
Nähe trotz Distanz: Wie kindwärts getrennte Eltern pädagogisch begleitet
Trennungssituationen stellen Familien vor große Herausforderungen – besonders, wenn Eltern und Kinder weit voneinander entfernt leben. kindwärts, ein bundesweites Angebot des BFM-Mitglieds wellcome gGmbH, vermittelt Übernachtungsmöglichkeiten bei Gastfamilien am Wohnort des Kindes und begleitet Eltern in der Beziehungsgestaltung auf Distanz. Nadine Büttner, pädagogische Leiterin, erklärt, wie das Angebot funktioniert und was Trennungsfamilien heute besonders brauchen.
Frau Büttner, Sie sind pädagogische Leiterin bei kindwärts. Was umfasst Ihre Aufgabe – und worum geht es im Kern des Angebots?
Nadine Büttner: Als pädagogische Leiterin verantworte ich das gesamte Beratungsangebot von kindwärts – also den Bereich, in dem wir Eltern nach einer Trennung dabei unterstützen, verlässliche Beziehungen zu ihren Kindern zu gestalten. Zu meinen Aufgaben gehören die konzeptionelle Weiterentwicklung, die Qualitätssicherung sowie die fachliche Durchführung und Begleitung der Beratungsprozesse. kindwärts richtet sich an getrenntlebende Eltern, die keinen gemeinsamen Alltag mehr mit ihrem Kind erleben – häufig, weil große räumliche Entfernungen sie trennen. Wir helfen ihnen, Nähe trotz Distanz zu ermöglichen. Dafür vermitteln wir Übernachtungsmöglichkeiten am Wohnort des Kindes über ein bundesweites Netzwerk ehrenamtlicher Gastgebender. Im Mittelpunkt steht dabei stets das Kind und sein Bedürfnis nach beiden Eltern.
Wie kindwärts arbeitet – Einblick in Praxis und Matching
Wie funktioniert kindwärts in der Praxis?
Nadine Büttner: Familien erfahren über Beratungsstellen, Jugendämter, soziale Medien oder persönliche Empfehlungen von uns. Nach der Registrierung auf unserer Website führen wir ein Erstgespräch, in dem wir Erwartungen und Rahmenbedingungen klären. Im sogenannten Matching bringen wir Eltern und Gastgebende zusammen, begleiten beide Seiten und bleiben während der gesamten Zeit Ansprechpartner. In der Regel sind zwei Übernachtungen pro Monat beim Gastgebenden möglich. Ergänzend bieten wir pädagogische Beratung an, um die Eltern-Kind-Beziehung über Distanz zu stärken, sowie Coachings für Selbstfürsorge und Selbstverantwortung. In digitalen Austauschtreffen schaffen wir zudem geschützte Räume, in denen Eltern sich gegenseitig stützen und vernetzen können. So verbinden wir praktische Unterstützung mit fachlicher Begleitung.
Zentral bleibt dabei: Das Angebot lebt von der Bereitschaft der Menschen, die ihre Türen öffnen, und von den Eltern, die den Mut haben, Hilfe anzunehmen. Durch sorgfältige Vermittlung und individuelle Begleitung schaffen wir die Grundlage, dass gute Erfahrungen entstehen und Vertrauen wachsen kann.
Was Familien bewegt – und was pädagogisch herausfordert
Welche Erfahrungen machen Sie mit den Eltern, die zu Ihnen kommen – und wie wird Angebot genutzt?
Nadine Büttner: Zu uns kommen getrenntlebende Eltern, die sich sehr engagiert für ihre Kinder einsetzen, aktiv Unterstützung suchen und dennoch oft an ihre Grenzen stoßen. Rund 90 Prozent unserer Ratsuchenden sind Väter. Viele stehen unter hohem Druck: Sie verarbeiten die Trennung, organisieren den Umgang auf Distanz und wollen für ihr Kind präsent bleiben. Trotz dieser Belastung erleben wir viel Offenheit und Dankbarkeit. Diese Eltern wollen Beziehung gestalten und reflektieren – und sie geben nicht auf. Unser Angebot wird bundesweit genutzt. 2024 konnten wir rund 340 getrennt erziehende Eltern begleiten, getragen von einem kleinen Team aus drei Festangestellten, einer Honorarkraft und rund 20 ehrenamtlichen Coaches. Dieses Engagement macht die Begleitung überhaupt erst möglich.
Was sind die größten Herausforderungen in Ihrer pädagogischen Arbeit – und wie hilft, diese gut zu meistern?
Nadine Büttner: Die größte Herausforderung liegt oft im hohen Konfliktniveau zwischen den Eltern – und darin, dass diese Spannungen unweigerlich zur Belastung für das Kind werden. Kinder geraten schnell in Loyalitätskonflikte, wenn Streit ungelöst bleibt. Solange das so ist, fällt es schwer, stabile Beziehungen zu beiden Elternteilen zu ermöglichen.
Erschwerend kommt hinzu, dass wir häufig nur mit einem Elternteil arbeiten. Dann geht es darum, über Perspektivwechsel und Deeskalation Wege zu finden, die Situation zum Wohl des Kindes zu entspannen.
Mit der stärkeren Bekanntmachung unseres Angebots möchten wir zeigen, wie wesentlich es ist, dass Kinder beide Eltern erleben dürfen – und dass es zur elterlichen Verantwortung gehört, diesen Zugang zu ermöglichen. Jeder Schritt, der dazu beiträgt, dass Kinder unbelasteter zwischen ihren Eltern stehen können, ist für uns ein Erfolg.
Zur Person
Nadine Büttner ist Diplom-Sozialpädagogin, Montessori-Pädagogin und NLP-Practitioner mit Zusatzqualifikationen in Eltern-Kind-Bindung und Elternberatung. Seit 2018 arbeitet sie für die wellcome gGmbH, seit 2024 verantwortet sie die pädagogische Arbeit von kindwärts, einem bundesweiten Angebot für Trennungsfamilien, das Nähe trotz Distanz ermöglicht.