7. Anknüpfungspunkte für das Bundesforum Männer

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vaeter-kapitel2Vater zu werden ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern eine Option neben dem Single-Dasein bzw. der Kinderlosigkeit. Lebensalter, Beziehungsform und Beschäftigungsumfang sind verschiedene Möglichkeiten bzw. Umstände unter denen Väter Ihr Dasein gestalten und ihren Alltag leben. Der persönlichen Ausgestaltung dieses Alltags liegen zwar individuelle Entscheidungen zugrunde, diese werden aber vor dem Hintergrund der oben skizzierten Rahmenbedingungen getroffen und von diesen auch beeinflusst. Im Folgenden möchten wir daher konkrete Handlungsfelder benennen und Strategien beschreiben, in und mit denen das Bundesforum Männer und seine Mitgliedsverbände Einfluss nehmen und politisch (mit)gestalten können.

Hauptanliegen sind dabei die unten aufgeführten Beobachtungen, die deutlich machen, dass die tatsächliche Unterstützung von Vätern immer noch von Ambivalenzen gezeichnet ist

  • Die Lebenslagen und Bedürfnisse von Vätern werden medial zunehmend thematisiert, politisch aber wenig berücksichtigt
  • Im Gleichstellungsdiskurs werden die Interessen von Vätern vernachlässigt und Männer lediglich als „Unterstützer“ adressiert
  • Fürsorglichkeit von Vätern wird als eine „zusätzliche“ Option für Familie und Kinder betrachtet.
  • 2 Monate Elternzeit werden akzeptiert / erwartet, längere „Auszeiten“ sind (aber) noch weniger Normalität.
  • Anerkennung und Wertschätzung erfahren Männer durch „erfolgreiche“ Erwerbsarbeit
  • Männer und damit auch Väter sind unterrepräsentiert in den Bereichen Soziale Arbeit, (Familien-)Bildung, (Kinder-)Betreuung und Gleichstellungspolitik
  • Positionen von Vätern sind kaum wahrnehmbar und scheinbar vielfältig und damit nicht greifbar bzw. unkonkret

Jegliche Veränderung kommt dabei durch aktives Handeln, dass individuell, gesellschaftlich, ökonomisch, und politisch getragen wird, zustande.

Strategische Grundaspekte von Väterpolitik

In dem im Rahmen des Projekts „men care“ entstandenen Bericht „State of the World’s Fathers“ [1] wird eine Strategie entwickelt, die zu einem Gelingen eines Wandels auf den verschiedenen Ebenen beitragen kann. Diese Strategie ist eine geeignete Grundlage, das Väterthema politisch, aber auch in der Praxis anzugehen und Veränderungen aktiv zu gestalten.

Folgende Aspekte beschreibt die Strategie:

Es braucht nationale Aktionspläne zur Förderung involvierten Vaterseins und der fairen Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit. Diese Aktionspläne sollen bereichsübergreifend gestaltet sein und die Politikbereiche und Themen Gleichstellung, Kinderschutz und -rechte, Gesundheit, Erziehung, wirtschaftliche Entwicklung, Gewaltprävention und -beratung sowie Arbeitsmarkt und Arbeitnehmerrechte umfassen. Die Ziele des Aktionsplans müssen durch überprüfbare Maßnahmen konkretisiert und im erforderlichen Umfang finanziell ausgestattet werden.

Wichtig ist, solche Aktionspläne in Politik und Verwaltung zu verankern. Diese Verankerung verändert Politikentwicklung, Richtlinien und Curricula ebenso wie Strukturen und Räume in den unterschiedlichsten Feldern wie Gesundheit, Erziehung, Arbeitsmarkt und Sozialwesen. Dies ist unerlässlich, damit diese Institutionen ihren Beitrag leisten (können), um jene Normen zu verändern, welche beispielsweise die ungleiche Care-Beteiligung von Männern heute noch fördern und reproduzieren.

Es braucht mehr Informationen und Daten über männliche Beteiligung in der Haus- und Familienarbeit. Diese müssen analysiert und für eine evidenzbasierte Politik(-entwicklung) nutzbar gemacht werden. Diese Daten sind auch Grundlage für eine faire Verteilung von Erwerbs- und Nichterwerbsarbeit.

