6. Politische und gesetzliche Rahmenbedingungen für Vaterschaft

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vaeter-kapitel2„Recht prägt, stützt, verstärkt oder mildert Rollenbilder ab. Rollenerwartungen beeinflussen Entscheidungen von Frauen und Männern. Sie können rollenkonformes Verhalten unterstützen und rollenabweichendes Verhalten erschweren. Prägen Rollenbilder die Handlungsoptionen für Frauen und Männer in unterschiedlicher Weise, so ist dies von gleichstellungspolitischem Rang“ (BMFSFJ 2013: 234). Diese Aussage aus dem Ersten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung unterstreicht die Notwendigkeit, rechtliche Rahmenbedingungen auch auf ihre Zuschreibungen auf Rollenerwartungen hin zu überprüfen und Konsequenzen aufzuzeigen, die eine politische Auseinandersetzung darüber engführen oder sogar fehlleiten.

Partnerschaftliche Aufgabenteilung – Chancen und Widersprüche

Die von Männern und Frauen gewollte und vom Grundgesetz intendierte Gleichberechtigung der Geschlechter findet ihre Nagelprobe in der alltäglichen Lebensführung und der Aufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit. Diese werden, darauf weist auch die Gesamtevaluation der familienbezogen Leistungen (DIW 2013)  hin, durch ein widersprüchliches Anreizsystem beeinflusst. In der Zusammenfassung wird lediglich eine Maßnahme benannt, die keine Zielkonflikte für die wirtschaftliche Sicherung und Vereinbarkeit von Familie und Beruf  hervorruft: die öffentliche Finanzierung der Kindertagesbetreuung. Der Rechtsanspruch auf einen Kinderbetreuungsplatz hat, ebenso wie steuerliche (Ehegattensplitting) und sozialversicherungsrechtliche (kostenlose Familienversicherung) Faktoren einen erheblichen Einfluss auf die Verteilung und Organisation von Arbeit in den Familien. Mindestens ebenso bedeutsam sind jedoch die individuellen Entscheidungsfindungen und die ihnen zugrundeliegenden Aushandlungsprozesse innerhalb von Partnerschaften. Insbesondere seit der Einführung des Elterngeldes ist der Prozess der Entscheidungsfindung von Paaren Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Untersuchungen. Einen guten Überblick dazu liefert Peukert (2015) in ihrer  Dissertation. Sie untersucht in ihrer qualitativen Studie die Aushandlungsprozesse in Partnerschaften und entwickelt anhand des Aspekts „Wer betreut das Kind?“ vier zentrale Begründungsfiguren, die sich in der Selbst- und Fremdzuschreibung von Betreuungsverantwortung und -aufgaben unterscheiden:

  1. ‚Hegemonic Mothering‘: Beide Elternteile sehen selbstverständlich und einvernehmlich die Mutter in der Betreuungsverantwortung, während der Vater als (deutlich) weniger kompetent und verantwortlich positioniert wird.
  2. ‚Sameness Taboo‘: Beide Elternteile verstehen sich auf Paarebene als potenziell egalitäre Betreuungspersonen. Der Vater versucht jedoch implizit über geschlechterdifferenzierende Annahmen seine Betreuungsverantwortung zu minimieren.
  3. ‚Maternal Gatekeeping‘: Die Mutter schreibt sich selbst die Hauptverantwortung für die Betreuung des Kindes zu und versucht das Engagement des Vaters zu begrenzen. Der Vater hingegen versteht sich als egalitärer Elternteil und widersetzt sich dem ‚Maternal Gatekeeping‘.
  4. ‚Equally Shared Parenting‘: Beide Elternteile sehen sich selbstverständlich, einvernehmlich und im gleichen Maße in der Betreuungsverantwortung. (ebd.: 279)

Auch bei der Frage „Wer nimmt wie lange Elternzeit?“ weist die Autorin anhand der von ihr untersuchten Paare nach, dass nicht nur die Nominalwerte der Erwerbseinkommen und die beruflichen Rahmenbedingungen maßgeblich sind. „Vielmehr handelt es sich bei den Aushandlungen um eine Konstruktion von Realität, durch die Handlungsoptionen […] wahrgenommen werden.“ (ebd.: 217)

Die vier Begründungsfiguren spielen auch bei der Elternzeitaufteilung eine Rolle. Peukert weist systematische Unterschiede nach, welche Erwerbstätigkeiten, Karriere(n) und Einkommen in den Aushandlungen der Paare zur Elternzeit relevant bzw. nicht relevant gemacht werden.

