiedener Lebensbereiche. Eine wirtschaftliche Selbständigkeit von Frauen sowie ein anderes Partnerschaftsverständnis der geteilten Sorgearbeiten insbesondere mit Kindern entlastet Männer dabei von der alleinigen Verantwortung des Familienernährers und eröffnem ihnen plurale Lebensverlaufsmodelle.

  • Traditionelle Vorstellungen männlicher (Familien)Fürsorge brechen durch Strukturwandel und Deindustrialisierung auf.
  • Gleichstellungsorientierte Männerpolitik fordert Maßnahmen zur Schaffung von Möglichkeiten, Räumen und Gelegenheiten für Männer, vielfältige Rollen- und Lebensmodelle zu finden.
  • Sie unterstützt wirtschaftliche Selbständigkeit von Frauen, welche Männer von ihrer alleinigen Verantwortung als Familienernährer entlastet.

Ist Arbeit wirklich alles? Und was ist ohne Arbeit?

Für die ökonomische Absicherung der Familie hauptsächlich zuständig zu sein, bedeutet für viele Männer große Verantwortung und Belastung und Privileg gleichermaßen – selbst für diejenigen, die den Anforderungen gerecht werden können (und das ist nicht die Mehrheit der Männer). Diejenigen, die sich an diesem Ideal orientieren, deren Einkommen aber nicht ausreicht, um eine Familie zu ernähren oder die aus anderen Gründen dieser Rolle nicht gerecht werden, erleben Verunsicherung und Abwertung. Gleichzeitig verändern und verunsichern ökonomischer Wandel von Arbeitsmarkt und -strukturen männliche Erwerbsarbeitskonzepte. Traditionelle Männerrollen brechen auf und geraten zunehmend infrage.

Strukturwandel in Ost und West

Das enorme wirtschaftliche Wachstum beider deutscher Nachkriegsstaaten basierte hauptsächlich auf der Produktion von Gütern. Diese Arbeitswelt der industriellen Produktion war eine männlich dominierte. Seit 1950 verloren der primäre Sektor mit Agrarwirtschaft und Rohstoffgewinnung sowie der sekundäre Sektor der verarbeitenden und produzierenden Industrie in beiden deutschen Staaten massiv an Bedeutung.


Bedeutungsgewinn des Dienstleistungssektors

Der tertiäre Dienstleistungssektor ist demgegenüber in den vergangenen Jahrzehnten immer wichtiger geworden. Von 1950 bis zum Jahr 1989 stieg der Anteil der Erwerbstätigen im Dienstleistungsbereich von 33 Prozent (West) und 31 Prozent (Ost) auf 55 Prozent (West) und 41 Prozent (Ost). Im Jahr 2004 waren ungefähr zwei Drittel (ca. 66 Prozent) der Arbeitsplätze in Ost und West im tertiären Sektor. Im Vergleich zur sektoralen Aufteilung der Geschlechterverhältnisse im primären und sekundären Sektor ist der Dienstleistungssektor eine Frauendomäne: 82 Prozent aller erwerbstätigen Frauen arbeiteten im Jahr 2004 im tertiären Dienstleistungssektor und nur 17 Prozent in der Industrie (sekundärer Sektor). Im Vergleich: 55 Prozent aller erwerbstätigen Männer arbeiteten im Dienstleistungssektor und 42 Prozent in der Industrie. Agrarwirtschaft und Rohstoffgewinnung (primärer Sektor) waren für beide Geschlechter von nachrangiger Bedeutung.

Strukturwandel verändert Geschlechterverhältnisse

Der grundlegende sektorale Wandel in der Erwerbsarbeitswelt hat tiefgreifende Konsequenzen für die traditionellen Geschlechterrollen. Traditionelle „Männerarbeitsplätze“ werden weniger, während der traditionell eher frauendominierte Dienstleistungsbereich zunehmend mehr Arbeitsstellen bietet. Obwohl auch im tertiären Sektor die Zahl der erwerbstätigen Männer kontinuierlich steigt, bleiben in puncto Berufswahlverhalten und berufliches Selbstverständnis bei vielen Männern Verunsicherung und Orientierungsschwierigkeiten innerhalb dieser veränderten Situation zurück.

Neue Arbeitsidentitäten und Lebensmodelle im Blick

Eines der Ziele einer zukunftsorientierten Männerpolitik ist die gleichberechtigte Erwerbsbeteiligung von Frauen und Männern möglichst in Vollzeitäquivalenten. Sie stellt sich den tiefgreifenden Veränderungen in den Lebenswelten von Männern und Frauen und schenkt den Faktoren für die Umbrüche in der Lebens- und der Arbeitswelt von Männern kritische Aufmerksamkeit. Angesichts gesteigerter Instabilität und Diskontinuität von Beschäftigungsverhältnissen unterstützt sie Politikstrategien und Angebote, die Männern in Belastungssituationen darin stärken, selbstwirksam zu handeln und setzt sich für langfristig gute Entgelt- und Arbeitsbedingungen für alle ein. Sie arbeitet interessenspolitisch in engem Kontakt mit Gewerkschaften darauf hin, dass Arbeits- und Unternehmenskulturen die Lebens-und Vereinbarkeitsbedarfe von Männern mehr berücksichtigen, ohne dass die Arbeitsverdichtung und die Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen durch befristete Verträge, Zeit- und Leiharbeit, Teilzeitarbeit zunimmt.

