Männer, gutes Leben und das Ganze der Ökonomie

Das Konzept von Vollerwerb und Alleinverdiener stimmt nicht mehr für alle Männer. Viele wünschen sich zunehmend egalitärere und offenere Lebens-, Familien- und Partnerschaftskonzepte. Zwar trauern 2013 noch 26 Prozent der Männer der tradierten Geschlechterrollenaufteilung nach, die große Mehrheit von 61 Prozent ist jedoch offen für egalitärere und modernere Rollenbilder und Lebensmuster.

Was Männer von Arbeit erwarten

Erwerbsarbeit als Hauptaufgabe Männer: So war es noch bis in die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Zu der Zeit hatten Männer ein noch ziemlich klares Selbstverständnis über die eigene gesellschaftliche Rolle. Zum Vollerwerb gab es keine Alternativen. Vaterschaft war verbunden mit dem Alleinverdienermodell und Ernährerstatus.

In den 80er Jahren steigt das Unbehagen von Männern mit den bestehenden Geschlechternormen. Sie beginnen zunehmend das berufliche „Hamsterrad“ und die Trennung von Beruf und Familie in Frage zu stellen. Ende der 90er Jahre ist erstmals von den „neuen Männern“ die Rede. Tatsächlich wünschen sich damals 17 Prozent der ost- und westdeutschen Männer mehr partnerschaftliche Arrangements in der beruflichen und familiären Arbeitsteilung. 2009 schließlich bezeichnen sich ca. 70 Prozent der Väter von Jugendlichen als „Erzieher“; ca. 30 Prozent begreifen sich als „Ernährer“.

Alles geht – nichts muss!

Männer definieren sich nicht mehr hauptsächlich über Erwerbsarbeit. Rund ein Drittel der befragten Männer in einer Studie zu männlichen Rollen, Identitäten und Verhalten von Wippermann und anderen (2009) können sich vorstellen, in Teilzeit zu arbeiten. Viele von ihnen wünschen sich eine partnerschaftliche Aufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit. Allerdings setzen das bisher nur wenige tatsächlich in ihrem Leben um. Für ein weiteres Drittel der befragten Männer gilt ein sowohl-als-auch: Konservative Orientierungsmuster sind für sie ebenso möglich wie anti-traditionelle und egalitäre. Deutlich weniger Männer (23 Prozent) sind auf eine arbeitsteilige Partnerschaft im Sinne traditioneller pragmatischer und funktional verteilter Geschlechterrollen ausgerichtet. Für sie stehen berufliche Kompetenz, Organisationsgeschick und Disziplin im Vordergrund. Härte- oder konkurrenzorientierte Attribute werden darin aber nicht betont. Mitarbeit im Haushalt ist für diese Männer weniger wichtig. Trotzdem bewerten sie die Aspekte „Familie gut versorgen“ und „liebevolle Fürsorge für die Kinder“ sehr hoch. Nur wenige Männer (14 Prozent) lehnen Gleichstellung gänzlich ab.

Geschlechterhierarchische Einstellungen auf dem Rückzug

Tradierte Männlichkeitsbilder haben zwar immer noch eine bemerkenswerte Dauerhaftigkeitund werden durch den Druck von Wirtschaft und Konkurrenz am Arbeitsmarkt weiterhin verstärkt. Aber: Traditionalistische und auf Geschlechterhierarchien fußende Einstellungsmuster von Männern sind auf dem Rückzug. In Einstellungsmustern und Lebenswirklichkeiten von Männern entsteht ein deutlicher Trend hin zu „aktiver Vaterschaft“. Doch der Verfügbarkeitsdruck der Arbeitswelt auf Männer hält an und nimmt sogar mit der Flexibilisierung von Arbeitszeiten und -orten noch zu.

Egalität und Partnerschaftlichkeit durch beziehungsorientierte Leitbilder

Eine moderne Männerpolitik fördert männliche familienbezogene sowie beziehungsorientierte Leitbilder, die auf Gleichberechtigung und Partnerschaftlichkeit hin orientiert sind. Sie fördert ein ganzheitliches Männerbild, welches es Männern erlaubt, die eigenen individuellen Lebensentwürfe und -wünsche zu verfolgen, jenseits von geschlechtertraditionalistischen Erwartungen von Status, Erwerb und ökonomischer Konkurrenz um Hierarchiepositionen.

  • Männer öffnen sich für egalitäre und moderne Rollenbilder und Lebensmuster.
  • Die Bereitschaft von Männern für eine partnerschaftliche Aufteilung von Erwerbs-und Familienarbeit steigt.
  • Aktive Vaterschaft gewinnt in den Lebenswirklichkeiten von Männern an Bedeutung.
  • Eine egalitäre Männerpolitik erfordert familien-und beziehungsorientierte Leitbilder.
    Sie unterstützt ein gesellschaftlich anerkanntes und ganzheitliches Männerbild jenseits von Status und Konkurrenz.