In diesem Zusammenhang ist es bedeutsam, die  wechselseitigen Einflüsse zwischen den Rahmenbedingungen und der Entstehung der „Begründungsfiguren“ bzw. der Möglichkeiten diese zu beeinflussen, zu betrachten. Dass traditionelle Begründungsmuster keine Konstanten sind, lässt sich an den Entwicklungen in skandinavischen Ländern seit der Einführung gleichstellungsorientierter Familienpolitiken beobachten: Island bindet je einige Monate (vormals drei, inzwischen fünf Monate) der Elternzeit an den Vater bzw. die Mutter, was bereits 2008 dazu führte, dass 90% aller Väter diesen Zeitraum – bei 80%igen Lohnausgleich durch den Staat – auch tatsächlich in Anspruch nahmen. Schweden setzt hingegen seit den 70er Jahren nicht auf reservierte Elternzeit-Monate,  sondern auf Überzeugungsarbeit an Müttern und Vätern. Ergänzend zur hochflexiblen und -egalitären Elterngeldregelung werden Kampagnen in Form von Fernseh-Spots und Plakaten durchgeführt. Diese betonen die gleiche Befähigung und das gleiche Recht von Männern und Frauen an der Pflege und Erziehung ihrer Kinder teil zu haben (vgl. Bundesforum Männer 2015; Eydal 2016).

  • Die Rollenbilder von Eltern werden wesentlich von familien- und sozialpolitischen Leistungen mit beeinflusst
  • Leistungen wie das Ehegattensplitting oder die Familienversicherung  wirken wie staatliche Subventionen traditioneller Familienmodelle
  • Gleichstellung „in den Köpfen“ kann nur erreicht werden, wenn staatliche Leistungen konsequent die gleiche Anteilnahme von Eltern an Familien- und Erwerbsleben ermöglichen ohne eine bestimmte Aufteilung von Familien- und Erwerbsarbeit einseitig zu fördern

Gleichstellungsbedarfe nicht-verheirateter Väter

Väter (und Mütter) leben Familie heute in verschiedenen Beziehungsformen: verheiratet oder unverheiratet; in einem gemeinsamen Haushalt oder in mehreren Haushalten; gemeinsam, getrennt oder alleinerziehend; in hetero- oder homosexuellen Partnerschaften. Die Beantwortung der Frage, welchen Status bzw. welche Rechte Väter in welcher Konstellation haben, beantragen und ggf. bekommen können, liefert auch einen Hinweis darauf, welche (Rollen-)Erwartungen damit verbunden sind und welche Bedeutung Vätern zugeschrieben wird (siehe unten „Das Wechselmodell – Gleichstellung trotz Trennung“). Der Gradmesser für die Anerkennung dieser Bedeutung ist das Sorgerecht.

Während Männer eines in einer Ehe geborenen Kindes automatisch Väter mit allen Rechten und Pflichten sind, unabhängig davon, ob sie es biologisch tatsächlich sind, müssen Väter die nicht in dieser Rechtsform leben, erstens die Vaterschaft anerkennen und zweitens das Sorgerecht beantragen. Bis 2013 war dies ohne die Zustimmung der Mutter nicht möglich, nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 21. Juli 2010 war der Gesetzgeber aufgefordert eine Änderung des §1626a BGB vom 16. Dezember 1997 (Bundesanzeiger 1997) umzusetzen und dabei zu beachten:

a) dass Väter, die nicht mit der Mutter des gemeinsamen Kindes verheiratet sind, in der Regel willens und fähig sind, die Sorgeverantwortung für ihre Kinder zu übernehmen und

b) durch eine Minimierung aller rechtlichen und rechtspraktischen Hürden zum Ziele einer kindschaftsrechtlichen Gleichstellung von verheiraten und nicht miteinander verheirateten Eltern die Gleichheitsgebote aus Art. 6 Abs. 2 und 5 sowie Art. 3 Abs. 2f. GG tatsächlich erfüllt werden.

c) Ferner ist bei der Neuregelung des Sorgerechts darauf zu achten, dass sie auch Familien- und Lebensformen angemessen berücksichtigt, die nicht dem klassischen Muster der heterosexuellen Ehe mit Kindern entsprechen (BMFSFJ 2013: 53ff).