  • Die Aufwertung des Dienstleistungssektors stellt bisherige männliche Erwerbsarbeitskonzepte in Frage.
  • Berufswahlverhalten und berufliches Selbstverständnis von Männern passen sich diesem Wandel nur langsam an.
  • Eine zukunftsorientierte Männerpolitik bietet Männern Unterstützung in Umbrüchen ihrer Lebens- und Arbeitswelten.
  • Sie setzt sich ein für eine gleichberechtigte Existenzsicherung und Entgeltbedingungen.
  • Männerpolitische Organisationen arbeiten im engen Kontakt mit Gewerkschaften für Lebens-und Vereinbarkeitsbedingungen von Männern und gegen die Verdichtung und Prekarisierung von Erwerbsarbeit.

Jenseits von Status und Hierarchie – Soziale Sicherheit und Solidarität stärken

Männliche Berufswahl ist auf eng definierte Berufsgruppen verteilt. Der ausgeprägte berufsständische und männerbündische Charakter bestimmter handwerklich-technischer Berufsgruppen verstärkt diesen engen Erwerbsarbeitsspielraum. Auf materieller Ebene erschwert das eng umrissene Berufsspektrum Männern den breiten Zugang zu alternativen Erwerbsarbeitsoptionen. Diese Situation bildet sich noch deutlich im Berufswahlverhalten von Jungen und jungen Männern ab.

Häufigste Ausbildungsberufe junger Männer
1. Kraftfahrzeugmechatroniker
2. Industriemechaniker
3. Elektroniker
4. Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik
5. Kaufmann im Einzelhandel
6. Metallbauer
7. Koch
8. Mechatroniker
9. Fachinformatiker
10. Zerspanungsmechaniker

Traditionelle Arbeitsverhältnisse werden darüber hinaus durch arbeitsmarktpolitische Entscheidungen und neue Strategien der Arbeitgeber zunehmend prekarisiert: Arbeitsplätze werden von Vollzeit- zu Teilzeitstellen umgewandelt und vertragliche Befristungen nehmen zu.

Prekarisierung und atypische Beschäftigungsformen erhöhen das Armutsrisiko auch für Männer

Prekäre Arbeitsformen verunsichern Männer bis weit in die Mittelschicht hinein. Atypische Beschäftigungsformen wie Befristung, Leiharbeit, Minijobs, Praktika und andere prekäre Arbeitsformen erschweren es ihnen, längerfristige Lebensperspektiven zu entwickeln und wirken sich vielfach negativ auf Familienplanung und Stabilität von Familien aus. Für immer mehr Männer ist so die Rolle des Familienernährers nicht mehr erfüllbar. Für sie nimmt auch das Armutsrisiko stetig zu.

Arbeitslosigkeit stellt ein hohes und stetig steigendes Armutsrisiko dar. Armutsgefährdungsquoten sind besonders hoch bei Migranten_innen (26,6 Prozent im Vergleich zu 12,3 Prozent bei Deutschen) sowie bei Familien und Personen mit einem niedrigen Bildungsstand. Gerade die hohen Armutsquoten von Arbeitslosen (52 Prozent der arbeitslosen Männer leben unterhalb der Armutsgrenze) verweisen auf die große Bedeutung von Erwerbseinkommen als Sicherheit für eine angemessene Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.

Solidarische wohlfahrtsstaatliche Männerpolitik für berufliche (Neu)Orientierung und Lebensplanung von Männern

Eine solidarische wohlfahrtsstaatliche Männerpolitik ist aufgefordert, Männer in Situationen beruflicher (Neu)Orientierung und Lebensplanung zu unterstützen, ihnen Strategien für ein reflektieren des tradierten Rollenmodels der klassischen Erwerbsmännlichkeit anzubieten und sie zu stärken, alternative Lebensentwürfe entwickeln zu können((LINK Ganzheitliches Männerbild und alternative Rollenmodelle). Insbesondere das Verständnis für gleichberechtigten Erwerbs- und Sorgearbeitsarrangements unterstützt Familien, Partnerschaften und Bedarfsgemeinschaften darin, schwierige Situation auf dem Arbeitsmarkt besser und solidarischer bewältigen zu können.

  • Prekäre Arbeit und atypische Beschäftigungsformen erschweren Männern eine längerfristige Lebensplanung.
  • Armut und Arbeitslosigkeit bedrohen die Teilhabe von Männern am gesellschaftlichen Leben.
  • Eine solidarische Männerpolitik begleitet Männer bei beruflicher Neuorientierung und Lebensplanung durch Unterstützungsstrukturen auf lokaler und nachbarschaftlicher Ebene.