Der notwendige Wandel sozialer Normen mit Blick auf eine gerechte Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit soll durch Programme gefördert werden, welche sowohl Jungen und Männer wie auch Mädchen und Frauen ansprechen. Die heutigen Jungen und Mädchen sollen die Möglichkeit erhalten, sich künftig die Verantwortung für Erwerbs- und Familienarbeit zu teilen. Die Gender-transformative Arbeit soll in Projekte und Programme in bestehenden Institutionen und Strukturen (Schule, Frühe Hilfen, Gesundheitsdienste, Elternbildung, Gewaltprävention etc.) eingebettet werden, frühzeitig ansetzen und langfristig konzipiert sein.

Die bereits existierende Vielfalt väterlicher Beiträge soll gesehen und anerkannt werden, um Männer in allen Formen fürsorglichen Engagements zu unterstützen. Programme und Politiken sollten flexibel gestaltet sein, um den Bedürfnissen gerecht zu werden, die sich den verschiedensten Familienformen zeigen – inklusive Ein-Eltern-Familien, Adoptiveltern, Vätern mit getrenntem Wohnsitz, schwulen Vätern, adoleszenten Vätern, Regenbogen- und Patchwork-Familien, etc. (Men-Care.org [1])

Bei der Umsetzung dieser Strategie zur Verwirklichung der Vision von Väterlichkeit und männlicher Fürsorge spielen die Anliegen und Sichtweisen der Kinder eine große Rolle. Dieser trifft sich mit dem Wunsch der Väter, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen und ihre Entwicklung aktiv mitzugestalten, auch nach einem Scheitern der Beziehung zwischen Vater und Mutter.

Wichtige Anknüpfungspunkte

Visionen und neue Leitbilder

Dass Väter mehr sein wollen als die Ernährer ihrer Familie ist lange bekannt. Bereits in der zweiten Befragung von Männern im Auftrag der Zeitschrift „Brigitte“ Mitte der 80er Jahre wurde der Wunsch messbar. Seitdem hat er zugenommen und auch die Zeit, die Väter heute in Familie und mit ihren Kindern verbringen, ebenfalls (Bundesamt für Statistik 2015).

Die Unterschiede zwischen den in Untersuchungen und Studien geäußerten Wünschen und Vorstellungen und der gelebten Realität wurde bislang aber kaum dazu genutzt, Visionen und Leitbilder zu entwerfen und Wege zu ihrer Verwirklichung zu skizzieren. Vielmehr wurde Vätern zum Vorwurf gemacht, erwünschte Antworten zu geben.

Es gibt unbestritten einen „Talking-Action-Gap“. Viel bedeutsamer ist aber, dass das, was vorstellbar oder gar gewünscht ist, Wirklichkeit werden kann, wenn Rahmenbedingungen passen, Anerkennung und Wertschätzung gewährt und entsprechendes Handeln als normal angesehen wird. Ein möglicher Weg dahin ist, die geäußerten Vorstellungen zu einer Vision zu verdichten, sie als Leitbilder attraktiv auszugestalten und zu kommunizieren und sie in der politischen Diskussion mit konkreten Vorhaben zu verknüpfen.

Aktive Väter und aktive Vaterschaft

Die Protagonisten jeglicher Veränderung von Vatersein und Vaterschaft sind die Väter selbst. Auch wenn äußere Rahmenbedingungen einen ganz unterschiedlichen Einfluss haben, so sind und müssen doch die aktiv Handelnden die Väter selbst sein. Es gilt nicht nur politische und rechtliche Forderungen zu stellen und die Stimme der Väter bei Einzelthemen zu vernehmen. Es braucht eine deutliche Verantwortungsübernahme. Indikatoren hierfür wären:

  • Männer und Väter arbeiten in der Familienbildung, in der (schulischen) Bildung, in der Kinderbetreuung, im Care Bereich und in der Familien- und Gleichstellungspolitik
  • Elternzeit ist für Väter Normalität und hat keine Unterscheidung zu den Möglichkeiten der Elternzeit für Mütter
  • Väter gehen in Aushandlungsprozesse der Vereinbarkeit von Familie und Beruf in den Unternehmen und in der Partnerschaft
  • Männer und Väter sind integraler Bestandteil von Gleichstellungspolitik
  • Männer und Väter gestalten Aushandlungsprozesse mit Frauen und Müttern

