1. Väter und Vaterschaft in Veränderung

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vaeter-kapitel1Vaterschaft und Vater-Sein sind seit jeher keine feststehenden Größen, sondern stetig im Wandel. Gesellschaftliche Wandlungsprozesse haben sich in den zurückliegenden Jahrzehnten erheblich beschleunigt, was auch für Vaterschaft und Vater-Sein gilt. Auch in der Forschung spiegelt sich das wider. Mitte der 1980er erschien Wassilios Fthenakis‘ zweibändiges Überblickswerk „Väter“, was als Startschuss für die deutschsprachige Väterforschung gesehen werden kann. Ganz allmählich nahm die Forschung rund um das Thema „Väter“ Fahrt auf und erst seit wenigen Jahren kann von einer breiteren Väterforschung die Rede sein. Das gleiche gilt für den politischen Raum. Zwar wird schon immer auch das soziale Feld politisch gerahmt, in dem Vaterschaft stattfindet, aber erst in den letzten gut zehn Jahren nimmt eine aktiv gestaltende Väterpolitik Kontur an. Parallel dazu ist ein normativer Wandel zu beobachten. Das alte patriarchalische Väterbild wird abgelöst oder zumindest aufgeweicht durch das Bild von aktiver und partnerschaftlicher Vaterschaft. Politische Anreize wie das Elterngeld unterstützen diesen Wandel. Eine Vielzahl von Vaterschaftsmodellen ist heute gelebte Realität. Diese Vielfalt ist anerkennenswert und zu fördern – politisch, in der sogenannten Väter-Arbeit, in Unternehmen und Betrieben und nicht zuletzt auch in den individuellen Partnerschaften.

Mit diesem Beitrag soll der Versuch einer allgemeinen Annäherung an das Themenfeld Vaterschaft und Vater-Sein unternommen werden. Ausgehend von eher allgemeinen Betrachtungen im ersten Teil (1.1 bis 1.5) wird Vaterschaft im zweiten Teil (2.1 bis 2.8) vertiefend unter einer vergleichenden Ost-West-Perspektive beleuchtet. Im ersten Teil werden zunächst identitätsstiftende Grundlagen von Vaterschaft umrissen (1.1) und daran anschließend einige Entwicklungslinien (1.2), sozioökonomische Aspekte (1.3) und die heutigen Lebenswelten von Familien (1.4) näher in den Blick genommen. Ein erstes Zwischenresümee (1.5) umreißt aktuelle Herausforderungen für Väter, bevor dann im zweiten Teil (2.1 – 2.4) auf einige Unterschiede aber auch auf Übereinstimmungen im Ost-West-Vergleich eingegangen wird.

Annäherungen an das Themenfeld Vaterschaft

Kulturelle Erbschaften und ihre Weiterentwicklung

Unzweifelhaft ist, dass (werdende) Väter nicht ungebrochen an überlieferte Bilder von Vaterschaft und Vater-Sein anknüpfen können. Viele der überkommenen Vater-Bilder werden heute eher negativ gesehen: Der abwesende Vater, der strafende Vater, der Vater als Familienoberhaupt oder der Wochenendvater. Dennoch, diese Bilder spiegeln reale Erfahrungen von heutigen und früheren Vätern (und Müttern) wider, und ein konstruktiver Umgang damit bedeutet gesellschaftliche Herausforderungen. Auch alte und persönlich abgelehnte Bilder können nicht einfach abgelegt werden, wie ein altes Hemd. Sie wirken bewusst oder unbewusst lange nach, auf der persönlichen wie der strukturellen Ebene. Was bleibt ist eine gewisse Verunsicherung und ein latentes Gefühl, dass Vaterschaft gegenüber Mutterschaft gesellschaftlich als zweitrangig gesehen wird (Streidl 2015).

In der Männer- und der Väterforschung werden die tradierten Rolleneigenschaften und Rollenzuschreibungen sichtbar gemacht, die bis heute kulturell verankert und zum Teil noch stark wirksam sind (Böhnisch 2013; Majdanski 2012; Volz/Zulehner 1999 / 2009). Demnach sind die nachstehend aufgelisteten Begriffe für viele Männer persönlich nachvollziehbar, bieten Orientierung und stellen geradezu ein Grundgerüst väterlicher Identität dar. Dazu gehören:
•    Entdeckergeist
•    Zielfokussierung
•    Schutz nach außen
•    Außenorientierung
•    Distanz und Grenzen setzen
•    Klarheit
•    Verantwortung tragen
•    Sorge und Versorgung
•    körperliche und mentale Stärke/Selbstwertgefühl
•    mit wenigen Worten klarkommen

Rolleneigenschaften und -zuschreibungen wie diese sind kulturell geformt und überliefert, sie sind jedoch angesichts heutiger Anforderungen an das Vatersein für eine umfassende Beschreibung von Vaterschaft unzureichend (Le Camus 2006; Behse-Bartels 2013: 26ff.). Diese Konstruktionen entstanden in früheren sozialen Wirklichkeiten von Vater-Sein, zu denen, anders als heute, nicht unbedingt zählte, eigenhändig die Kinder zu versorgen, Kinder zu verstehen, mit ihnen in Kontakt zu gehen, im Sinne der Kinder in Kontakt mit der Außenwelt zu treten, den eigenen Rhythmus dem Tempo der Kinder anzupassen. Auch wenn Partnerschaftlichkeit in gewisser Weise seit den Ehe- und Familienrechtsreformen in den 1970er Jahren qua Recht und Gesetz zur Norm erklärt wurde, so sind gleichberechtigte Aushandlungen mit Partnerin oder Partner oder gar mit dem Kind selbst noch immer nicht durchgängiger Familienalltag. Haushaltsaufgaben zu übernehmen oder sich um die eigene Gesundheitsfürsorge und die von Familienangehörigen zu kümmern wird zunehmend normaler für Männer und Väter, von paritätischer Aufgabenübernahme kann aber im Allgemeinen keine Rede sein (BMFSFJ 2015: 83ff.). Klar ist jedoch, dass Änderungsprozesse beobachtbar sind. Ebenso klar ist, dass sich eindeutige Rollenkonstruktionen von Vater und Mutter mit Blick auf die erweiterten Aufgaben und Herausforderungen von heutigem Elternsein nicht mehr ausmachen lassen. Im Gegenteil, eine Identität von Mutter-Sein oder Vater-Sein fügt sich aus unterschiedlichen Handlungsrepertoires zusammen und bleibt im stetigen Prozess, der parallel zum Aufwachsen der Kinder verläuft.