Das Bundesforum Männer hat seinerzeit in einer Stellungnahme [1] erklärt, „dass Väter für die Entwicklung von Kindern wichtig sind. Je fürsorglicher sie diese Aufgabe wahrnehmen können, desto positiver ist dies für die Entwicklung der Kinder. Vor diesem Hintergrund schlägt das Bundesforum Männer eine Regelung vor, die dem nichtverheirateten Vater das Sorgerecht nach der Anerkennung der Vaterschaft automatisch zuerkennt“ (ebd.).

Im Bundestag ist am 31. Januar 2013 ein Gesetz zur Neuregelung des Sorgerechts unverheirateter Eltern verabschiedet worden: Väter können nun auch gegen den Willen der Mutter vor Gericht eine Beteiligung am Sorgerecht beantragen – vorausgesetzt die Mutter bringt keine Gründe vor, die eine Gefährdung des Kindeswohls behaupten. Diese Regelung genügt zwar offensichtlich der Forderung des Verfassungsgerichts Lebensformen außerhalb der Ehe angemessen zu berücksichtigen, von einer Gleichstellung und vor allem einer Anerkennung der Bedeutung der Väter ist diese Regelung aber immer noch weit entfernt.

Diese Normsetzung ist umso bedeutsamer, da die Zahl der in nichtehelichen Partnerschaften geborenen Kinder seit Jahren zunimmt: sie beträgt in den alten Bundesländern im Durchschnitt inzwischen 27%, in den neuen Bundesländern ist sie mit 61% mehr als doppelt so hoch (Pötzsch 2012).

  • Das Sorgerecht ist der zentrale Gradmesser dafür, ob und unter welchen Umständen Väter für ihre Kinder Verantwortung übernehmen dürfen.
  • Väter sollten, ebenso wie Mütter, ohne Vorbehalt als für ihre Kinder förderlich und sorgeberechtigt anerkannt werden. Andernfalls kann nicht von einer ernsthaften Gleichstellungs-Absicht gesprochen werden.
  • Die Neuregelung des Sorgerechts brandmarkt nicht-verheiratete Väter noch immer als optional und potentiell destruktiv.

Trennung und Scheidung – Doppelte Unterhaltskosten

Trennung und Scheidung sind inzwischen zur Normalität geworden. Jährlich erleben in Deutschland ca. 200.000 Kinder die Trennung ihrer Eltern. Bei einer Trennungsrate von derzeit durchschnittlich 46% aller geschlossenen Ehen und Lebensgemeinschaften besteht heute für eine große Zahl von Kindern die Wahrscheinlichkeit, im Verlauf ihrer Biografie die Trennung ihrer Eltern und damit verbunden erhebliche Veränderungen ihres familiären Gefüges zu erleben.

Trennung ist ein einschneidendes Erlebnis für alle beteiligten Familienmitglieder, das diese oftmals tief erschüttert. Bei Kindern steht es in der psychologischen Stress-Skala auf dem zweiten Platz unmittelbar hinter dem Ereignis Tod eines Familienmitglieds. Auch für die beteiligten Väter und Mütter bedeutet Trennung einen hohen Stresswert mit erheblichen Auswirkungen auf Handlungsfähigkeit, Gesundheit und Arbeitsvermögen (Serafin 2015: 141).

Im Widerspruch zum vorherrschenden Leitbild einer gleichgestellten Teilhabe von Frauen und Männern an Beruf, Familienleben, Hausarbeit, Kindererziehung reagieren im Trennungsfall sowohl die Betroffenen selbst als auch die am Verfahren beteiligten Institutionen in der Mehrzahl der Fälle mit einem Rückgriff auf ein traditionelles Familienmodell und tradierte Rollenklischees. Den Müttern wird die Verantwortung für das Zusammenleben mit dem Kind und die Kindererziehung, den Vätern die Rolle des Ernährers zugewiesen. Hier findet gewissermaßen eine „ideologische Rolle rückwärts“ in das Familienbild der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts und zum Modell der Hausfrauen-Ehe statt (ebd.).

Väter, die eine Trennung oder Scheidung erlebt haben, möchten den Kontakt zu den Kindern aufrecht halten und übernehmen ihre Verantwortung durch Unterhaltszahlungen, in der Wahrnehmung gemeinsamer Sorge und in einem regelmäßigen Umgang. Im Falle einer „einvernehmlichen“ Trennung gelingt dies in der Regel. In strittigen Verfahren werden Väter häufig ausgebootet und verlieren den Kontakt zum Kind vorübergehend oder sogar dauerhaft.

