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70. Sitzung der UN-Frauenrechtskommission 2026: Gleichstellung im Spannungsfeld globaler Krisen
9. März — 19. März
Die 70. Sitzung der UN-Frauenrechtskommission (CSW70) fand vor dem Hintergrund globaler Krisen, bewaffneter Konflikte und wachsender geopolitischer Spannungen statt. Als zentrale UN-Kommission für Gleichstellung bringt sie Staaten, internationale Organisationen und Zivilgesellschaft regelmäßig zusammen, um Fortschritte zu bewerten und politische Leitlinien zu entwickeln.
Das diesjährige Schwerpunktthema – der gleichberechtigte Zugang zum Recht für Frauen und Mädchen – verweist auf eine zentrale Grundlage von Gleichstellung: Rechte müssen nicht nur bestehen, sondern auch zugänglich und durchsetzbar sein.
Gerade unter den aktuellen Bedingungen wird deutlich, wie wichtig multilaterale Räume wie die CSW bleiben: Sie sichern Dialog, ermöglichen Verständigung und halten gemeinsame Bezugspunkte aufrecht – zwischen Staaten und zwischenmenschlich.
Die CSW70 in New York zeigt: Die Gleichstellung der Geschlechter steht global unter Druck – und unterstreicht zugleich die Relevanz stabiler internationaler Zusammenarbeit. Trotz politischem Backlash und brüchigem Multilateralismus wird deutlich, dass eine gleichstellungsorientierte Männerpolitik zentral ist.
Dr. Dag Schölper
Multilateralismus unter Spannung
Ein prägender Eindruck der CSW70 ist ein Multilateralismus, der weiter funktioniert, aber unter Druck steht – mitunter als „Zombie-Multilateralismus“ beschrieben: Strukturen bestehen fort, doch der normative Konsens wird brüchiger. Das zeigte sich auch im Verlauf der Verhandlungen.
Mit den Agreed Conclusions konnte zunächst ein gemeinsam erarbeitetes Ergebnis erzielt werden – ein wichtiger Erfolg unter schwierigen Bedingungen.
Umso deutlicher trat die Fragilität dieses Konsenses am Ende der zweiwöchigen Sitzung hervor: Durch politische Initiative der USA mit Unterstützung durch eine ganze Reihe weiterer Staaten – darunter auch Ungarn – stellten zentrale Verständigungen, insbesondere den Begriff Gender infrage. Im Moment, der der gemeinsamen Würdigung dienen sollte, wurden damit bestehenden Konfliktlinien nochmals eskaliert. Das Ganze ging glimpflich aus: Die Resolution wurde letztlich nicht verhandelt – ein wichtiger (nicht nur) gleichstellungspolitischer Erfolg.
Backlash und neue Konfliktlinien
In verschiedenen Side Events – auch mit deutscher Beteiligung – wurde deutlich, wie stark Gleichstellungspolitik Gegenstand organisierter Gegenbewegungen ist. Zugleich griffen einige Veranstaltungen im offiziellen Programm der CSW diese Entwicklungen ausdrücklich auf und setzten sich mit Strategien gegen den zunehmenden antifeministischen Backlash auseinander. So veranschaulichte etwa das Side Event „Zugang zum Recht bei digitaler Gewalt – Gegenstrategien zur Manosphere“ am 11. März in der Ständigen Vertretung Deutschlands bei den Vereinten Nationen, wie sich Hass und antifeministische Narrative („Manosphere“) seit Jahren zunehmend auch in digitalen Räumen verbreiten. Die rechtlichen Lücken sind bekannt. Internationale Ansätze sind notwendig, Prävention und Strategien zur Veränderung von Männlichkeitsnormen drängend.
Hierin spiegeln sich breitere Verschiebungen: Gleichstellung wird zunehmend polarisiert entlang grundlegender Fragen von Recht, Ordnung und gesellschaftlichen Leitbildern verhandelt.
Recht als Prüfstein
Der Fokus der CSW70 auf den Zugang zum Recht erweist sich dabei als zentraler Prüfstein. Denn Gleichstellung ist untrennbar mit funktionierenden rechtsstaatlichen Strukturen verbunden. Doch wir erleben, dass Recht bewusst geschwächt und politisch relativiert wird. Dabei ist der Anspruch auf gleiche Rechte weltweit ohnehin ungleich eingelöst. Damit gerät die Gleichstellung aller Geschlechter von mindestens zwei Seiten unter Druck.