  • Traditionelle männliche und väterliche Identitäten und Verhaltensmuster sind in der Auflösung begriffen. Für Männer bedeutet dies, dass sie neue Rollen für sich (Er-)Finden müssen.
  • Kulturell überlieferte Rolleneigenschaften an Väter sind zwar immer noch wichtig, jedoch müssen Väter heutzutage noch weitere Eigenschaften integrieren.
  • Die Zuteilung von Zuständigkeiten und Handlungsfeldern an Mütter oder Väter nach stereotypen Rollenbeschreibungen kommt damit in eine Sackgasse. Männer, Frauen und Kinder profitieren mehr davon, wenn die Partner_innen ihre Tätigkeiten anhand ihrer tatsächlichen Fähigkeiten und Vorstellungen aufteilen können.

Entwicklungen moderner Vaterschaftsaspekte im Rückblick

Wie es dazu kommen konnte, dass früher als ganz normal geltende Vaterschafts-Verständnisse heute mehrheitlich negativ bewertet werden, soll im folgenden Abschnitt ein wenig erhellt werden, indem der Werte- und Kontextwandel als Folie – zugegeben holzschnittartig – umrissen wird, vor der Vaterschaft zu sehen war und ist. Eine historische Studie ist an dieser Stelle nicht zu leisten, aber der Rückblick in die jüngere Geschichte ist spannend und wichtig, um heutige Situationen und Herausforderungen besser zu verstehen.

Die Vorstellungen von und die Erwartungen an Familie unterliegen ebenso wie die Erwartungen an Väter einem kontinuierlichen Wandel, der eng verknüpft ist mit dem Wandel der Produktions- und Reproduktionsverhältnisse. Mit der Beschleunigung dieser Veränderungen im Zuge der technologischen Entwicklung einerseits und der zunehmenden Individualisierung andererseits wandeln sich auch Väter und die gesellschaftlichen Vorstellungen von Vaterschaft. So gilt beispielsweise Vater-Sein nicht mehr als zwingender Bestandteil von Männlichkeit. Heute stehen alternative Männlichkeits- und Lebenskonzepte nebeneinander.

Im Rückblick auf die Väter- und Großvätergenerationen wird unmittelbar deutlich, dass ein großer Entwicklungsschritt stattgefunden hat. Das Ende des 2. Weltkrieges kann dabei als eine Zäsur gesehen werden. Bis dahin galten patriarchale und strafende Väter, die bedingungslosen Gehorsam von der Familie und den eigenen Kindern einforderten, als herrschende Norm. Die erste Nachkriegsgeneration sollte dieses Selbstverständnis ab Mitte der 1960er Jahre radikal in Frage stellen. Allmählich entwickelte sich als neue elterliche Norm, mit den eigenen Kindern auf Augenhöhe zu leben, sie nicht durch Züchtigung und Gewalt zu erziehen und ihnen Liebe und emotionale Nähe zukommen zu lassen. Aber es sollte bis Ende 2000 dauern, bis für alle in Deutschland lebenden Kinder das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung geschaffen wurde (§ 1631 Absatz 2 Satz 1). Abgeschlossen ist dieser Prozess damit noch nicht.

Aus der Praxis ist jedoch bekannt, dass die heutige Vätergeneration körperlich und emotional größere Nähe mit ihren Kindern wünscht und zulässt. Die wachsende Zahl von Vätern, die Elternzeit in Anspruch nehmen, können als Indiz dafür gesehen werden. Viele Väter wollen von Anfang an dabei sein und sich in die Erziehung ihrer Kinder einbringen, was auch Auseinandersetzung in Partnerschaften um eine gemeinsame Erziehungslinie mit einschließt. Klar ist aber auch, dass Väter dabei nach wie vor viel mit sich selbst ausmachen, Erziehungsratgeber scheuen und auf das praktische Tun und Zusammensein mit ihren Kindern setzen. Man könnte sagen, Männer erobern sich auf ihre eigene Weise „fremdes Terrain“, durchleben Unsicherheiten und sammeln so Erfahrungen. Für Dritte erscheinen Väter dann manchmal als zu angepasst, sich selbst vergessend oder als überzogen kämpferisch. (Papaseiten.de 2016)

Vaterschaft ist jedoch nicht allein durch den Blick auf das einzelne Individuum zu erfassen. Vaterschaft steht immer auch im Kontext von  sozialer Lage oder Milieu oder dem Recht. Für die Entwicklung des Vaterbilds im deutschen Familienrecht ist die Studie von Moritz Hinz zu empfehlen. Er zeigt darin, wie sich der Vater als Rechtsfigur mit einer sehr starken und patriarchalischen Prägung bei Einführung des bürgerlichen Familienrechts um 1900 bis heute hin vollständig auflöste. Rollenzuschreibungen an den Vater seien nach und nach aus dem BGB komplett verschwunden (Hinz 2014: 301ff.).

  • Produktions- und Reproduktionsverhältnisse haben sich verändert und damit auch Vorstellungen von Familienorganisation und Geschlechterrollen. Zudem hat die stärker werdende Individualisierung neue Veränderungen und Gleichzeitigkeiten von Männlichkeitskonzepten eröffnet.
  • Seit dem zweiten Weltkrieg hat sich ein großer Wandel von Männlichkeits- und Vaterschaftsverständnissen vollzogen. Patriarchale Selbstverständnisse sind einem emotionalen Umgang mit Kindern und einem partnerschaftlichen Beziehungsverständnis gewichen.