Gleichwertigkeit von Erwerbs- und Familienarbeit

Das väterliche Engagement für die Familie in Form der materiellen Absicherung der Lebensbedürfnisse durch Erwerbsarbeit wird von Vätern schon seit langen als Arbeit für die Familie betrachtet. Seit Mitte der 80er Jahre äußern sie zudem den Wunsch, neben dieser Ernährerfunktion auch am Aufwachsen der Kinder teilzuhaben, also auch in Familie tätig sein zu wollen. Seitdem hat sich ihr Wunsch, mehr Zeit für die Kinder haben zu wollen kontinuierlich verstärkt. Die Perspektive dies leben zu können ist neben der Qualität der Partnerschaft ein Gradmesser für die Verwirklichung des Kinderwunsches.

Die Gleichwertigkeit der beiden Sphären ist eine bedeutsame Voraussetzung für eine gendergerechte Aufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit. Diese Forderung kann sowohl auf der gesellschaftlichen als auf der individuellen Ebene gestellt und betrachtet werden und beinhaltet materielle, normative und wertebezogene Aspekte. Diese reichen von der Überzeugung „wen oder was Kinder für eine gelingende Entwicklung benötigen“ über steuerrechtliche Lenkungsfaktoren bis hin zu gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wie Angebote zur Kinderbetreuung und ein Schulsystem, das die ‚mithelfenden Familienangehörigen‘ selbstverständlich voraussetzt.

Die Diskussionen und Aktionen um den Gender Pay und Gender Pension Gap bieten Möglichkeiten Bedürfnisse von Vätern einzubringen und ihnen so neue Möglichkeiten zu eröffnen.

Fürsorglichkeit als männliche Kernkompetenz: Caring Men

Der „Caring Men“ erscheint heute noch immer als Utopie oder Realität im Kleinen. Wie vielfältig hier jedoch die gesellschaftliche Realität ist und wie ungewohnt der Blick auf die sorgenden Männer und Väter, wird im Bericht „State of the World’s Fathers“ deutlich und zeigt die Entwicklung einer umfangreichen Strategie, um soziale Normen zu verändern (siehe Abschnitt 6.1). Demnach braucht es entsprechend aufgearbeitetes Datenmaterial, Wissen und Informationen. Veränderungsprozesse über Aktionspläne müssen in allen gesellschaftlichen Bereichen verankert werden; Politik und Verwaltung müssen dies federführend vordenken und umsetzen.

Positionierung von Väterarbeit im Gleichstellungsdiskurs

Väter können und wollen als Partner Verantwortung in Familie und bei anderen Sorgearbeiten übernehmen. In dem Maße, wie Frauen und Müttern bei Ihrem Weg in den Beruf und bei der Überwindung von gläsernen Wänden und Decken Begleitung und Unterstützung angeboten wird, gilt es auch Männern und Vätern den Zugang zu Familie und Careaufgaben zu eröffnen. Dabei leistet Väterarbeit eine wichtige Aufgabe. Wenn sie zudem vernetzt in verschiedenen Einrichtungen und gemeinsam mit Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten auftritt, ist die Wirkung des Engagements noch größer, für Väter und für Mütter.

Eine notwendige Voraussetzung ist dabei eine konsistente und konsequente Gleichstellungs-, aber auch Familienpolitik, die Vätern Kompetenzen im familiären Bereich zuschreibt und solche Fehlanreize wie zum Beispiel das „Ehegattensplitting“ in der Steuerpolitik, beseitigt.

Eine konsistente Gleichstellungspolitik hat Rahmenbedingungen zu schaffen, die  Frauen und Männer in die Lage versetzt, einengende Geschlechterrollen zu überwinden. Hierzu braucht es ein weiteres Umsteuern in der Gleichstellungsstrategie, die Ressourcen von Männern und Frauen nicht alternativ sondern additiv betrachtet.

Hauptamtliche Strukturen in Ministerien, Behörden und Kommunen, professionelle, mit Frauen und Männern besetzte Gleichstellungsstellen, sind ein wichtiger Schritt in der Umsetzung einer für beide Geschlechter begreifenden Gleichstellungspolitik. Neben der strukturellen Einforderung (Top down) braucht es ebenso das Einbringen väterpolitischer und väterspezifischer Angebote in den Gleichstellungsdiskurs (Bottum up).

