Arbeit und andere Pflichten

Wenn die Liebsten den ganzen Mann brauchen

Viele Männer teilen die gleichstellungsorientierten Ansprüche von Frauen. Doch sobald es um die praktische Umsetzung in Haushalt, Familie und Beruf geht, werden die traditionellen Rollenmuster wieder wirksam. Anspruch und Praxis – Einstellungsmuster und tatsächliche Rollenverteilung sind auf persönlicher, zwischenmenschlicher und struktureller Ebene nur sehr schwer vereinbar. Zwei Drittel der befragten Männer in einer Studie von 2009 befürworten den beruflichen Einstieg von Frauen und möchten das Modell des Alleinernährers verlassen. Tatsächlich berichten aber nur sieben Prozent von befragten Wiedereinsteigerinnen in den Beruf, dass ihre Partner in dieser Situation entsprechend Arbeitszeit reduziert hätten.

Worauf muss sich eine gleichstellungsorientierte Männerpolitik also einstellen: auf den kritischen Umgang mit essentialistisch-inegalitären Geschlechter-Ideologien oder strukturell-inegalitäre Erwerbsarbeits- und Verdienstmöglichkeiten, die zu (Re)Traditionalisierung der Geschlechterrollen führen? Oder beides?

Ökonomische Gleichberechtigung

In Europa lag der durchschnittliche Bruttostundenverdienst von Frauen im Jahre 2012 über alle Branchen, Betriebsgrößen, Qualifikationsniveaus und Berufe hinweg um 16 Prozent niedriger als der Bruttostundenverdienst der Männer. In Deutschland betrug der gesamtwirtschaftliche geschlechterbezogene Entgeltunterschied (Gender Pay Gap) im selben Jahr 22,3 Prozent (zum Vergleich: In 2010 waren es 23,1 Prozent) (BMFSFJ 2013).

Lohnlücke – ein Faktor für geschlechtsspezifische Erwerbsbiografien

Ein differenzierterer Blick auf die Lohn- und Einkommensverhältnisse von Männern und Frauen und aufgeschlüsselt nach Leistungsgruppen sowie Berufs- und Branchenwahlverhalten ergibt immer noch einen Gender Pay Gap von 7 Prozent. Das ist eine Differenz des Bruttostundenverdienstes von 1,27 Euro (BMFSFJ 2013). Diese Lohnlücke verdeutlicht ein ganzes Syndrom von geschlechtsspezifischen Unterschieden. Und: sie zieht sich durch die gesamte Erwerbsbiografie von Frauen und Männern.

Begrenzte Berufswahlspektren von jungen Frauen und Männern, Unterschiede in der beruflichen Qualifikation und mangelnde Aufstiegs- und Karrierechancen von Frauen, unterschiedliche Chancen für beide Geschlechter, Familie und Beruf in verschiedenen Phasen der Erwerbsbiografie zu vereinbaren, längere familienbedingte Erwerbsunterbrechungen vor allem von Frauen, unterschiedliche Notwendigkeiten von Vollzeit- und Teilzeiterwerbstätigkeit sowie geringfügige Beschäftigung von Frauen sind darin wesentliche Faktoren. Sie verschärfen den Entgeltunterschied zwischen den Geschlechtern und stabilisieren tradierte Rollenansprüche an Männer als Alleinverdiener und Familienernährer.

Zunahme von Armut verhindert Geschlechtergerechtigkeit

Tradierte Männlichkeitsbilder haben zwar immer noch eine bemerkenswerte Dauerhaftigkeit und werden durch den Druck von Wirtschaft und Konkurrenz am Arbeitsmarkt weiterhin verstärkt. Aber: Traditionalistische und auf Geschlechterhierarchien fußende Einstellungsmuster von Männern sind auf dem Rückzug. In Einstellungsmustern und Lebenswirklichkeiten von Männern entsteht ein deutlicher Trend hin zu „aktiver Vaterschaft“. Doch der Verfügbarkeitsdruck der Arbeitswelt auf Männer hält an und nimmt sogar mit der Flexibilisierung von Arbeitszeiten und -orten noch zu.

Egalität und Partnerschaftlichkeit durch beziehungsorientierte Leitbilder

Gleichzeitig ergibt sich ein gegenläufiger Trend in der Erwerbsbiografie von Männern: Sozialer Ungleichheiten wie Armut und Reichtum, Migrationsstatus, Bildungsferne und Qualifikation lässt eine immer größer werdende Gruppen von Männern an dem Leitmodell des Alleinverdieners und Familienernährers scheitern. Die wirtschaftliche Entwicklung, der Rückbau des Sozialstaates, die zunehmende Armut und Prekarität verunsichern immer mehr Männer in ihrer männlichen Identität.