Soziokulturelle Dimensionen von Vaterschaft

Für ein tiefergehendes Verständnis von sozialen Bedingungen von Vaterschaft können Bezüge zu Erklärungsmodellen wie den sogenannten Sinus Milieus hergestellt werden. Solche Bezugnahmen schärfen den Blick für die sozialräumliche Lage unter der Vaterschaft gelebt werden kann. Der Vorteil von solchen Milieu-Modellen ist, dass auch komplexere Zusammenhänge gesehen werden können, die über eindimensionale Unterteilungen hinausgehen. Solche Ansätze ermöglichen Aussagen bezüglich der sozialen Lage (Unter-, Mittel- und Oberschicht) in verschiedenen Kombinationen, z.B. mit der Grundorientierung (Tradition bis Neuorientierung). Ein solcher Ansatz findet sich auch in einigen Publikationen des Bundesfamilienministeriums, die von Carsten Wippermann und dem DELTA-Institut erstellt wurden (BMFSFJ 2013a; BMFSFJ 2015).

Solche Modelle sind für die praktische Arbeit mit Vätern hilfreich, um sensibel für die möglichen Lebensrealitäten von Vätern zu sein. Auch in der politischen Arbeit für die Belange von Vätern bewahren solche Ansätze davor, nur für eine gesellschaftliche Gruppe (z.B. die „Bürgerliche Mitte“) Politik zu machen. Vor allem aber können Maßnahmen oder Angebote, die Väter als Zielgruppe haben, sehr viel zielgenauer gestaltet werden, wenn die Vielfältigkeit von gelebter Vaterschaft und ihren Rahmenbedingungen adäquat berücksichtigt wird. Das heißt auch, dass Angebotsstrukturen auf die sozialräumliche Struktur zugeschnitten sein müssen, um Väter tatsächlich zu erreichen.

Sowohl dafür, Vaterschaft verstehen zu können, als auch dafür, politische Maßnahmen oder z.B. pädagogische Angebote für Väter zielgenau zu konzipieren, ist es wesentlich auf verschiedene Ebenen Acht zu geben. Dazu gehören sicherlich die individuellen Grundorientierungen, die im Wortlaut der Sinus Milieu Studie (2016) vom „Festhalten und Bewahren“ bis hin zum „Machen & Erleben und Grenzen überwinden“ reichen. Besonders hilfreich dürfte gerade im Kontext Sozialer Arbeit ein Blick auf die persönlichen Ressourcen sein. So können durch „Machen & Erleben und Grenzen überwinden“ an sich selbst gerichtete Rollenerwartungen von Vätern positiv verändert werden, authentische Erfahrungen gemacht werden, die als positiv bewertet werden und somit auch neue Vorbilder für eher „verharrende“ Väter entstehen lassen. Hierbei ist deutlich zu unterstreichen, dass es nicht um eine wie auch immer gelagerte „Umerziehung“ gehen kann, als vielmehr darum Handlungsmöglichkeiten zu schaffen und aufzuzeigen, die gelingende Vaterschaft unter den jeweiligen Bedingungen (soziale und finanzielle Ressourcen, Schicht, Milieu) unterstützen.

Dabei ist zu berücksichtigen, dass äußere Einflussfaktoren, wie kulturelle Prägung oder strukturelle Rahmenbedingungen (Huinink / Kreyenfeld 2012: 11ff) langanhaltend Wirkung entfalten und ein eher widerständiges Veränderungspotenzial haben. Hierzu gehören auch Vorstellungen vom Vater als Ernährer und Familienoberhaupt oder Ehe und Familie als Institution, die bis in die rechtlichen Strukturen hineinreichen. Mit Aktionismus sind kaum nachhaltige positive Veränderungen zu erwarten. Änderungen struktureller Rahmenbedingungen im ökonomischen, infrastrukturellen, politischen oder sozialen Kontext müssen schlüssig aufeinander abgestimmt sein, um positive Effekte nicht gegenseitig wieder aufzuheben. Beispiele dafür sind Elterngeld und Elternzeit oder die Gleichstellung eingetragener Lebenspartnerschaften.

Für die Messung von Veränderung und auch von Erfolgen bestimmter Maßnahmen und Angebote ist auf bestimmte Gleichzeitigkeiten Acht zu geben. Väter und Vaterschaft verändern sich im Lebensverlauf der Väter selbst und dem ihrer eigenen Kinder. Insbesondere Übergänge spielen dabei eine wichtige Rolle, wie die Aufnahme in die Kita, Einschulung, Pubertät oder Berufswahlentscheidungen (Verlinden 2010 [2]: 10ff.). Aber auch zu einem gegeben Zeitpunkt sind zwischen den verschiedenen Altersgruppen (Kohorten) Unterschiede wahrnehmbar.
Besonders deutlich wird die Relevanz einer Sensibilität für die Dimension Zeit an den Unterschieden zwischen den Kohorten der neuen Bundesländer, wo nicht nur eine kulturelle Veränderung erfolgte, sondern ein neues Gesellschaftssystem prägend war und ist. Aber auch für die alten Bundesländer kann dieser Fokus Veränderungen und unterschiedliche Einstellungen zu Vaterschaft und Familie abbilden. Aber dazu unten mehr.

Was heißt das nun für die Praxis von Wissenschaft, Beratung, Politik? Diese zum Teil Widersprüche erzeugenden Gleichzeitigkeiten und gruppenspezifisch ungleichen Prozessgeschwindigkeiten sollten bei allen väterpolitischen Handlungen antizipiert werden. Das stellt Justiz und Rechtssystem, Kita, Schule und Freizeit oder die Familienpolitik und Jugendhilfe vor große Herausforderungen.