Kampagnen

Wie in den unterschiedlichsten Themenfeldern beschrieben („Caring Men“, Elternzeit, Vereinbarkeit Familie und Beruf u.a.m.), sind Kampagnen ein geeignetes Mittel, die Ziele der Väterpolitik zu unterstützen. Bisher regional verordnete Kampagnen gilt es einem weiteren Wirkungskreis zu verschaffen und durch Bundeskampagnen weiter zu forcieren.

Hierbei kann auf Erkenntnisse z.B. aus den schwedischen Väter-Kampagnen zurückgegriffen werden, wo bereits langjährige Erfahrungen vorliegen. Darin wurde deutlich, dass Väter sich nicht durch Imperative angesprochen fühlen, sondern sich durch Sensibilität und Verständnis auch für ihre eigene sozial konstruierte Zwangslange angesprochen fühlen (siehe auch „Politische und gesetzliche Rahmen-bedingungen für Vaterschaft“).

Rechte und Gesetze

Am Beispiel des Steuerrechtes wird die zentrale Rolle von Recht und Gesetz bei der Veränderung von gesellschaftlichen Normen deutlich. Heutige Familiensysteme und -strukturen, die Verteilung von Erwerbs- und Hausarbeit, sind ganz wesentlich durch das bestehende Steuerrecht bedingt. Dieses ist so vielseitig verknüpft, dass es kaum durch einzelne Veränderungen aufgebrochen werden kann. Vielmehr braucht es auch hier eine Strategie der Veränderung, die
•    partnerschaftliche Erwerbsarbeitsteilung
•    Unterstützung von Familien mit Kindern
•    Aufwertung von Care- und Familienarbeit
•    Alterssicherung bei Familien- und Pflegearbeit
aufgreift und ermöglicht.

Weitere Rechtsgebiete, wie Unterhalt und Sorgerecht, aber auch Adoption und Vaterschaftsanerkennung müssen auf Relevanz geprüft und Veränderungsbedarfe aufgezeigt werden.

Ausbildung

Um eine nachhaltige Veränderung im Sinne der Väterpolitik zu erreichen, müssen Curricula für die Väterarbeit entwickelt und Bildungsinstitutionen hierfür gewonnen werden.

Dies betrifft die jeweiligen Ausbildungs- bzw. Studiengänge sowie Angebote zum Beispiel für Erzieher_innen und andere Beschäftigte in Einrichtungen, die täglich mit Vätern in Kontakt sind und mit ihnen „arbeiten“, um ihnen zu ermöglichen, diese Arbeit zu reflektieren und zu erweitern.

Hier existieren bereits diverse Fort- und Weiterbildungsprojekte, wie z.B. die „Weiterbildung zur Fachkraft für die Arbeit mit Vätern“ der Katholischen Hochschule Berlin in Zusammenarbeit mit dem Väterzentrum Berlin [2] oder die „Multiplikatorenschulung für Väterangebote in Kindertagesstätten, Familienbildung, Vereinen und Gemeinden“ [3]; Außerdem wurde zu diesem Themenfeld auch im Projekt „Mehr Männer in Kitas“ [4] bereits Fachwissen zusammen getragen. Diese Programme könnten eine Grundlage bilden, die auch in reguläre Lehrpläne einfließen sollte und auch außerhalb klassischer Ausbildungen systematisch einem größeren Publikum zugänglich gemacht werden könnte.

Austausch und Netzwerke für Väterarbeit stärken

Die Angebote für Väterarbeit sind  noch nicht ausreichend. Eine im vergangenen Jahr in Nordrhein-Westfalen durchgeführte Befragung (Fachstelle Väterarbeit NRW [5]), an der sich fast 700 Institutionen beteiligt haben, ergab, dass 64,4 Prozent der Befragten die jeweiligen Angebote für Väterarbeit als unzureichend einschätzten. Ein weiteres Ergebnis der Befragung ist, dass es bei den Fachkräften einen großen Bedarf an Fortbildungen sowie Austausch und Vernetzung gibt. Eine bundesweite Datenlage über Umfang und Ausstattung der Väterarbeit ist bis heute nicht vorhanden, wäre aber ein wichtiges Instrument, um geografische Leerstellen zu bedienen.