Zu diesen psychischen Belastungen kommen die wirtschaftlichen Folgen: Trennung und Scheidung sind für die betroffenen Familien oft auch ein wirtschaftliches Desaster. In der Regel führen beide Eltern nach Trennung und Scheidung einen eigenen Haushalt. Dies belastet das zur Verfügung stehende Familieneinkommen erheblich stärker. Hinzu kommen die Kosten, die beide Eltern mit der Versorgung ihrer Kinder haben. Demgegenüber werden getrennt lebende Familien steuerlich durch den Wegfall der Splittingvorteile und einer ungünstigeren Steuerklasse zusätzlich belastet.

Eine zusätzliche finanzielle Belastung besteht für Väter,  die sich über das „Wochenend-Papa“-Sein in die Betreuung einbringen und den Alltag der Kinder miterleben und gestalten. Ihnen entstehen Kosten für Betreuung und Versorgung der Kinder, sowie eventuell auch erhebliche Fahrtkosten, wenn sich die Mutter z.B. aus beruflichen Gründen oder wegen einer neuen Partnerschaft zu einem Umzug entscheidet. Bei der Bemessung des Barunterhalts werden die Unterhaltskosten für ein Kind aber bislang erst bei einem 50-50 Modell berücksichtigt. Für Mütter, die auf den vollen Barunterhalt angewiesen sind, besteht zunächst ebenfalls kein Anreiz, ihre Ex-Partner und Väter ihrer Kinder stärker in die Betreuung einzubinden, da dies gekürzte Zahlungen nach sich ziehen würden.

Prekär kann die Lebenslage für diejenigen Väter (und Mütter) werden, die nach Trennung und Scheidung eine neue Familie gründen. Auch wenn mit der Reform des Unterhaltsrechts im Jahr 2008 der nacheheliche Unterhalt zeitlich begrenzt wurde, sind neue Partnerinnen (bzw. Partner) und weitere Kinder ebenfalls von den (wirtschaftlichen) Trennungsfolgen betroffen.

Getrennt erziehende Väter werden von ihrem Umfeld und ihren Betrieben oft nicht als Väter wahrgenommen. Sie arbeiten seltener in Teilzeit, nehmen seltener Elternzeit und haben oft Probleme, eine Freistellung oder Urlaub entsprechend den Anforderungen der Betreuung ihrer Kinder, insbesondere, wenn die Mutter mit den Kindern an einen anderen Ort gezogen ist, sicherzustellen (Severin 2015).

Im Sinne der grundgesetzlich geforderten gleichberechtigten Teilhabe von Müttern im Erwerbsleben und Vätern bei der Erziehung ihrer Kinder, ist der Gesetzgeber gefordert, die Rahmenbedingungen für Väter und Mütter nach einer Trennung neu zu gestalten: Geteilte Erziehungs- und Versorgungsverantwortung muss die Regel sein und gegenseitige Ansprüche ab einem 30%igen Erziehungsanteil berücksichtigt werden, ohne dass der oder diejenige, die den größeren Anteil an der Erziehungsverantwortung trägt, finanziell Not leiden muss.

  • Väter wollen auch nach einer Trennung weiterhin am Alltag ihres Kindes teil haben und nicht auf die Rolle des Zahlvaters reduziert werden.
  • Nach einer Trennung werden Väter oftmals doppelt belastet: einerseits finanzieren sie die Unterhaltskosten der (hauptsächlich) betreuenden Mutter mit. Andererseits tragen sie im Umgang mit ihrem Kind weiterhin eigene Unterhalts- und Fahrtkosten.
  • Die aktuelle Rechtslage fördert vor allem das Interesse von Müttern die hauptsächliche Betreuungs- und Erziehungsverantwortung für sich zu beanspruchen. Damit werden monetäre Anreize gegen eine paritätische Erziehung und Betreuung nach Trennung gesetzt
  • Bereits die Berücksichtigung eines 30%igen Erziehungsanteils bei der Berechnung von Unterhaltskosten würde das Konfliktpotential reduzieren und die weiteren monetären Belastungen der Väter ebenfalls kompensieren.