  • Vaterschaft ist auch von sozialem Status und kulturellem Hintergrund geprägt. Für ein besseres Verständnis sind Modelle wie die Sinus-Milieus hilfreich.
  • Je nach sozialer Position und Grundorientierung können Väter in ihren Veränderungsprozessen anders erreicht werden. Auch soziale und vor allem materielle Ressourcen sind je nach Position unterschiedlich verteilt.
  • Vaterschaft vollzieht sich in verschiedenen, bisweilen wechselnden Dimensionen: Lebensphase des/der Kindes/r, persönlicher „Männlichkeitshintergrund“, Lebensverlauf und Geburtskohorte, sowie Rahmenbedingungen der Elternschaft, strukturelle und rechtliche Rahmenbedingungen.
  • Handlungsansätze, um Väter in den Veränderungsprozessen zu unterstützen, eröffnen sich im „kulturellen Bild von Mann und Vater Sein“ (langfristige Veränderungen) und in der Veränderung struktureller Gegebenheiten (kurzfristige Veränderungen). Beides sollte idealerweise einander ergänzend und aufeinander aufbauend beachtet werden.

Vater-Sein in familialen Lebenswelten

Vater-Sein findet nicht nur im Binnenraum der zwei Generationen umfassenden Vater-Mutter-Kind-Kleinfamilie statt. Familienformen und -größen unterscheiden sich und erzeugen unterschiedliche Modelle gelebten Vater-Seins. Eindeutige geschlechtsbezogene Rollenzuschreibungen an Väter (und Mütter) verlieren zunehmend ihre Funktionalität angesichts tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen, z.B. von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft und im Zuge einer Normalisierung des Adult-Worker-Modells, das heißt dass Männer wie Frauen gleichermaßen durch eigene Erwerbstätigkeit ihre Existenz sichern (sollen). Was unter Familie zu verstehen sein soll, ist politisch und gesellschaftlich hoch umstritten. Auch welchen Anteil die Öffentlichkeit haben soll oder nicht haben soll, ist Gegenstand teils heftiger Kontroversen. Besonders scharf treten die Bruchlinien von Familienkonzepten bei Trennung und Scheidung zutage, vor allem rund um die Fragen von Unterhalt und Umgang. Der „Unterhaltspreller“ und der „Zahlvater“ beschreiben eine negative Figuration von Vaterschaft in einer gescheiterten oder nie bestandenen Paarbeziehung von verschiedenen Standpunkten aus betrachtet. An dem Punkt Unterhalt zeigt sich, dass Familien nicht nur der Ort psychosozialer Bindungen sind, sondern auch Träger_innen von gesellschaftlich an diese zugewiesenen Funktionen und Aufgaben. Welche genau das über die Alimentationspflicht für die eigenen Kinder hinaus sind oder sein sollen, ist ebenfalls umstritten – nicht zuletzt auch in den elterlichen Paarkonstellationen.

Kurzum, Familie und damit auch Vaterschaft und das konkrete Vater-Sein sind nicht isoliert für sich zu betrachten, sondern stehen in vielfältigen Verschränkungen mit unterschiedlichsten Wechselwirkungen, die von verschiedenen Teilbereichen der jeweiligen Lebenswelt ausgehen. Vor dem historisch gewachsenen Hintergrund war und ist der Bezugspunkt zur Arbeitswelt besonders für (nicht nur westdeutsche) Väter (aber zunehmend auch für Mütter) von höchster Relevanz. Um Versorgung der Familie ging es immer; relativ neu in diesem Feld ist die Vereinbarkeitsfrage von Vätern (Gallas 2015). Gesellschaftliche Anforderungen an Professionalität, die unter dem Schlagwort vom lebenslangen Lernen noch verstärkt werden, geraten in Konkurrenz mit Anforderungen und Wünschen an aktive und teilhabende Vaterschaft. Flexibilitätserwartungen an den Vater als Arbeitnehmer geraten zunehmend unter Aushandlungsdruck, weil auch Mütter als flexibel zur Verfügung stehende Beschäftigte gefordert sind. Dieser Druck ist derzeit vor allem in die Familien hinein verlagert, er verschiebt sich aber, verstärkt durch den aktuellen Fachkräftemangel, allmählich in den Bereich des Arbeitsmarkts zurück. Gerahmt und beschleunigt wird dies durch Diskussionen um haushaltsnahe Dienstleistungen, um den Ausbau von professionellen Angeboten zur Pflege und Betreuung von Kindern wie auch von Pflegebedürftigen und alten Menschen. Jedoch gilt auch hier, dass durch gleichzeitig ablaufende politische Prozesse Widersprüche erzeugt werden. Einerseits sollen Familien im Binnenraum gestärkt werden, andererseits wird die frühzeitige Einbettung von Kindern in den Sozialraum durch Tagesbetreuung gefördert, nicht zuletzt als Motor für mehr Chancengleichheit für den Bildungsweg der Kinder. Auf der anderen Seite soll z.B. die eigenhändige Verantwortungsübernahme gestärkt werden, wie im Bereich der häuslichen Pflege. Hieraus ergeben sich für Väter Spannungen, die sie bislang individuell ausbalancieren müssen. Dabei wächst die Erwartung, dass dieses Ausbalancieren partnerschaftlich zu geschehen habe, d.h. mit Arrangements, die Risiken für die Partnerin nicht unnötig erhöht. Zu diesen Risiken gehört die Abkopplung vom Erwerbsleben durch lange Kindererziehungs- und/oder Pflegephasen und damit verbunden ein wachsendes Altersarmutsrisiko.

In der öffentlichen Debatte ist jedoch unter gleichstellungspolitischen Gesichtspunkten eine deutliche Schlagseite festzustellen. Die Problemanalyse argumentiert ganz überwiegend aus einem Blickwinkel der Benachteiligung von Frauen bzw. Müttern. Gleichzeitig wird das Aufgabenspektrum für den Bereich Familie überwiegend so dargestellt, dass sich darin vor allem die von Frauen und Müttern geleisteten Anteile als positive Aufgaben und Pflichten wiederfinden. Das heißt dass die vom Vater bzw. Mann ausgeübten Funktionen – und sei es ‚nur‘ die materielle Versorgung – weitgehend ausgeklammert und der öffentlichen Sphäre zugeordnet werden (BpB 2015). Dies könnte gewissermaßen als der ins Positive gewendete Bumerangeffekt der gesellschaftlich-patriarchalen Zuweisung der familialen privaten Sphäre an Frauen bzw. Mütter verstanden werden. Interessanterweise ist festzustellen, dass Kinder und Jugendliche das ganz anders wahrnehmen und die verschiedenen Tätigkeits- und Aufgabenbereiche selbstverständlich und gleichwertig zusammendenken (Calmbach et al. 2016).