Zahlreiche Einrichtungen, von Kindertageseinrichtungen und Familienzentren über Beratungsstellen bis hin zu Familien- und Gleichstellungsbeauftragten in den Kommunen sind auf der Suche nach passenden Ansätzen zur Ansprache von Vätern. Sie machen in ihrer Institution bereits Angebote für Väter und möchten sich mit anderen darüber austauschen, auch um ihre Angebote erweitern oder neue Ideen und Konzepte zur Arbeit mit Vätern zu erhalten.

Eine „Fachstelle Väterarbeit“, wie sie etwa in Nordrhein Westfalen eingerichtet worden ist, hat die Möglichkeit entsprechende Angebote zu entwickeln, Wissen und Erfahrungen zu bündeln und Handlungsstrategien zu entwickeln und kann diese mit den jeweils verantwortlichen Akteur_innen diskutieren. Kooperation mit Organisationen vor Ort zu Vernetzungs- und Austauschtreffen sowie Qualifizierungsangebote zur Ansprache und Einbeziehung von Vätern sollten zum festen Angebot gehören.

An „Werkstattgesprächen zur Väterarbeit“ können sich Frauen und Männer aus den unterschiedlichsten Professionen und Einrichtungen beteiligen und im Rahmen dieser Vielfalt werden sowohl die unterschiedlichsten Lebenslagen von Vätern als auch die jeweiligen beruflichen Perspektiven und Haltungen sichtbar. Dies ist eine gute Voraussetzung dafür, vor Ort Angebote der Väterarbeit professionell weiterzuentwickeln.

Neben den Angeboten zur Fort- und Weiterbildung sind auch Informationsveranstaltungen zu einzelnen Themen eine gute Möglichkeit zur Stärkung der Väterarbeit durch Austausch und Vernetzung. Neben Nordrhein Westfalen und Niedersachsen gibt es auch in Hamburg und Berlin Ansätze für eine „systematische“ Väterarbeit. In Niedersachsen wird gerade ein Handlungskonzept entwickelt und mit dem Väterzentrum in Hamburg und dem Papaladen in Berlin gibt es zwei weitere bundesweite Leuchtturmprojekte. Für die Weiterentwicklung und -verbreitung von Väterangeboten sind kommunale, landes- und bundesweite Vernetzungsstrukturen eine wichtige Ressource; diese gilt es aufzubauen.

Diese Ansätze sind bislang als Projekte mit einem begrenzten Budget finanziert und machen in ihrem Wirkungskreis eine sehr gute Arbeit, sind aber wegen der begrenzten Ressourcen nicht in der Lage ihren Tätigkeitsbereich auszudehnen. Professionelle Väterarbeit benötigt daher auch eine gesicherte finanzielle Grundlage bundesweit in den jeweiligen Förderrichtlinien und -strukturen vor Ort.

Angebote für Väter ausweiten

Väter sind verschieden und haben individuelle Vorstellungen davon, wie sie Vaterschaft leben, Beziehungen zu Ihren Kindern und ihren Partnerinnen gestalten wollen. Dennoch gibt es Erwartungen und Wünsche, die Väter teilen und die für die Gestaltung von Angeboten für Väter genutzt werden können, wie etwa Kitas oder Familienzentren, Familienbildungsstätten, betrieblichen oder kommunalen Gleichstellungsstellen, etc.

Väter verbindet der Wunsch nach Nähe zu ihren Kindern, danach eine tiefe und innige Beziehung zum Kind leben zu können. Die Elternzeit am Beginn der Vaterschaft ist ein idealer Einstieg und wird von Vätern als Investition in die Beziehung zum Kind gesehen.

Väter erkennen zunehmend ihre Bedeutung für die Entwicklung der Kinder. Sie sehen sich nicht als Assistenten ihrer Partnerinnen. Sie suchen Räume, wo sie Väterlichkeit ausprobieren und kommunizieren können. Väterlichkeit ist für sie keine Kopie der Mutterrolle sondern hat ihre eigene Qualität, die unersetzlich ist.