Chancengerechte Männerpolitik – Ökonomische Gleichberechtigung und alternative Lebensentwürfe

Eine auf Chancengleichheit ausgerichtete Männerpolitik unterstützt beides: die ökonomische Gleichberechtigung von Frauen und alternative Lebensentwürfe für Männer. Die Ebene der Verdienstbedingungen ist daher eine zentrale Stellschraube für eine Männerpolitik, welche sich für ökonomische Sicherheit für alle Geschlechter und Chancengleichheit am Arbeitsmarkt einsetzt: Eine bessere Vereinbarkeit von Familie, Sorge- und Pflegeverantwortung mit dem Beruf erleichtert Frauen kontinuierlichere Erwerbs- und Karriereverläufe sowie existenzsichernde Beschäftigungsformen. Gleichzeitig entlastet sie Männer von der Verpflichtung, haupt- oder alleinverantwortlich für die Versorgung der Familie zu sein. Programme, die kürzere Arbeitszeiten (auch Teilzeit) unter Männern fördern, aber auch eine Kultur selbstbestimmter Flexibilität sich dafür wichtig. Gerade das kommende „Elterngeld plus“ kann sich als Basis für einen Kulturwandel erweisen. Es braucht begleitend entsprechende Kampagnen unter Vätern und in Erwerbsorganisationen und Unternehmen.

  • Ungleiche Löhne zementieren geschlechtsspezifische Erwerbsbiografien.
  • Eine auf Chancengleichheit ausgerichtete Männerpolitik unterstützt die ökonomische Gleichberechtigung von Frauen und alternative Lebensentwürfe für Männer.
  • Männerpolitik unterstützt Unternehmen, die Teilzeitmodelle, z. B. kurze Vollzeit und eine Kultur der selbstbestimmten Flexibilität etablieren.

Man-sein heute: Familienmensch oder Basisversorger?

Die ökonomische Gleichberechtigung von Frauen entlastet Männer von der Verpflichtung, eine Familie alleine ernähren zu müssen. Gleichzeitig kann ein solches Geschlechterarrangement aber auch dazu führen, dass Männer in den inneren Widerspruch geraten zwischen einem gesellschaftlich immer noch wirkenden Ernährer-Rollenbild und einer persönlich real erlebten Nicht-Ernährer-Realität.

Haushalt: Spagat zwischen Pragmatismus und Unbeweglichkeit

In dem Maße, wie Frauen selbst in der Verantwortung stehen, für sich und ihre Familie zu sorgen, wird das männlichen Rollenmodell des traditionellen Haupternährers brüchig. Männer garantieren mit ihrem Einkommen zunehmend eine Basisexistenzsicherung, leben gleichgestellte Partnerschaften und kümmern sich fürsorglich um ihre Familie. Das korrespondiert in gewisser Weise mit dem derzeitigen Rollenverständnis vieler Männer. Für sie gehören zu Mann- und Partner-sein die Sphäre von Familie und Haushalt auf jeden Fall dazu.

Gleichwohl: Geht es um den Lebensbereich Familie und Haushalt, so ist das Rollenbild über Männer verschiedener Altersgruppen und Generationen bei Männern und Frauen relativ stabil: Selbst jüngere Männer in Paarhaushalten sehen – trotz des Selbstverständnisses, mit ihrer Partnerin auf Augenhöhe gleichgestellt zu sein – keinen Druck oder Anreiz, gleich viele Arbeiten im Haushalt wie sie zu erledigen. Nach dem „Sympathiefaktor“ vom Erledigen von Tätigkeiten im Haushalt gefragt, halten 66 Prozent der befragten Männer das Erledigen von Haushaltsarbeiten immer noch für eine eher sympathische Eigenschaft von Frauen. Für nur 34 Prozent der befragten Männer ist es eine sympathische Eigenschaft von Männern. Tatsächlich bestätigen und spiegeln viele der befragten Frauen diese Zuschreibungen. 52 Prozent von ihnen sagen explizit, dass für sie das Erledigen von Tätigkeiten im Haushalt keine sympathische Eigenschaft von Männern sei. Umgekehrt betonen aber auch 48 Prozent, dass sie sich dies von ihrem Partner als Entlastung wünschen (BMFSFJ 2013).