Für eine gleichstellungsorientierte Väterpolitik bedeutet das, dass eine einseitig appellative Veränderungsforderung wenig zielführend sein dürfte. Nachhaltige Veränderung zu mehr Partnerschaftlichkeit und egalitärer Aufgabenverteilung kann nur da gelingen, wo sich Väter ebenso aktiv bewegen wie Mütter, wenn emotionale Versorgung nicht gegen materielle Versorgung ausgespielt wird. Eine solche Verbreiterung des Fokus ermöglicht es, familienpolitische Fragestellungen von Müttern und Vätern, Frauen und Männern gemeinsam anzugehen und nicht gegeneinander auszuspielen. Die Perspektiven von Vätern in politischen Entscheidungsprozessen stärker als bisher zu antizipieren wäre sicherlich förderlich für mehr Gleichberechtigung in den Familien.

  • Für eine partnerschaftliche Aufgabenteilung ist es hilfreich, sich von kulturellen Rollenbildern zu lösen und konkrete Inhalte von Familienleben und Elternschaft zu betrachten.
  • Unter dem Schlagwort „Familie“ werden vor allem traditionell „weibliche“ Themen diskutiert. Der Beitrag von Vätern, wie die materielle Versorgung, wird dabei vielfach zu wenig gewürdigt.
  • Vor allem für junge Menschen sind beide Aspekte in gleicher Weise relevant. Auch in der öffentlichen Darstellung sollten (männliche) Versorgungsleistungen nicht gegen (weibliche) Fürsorgeleistungen ausgespielt werden.

Vaterschaft – Herausforderungen und Zielsetzungen

Das bisher Dargestellte macht deutlich, dass Vater-Sein heute vor großen gesellschaftlichen Herausforderungen steht, dass die Zielstellung einer aktiven, teilhabenden, partnerschaftlich orientierten Vaterschaft aber auch neue gesellschaftliche Herausforderungen schafft. Das gut begründete Gefühl von materieller Unsicherheit angesichts sich wandelnder Erwerbsstrukturen führt unter anderem dazu, dass Kinderwünsche erst vergleichsweise spät realisiert werden. Das wird dadurch verstärkt, dass die Menschen den Eindruck haben, dass sie ein bestimmtes Maß an materieller Sicherheit bereits erreicht haben müssen. Je schwieriger das  unter den sich wandelnden ökonomischen Bedingungen wird, umso mehr steigt die Tendenz, die eigene Elternschaft aufzuschieben.

Das hat wiederum Auswirkungen auf das Bild von Elternschaft im Allgemeinen und Vaterschaft im Besonderen. Mit zunehmenden Alter und wachsendem Weltwissen verändert sich auch die Herangehensweise an die eigene Elternschaft – mitunter mit übersteigerten Sicherheitsbedürfnissen, wie sie unter dem Begriff der „Helikopter-Eltern“ karikierend diskutiert werden.

Die ökonomischen Rahmenbedingungen haben auch erheblichen Einfluss auf die realen Aufgabenverteilungen in Familien. Sie führen dazu, dass sich Eltern auch bei einer ursprünglich klaren Gleichstellungsorientierung von Frau und Mann nach kurzer Zeit in traditionellen Aufgabenmustern wiederfinden (BMFSFJ 2013a: 56ff.). Interessant ist, dass sich diese Asymmetrien mitunter auch in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften herausbilden (Arn 2011), was unterstreicht, dass es offenkundig sozioökonomische Faktoren sind, die bestimmte Retraditionalisierungstendenzen verstärken.

Herausforderungen ergeben sich auch aus dem Umstand, dass die lebenslange Ehe als Grundlage von Familie und Elternschaft und damit auch für Vaterschaft nicht mehr als Selbstverständlichkeit vorauszusetzen ist(BMFSF 2013b). Das gilt in besonderem Maße in den Neuen Bundesländern. Insgesamt gilt das auch für die gewünschten und tatsächlich gelebten Lebensformen, die sich gegenüber etwa den 1960er Jahren erheblich vervielfältigt haben und sich noch immer im Wandel befinden (BMFSFJ 2015: 83ff.). Vaterschaft in Patchworkfamilien umfasst heute ebenso leibliche wie soziale Vaterschaft, sei es im Zusammenleben in und mit der Familie oder als getrennt lebendes Elternpaar.

Vor dem Hintergrund der bis hier gemachten Ausführungen ergeben sich folgende Zielstellungen für die weitere Entwicklung der nächsten Jahre:

  • Väter und Mütter können leichter als bisher die Elternzeit ausgewogen unter sich aufteilen,
  • Väter und ihre Erziehungsleistung werden von Unternehmen und Gesellschaft stärker anerkannt,
  • Väter erfahren in Unternehmen und Gesellschaft mehr Wertschätzung,
  • Väter können ihre Elternzeit- und Teilzeitwünsche gegenüber ihrem Arbeitgeber leichter durchsetzen,
  • Väter sind in der Lage, die soziale und materielle Versorgung von Kindern angemessen und miteinander vereinbar zu gewährleisten.

Väter sind von daher aufgefordert, ihr Vatersein aktiv zu gestalten, sich stärker in der Familien- und Hausarbeit, insbesondere der Betreuung, Erziehung und Bildung ihrer Kinder zu engagieren, ihren Bedarf an Vereinbarkeit von Familie und Beruf gegenüber Arbeitgebern offensiv zu vertreten.