Väter sehen ihre neuen Aufgaben nicht als Negativ zur „alten“ Ernährerrolle. Beides sind für sie gleichberechtigte Säulen ihrer väterlichen Identität. Väter identifizieren sich nach wie vor mit ihrem Beruf, dort erhalten sie Anerkennung und Wertschätzung. In ihrer Familienrealität tragen sie meistens den größeren Teil zum Familieneinkommen bei, was sie nicht pauschal ablehnen, aber dennoch mit anderen Vater-Aspekten vereinbaren wollen (siehe „Vaterschaft im Kontext von Arbeit“).  Diese Gleichwertigkeit von väterlicher und Berufs- und Ernährerrolle führt auch zu Stress und Konflikten bei Vätern.

Diese Entwicklungen zeigen die Spielräume für einen „Geschlechterrollen-Pluralismus“ auf, der auch in Familien dazu beitragen kann, neue „Normalitäten“ zu schaffen. Es braucht aber reale Orte, an denen Männer anderes Verhalten ausprobieren und reflektieren können.

Der Austausch von Vätern untereinander kann dazu beitragen, sich über Probleme mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie klar zu werden, diese offen anzusprechen und Lösungsansätze zu entwickeln. Hierfür eignen sich beispielsweise spezielle Vater-Kind-Kurse oder Vater-Kind-Wochenenden, während der sich Väter untereinander austauschen können.

Vater-Kind-Angebote machen  die Bedeutung von Vätern für die Entwicklung ihrer Kinder bewusst. Die gemeinsamen Erlebnisse und der intensive Umgang bei diesen Veranstaltungen sind intensive Erfahrungen, die Väter und Kinder bewegen . Veranstaltungen dieser Art tragen auch dazu bei, die Hemmschwellen von Müttern abzubauen,  Betreuungsaufgaben an ihre Partner abzugeben. Väter werden hier dazu ermutigt, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen und können feststellen, dass sie den damit verbundenen Herausforderungen auch gewachsen sind. Möglichkeiten zur Umsetzung sind Angebote zu Vater-Kind-Aktivitäten bzw. Vater-Kind-Wochenenden oder sogenannte „Papatage“ in Kindertageseinrichtungen und Schulen.

Angebote und Idee, die ein stärkeres Engagement von Vätern in der Familie befördern, müssen so beworben werden, dass sie die Zielgruppen auch erreichen. Hierbei sollten auch Gruppen und Milieus mitgedacht werden, bei denen das Engagement noch nicht umfangreich ausgeprägt ist oder für die es immer noch Hürden zu Väter-Angeboten gibt. Multiplikationsmöglichkeiten könnten zum Beispiel Migrant_innenselbsthilfeorganisationen, Wohlfahrtsverbände sowie Jugendämter sein. Informationen können, beispielsweise durch Flyer, in Arztpraxen verteilt werden, oder durch gezielte Vorträge an bisher nur unzureichend informierte (werdende) Väter herangetragen werden.

Aktive Vaterschaft scheitert häufig auch an mangelnden Kenntnissen über bestehende Möglichkeiten. Daher ist es wichtig (werdende) Väter mit Informationen zu unterstützen, wie sie Vaterschaft leben und gestalten können. Portale wie vaeter-nrw.de [6] und vaeter-in-niedersachsen.de [7] und diverse Väterblogs bieten umfangreiche Informationen und Handlungsmöglichkeiten für Väter in den verschiedensten Lebenslagen.

Kooperation und Zusammenarbeit mit Frauenarbeit und Familienbildung

Aus der Beschreibung der praktischen Schnittpunkte der Väterarbeit und der immer wieder aufgezeigten Wechselwirkungen im Zusammenwirken mit Frauen und Müttern wird deutlich, dass ein Austausch und gemeinsames Weiterentwickeln mit gleichstellungspolitischer und sozialer Frauenarbeit unerlässlich ist. Strategien, die im Sinne der Väterarbeit entwickelt werden, müssen im konstruktiven Austausch mit Frauenarbeit stattfinden.

Familienbildung ist ein weiterer wichtiger Arbeitsschwerpunkt, da hier wesentliches Potential in der Erreichbarkeit von Vätern und Familien liegt, wobei sie heute noch stark „mütterlastig“ etabliert ist. Dementsprechend müssen Konzepte der Väterarbeit im Rahmen der Familienbildung immer weitere Verbreitung finden.


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