#MeToo und Männlichkeit

Dr. Dag Schölper, Geschäftsführer des Bundesforum Männer, zu #MeToo:

#MeToo – ein geschlechterpolitischer Seismograph      

Ein Jahr lang ist die #MeToo-Debatte nun schon im Gange. Das ist beachtlich angesichts der sonst üblichen Kurzlebigkeit von Themen in den Sozialen Medien. Und die Dauer ist ein Indiz dafür, dass nicht nur ein Randthema berührt ist, sondern eines, das viele Menschen umtreibt. Frauen (und wenige Männer) haben unter dem Hashtag #MeToo deutlich ausgesprochen, dass sie durch Männer zu Opfern sexualisierter Gewalt wurden. Frauen haben sich über das soziale Medium Twitter in überaus großer Zahl zu ihren schlechten Erfahrungen mit Männern geäußert. Sie zeigten sich wütend, verletzt oder auch aggressiv. Frauen machten mit #MeToo deutlich, dass sie sich selbst ermächtigen und von keinem Mann gesagt bekommen wollen, wie sie sich angesichts ihrer Erlebnisse zu fühlen und wie sie dies angemessen zu artikulieren hätten.

Als Bundesforum Männer beschäftigt uns die Frage, wie Männer die #MeToo-Debatte erleben und wie sie darauf reagieren.

Reaktionen von Männern auf #MeToo

Im Raum der Sozialen Medien ist zu beobachten, dass sich viele Männer zu Wort melden, die sich offenkundig massiv angesprochen und pauschal mitverurteilt fühlen. Einem Teil von ihnen ist es wichtig, sich von den Taten abzugrenzen. Andere beweisen mit ihren Reaktionen, dass sie die Zielrichtung von #MeToo und die damit angesprochene Problematik überhaupt nicht erfassen, indem sie völlig inakzeptabel voll sprachlicher Gewalt und Hate Speech zurückschlagen.
#MeToo machte viele Männer zunächst sprachlos. Auch wir waren unschlüssig: Sollte sich das Bundesforum Männer in die Debatte einschalten? Die Sorge war einerseits, dass Solidaritätsbekundungen anbiedernd und unglaubwürdig wirken würden, dass Äußerungen von Männern von der wichtigen Aufmerksamkeit für die betroffenen Frauen ablenken und damit auch das eigene Ansinnen konterkarieren würden. Andererseits fühlt es sich befremdlich an, sich selbst qua Geschlecht gewissermaßen als potentieller Täter an den Pranger zu stellen; auch wenn unbestreitbar ist, dass #MeToo Machtstrukturen und Geschlechterrollen problematisiert, von denen Männer ein Teil sind und zum Teil auch profitieren.

Geschlechtliche Machtstrukturen auflösen

In Machtstrukturen werden Menschen vielfach und auf vielfältige Weise zu Opfern. Die höchsten Machtpositionen werden nach wie vor überwiegend von Männern besetzt. Die #MeToo-Debatte setzte die viel zu lange im Halbdunkel wirkenden sexualisierten und gewaltsamen Machtstrukturen ins grelle Scheinwerferlicht – zunächst besonders in der Film- und Medienwelt, was die große Resonanz auch in den „alten“ Medien erklärt. Die #Aufschrei-Debatte hatte die sexualisierten Grenzverletzungen, denen sich Frauen immer noch und immer wieder ausgesetzt sehen, schon einige Jahre zuvor sichtbar gemacht. Sie erreichte aber nicht die gleiche breite Aufmerksamkeit. Gleich bleiben aber die vielen spontanen Gegenreaktionen von (nicht nur) Männern, die bagatellisieren, abwiegeln oder mit genau jenen Mitteln sexualisiert-abwertenden Hasses brachial zurückschlagen, die von #MeToo oder #Aufschrei kritisiert wurden. Und das in erschreckend großer Zahl.

Für das Bundesforum Männer ist wichtig, dass nicht übersehen wird: auch (heterosexuelle) Männer sind diesen negativen, menschenverachtenden Machtstrukturen ausgesetzt. Von ihnen wird qua Geschlecht stillschweigend Korpsgeist erwartet, dass sie im Job, in der Bahn und in der Kneipe ihre Klappe halten; „besser“ noch genauso selbstverständlich mit der sexualisierten Abwertung von Frauen und queeren Personen weitermachen, sich notfalls mit Gewalt nehmen, worauf mann eben gerade Lust verspürt; oder noch perfider: bewusst kalkulierend sexualisierte Gewalt einsetzen, weil sie besonders demütigend wirkt und damit eine ungemein zwingende Machtoption darstellt.