Gleichzeitig ergeben sich daraus auch Forderungen an Mütter, sowohl das Wirken des Vaters in der Familie zuzulassen als auch eine Offenheit für veränderte Verdienst- und Arbeitszeitstrukturen auf Basis einer gemeinsamen und gleichberechtigten Aushandlung zu zeigen.

Insgesamt sind Gesellschaft und Politik aufgefordert, Familienarbeit breit anzuerkennen, sei es auf materieller oder ideeller Basis. Das ist eine wesentliche Voraussetzung für eine gleichberechtigte und gleichwertige Verteilung von Familien- und Erwerbsarbeit. Wichtig ist eine eigenständige, diversitätsbewusste und intersektionale Väterpolitik, Väter-Arbeit und Väterforschung auf- und auszubauen und zu fördern. Zudem braucht es verlässlich eigene Orte und spezielle Angebote für Väter, Väterthemen und Väter-Arbeit. Solche sind gezielt aufzubauen, wie Väterzentren, Väter- und Großväterangebote in Familienzentren oder Mehrgenerationenhäusern etc.. Nicht zuletzt ist dafür zu sorgen, dass auch getrennt lebende Väter ihre Vaterrolle wahrnehmen können und dabei die gleiche Unterstützung erfahren wie alle anderen Väter.

Vaterschaft im Ost-West-Vergleich

Man könnte meinen, dass ein Vierteljahrhundert ausreichen müsste, um die innerdeutschen soziokulturellen Differenzen aus 40 Jahren Teilung weitgehend überwunden zu haben. Doch allem Anschein nach können auch heute noch teils sehr deutliche, teils graduelle Unterschiede in Bezug auf Familie und Partnerschaft und im Besonderen auf die Rolle und das Selbstverständnis von Vätern im Vergleich der „alten“ und der „neuen“ Bundesländer festgestellt werden. Die unterschiedlichen Systeme von Deutscher Demokratischer Republik und Bundesrepublik Deutschland haben sozialisatorische Nachwirkungen, die bis heute deutlich spürbar und messbar sind.

Für den Kontext von Familie wird häufig auf den gravierenden Unterschied in der Kinderbetreuung hingewiesen. Während in Deutschland-West das Modell der die Kinder aufziehenden Ehefrau und Mutter dominierte, war in Deutschland-Ost die flächendeckende Kinderbetreuung für Kleinkinder bei gleichzeitig deutlich höherer Erwerbstätigkeit von Frauen bzw. Müttern die Normalität. Zu vertiefenden Lektüre zu diesen Entwicklungen und ihren Aus- und Nachwirkungen ist das 2012 erschienene Sonderheft der Zeitschrift für Familienforschung sehr zu empfehlen (Huinink 2012).

In dem Sonderheft werden Wandlungsprozesse und Unterschiede nachvollziehbar gemacht. Veränderungen werden als umso größer erlebt, je größer die Veränderungen des Alltags sind. D.h. die sozialen, politischen, infrastrukturellen und ökonomischen Rahmenbedingungen, mit denen sich Familien und Partnerschaften nach der Wiedervereinigung in den neuen Bundesländern arrangieren mussten, hatten direkt Einfluss auf die Familie bzw. die Partnerschaft und die Realisierung des Kinderwunsches. Am deutlichsten ist das am Geburtenknick direkt nach der Vereinigung erkennbar. Seitdem ist eine klare Verschiebung festzustellen, in Ostdeutschland lebende Frauen bekommen immer später ihr erstes Kind.
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Hinzu kommt, dass die Geburtenrate zu DDR-Zeiten höher war, begünstigt durch die Einführung von Babyjahr und familienunterstützenden Maßnahmen Anfang der siebziger Jahre (Huinink 2012).

Nach über 25 Jahren einer gesamtdeutschen Entwicklung sind noch immer Unterschiede festzustellen, die sich zum Teil sehr deutlich in Statistiken niederschlagen. Auch wenn nicht immer eindeutig der Wandlungsprozess nachzuvollziehen ist bzw. alte kulturelle Prägungen und Rahmenbedingungen nachwirken, so sind einige dieser Unterschiede sicher auch für eine gleichstellungsorientierte Väterpolitik von Relevanz. So etwa bei der Frage von Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Inanspruchnahme der Elternzeit

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Trotz klarer Strukturunterscheide zwischen Ost- und West-Deutschland lassen sich in der Inanspruchnahme von Elterngeld/-zeit keine signifikanten Unterschiede ausmachen. Die Inanspruchnahme von Elternzeit und Elterngeld unterscheidet sich der Statistik zufolge (Abb. 2), eher zwischen Nord-Süd als zwischen West-Ost. Bei näherer Betrachtung ergeben sich aber doch klare Unterschiede in Hinblick auf die Motivation, der Inanspruchnahme. In den neuen Bundesländern geht es besonders um den Kündigungsschutz, während im früheren Bundesgebiet die finanziellen und beruflichen Erwägungen die ausschlaggebende Rolle für die Inanspruchnahme spielen (Gender Datenreport [3]).

Wirtschaft und Arbeitsmarkt

Unter einer väterpolitischen Perspektive ist jedoch die weiterhin klar erkennbare Differenz mit Blick auf Wirtschaft und Arbeitsmarkt zu beachten: die Höhe der Arbeitslosigkeit. Sie ist in den neuen Bundesländern noch immer deutlich höher (Statistisches Bundesamt 2015), auch wenn sich das Niveau langsam dem der alten Bundesländer annähert und in einzelnen Regionen sogar unter dem im früheren Bundesgebiet liegt (ebd: 66).