Männer und Männlichkeiten: Teil der Lösung
Auffallend war, dass die Rolle von Männern in Gleichstellungsprozessen vielfach und vielfältig diskutiert wurde. Beispielsweise wurde im Side Event zu „Männlichkeiten, Familienwohl und Gewaltprävention“ (10. März) ein Perspektivwechsel hin zu verantwortungs- und fürsorgeorientierten Männlichkeiten diskutiert. Im Fokus standen Gewaltprävention, gerechte Verteilung von Care-Arbeit und Beiträge transformativer Männlichkeitsmodelle, die dem familiären Wohlbefinden dienen würden. Hier betonte Gary Barker (Equimundo) eine wichtige Verschiebung: hin zu einem Verständnis von Männlichkeit, das Verantwortung, Fürsorge und Gerechtigkeit betont und damit direkt zu Gewaltprävention und sozialem Zusammenhalt beiträgt.
Gleichzeitig bleibt eine zentrale Differenzierung entscheidend: Männer und Jungen sind nicht per se Gegner von Gleichstellung – zugleich geht Gewalt weiterhin überwiegend von Männern aus. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, Männlichkeitsnormen gezielt zu verändern. Spannende Impulse setzte dazu etwa die Demokratischen Republik Kongo in einem Side Event mit dem Ansatz „positiver Männlichkeit“ (18. März), um konkret zur Gewaltprävention beizutragen. Die Afrikanische Union hat dazu seit 2020 bereits drei Konferenzen durchgeführt.
Allianzen und neue Zugänge
Die enge Zusammenarbeit des Bundesforums Männer mit der MenEngage Alliance ist ein zentraler Bestandteil dieser Arbeit. Der Austausch mit Partner:innen aus dem internationalen Netzwerk – im Sekretariat wie in der Youth Reference Group – stärkt gemeinsame Strategien zur Einbindung von Männern in Gleichstellungsprozesse.
Ergänzt wird diese Arbeit durch neue Formen der Ansprache. Aus der Zusammenarbeit der vergangenen Jahre ist u. a. der Workshop „Drawn Masculinities“ entstanden. Gerade im Kontext der CSW eröffnet er andere Zugänge, um sich konstruktiv-kritisch und zugleich mit einer gewissen Leichtigkeit mit Männlichkeit auseinanderzusetzen. Solche Formate wirken inspirierend und zeigen, was generationenübergreifende und transnationale Zusammenarbeit – wie sie die MenEngage Alliance ermöglicht und stärkt – leisten kann. Davon könnte es auch im Rahmen der CSW künftig mehr geben.
UN80: Reformbedarf mit Augenmaß
Mit der Reformagenda UN80 wird auch die institutionelle Zukunft der Gleichstellungspolitik neu verhandelt. Die geplante Zusammenlegung von UN Women mit UNFPA steht exemplarisch für den Versuch, Strukturen effizienter zu gestalten. Klar ist, dass Reformbedarf besteht – etwa mit Blick auf Teilhabe, Beteiligung und die stärkere Berücksichtigung unterschiedlicher Lebensverläufe. Gleichzeitig zeigt die CSW70, dass in einem angespannten multilateralen Kontext Gleichstellung eine starke, eigenständige Verankerung braucht. Reformen müssen diese Handlungsfähigkeit sichern und dürfen sie nicht unbeabsichtigt schwächen.
Fazit: Gemeinsam für Gleichstellung
Die CSW70 zeigt eine Gleichstellungspolitik im Spannungsfeld – zwischen Fortschritt, Gegenbewegungen und neuen Kooperationsformen. Für das Bundesforum Männer bedeutet das, diese Prozesse aktiv mitzugestalten: als gut vernetzter zivilgesellschaftlicher Akteur in Deutschland, Europa und international. Gleichstellungsorientierte Männerpolitik und nachhaltige Männlichkeit sind dabei zentrale Ansatzpunkte. Sie verbinden die klare Benennung bestehender Ungleichheiten mit konstruktiven Perspektiven für Veränderung.
Unser Fokus ist dabei klar:
nicht gegen, sondern solidarisch für das gemeinsame Projekt der Gleichstellung aller Geschlechter.
Gerade unter schwierigen Bedingungen kommt es darauf an, diese Perspektive zu stärken – dialogfähig, verlässlich und international anschlussfähig.
Bericht von der CSW70 auf Instagram und LinkedIn
Wir haben auf Instagram und LinkedIn mit einer Posting-Reihe direkt aus New York berichtet. Mehr dazu auf den Profilen des BFM: