Unter dem Titel „Männerberatung im Netz – Neue digitale Wege und Ansätze“ begrüßten Klaus Schwerma und Karsten Kassner aus der BFM-Geschäftsstelle am 11. November 2025 rund 50 Teilnehmende zum Netzwerktreffen Männerberatung. In Frankfurt am Main trafensich Fachkräfte aus der Jungen-, Männer- und Väterarbeit sowie Vertreter:innen von Vereinen, freien Trägern, Beratungsstellen, Projekten und kommunalen Verwaltungen. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Online-Beratung für Männer zeitgemäß und geschlechterreflektiert gestaltet werden kann, welche digitalen Formate sich bewähren und welche Rolle Künstliche Intelligenz künftig in der Beratung spielen kann.
Impulse zu Online-Beratung und KI
Im ersten Fachinput stellten Michelle Horstkortte und Dr. Sebastian Stockmann vom SKM Bundesverband die neue digitale Anlaufstelle für männerfokussierte Beratung vor. Ihr Praxisbeispiel zeigte, wie digitale Zugänge so gestaltet werden können, dass Männer einfach, niedrigschwellig und bedarfsorientiert Unterstützung finden können.
Im zweiten Impuls gab Sigrid Zauter vom Institut für E-Beratung der Technische Hochschule Nürnberg Einblicke in Forschung und Praxis zur Rolle von KI in der psychosozialen Onlineberatung. Anhand des Assistenzsystems eb.IBA zeigte sie, wie digitale Tools Beratungsprozesse unterstützen können – etwa durch Analyse und Strukturierung von Anliegen, methodische Hinweise oder Prozessdokumentation. Zugleich blieb ihre Kernbotschaft klar: KI kann Prozesse erleichtern, ersetzt aber nicht Haltung, Erfahrung und Miteinander der Beratenden. Damit rückte eine zentrale Leitfrage des Tages in den Fokus: Welche Chancen eröffnet KI – und wo liegen ihre Grenzen mit Blick auf Beziehung, Verantwortung, Transparenz oder Datenschutz? Der Input von Sigrid Zauter ist bis zum 23.12.2025 online einsehbar.
In fünf parallelen Workshops vertieften die Teilnehmenden schließlich zentrale Themen der Männerberatung – von Suizidprävention über Väterarbeit und kommunale Gleichstellungspolitik bis hin zur Arbeit mit älteren Männern. Überall wurde sichtbar, wie stark gesellschaftliche Männlichkeitsanforderungen das Hilfesuchverhalten prägen und wie digitale, kreative oder handlungsorientierte Methoden neue Zugänge eröffnen können. Ein herzlicher Dank gilt allen Workshopleitungen, die ihre Expertise, Praxisanbindungen und methodischen Zugänge eingebracht und damit wesentliche Impulse gesetzt haben. Eine Übersicht über die angebotenen Workshops findet sich am Ende der Seite.
Gemeinsame Standortbestimmung zum Abschluss
Eine abschließende gemeinsame soziometrische Aufstellung im Raum machte die Vielfalt der Perspektiven und Erfahrungen sichtbar. Viele Anwesende nutzen KI privat oder organisatorisch bereits regelmäßig, aber nur wenige integrieren sie bislang in die eigentliche Beratungsarbeit. Die gemeinsame Reflexion zeigte Chancen und Spannungsfelder: Wo kann KI die Kommunikation, Strukturierung oder Dokumentation erleichtern? Welche ethischen Leitplanken braucht es? Und wie bleibt Beziehung der Kern jeder Beratung – auch im digitalen Raum?
Die Zukunft der Männerberatung liegt nicht im Entweder-oder
Der Tag endete mit einem deutlichen Signal: Die Zukunft der Männerberatung liegt nicht im Entweder-oder, sondern im klugen Zusammenspiel von Präsenz, digitalen Zugängen und einer verantwortungsvoll eingesetzten Künstlichen Intelligenz. KI kann Prozesse erleichtern und neue Zugänge schaffen – zugleich braucht es klare Qualitätsstandards, damit automatisierte Vorschläge nicht in die Irre führen oder problematische Tipps geben. Entscheidend bleibt, dass der Mensch die zentrale Instanz in der Beratung ist: fachlich verantwortlich, einordnend und zugewandt.