Mit Blick auf Vereinbarkeitsfragen, aber auch nach Möglichkeiten der materiellen Versorgung von Familie ist wichtig zur Kenntnis zu nehmen, dass in den neuen Bundesländern eine Wirtschaftsstruktur von klein- und mittelständigen Unternehmen vorherrscht (ZEW 2012). Zudem existiert noch immer ein sehr großes Lohngefälle im Vergleich zum früheren Bundesgebiet. Zwischen Frauen mit 16% und Männern mit 27% Lohnabstand zum früheren Bundesgebiet gibt es hier nochmals einen deutlichen Unterschied (Statistisches Bundesamt 2015). Die relativ hohe Erwerbsquote der Frauen führt unter anderem zu einem niedrigerem Gender Pay Gap (DIW 2013) – aber auf insgesamt niedrigerem Einkommensniveau. Die Einkommenssituation hat unmittelbar Einfluss auf die Finanzierung und Absicherung der Familie, aber auch auf die Perspektive der weiteren Entwicklung der Region und damit auf die Chancen und Entwicklungspotentiale, die sich Vätern und ihren Familien bieten. Mehr noch, die Voraussetzungen, überhaupt Vater zu werden, hängen mitunter existenziell von diesen Strukturentwicklungen ab. Die Binnenwanderung und Konzentration auf Großstädte (Berlin-Institut [5]) führen zu „abgehangenen“ Regionen, denen aus heutiger Sicht ohne aktive Gegensteuerung seitens Politik und Gesellschaft keine positive Entwicklung vorhergesagt wird. In Orten wie bspw. Johanngeorgenstadt lebten 1990 ca. 9000 Menschen, heute sind es gerade noch ca. 4200 Menschen (Citypopulation.de [6]; Bose / Wirth 2006). Dies hat Folgen: Die bestehende bzw. zu betreibende Infrastruktur wird zurückgebaut bzw. vernachlässigt, es gibt einen Überhang an Männern insbesondere bis 39 Jahre und eine allgemein ältere Bevölkerung.

Gleichberechtigung in der DDR

Bei der Betrachtung der unterschiedlichen geschichtlichen Hintergründe für die Entwicklung aktueller Vaterschaft und des Themas Gleichberechtigung begegnet einem immer wieder das Argument: In der DDR waren die Frauen gleichberechtigter als heute. Insgesamt kann festgehalten werden, dass auch die Rahmenbedingungen für das, was heute aktive Vaterschaft oder gleichberechtigte Partnerschaft genannt wird, in der DDR einigermaßen günstig waren. Dennoch kann von partnerschaftlicher Aufgabenteilung in der Familie oder von gleichberechtigter Teilhabe am Arbeitsmarkt für die DDR nicht wirklich die Rede sein (BMFSFJ 2007). Die Familienpolitik der DDR zielte nach dem „Pillenknick“ in den 70-er Jahren darauf, dass Familien bzw. Frauen früher Kinder bekämen, was auch gelang. Die Arbeitswelt war so eingerichtet, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Frauen (!) nicht zum Nachteil führte. Das war aber weniger aus Gründen der Menschenfreundlichkeit der Fall. Vielmehr waren Frauen und Männer aufgrund des allgemeinen Arbeitskräftemangels prinzipiell zur Arbeit verpflichtet.

Zentrale Fördermaßnahmen der Familienpolitik waren insbesondere der Ehekredit, der mit jedem Kind reduziert wurde, die Vermittlung in eigenen Wohnraum, der in der DDR Mangelware war, die Möglichkeit von Teilzeitarbeit, der Haushaltstag für Frauen und die flächendeckenden kostenlosen Kinderbetreuung in Krippe, Kita und Hort (IW-Köln[7]; Berlin-Institut [8]). Den Vätern oblag, wie in Westdeutschland, die Versorgung der Familie.

Aller Gleichberechtigung zum Trotz verdienten Frauen auch in der DDR weniger als ihre männlichen Kollegen. Das Lohngefälle betrug nach Stephan und Wiedemann (1990) im Nettoverdienst 16%. Außerdem wurden Frauen in niedrigeren Qualifikationsbereichen eingestellt: „Sowohl die weiblichen Produktionsarbeiter als auch die weiblichen HF-Kader [Anm.: Hoch- und Fachschul-Kader] führen überwiegend Arbeitsaufgaben mit geringeren Anforderungen an Qualifikation und Verantwortung aus“ (ebd.: 556). Übrig bleiben demnach strukturelle Voraussetzungen, wie ein bestehendes flächendeckendes Netz von Kinderbetreuung und die gesellschaftliche Normalität der Kinderbetreuung sowie der Vollzeitarbeit von Frauen (Forsa 2013). Direkte Vergleichsuntersuchungen zeigen auf, dass im früheren Bundesgebiet der Alleinverdiener Status stärker auf den Männern lastet, was wiederum zu einer Verzögerung der Kinderphase führt. Die finanzielle Absicherung der Familie hat Priorität vor dem Kinderwunsch. Im Osten hingegen beschreibt das Informationsportal „Zentrum für Demografischen Wandel“ (ZDWA [9]) eine Parallelität von Karriere und Familienplanung, von Erwerbsarbeit mit beruflicher Verwirklichung bzw. finanzieller Absicherung von und dem Wunsch nach Familie mit Kindern.

Im subjektiven Erleben werden im Unterschied zwischen Familiengründung und Vaterschaft in der DDR die soziale Absicherung durch Arbeit und die relativ geringen Grundlebenshaltungskosten immer wieder an erster Stelle benannt.

Angleichungsprozess spätere Elternschaft

Nach der Wiedervereinigung gab es Angleichungs- und neue Differenzierungsprozesse. Der drastische Geburtenrückgang führte dazu, dass das Alter der Erstgebärenden in den neuen Bundesländern sich denen der früheren Bundesländer relativ schnell anglich. Alle mit der Familienpolitik der DDR entstandenen Tendenzen einer frühen Elternschaft wurden somit umgekehrt, was eine Verstärkung der demografischen Zuspitzung für Deutschland zur Folge hatte und noch heute hat (BMFSFJ 2015: 27). Als Ursache für diese Entwicklung wird von einer Unsicherheit durch die Wende 1989 und in den Folgejahren ausgegangen. So kam es zu einem „demografischen Schockzustand“: Zur Reduktion aller generativen Vorgänge (Geburten, Heiraten, Scheidungen) auf Grund der gesellschaftlichen Umbruchsituation“ (Berlin-Institut [5]).

