Carlson El Murtadi

Psychische Belastungen bei Männern besser verstehen

Seit Januar 2026 ist Carlson El Murtadi, M.Sc. Klinische Psychologie (London Metropolitan University) und Heilpraktiker für Psychotherapie, außerordentliches Mitglied im Bundesforum Männer. In seiner Privatpraxis für Männer- und Väterberatung begleitet der Münchner Männer in belastenden Lebensphasen. Im Interview spricht er darüber, wie sich psychische Belastungen bei Männern oft anders zeigen – und warum eine geschlechtersensible Perspektive Prävention, Diagnostik und Versorgung verbessern kann.

Carlson, was ist dein Arbeitsfeld – und auf welche Weise engagierst du dich für Jungen, Männer oder Väter?

Carlson El Murtadi: Ich arbeite in meiner diskreten Privatpraxis für Männer- und Väterberatung sowie Psychotherapie in München nach dem Heilpraktikergesetz. Meine Zielgruppen sind vor allem Männer und Väter sowie Fach- und Führungskräfte, teils in hoher Entscheidungsverantwortung und mit erhöhtem Diskretionsbedarf.

Viele meiner Klienten befinden sich in belastenden Lebensphasen, zum Beispiel bei Stress und Überforderung, Rollen- und Identitätsfragen, Trennung oder Co-Parenting, Beziehungskonflikten oder der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Gerade für Menschen in verantwortungsvollen Rollen ist ein verlässlicher Schutzraum entscheidend: ein Rahmen, in dem sie offen sprechen, ordnen und tragfähige Wege entwickeln können – ohne Druck nach außen und ohne Sorge vor sozialen oder beruflichen Nachteilen.

Wer Männer stärkt, fördert partnerschaftliche Verantwortung, aktive Vaterschaft und gleichberechtigte Zusammenarbeit.

Carlson El Murtadi, M.Sc. Klinische Psychologie (London Metropolitan University) und Heilpraktiker für Psychotherapie

Warum ist es wichtig, Jungen, Männer und Väter zu adressieren und einzubeziehen, um die Gleichstellung aller Geschlechter zu erreichen? Und wie möchtest du mit deiner Arbeit dazu beitragen?

Carlson El Murtadi: Gleichstellung gelingt nur, wenn Jungen, Männer und Väter aktiv einbezogen werden. Sie prägen Familie, Arbeitswelt und gesellschaftliche Strukturen – und sind zugleich selbst von Geschlechternormen betroffen. Männerarbeit ist daher kein Gegenentwurf, sondern eine Ergänzung. Wer Männer stärkt, fördert partnerschaftliche Verantwortung, aktive Vaterschaft und gleichberechtigte Zusammenarbeit.

In der heutigen BANI-Welt (brüchig, ängstigend, nicht-linear, schwer verständlich) steigen Unsicherheit und Druck. Psychische Belastungen zeigen sich bei Männern oft anders. Depressionen äußern sich nicht nur als Niedergeschlagenheit, sondern häufig als Reizbarkeit, Rückzug, Überarbeitung oder riskantes Verhalten. Das passt nicht immer zum klassischen Depressionsbild und wird deshalb teils spät erkannt.

Eine geschlechtersensible Perspektive verbessert Prävention, Diagnostik und Versorgung. Ich schaffe einen diskreten Schutzraum für Reflexion und verantwortungsvolle Entwicklung und unterstütze im betrieblichen Kontext gleichstellungsförderliche Führungs- und Arbeitskulturen. Zudem qualifiziere ich Therapeut:innen und psychologische Berater:innen in reflektierter und geschlechtersensibler Männerarbeit.

Was findest du am Bundesforum Männer besonders wertvoll – und was bedeutet dir die außerordentliche Mitgliedschaft? 

Carlson El Murtadi: Die Mitgliedschaft bedeutet mir, Teil eines Netzwerks zu sein, das Männerarbeit als Beitrag zur Gleichstellung versteht und wirksame Ansätze in Beratung, Prävention und Praxis weiterentwickelt. Aus dieser Überzeugung habe ich mich bewusst entschieden, den Nachdruck der aktuellen Auflage des BFM-Leitfadens „Männer gut beraten“ (Wiederveröffentlichung vom 7. November 2025) finanziell zu unterstützen und damit geschlechterreflektierte Beratung von Jungen, Männern und Vätern zu stärken.