Das Netzwerktreffen hat eindrucksvoll gezeigt, wie wertvoll offener Austausch und gemeinsames Weiterdenken sind. Herzlichen Dank an alle Teilnehmenden, die mit ihren Fragen, Beiträgen und ihrer Offenheit das Netzwerktreffen 2025 zu einem lebendigen, fachlich reichen und motivierenden Tag gemacht haben.
Überblick: Das waren die Workshops beim Netzwerktreffen Männerberatung
Im Rahmen des Netzwerktreffens Männerberatung gab es nachmittags parallele Workshops zu unterschiedlichen Themen der Männerberatung und -arbeit.
Workshops Übersicht
Workshop 1
Männlichkeit und Suizid – Perspektiven aus der [U25] Online-Suizidpräventionsberatung
Janna Kleine-Huster, Online-Suizidprävention [U25] Deutschland
Workshop 2
Click. Connect. Care. – Väterarbeit digital gestalten
Gunter Beetz und Heiner Fischer, Vaterwelten GmbH
Workshop 3
Digital oder Präsenz? Unterstützungsangebote für männliche Fachkräfte in Kitas zwischen Austausch, Fortbildung und Beratung
Tim Rohrmann und Jürgen Markmann
Workshop 4
Stark bleiben: Mit der LEGO® SERIOUS PLAY® Methode zu innerer Stärke in der Vaterzeit
Carlson El Murtadi
Workshop 5
Männerperspektiven in der kommunalen Gleichstellungspolitik
Dietmar Fleischer, Männerberater und Ansprechpartner in der Stadt Essen für die Themen Männer, Väter und Jungen. Matthias Becker, Ansprechpartner für Männer bei der Gleichstellungsstelle der Stadt Nürnberg.
Workshop 6
Männer in der offenen Seniorenarbeit erreichen
(Tim Rankenhohn, Stadt Düsseldorf, angefragt), Hans Prömper, Universität des 3. Lebensalter Frankfurt am Main
Workshop 1: Männlichkeit und Suizid – Perspektiven aus der [U25] Online-Suizidpräventionsberatung
Der Männeranteil bei den vollendeten Suiziden ist hoch – mehr als 70% der Menschen, die an Suizid versterben, sind männlich. Gleichzeitig suchen Männer weitaus seltener Hilfe und Unterstützung, wenn sie Suizidgedanken haben. In diesem Workshop tauschen wir uns aus über die Zusammenhänge zwischen Männlichkeit und Suizid. Der Workshop wird bereichert durch die praktischen Beratungserfahrungen aus der [U25] Online-Suizidpräventionsberatung des Deutschen Caritasverbandes.
Referentin:
Janna Kleine-Huster: Referentin Online-Suizidprävention [U25] Deutschland
Workshop 2: Click. Connect. Care. – Väterarbeit digital gestalten
Digitale Väterarbeit ist mehr als nur Technik und Tools – sie beginnt mit einer inneren Haltung und dem Mut, neue Räume zu öffnen. Wir gehen gemeinsam der Frage nach, wie wir digitale Formate nutzen können, um Väter wirkungsvoll zu erreichen, zu begleiten und zu vernetzen. Wir werfen einen Blick auf die Grundlagen gelingender digitaler Beratung: Was braucht es an Sprache, Haltung und struktureller Klarheit, damit sich auch online ein sicherer, vertrauensvoller Raum entfalten kann? Welche Chancen bieten Onlineformate wie „digitale Lagerfeuer“ oder hybride Beratungsangebote – und wo liegen ihre Grenzen?
Der Workshop bietet Raum für Austausch, Reflexion und methodisches Ausprobieren. Die Teilnehmenden sind eingeladen, eigene Erfahrungen einzubringen und gemeinsam Perspektiven für eine zeitgemäße, digitale Männerberatung zu entwickeln.