Das Wechselmodell – Gleichstellung trotz Trennung

Väter sind bereit, auch nach einer Trennung oder Scheidung Verantwortung für ihr Kind / ihre Kinder zu übernehmen und zwar nicht nur als Zahlväter sondern in einer Beziehung und einem Umgang, der ihnen erlaubt, den Alltag mit zu erleben und zu gestalten. Die herkömmliche Umgangsregelung, alle 14 Tage am Wochenende, vielleicht einen Nachmittag pro Woche und die Hälfte der Sommerferien, reichen dazu nicht aus. Das klassische „Residenzmodell“ – das Kind bzw. die Kinder haben ihren Lebensmittelpunkt bei der Mutter und „besuchen“ den Vater an den Wochenenden – führt vielfach zu Konflikten zwischen den Eltern, da sich Mütter in ihrer Lebensgestaltung eingeschränkt und Väter vom Alltag ausgeschlossen fühlen.

Die Möglichkeit diese beiderseitigen Restriktionen zu minimieren besteht in dem Modell der „Paritätischen Doppelresidenz“ bzw. dem „Wechselmodell“. Das Wechselmodell ist ein „Gegenentwurf‘‘ zum Residenzmodell. Es wird durch drei Aspekte definiert:

  1. Im Wechselmodell verbringen Kinder im Idealfall annähernd gleich viel Zeit bei beiden Eltern, nicht bei einem Elternteil viel und beim anderen wenig. Der Zeitanteil beträgt beim weniger betreuenden Elternteil mindestens 30%. Das ist nicht sehr viel, denn auch im Residenzmodell verbringen Kinder, wenn das Umgangsrecht „großzügig‘‘ gehandhabt wird, ca. 30% beim Besuchselternteil. Jedoch verbringen die Kinder ihren Alltag mit beiden Eltern und teilen den Alltag der Eltern, es gibt nicht einen Alltagselternteil und einen Freizeitelternteil. Das unterscheidet ein Wechselmodell mit asymmetrischer Zeitverteilung von einem Residenzmodell mit ausgiebigen Umgangskontakten.
  2. Im Wechselmodell sind Kinder bei beiden Eltern zuhause. Es gibt nicht eine Hauptbezugsperson und einen Ergänzungselternteil. Das Elternhaus bei Mutter und Vater ist gleichwertig, unabhängig vom quantitativen Betreuungszeitanteil, und gleich wichtig. Es gibt nicht ein Zuhause und ein Besuchsquartier.
  3. Im Wechselmodell tragen beide Eltern trotz Trennung und Scheidung weiterhin die Verantwortung für ihre Kinder. Weder nimmt ein Elternteil die Alleinentscheidungsbefugnis über Belange des Kindes für sich in Anspruch, noch zieht sich der andere Elternteil aus der praktischen und moralischen Verantwortung für seine Kinder zurück. Vater und Mutter sind gleichberechtigt, sie tragen elterliche Verantwortung im Alltag gemeinsam oder teilen sie sich auf, nicht nur in Grundsatzentscheidungen. Sie sind gleich wichtig für das Kind und agieren auf Augenhöhe (Sünderhauf 2013).

Im Oktober 2015 hat der Europarat einstimmig die Resolution „Gleichheit und gemeinsamen elterlichen Verantwortung“ verabschiedet. Kernpunkte der Erklärung sind der Abbau der Diskriminierung von Vätern, die Verankerung der paritätischen Doppelresidenz in den nationalen Gesetzen und ein Hinwirken auf konsensorientierte Lösungen nach Trennung und Scheidung.

Die Erfahrungen  auch mit anderen multilokalen Familienkonstellationen (Patchworkfamilie, Nestmodell, etc.) zeigen, dass Kinder davon profitieren, wenn sie weiterhin intensiven Kontakt zu beiden Eltern gleichermaßen haben und auf die Ressourcen von Vater und Mutter zurückgreifen können (ebd.). In Deutschland ist dieses Modell gesetzlich und rechtlich aber noch nicht etabliert.

Der Deutsche Familiengerichtstag hat sich 2014 zum Wechselmodell geäußert (Haufe.de [2]) und den Gesetzgeber aufgefordert, die bestehende Rechtslage zu überprüfen und im Sinne der Väter zu verändern. Als Konsequenz hat das Bundesfamilienministerium im Frühjahr 2015 die Studie „Kindeswohl und Umgangsrecht“  in Auftrag gegeben. Ziel ist u.a. zu überprüfen, ob die bisherigen Prämissen des Gesetzgebers, „dass Kinder für eine ungestörte Entwicklung mit beiden Eltern Umgang haben sollen und das einvernehmlich getroffene Regelungen zwischen Eltern am besten für das Kindeswohl sind“ noch der Lebenswirklichkeit entsprechen (BMFSFJ 2015).