Eine langfristige Gesellschaftsanpassung (Rahmenbedingungen, gesellschaftliche Normen und Moralvorstellungen, z.B. der Individualisierungsprozess) ist offensichtlich dafür verantwortlich, dass sich nach dem massiven Einschnitt in den 90-er Jahren der Zeitpunkt der ersten Geburt nicht wieder auf dem Zustand von 1989 eingepegelt hat, sondern sich am Durchschnitt der westlichen Bundesländer orientiert.

Anpassungstendenzen können durch die Politik beeinflusst werden. Ein Beispiel hierfür ist die Müttererwerbstätigkeit: Hier hat sich die Entwicklung an die Frauen in den neuen Bundesländern angeglichen, was auf die veränderte Familienpolitik mit der Einführung des Elterngeldes zurückgeführt werden kann. Gleichzeitig entstand eine niedrigere Müttererwerbstätigkeit im ersten Lebensjahr der Kinder in den neuen Bundesländern als Anpassung an das frühere Bundesgebiet (BMFSFJ 2014a: 25).

Die Praxis von politischen Entscheidungen führt somit zu einem unterschiedlichen Handlungsbedarf in Ost und West. Wesentlich ist die Frage, wie Väter in diesen Transformationsprozess einbezogen werden können, wenn etwa die Vätererwerbstätigkeit im Zusammenhang mit der Geburt der Kinder nochmals zunimmt (BiB [10]).

Außereheliche Kinder und „andere“ Familienformen

Vaterschaft im Ost-West-Vergleich unterscheidet sich auch durch verschiedene Familienstrukturen. In der DDR und später in den neuen Bundesländern war es weit verbreitet und recht normal, dass Kinder außerhalb der Ehe zur Welt kamen. Insgesamt war die Ehe in der DDR nicht so sehr mit einer traditionellen Lebensführung verbunden, wie dies für die BRD galt. Historisch interessant ist, dass nichteheliche Geburten in den östlichen Ländern schon lange vor der deutschen Teilung ein beobachtbares Phänomen waren, allerdings nahmen sie ab Ende der 1960er und in den 1970er Jahren noch einmal deutlich zu (ZDWA [11; 12]).

2010 waren die Eltern von nur 27% der Neugeborenen im früheren Bundesgebiet aber 61% in den neuen Bundesländern nicht miteinander verheiratet (Statistisches Bundesamt 2012; Klüsener/Leek 2016 [13]). Damit liegt Deutschland insgesamt im europäischen Mittelfeld, aber die neuen Bundesländer sind Spitzenreiter bei den nichtehelichen Geburten (Klüsener/Leek 2016 [14]). Unter einer Väterpolitik-Perspektive ist auch die Familienform der Alleinerziehenden-Familien relevant, die in den neuen Bundesländern und früherem Bundesgebiet ebenfalls einen Unterschied aufweist, d.h. im Osten höher ist (BMFSFJ 2015). Insgesamt nimmt die Zahl der Alleinerziehenden-Familien seit Jahren stetig zu (Sozialpolitik-aktuell.de [15; 16]). Für das Jahr 2013 weisen Statistiken rund 385.000 alleinerziehende Väter in Deutschland  aus (2.294.000 alleinerziehende Mütter) (statista).

Um zu verstehen, was Väter brauchen wo sie aktuell stehen wird es zukünftig wichtig sein und bleiben, genauere Differenzierungen der Familienformen zu berücksichtigen: Ob getrennt oder zusammen lebend, verheiratet oder nicht verheiratet, mit oder ohne Kinder Patchwork- oder Gleichgeschlechtliche Familie – all das gilt es adäquat zu beachten.

  • Kulturelle Prägungen, v.a. hinsichtlich von Familienwerten bestehen auch heutzutage noch in den neuen wie in den alten Bundesländern fort.
  • Soziale, politische, infrastrukturelle und ökonomische Rahmenbedingungen haben einen erheblichen Einfluss darauf, wann und ob ein Kinderwunsch realisiert wird. Dies zeigt sich zum einen am massiven Rückgang der Geburtenziffern in den neuen Bundesländern nach der Wiedervereinigung und an der Angleichung von Geburtenziffern und Alter der erstgebärenden Frauen in Ost und West.
  • Die Inanspruchnahme von Elternzeit durch Väter ist weniger ein Ost-West-Phänomen als eher an eine Nord-Süd-Achse gekoppelt.  Auch die Motivation für die Inanspruchnahme von Elternzeit sind in den neuen Bundesländern (Kündigungsschutz während Inanspruchnahme) andere als in den alten Bundesländern (finanzielle / berufliche Erwägungen).
  • Der Arbeitssektor besteht in den neuen Bundesländern heute vor allem aus klein- und mittelständischen Unternehmen. Dies ist eine besondere Herausforderung für Vereinbarkeitsansprüche von Vätern
  • Das immer noch hohe Lohngefälle zwischen alten und neuen Bundesländern und die teilweise desolate wirtschaftliche Lage führt zu sogenannten „abgehangenen Regionen“ mit multipler Problemlage
  • Diesen Regionen sind unter anderem geprägt von hoher Abwanderung, einer alternden Bevölkerung, sowie einem „Männerüberschuss“. Dies kann auf sehr unterschiedliche Wander- und Heimkehrbewegungen nach der Wiedervereinigung zurückgeführt werde. Jungen Männern gelang es nicht so gut im Westen Fuß zu fassen (z.B. durch eine „Heirat nach oben“ und andere soziale Einbindungen) wie den Frauen.
  • Das Sozial- und Arbeitssystem der DDR bot eine gute Grundstruktur für frühe Elternschaft und für Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Flächendeckende Kita-Betreuung, Normalität von VZ-Arbeit von Frauen und die Möglichkeit Karriere und Familie gleichzeitig zu realisieren
  • ABER: Männer waren in diesem System nicht als „Vereinbarkeitsbedürftige“ eingeplant. Ihnen war die Rolle des durchgehend in VZ erwerbstätigen Ernährers zugewiesen.

 


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