Männer müssen ihre Stimme erheben

Für das Bundesforum Männer ist darum umso wichtiger, dass auch Männer ihre Stimme erheben – in den Sozialen Medien, vor allem aber im realen Leben. Zum einen aus Solidarität mit Frauen, die Opfer wurden, um ihnen zu zeigen, dass sie nicht allein sind. Zum anderen, um die Regeln von Männlichkeit unter Männern – dieser „ernsten Spiele des Wettbewerbs“ (Bourdieu) – und gegenüber Frauen endlich zu ändern. Das hilft Mädchen und Frauen, aber auch Männern selbst, indem sie sich von diesem Zwangskorsett einer selbstentfremdenden hypersexualisierten Männlichkeit befreien. Kampf und Dominanz keinen zentralen Stellenwert mehr zuzubilligen – das hilft auch Männern und Jungen, damit sie selbst nicht zu Opfern sexualisierter Gewalt werden. „Bei sexueller Gewalt geht es nicht um das Geschlecht der Opfer. Es geht um die Macht der Täter.“ Machthierarchien, die zu Missbrauch, Diskriminierung, Ausbeutung und Unterdrückung führen, dürfen im Großen wie im Kleinen nicht länger stillschweigend hingenommen werden.
Das Bundesforum Männer streitet für ein gesellschaftliches Klima, in dem sich Personen, die sexualisierte Gewalt ausüben, nicht mehr unangreifbar fühlen dürfen und nicht länger annehmen können, dass sie ungestraft damit durchkommen. Oder mehr noch, dass ihre Skrupellosigkeit Anerkennung erfährt und sogar noch ihre Chancen erhöht, immer weiter aufzusteigen. Das Bundesforum Männer setzt sich für eine Neubewertung ein: Die Orte, zu denen man(n) auf diesen gewaltvollen Machtpfaden gelangt, können nicht „oben“ sein – wenn mit diesem „oben“ irgendetwas Positives verbunden sein soll.

Klima des Misstrauens und der Angst überwinden

#MeToo skandalisiert massive (sexualisierte) Übergriffe und verbale wie körperliche Grenzverletzungen, die von Männern verübt wurden. Im Zentrum der Kritik geht es um jene Männer, die sich ins Recht setzen, über Frauen zu verfügen, nur weil ihnen gerade der Sinn danach steht und weil sie ein Mann sind; für die Frauen Sexobjekte sind, die wie Trophäen der Selbstbestätigung von Männlichkeit gesammelt werden. Im Gegensatz dazu geht es viel mehr um den Respekt, den Menschen jeden Geschlechts verdienen und den sie einander schulden. Es geht um Verantwortung für das eigene Handeln, das die Grenzen der Anderen zu achten hat.
Die Täter, um die es in der #MeToo-Debatte geht, tragen die Verantwortung für ein Klima des Misstrauens und der Angst. Die Täter haben ein beidseitiges lustvolles Spiel der sexuellen Annäherung schwierig bis unmöglich gemacht – und beschädigen massiv die erst vor wenigen Jahrzehnten gesellschaftlich erkämpfte sexuelle Freiheit. Durch ihre Taten ist eine Atmosphäre entstanden, in der es schwer fällt Fehlertoleranz zu üben. Aber nicht die Frauen, die #MeToo initiiert haben oder die aufgrund eigener schlimmer Erfahrungen „Ich Auch“ gesagt haben, sind verantwortlich für das Misstrauen und die Angst, sondern die Täter selbst, die sich aus ihren Machtpositionen heraus für unantastbar halten.
Das Bundesforum Männer sagt ganz klar: da machen wir als Männer nicht mit! Das heißt aber auch, dass Männer sich die Frage stellen müssen, wo sie stehen und was sie tun, wenn sie mit Sexismus oder sexualisierter Gewalt konfrontiert oder Zeuge dessen werden. Ein Anfang ist, offener zuzuhören, bei sich selbst anzufangen und mit anderen Männern über sexualisierte Gewalt zu sprechen. Es geht darum hinzuschauen, laut zu werden, Hilfe zu holen und andere zu ermutigen, ebenso zu handeln. Zielperspektive ist nicht unbedingt, sich heldenhaft in die Bresche zu schlagen, sondern insgesamt eine andere Normalität zu schaffen. Das kann zur Folge haben, dass sich andere Männer über einen lustig machen und versuchen, einen in seiner eigenen Männlichkeit in Frage zu stellen. Das sollte Männer aber nicht verunsichern, denn sie sind nicht allein.