Damit dokumentiert der Gesetzgeber, dass er (noch) nicht willens ist, Konsequenzen aus den vorliegenden internationalen Forschungsergebnissen (Sünderhauf 2013) zu ziehen und eine gesetzliche Regelungen in die nächste Legislaturperiode verschieben möchte. Dabei bietet die Trennungserfahrung als transitorische Situation, so schmerzhaft sie im Einzelfall auch sein mag, einen Ansatzpunkt, das traditionelle Care-Regime sowohl normativ wie auch im tatsächlichen Handeln zu verändern.

Für das Bundesforum Männer geht es bei der Gestaltung einer gesetzlichen Regelung nach Trennung und Scheidung vor allem darum:

  1. aufzuzeigen, dass die elterlicher Verantwortung auch nach einem Scheitern der Partnerschaft fortbesteht und Kinder von den Ressourcen von Vätern und Müttern profitieren.
  2. Vätern, die (auch) nach einer Trennung oder Scheidung mehr als ein Wochenendvater sind und Betreuungsverantwortung übernehmen, ist dies bei der Berechnung des Barunterhalts zuzuerkennen.
  3. ein Gesetz, eine Rechtsprechung und Rechtspraxis zu etablieren, die deutlich macht, dass partnerschaftliche Aufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit auch nach einer Scheidung möglich und gewollt ist.

Nach dem Stand der internationalen Forschung und der Diskussion im Umfeld der Resolution 2079 des Europarats [3] ist das Wechselmodell bzw. die paritätische Doppelresidenz eine Regelung, die diesen Ansprüchen gerecht wird und als ein gesellschaftliches Signal wirken kann. Ein Signal dafür, dass eine vernünftige Regelung im Sinne der gedeihlichen Entwicklung der Kinder gewollt ist und Konflikte nicht länger auf ihrem Rücken ausgetragen werden können.

  • Das Residenzmodel spielt die Interessen von Vätern und Müttern gegenseitig aus: Müttern wird die alleinige Verantwortung für Versorgung und Erziehung von Kindern zugeschrieben, Väter werden aus dem Alltag ausgeschlossen und zur Familien-Peripherie degradiert
  • Internationale Erfahrungen und Forschungen zeigen, dass das Wechselmodell als Alternative geeignet ist, um beide Eltern gleichermaßen in den Alltag der Kinder einzubinden.
  • Eine  Erziehungs- und Versorgungspartnerschaft ist auch außerhalb einer Paar-Beziehung möglich. Dazu braucht es aber eine Rechtslage, die diese Partnerschaft ermöglicht und fördert.

Der Vater im Gleichstellungsdiskurs – Problem oder Partner?

Die Einführung des Elterngeldes zum 1. Januar 2007 wird von einer Kampagne des Bundesfamilienministeriums begleitet, die Väter zwar einbezieht, aber immer noch auf ihre Assistentenrolle verweist: „Krabbeln lerne ich bei Mama, laufen dann bei Papa“. Diese Aussage ist symptomatisch für die Rolle, die Vätern im Gleichstellungsdiskurs zugewiesen wird. Sie werden nicht als Subjekte mit eigenen Anliegen, Interessen und Ressourcen angesprochen, sondern mit Erwartungen konfrontiert, denen sie zu genügen haben. Sie sollen durch ihre Elternzeit den Wiedereinstieg der Partnerin unterstützen, durch Reduzierung von Arbeitszeit berufliche Entwicklung von Frauen ermöglichen etc.

Vor dem Hintergrund, dass die Wünsche von Vätern nach Partnerschaftlichkeit und die ihnen zugrunde liegenden Vaterschaftskonzepte seit langem eine stabile Konstante bilden (Fthenakis/Winsel 2002) ist dies genauso unverständlich wie die Ignoranz gegenüber den Erfahrungen der skandinavischen Länder.