Männer und die Ganze Ökonomie

Ökonomie meint vor allem Märkte, Preise, Wettbewerb. Die Auseinandersetzungen um Geschlechterrollen in Erwerbsarbeit und privaten Sorgesystemen, wie Familie, Angehörigenpflege, Freundschaftsbeziehungen und gesellschaftliches Engagement macht einen Jahrhunderte alten Widerspruch zwischen marktökonomischen wirtschaftstheoretischen Modellen und versorgungswirtschaftlicher, haushälterischer Praxis offensichtlich: Ökonomie verstanden als männlich geprägte Marktökonomie ist losgelöst von sozialen und ökologischen Zusammenhängen. Sie steht einer weiblich geprägten an Versorgungsnotwendigkeiten orientierten Ökonomie gegenüber.

Das Andere der Ökonomie – Care und Sorge

Der marktökonomische und durch Erwerbsarbeit geprägte Bereich befindet sich stets im Mittelpunkt öffentlicher, wirtschaftlicher und -politischer Aushandlungen. Der vorwiegend durch unter- und unbezahlte Versorgungsarbeit geprägte Bereich bleibt in diesen Aushandlungen privat, unsichtbar und nicht relevant.
Frauen- und männerpolitische Diskurse um Gleichstellung und Vereinbarkeit geben dieser sorge- oder care-ökonomischen Sphäre eine politisch verhandelbare Kontur. Gleichstellungspolitische Strategien nehmen Männer vor allem im Zuge der sich wandelnden Erwerbsarbeitsbedingungen und Ansprüche an Partnerschaft und Familie verstärkt in den Blick. Es geht auch darum, Männer im Kontext einer Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und privaten und familiären Bedarfen gesellschaftlich, politisch und partnerschaftlich wahrzunehmen und ihnen Entwicklungsräume und Wahlmöglichkeiten zu bieten.

Gemeinschaftliche Verantwortung in Vorsorge und Kooperation

Eine moderne Männerpolitik nimmt die „Ganze Ökonomie“ in Blick. Sie setzt auf eine vorsorgend-verantwortliche Kooperation, die bezahlte und unbezahlte Arbeit in allen Lebens- und Gesellschaftsbereichen anerkennt und nachhaltige wirtschaftliche Beziehungen anstrebt. Sie setzt dafür sich ein, dass es für Männer eine „normale“ Option wird sich in den unterschiedlichen Lebenslagen und -situationenentsprechend für mehr oder für weniger Erwerbsarbeit zu entscheiden, bspw. bei Vaterschaft oder Pflegeaufgaben. Männerpolitik motiviert Betriebe dazu, familienfreundliche Strukturen und -Kulturen anzubieten und Mitarbeitende in ihren (Selbst-)Sorgeverantwortungen zu unterstützen und mit flexiblen Arbeitszeitmodellen zu entlasten statt zu verdichten.
Eine moderne Männerpolitik setzt sich ein für kürzere, familiengerechte und lebensphasenorientierte Arbeitszeiten, die ein Existenz sicherndes Einkommen für Männer und Frauen gewährleisten. Kurze Vollzeit, familienorientierte Arbeitszeit, neue Norm einer 30-Stunden-Woche sind hier die Stichworte,um alle Menschen im Erwerbsalter existenzsichernd beschäftigen zu können – ohne Arbeitsverdichtung und erhöhten Leistungsdruck.

Diese Bedingungen ermöglichen, dass auch unbezahlte familiäre Sorgearbeit innerhalb von Partnerschaften geschlechtsunabhängig und gleichberechtigt verhandelbar und aufteilbar wird. Eine care-orientierte Männerpolitik wird flankiert durch politische Maßnahmen wie beispielsweise Pflegezeitgesetz und Elterngeld Plus.

  • Eine moderne Männerpolitik hat die „ganze Ökonomie“ im Blick.
  • Sie engagiert sich für die gleichberechtigte Anerkennung von bezahlter und unbezahlter Arbeit in allen Lebens- und Gesellschaftsbereichen und vorsorgend-verantwortlichen Kooperationen.
  • Sie motiviert Betriebe, familiäre Sorgearbeit für ihre Mitarbeitenden verhandel- und aufteilbar zu organisieren– ohne Arbeitsverdichtung und erhöhten Leistungsdruck.
  • Kurze Vollzeit, familienorientierte Arbeitszeit, neue Norm einer 30-Stunden-Woche sind hier die Stichworte für existenzsichernde Beschäftigung.