Gleichstellungsmaßnahmen als Teil des Generationendialogs

Für Frauen: Basisversorger? Für Männer: Familienmensch – ja, Haushaltsmensch – lieber nicht? Widersprüchliche Rollenattribute und Alltagsanforderungen an Männer prägen Aushandlungen um Arrangements für Gleichberechtigung und Vereinbarkeit in Privat- und Erwerbsarbeitssphäre. Dies gilt selbstverständlich umgekehrt ebenso für Ansprüche, Vorstellungen und Anforderungen an Rollenmodelle von Frauen.

Eine geschlechtergerechte und transformative Männerpolitik verfolgt die konsequente politische und strukturelle Einbettung von Gleichstellungsmaßnahmen in den Generationendialog. Sie ermöglichen Männern und Frauen aller gesellschaftlichen Gruppen im Zusammenleben unter Anderem gleiche Chancen auf angemessene Vermögens- und Wohlstandsbildung sowie Altersvorsorge (Gender Wealth). Eine auf diese Weise motivierte Männerpolitik setzt sich ein für die konsequente Einbindung von Gleichstellungsmaßnahmen in Strategien gesellschaftlicher Unternehmensverantwortung, die über die gesetzlichen Mindeststandards hinaus gehen und konsequent auf das Wohl und die Förderung aller Mitarbeitenden ausgerichtet ist.

  • Für viele Männer gehören zu Partner-sein Familie und Haushalt dazu.
  • Viele Frauen und Männer halten haushälterische Tätigkeit nicht für einen Sympathiefaktor für Männer.
    Frauen wünschen sich von ihren Partnern mehr Entlastung in der Hausarbeit.
  • Eine transformative Männerpolitik verfolgt die strukturelle Einbindung von Gleichstellung in den Generationendialog.
  • Sie setzt sich für Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Strategien gesellschaftlicher Unternehmensverantwortung, die über den gesetzlichen Rahmen hinaus weisen.

Plurale Partnerschaftsmodelle

Manche bezeichnen es als „Super-Diversity“, andere schlicht als „Plurale Gesellschaften“ – komplexe Beziehungsgefüge und vielfältige individuelle Lebensentwürfe unter Bedingungen von gesellschaftlichen Zugehörigkeiten, Multikultur und Transnationalität. So divers sich heutige individuelle und gemeinschaftliche Gegebenheiten präsentieren, so vielfältig sind deren partnerschaftliche Lebensformen. Können alternative männliche Rollenbilder, die stärker auf sozialen Bezügen und Solidarität statt Konkurrenz um Hierarchiepositionen fußen, in Pluralisierungsprozessen persönlich und gesellschaftlich stabilisierend wirken und Orientierung bieten?

Lust auf Familie – Doch was ist „Familie“?

Zusammenleben heute konzentriert sich auf die existentielle Qualität der Partnerschaft oder Familie und weniger auf konventionelle Normen. Entscheidend ist, was die Partner_innen leben und wie sie das, was sie leben, empfinden und bewerten. Darin hat jeder Mensch seine eigenen Vorstellungen, Ansprüche, Wünsche und Visionen. Familie und Zusammenleben ist so vor allem emotionale Stabilität, Verbundenheit und Verlässlichkeit. Partnerschaften und Ehen (mit und ohne Kinder), bei denen der Mann der Alleinverdiener ist, werden seltener.

Vielfältige Formen des familiären und nicht-familiären Zusammenlebens sind die Normalität: Single- und Mehrpersonenhaushalte in Gemeinschaftsverbünden, wie Hausgemeinschaften oder Mehrgenerationenhäusern, alleinerziehende Eltern, uneheliche Lebensgemeinschaften mit Kindern, homosexuelle Familien mit leiblichen und/oder adoptierten Kindern oder vielfältige Varianten so genannter „erweiterter oder Fortsetzungsfamilien“ (Patchworkfamilien). Verschiedenste Familienkombinationen sind mit unterschiedlichsten Wohnformen verknüpft in Form von ganz traditionellem Zusammenwohnen, Wohngemeinschaften, Wochenendfamilien (Leben in verschiedenen Städten) bis durchgehend getrenntem Wohnen (living apart together).

Partnerschaft und Ehe – Zwischen Bedarf und Bedürfnis

Leider bedeutet Pluralisierung nicht automatisch die Zunahme von netter, bunter Vielfalt (Maihofer). Das Auflösen starrer konventioneller Zwänge der bürgerlichen Kleinfamilie bietet zwar einerseits die Chance zu mehr individueller Lebensgestaltung. Anderseits bringt Freiheit weniger klare Orientierung und mehr diffuse Verunsicherung. Alle müssen sich ständig aufs Neue mit der eigenen Lebensgestaltung und der ihrer Partner_innen beschäftigen. Das kostet Kraft und Nerven. Viele Frauen und Männer wollen beispielsweise zwar Kinder bekommen. Doch die Art und Weise, wie und wann sie dies tun, ist keineswegs selbstverständlich. Mehr noch, entsprechende partnerschaftliche Absprachen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie werden häufig erst angesprochen, wenn die Kinder schon da sind. Das führt zu Konflikten und nicht selten wieder zurück zu traditionellen Rollenverteilungsmustern von Arbeit, Familie und Haushalt oder zu Trennung.