Um Väter zu bewegen, Elternzeit in Anspruch zu nehmen, werden in Schweden seit 1976 Kampagnen durchgeführt. In zahlreichen TV-Spots, Filmen und Postern wurden Väter bei Tätigkeiten der alltäglichen Kinderpflege wie Windeln wechseln, Fläschchen geben und füttern und Schaukeln auf Spielplätzen anschubsend, präsentiert. Die Kampagnen waren durch eine optimistische Einstellung im Hinblick auf die Motivation und die Fähigkeiten von Männern, die neuen Vaterschaftsideale bereitwillig anzunehmen, gekennzeichnet. Um die Veränderungen der Männer zu beschreiben, werden Bezeichnungen wie „stille Revolution“ genutzt. In Übereinstimmung mit der Politik in anderen Feldern werden die Kampagnen von einer konsensualen Perspektive auf die Beziehungen der Geschlechter geleitet. Externe Bedingungen werden mehr, Widerstände der Männer weniger hervorgehoben; Männer werden eher als Opfer der Rahmenbedingungen statt als verantwortlich Handelnde dargestellt. Seit 2002 haben die Kampagnen einen neuen Schwerpunkt, der die geschlechtergerechte Aufteilung im Sinne “jeder die Hälfte” in den Vordergrund stellt. Phrasen wie „nutze die Chance“, „nimm dir mehr Zeit für dein Kind“ wurden aus dem Material entfernt. Eltern wird seitdem nahegelegt, dass es vollkommen normal und selbstverständlich ist, Elternzeit paritätisch aufzuteilen. Elternzeit wurde als Teil einer umfassenden Strategie für Geschlechtergerechtigkeit betrachtet und die Möglichkeiten für beide, Männer und Frauen hervorgehoben.

Diese Beispiele machen deutlich, welche Chancen in einer umfassenden Kommunikation einer gleichmäßigen Nutzung des Elterngeldes und der Aufteilung von Arbeitszeiten stecken. Voraussetzung für deren Erfolg ist jedoch, Väter und Mütter als verantwortliche Subjekte zu adressieren, die darüber entscheiden, wie sie Familien- und Erwerbsarbeit aufteilen wollen.

Im ersten Gleichstellungsbericht ist durch die Lebensverlaufsperspektive und dem Ansatz, Entscheidungen zu analysieren, die, obwohl vielfach einvernehmlich getroffen, zu einseitigen Nachteilen führen, ein erster Grundstein dazu gelegt worden, auch wenn der Blick in erster Linie auf die Nachteile für Frauen gelegt worden ist. Der momentan entstehende zweite Bericht wird aus väterpolitischer Sicht daran zu messen sein, inwieweit er die Verwirklichungschancen von Männern, vielfältige Vaterschaft zu leben und die „Wahlfreiheit“ auch Care-Arbeiten wahrzunehmen, in den Blick nimmt.

Auch bei der Novellierung des Bundesgleichstellungsgesetzes im Frühjahr 2014 ist eine Perspektiverweiterung vorgenommen und Männer als mögliche Adressaten von Gleichstellung mit einbezogen worden. Dies entspricht dem Ansatz, Situation, Bedürfnisse und Bedarfe von Männern und Frauen gleichermaßen in den Blick zu nehmen, ohne sie gegeneinander auszuspielen. Hierbei helfen hauptamtliche Strukturen in Ministerien, Behörden und Kommunen, professionelle, mit Frauen und Männern besetzte Gleichstellungsstellen. Die Ansätze dazu wurden insbesondere auf Druck von frauenrechtlichen Akteurinnen und Akteuren wieder aus dem Gesetzesvorhaben gestrichen (vgl. z.B. Rehmenetz.de [4]).

  • Männer und Väter werden im deutschen Gleichstellungsdiskurs nicht aktiv als Subjekte mit eigenen Vorstellungen und Bedarfen adressiert, sondern immer noch zu oft unter der Perspektive, die Gleichstellung von Frauen zu fördern.
  • Männer und Frauen müssen in der gesellschaftlichen Diskussion, im beruflichen Bereich  ebenso wie in Politik und Verwaltung, als gemeinsame Akteure von Gleichstellung behandelt werden.
  • Männer und Väter brauchen keine Vorgaben von oben. Sie brauchen Unterstützung und Befürwortung, um eigene Bedürfnisse und Interessen zu formulieren und  in  gesellschaftlichen oder betrieblichen Bereichen umzusetzen.
  • Professionelle Gleichstellungsarbeit kann nur von Männern und Frauen gemeinsam geleistet werden. Dazu bedarf es auch männlicher Akteure, als Ansprechpartner und Interessenvertreter in der Gleichstellungsarbeit. Die Beachtung männlicher Interessen und Perspektiven ist dabei nicht als Position gegen weibliche Interessen zu verstehen und umgekehrt.


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