Simon Hameister

Zwischen Rollenbildern und Lebensentwürfen

Traditionelle Rollenbilder verändern sich – und damit auch die Lebensrealitäten von Jungen, Männern und Vätern. Wie kann gleichstellungsorientierte Männerarbeit darauf reagieren? Darüber haben wir in unserem Mitgliederinterview mit Simon Hameister gesprochen, der in der Abteilung für Chancengleichheit der Landeshauptstadt Stuttgart für Männerfragen zuständig ist. Im Interview erklärt er, welche Herausforderungen er sieht, warum Jungen und Männer gezielte Unterstützung brauchen und wie die Stadt Stuttgart diese Arbeit gestaltet.

Simon, was macht die Abteilung für Chancengleichheit und wie engagiert sie sich für Jungen, Männer oder Väter? 

Simon Hameister: Der Gegensatz zwischen traditionellen gesellschaftlichen Erwartungshaltungen und den Vorstellungen individueller Lebensentwürfe – beispielweise in Partnerschaft, Familie oder Beruf – kann bei Männern zu Druck und Belastungen führen. Im gesellschaftlichen Bewusstsein ist dieser Umstand bisher allerdings kaum verankert. Umso wichtiger ist es, auf diese Probleme aufmerksam zu machen und mit geeigneten Maßnahmen entgegenzuwirken. Unsere Abteilung kommt daher dem gesetzlichen Auftrag nach, die geschlechterspezifische Chancengleichheit voranzubringen. Zu diesem Zweck vernetzt sie sich auch mit Fachkräften aus der Männerberatung und der Jugendarbeit zu unterschiedlichen Fachthemen. Derzeit arbeitet die Abteilung dazu in folgenden Facharbeitskreisen mit Expert:innen zusammen: dem AK Jungen*‐ und Männer*gesundheit der Landeshauptstadt Stuttgart, dem Fach‐AK Jungen*arbeit sowie dem Netzwerk Männer*beratung Stuttgart. Darüber hinaus entwickelt sie eigene Projekte – etwa das Stuttgarter Spielzimmer auf Zeit oder Gruppenangebote für getrenntlebende Väter – und organisiert regelmäßig Veranstaltungen für Jungen, Männer und Väter.

Der Gegensatz zwischen traditionellen gesellschaftlichen Erwartungshaltungen und den Vorstellungen individueller Lebensentwürfe kann bei Männern zu Druck und Belastungen führen.

Simon Hameister, Landeshauptstadt Stuttgart – Abteilung für Chancengleichheit

Warum ist es wichtig, Jungen, Männer und Väter zu adressieren und einzubeziehen, um die Gleichstellung aller Geschlechter zu erreichen? 

Simon Hameister: Damit eine chancengerechte Gesellschaft möglich wird, müssen alle Geschlechter in Gleichstellungsprozesse als aktive Akteure mit ihren jeweils eigenen Bedarfen einbezogen werden. Die Abteilung für Chancengleichheit hat daher auch im Blick, dass der gesellschaftliche Wandel das traditionelle Rollenbild von Männern zunehmend infrage stellt. Unterschiedliche Rollenverständnisse können dabei zu Fragen und Zweifeln in Bezug auf die eigene Identität und Stellung führen. Deshalb unterstützt die Abteilung für Chancengleichheit Männer in ihren unterschiedlichen Lebenslagen. Auch die Rolle von Jungen durchläuft einen Wandel: In der öffentlichen Wahrnehmung werden sie im Vergleich zu anderen Geschlechtern öfter als privilegiert betrachtet. Zudem werden ihnen häufig positiv besetzte Eigenschaften wie Neugier, Entscheidungsfreude, Verantwortungsbewusstsein, Teamfähigkeit oder Belastbarkeit zugeschrieben. Dabei sind auch Jungen von Belastungen und Herausforderungen betroffen: Einsamkeit, Peer‐Druck, stereotype Rollenzuordnungen, Regulierung von Gewalt, Schwierigkeiten beim Ausdruck von Gefühlen, Mobbing, Mängel in Bildungs‐ und Übergangswegen sowie Erwartungen an die eigene Männlichkeit. All das kann bei Jungen zu Überforderung führen. Die Abteilung für Chancengleichheit möchte daher sowohl Ideengeber als auch Unterstützer für Jungen in Stuttgart sein: Damit sie eine Identität und ihre eigene Form von Männlichkeit entwickeln können, die zu ihnen passt.
 

Was findest du am Bundesforum Männer besonders wertvoll – und was bedeutet euch die Mitgliedschaft? 

Simon Hameister: Gleichstellungsorientierte Jungen-, Männer- und Väterpolitik benötigt zielgruppengerechte Ansätze und Ansprache. Zudem muss das Thema verantwortungsbewusst politisch vorangetrieben werden. Das Bundesforum Männer ist für uns dabei ein verlässlicher Partner und ein wichtiges fachliches Vorbild.
 

Über die Abteilung für Chancengleichheit der Landeshauptstadt Stuttgart

Die Abteilung für Chancengleichheit der Landeshauptstadt Stuttgart setzt sich für die Förderung geschlechterspezifischer Chancengleichheit ein. Im Bereich der gleichstellungsorientierten Jungen-, Männer- und Väterarbeit koordiniert und begleitet sie unter anderem das Netzwerk Männer*beratung Stuttgart, einen informellen Zusammenschluss von Trägern und Einrichtungen, die sich fachlich und proaktiv mit den Lebenslagen von Jungen, Männern und Vätern befassen. Zu den Themen gehören unter anderem Beruf und Karriere, Trennung und Scheidung, Erziehung und Vaterschaft, Macht und Machtstrukturen, Diskriminierung, Coming-out, (sexualisierte) Gewalt, Gesundheit und Lebensbalance. Das Netzwerk Männer*beratung Stuttgart war seit 2021 ordentliches Mitglied im Bundesforum Männer. Seit 2026 wird die Mitgliedschaft durch die Abteilung für Chancengleichheit der Landeshauptstadt Stuttgart wahrgenommen, unter deren Dach das Netzwerk angesiedelt ist.