Partnerschaftliche Lebensformen variieren im Lebensverlauf.

Ansprüche an partnerschaftliche Lebensformen variieren nicht nur mit dem Geschlecht, sondern vor allem auch mit dem Alter. Bei jungen Erwachsenen nimmt die Ehe gegenüber dem unverheirateten Zusammenleben keine dominante Stellung mehr ein. Im Gegenteil: die überwiegende Mehrheit der 16- bis 30-Jährige lebte im Jahr 2007 in Singlehaushalten oder gemeinschaftlichem Wohnformen. Partnerschaftliche Bindungen werden zunehmend später und bis zum mittleren Erwachsenenalter auch seltener eingegangen, während im höheren Alter häufiger mit einem Partner zusammengelebt wird. Durch den starken Bedeutungsverlust des Partnerschaftsmodells „Ehe mit Kindern und männlichem Alleinverdiener“ leben insgesamt immer weniger Personen mit Kindern zusammen. Daran ändert auch die Zunahme anderer Formen des Zusammenlebens nichts (BMFSFJ 2010).

Lebens- und Liebesverhältnisse zusammen denken

Eine an Vielfalt und Generationengerechtigkeit ausgerichtete Männerpolitik ist sensibel für die Bedarfe von Männern in ihren unterschiedlichen biografischen Phasen. Sie denkt die Lebensverhältnisse von Männern verschiedenster Statusgruppen, Nationalitäten, kulturellen und ethnischen Hintergründe mit. Und sie schafft Unterstützungsstrukturen für Männer – insbesondere in Übergangssituationen, z. B. beim Berufseinstieg, bei Vaterschaft, in Trennungssituationen, bei Pflegeverantwortung oder beim Ausstieg aus dem Beruf. Schließlich richtet Männerpolitik insgesamt ein besonderes Augenmerk auf die wachsende gesellschaftliche Gruppe der alleinerziehenden Männer. Gerade für die existentiell bedeutsame Übergangssituation einer Trennung fördert Männerpolitik Einrichtungen und Maßnahmen, die alleinerziehenden Vätern in Distanzfamilien ermöglichen, mit ihren Kindern trotz räumlicher Entfernungen verbunden zu bleiben.

  • Zusammenleben heute ist auf die Qualität der Partnerschaft ausgerichtet.
  • Vielfältige Formen des Zusammenlebens sind die Normalität.
  • Eine generationengerechte Männerpolitik sensibilisiert für die Bedarfe von Männern in ihrem biografischen Lebensverlauf.
  • Sie spricht die Lebensverhältnisse von Männern verschiedener Statusgruppen, Nationalität, kulturelle und ethnische Hintergründe ausdrücklich an.
  • Sie fördert Einrichtungen und Maßnahmen, die es Männern ermöglicht, in Übergangssituationen mit ihren Kindern in Kontakt zu bleiben.

  • Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (2013): 5. Bilanz Chancengleichheit
  • Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (2010): Partnerschaft und Ehe – Entscheidungen im Lebensverlauf
  • Wagner, Michael / Cifuentes, Isabel Valdés (2014): Die Pluralisierung der Lebensformen – ein fortlaufender Trend? In: Comparative Population Studies Jg. 39, 1 (2014): 73-98 (Erstveröffentlichung: 20.03.2014)
    Maihofer, Andrea / Böhnisch, Tomke / Wolf, Anne (2001): Wandel der Familie. Arbeitspapier 48, Hans Böckler Stiftung
  • Wippermann, Carsten (2013): Sozialwissenschaftliche geschlechter- und milieudifferenzierte Untersuchungen des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, in: BMFSFJ: Männerpolitik – männerpolitische Beiträge zu einer geschlechtergerechten Gesellschaft Tagungsdokumentation der internationalen Konferenz am 22. und 23. Oktober 2012 in Berlin, S. 46-53.
  • Wippermann, Carsten / Calmbach, Marc / Wippermann, Katja (2009): Männer: Rolle vorwärts, Rolle rückwärts? Identitäten und Verhalten von traditionellen, modernen und postmodernen Männern. Opladen: Verlag Barbara Budrich.