Männer und das gute Leben

Was gutes Leben gesellschaftlich bedeuten kann und was jede und jeder Einzelne darunter versteht,mussimmer wieder neu ausgehandelt werden. Gesellschaftliche Wohlfahrt kann in diesem Sinne nurviel-dimensional und vielfältig gedacht und entwickelt werden.Um die Vielfalt der Lebensentwürfe und Möglichkeiten von Jungen, Männer und Väter sichtbar zu machen, genügt es nicht, einfach „traditionelle“ Vorstellungen durch „moderne“ zu ersetzen. Eine erfolgreiche Gleichstellungspolitik hängt auch davon ab, ob es ihr gelingt, gesellschaftliche geschlechtliche Rollenzuweisungen durchlässiger zu machen und an den individuellen Lebenssituationen, Bedingungen und Vorstellungen von Männern und Frauen anzuknüpfen und sie in ihren Lebensentwürfen zu unterstützen.

Sind sie zu stark, bin ich zu schwach?

Ein gutes Leben hat zu tun mit persönlicher Selbstbestimmung in der Arbeit, mit gesellschaftlicher Teilhabe und mit physischer und psychischer Gesundheit. Darin spielen eine Reihe von Faktoren in der wechselseitigen Beziehung von Arbeit und Leben eine Rolle: zufriedenstellende Arbeit, eigenständige Existenzsicherung inclusive einer existenzsichernden Altersvorsorge, gelingende persönliche Lebensbedingungen, materielle und soziale Anerkennung nicht-erwerbsförmiger Tätigkeiten, neue durchlässige Formen der Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern. Gutes Leben orientiert sich an den unterschiedlichen Bedingungen und Situationen entlang des individuellen biografischen Lebensverlaufes und der individuellen Lebenslagen von Männern, z.B. welche Bildungsressourcen sie haben.In allen diesen Bereichen finden teils kontroverse Aushandlungen statt, die von den Ansprüchen, Wünschen, Bedürfnissen, Notwendigkeiten, Ängsten, Widersprüchlichkeiten und Verletztheiten der Beteiligten leben.

Sich auch als verletzlich und fragil zu begreifen, ist eine der Herausforderungenan traditionelle männliche Selbstbilder und Rollenzuschreibungen. Es erfordert starke und vertrauenswürdige private und gesellschaftliche Unterstützungssysteme für Männer, die ihren eigenen Rollenvorstellungen offen begegnen, sich kritisch mit psychisch und physisch belastenden Arbeitsstrukturen auseinandersetzen sowie egalitäre, partnerschaftliche Beziehungsmodelle leben möchten.

Den ganzen Lebensverlauf in den Blick nehmen

Wie antwortet Gesellschaft auf diese sich beständig im Wandel befindlichen Leitbilder zu Mann-sein und Frau-sein in vielfältigen persönlichen Lebensphasen, in Zäsuren im Lebenslauf, in diversen sozialen Milieus und in verschiedenen sozio-kulturellen Zusammenhängen?

Eine auf das gute Leben ausgerichtete Männerpolitik, die auf diese Fragen Antworten geben will, hat den gesamten Lebensverlauf von Männern aller gesellschaftlicher Gruppen und Generationen im Blick. Männern eine faire Chancen auf Persönlichkeitsentwicklung, Selbstsorge und Selbstwirksamkeit in allen Lebensphasen und Lebensbereichen zu bieten, ist darin ein zentrales Moment. Dazu gehört auch, Männer in allen Bereichen der Sorge-Arbeit zu unterstützen, zum Beispiel als aktive Großväter, pflegende Männer sowie Jungen und Männer im bürgerschaftlichen Engagement.

  • Gutes Leben bedeutet Selbstbestimmung, gesellschaftliche Teilhabe, physische und psychische Gesundheit.
  • Eine auf das gute Leben ausgerichtete Männerpolitik hat den ganzen Lebensverlauf im Blick.
  • Sie fördert starke und tragende Unterstützungssysteme für Männer aller gesellschaftlichen Gruppen und Generationen.
  • Eine erfolgreiche Gleichstellungspolitik lässt die Vielfalt der Lebensentwürfe von Männern sichtbar werden.
  • Sie begleitet und stärkt Männer in allen Lebensbereichen der Sorgearbeit.

  • Wippermann, Carsten / Calmbach, Marc / Wippermann, Katja (2009): Männer: Rolle vorwärts, Rolle rückwärts? Identitäten und Verhalten von traditionellen, modernen und postmodernen Männern. Opladen: Verlag Barbara Budrich.
  • Volz, Rainer / Zulehner, Paul M. (2009): Männer in Bewegung. Zehn Jahre Männerentwicklung in Deutschland, Baden Baden.
  • Fthenakis, Wassilios E. / Minsel, Beate: Die Rolle des Vaters in der. Familie, Berlin 2002
  • Bild der Frau/Institut für Demoskopie Allensbach (2005): Der Mann 2013: Arbeits- und Lebenswelten – Wunsch und Wirklichkeit (http://www.axelspringer.de/downloads/21/16383966/BdF_Studie_Ma__776_nner1-86_finale_Version.pdf [Letzter Zugriff: 2015-02-04]
  • Claudia Christ, Ferdinand Mitterlehner (2013): Männerwelten: Männer in Psychotherapie und Beratung, Schattauer GmbH