Ziele des Workshops:
Reflexion eigener Haltung im digitalen Beratungsraum
Kennenlernen bewährter digitaler Formate der Väterarbeit
Strategien zur Ansprache von Vätern online
Sensibilität für Sprache, Grenzen und Potenziale digitaler Settings
Referenten:
Heiner Fischer: Geschäftsführer / Founder, Männer- und Väterberater. Krisen- und Gewaltberater, Medienberater, Supervision für pädagogische Fachkräfte. Gunter Beetz: Geschäftsführer / Co-Founder. Männer- und Väterberater, Tandem Coach Joint Leadership, Initiatorischer Prozessbegleiter, Visionssucheleiter.
Beide haben jahrelange Erfahrung In der Männer-, Väter- und Familienarbeit
Workshop 3: Stark bleiben: Mit der LEGO® SERIOUS PLAY® Methode zu innerer Stärke in der Vaterzeit
In der Männerarbeit stellt sich oft dieselbe Frage: Wie erreichen wir Männer emotional ohne sie zu überfordern, zu pathologisieren oder in Leistung zu drängen? Gerade in der Übergangszeit zum Vatersein, geprägt von Rollenunsicherheit, innerem Stress und fehlender emotionaler Sprache, braucht es alternative Zugänge. Die LEGO® SERIOUS PLAY® Methode (Klemmbaustein-Methode) bietet einen solchen Weg: handlungsorientiert, tiefenwirksam, niedrigschwellig. Gefühle und innere Dynamiken werden durch das Bauen sichtbar, spürbar, gestaltbar auch für Männer, die sonst schwer über Emotionen sprechen. Der Workshop folgt einem strukturierten Prozess entlang der sieben Säulen der Resilienz und ist von der Haltung der Gestalttherapie inspiriert. Ziel ist es, Männer emotional, mental und sozial zu stärken präventiv, achtsam und verbindend.
Referent:
Carlson El Murtadi: M.Sc., ist Heilpraktiker für Psychotherapie, zertifizierter Resilienztherapeut und systemischer Männercoach. Als Männerberater und „Certified Facilitator of the LEGO® SERIOUS PLAY® Method“ begleitet er Männer achtsam, kreativ und fundiert durch Übergänge, Krisen und Klärungsprozesse in seiner Praxis in Ottobrunn, in Workshops, Onlinekursen und Vorträgen. Mitglied im VfP und BDVT.
Workshop 4: Männerperspektiven in der kommunalen Gleichstellungspolitik
Männer werden in der kommunalen Gleichstellungspolitik häufig mitgedacht. „Mitgedacht heißt aber nicht Mitgemacht“. Seit einigen Jahren gibt es in einigen Städten die Entwicklung explizit Stellen einzurichten, die den Blick auf Männer, Väter, Jungen richten. Männer werden eingeladen mitzumachen, mitzudenken, mitzugestalten. Dieses Angebot richtet sich an männlich Beschäftigte aber, auch an Männer der Zivilgesellschaft. In diesem Workshop werden Beispiele aus Kommunen vorgestellt und geschaut, welche Themen Männer mitbringen und wo noch „blinde Flecken“ sind.
Referenten:
Dietmar Fleischer: Männerberater und Ansprechpartner in der Stadt Essen für die Themen Männer, Väter und Jungen. Matthias Becker: Ansprechpartner für Männer bei der Gleichstellungsstelle der Stadt Nürnberg.
Workshop 5: Männer in der offenen Seniorenarbeit erreichen
Männer werden von Angeboten der (offenen) Seniorenarbeit häufig weniger als Frauen erreicht. Muss das so sein? Gibt es andere Erfahrungen? Was könnte getan werden, um Männer im Alter besser zu erreichen? Der Workshop beleuchtet gelingende Erfahrungen mit Gruppen, Angeboten und Themen. Er regt an, über die eigene Praxis und deren Möglichkeiten zu reflektieren und dabei vom Gespräch mit anderen Akteuren zu profitieren. Denn gerade Ältere haben in der nachberuflichen Lebensphase ihre eigenen Befindlichkeiten, Wünsche und Probleme, bei denen der Austausch mit anderen Männern hilfreich und manchmal sogar lebensverlängernd sein kann.
Referent:
Dr. Hans Prömper: Universität des 3. Lebensalters Frankfurt (Soziale Gerontologie), langjährige Erfahrungen mit Männergruppen und in der Männerbildung.