„Verlorene Lebensjahre“ – Stiftung Männergesundheit startet Kampagne gegen Männersterblichkeit

Mit Slogans wie „5 Jahre länger leben“ und „Am 10. Dezember stirbt die Hälfte der deutschen Bevölkerung“ versucht die Stiftung Männergesundheit für die geringere Lebenserwartung von Männern zu sensibilisieren. In wenigen Wochen – am 22. November 2019 – startet unser Mitgliedsverband erneut die Kampagne „Tag der ungleichen Lebenserwartung“. Wir haben mit Herrn Dr. Mathias Stiehler – Vorstand der Stiftung Männergesundheit – über die Kampagne gesprochen, darüber was Männer selbst für ihre Gesundheit tun können und welche Handhabe die Gesundheitspolitik hat, um das Leben von Männern zu verlängern.

Hintergrundinformationen über die Kampagne finden Sie auf der Kampagnenwebsite, auf Facebook und Youtube.

 

Bundesforum Männer: Herr Dr. Stiehler, der November ist quasi der inoffizielle Männergesundheitsmonat. Es gibt in diesem Monat gleich zwei offizielle „Männertage“ – nämlich den Weltmännertag am 03. November und den Internationalen Männertag am 19. November.
Zum letztgenannten startet Ihre Stiftung nun eine Kampagne mit dem Slogan „Am 10. Dezember stirbt die Hälfte unserer Bevölkerung!“ – ein Satz bei dem es uns erstmal schüttelt. Was steckt hinter dieser Kampagne?

Stiehler: Es ist eigentlich recht bekannt, dass Männer eine um etwa fünf Jahre geringere Lebenserwartung gegenüber Frauen haben. Männer werden im Durchschnitt etwas mehr als 78 Jahre als, Frauen etwas mehr als 83. Das klingt für viele, vor allem jüngere Männer nicht sehr bedeutsam. Im Abstand scheinen diese fünf Jahre wenig zu sein. Es gibt allerdings zwei Punkte, die diesen Unterschied in der Lebenserwartung bedeutsam werden lassen. Zum einen sind fünf Jahre doch nicht so wenig. Erinnern Sie sich einmal, was in Ihrem Leben seit 2014 alles passiert ist. Es wird deutlich, dass das recht viel Leben ist.

Fast doppelt so viele Männer wie Frauen sterben vor Vollendung des 70sten Lebensjahres.

Zum anderen aber verteilt sich diese Differenz der Lebenserwartung nicht auf alle Männer gleichwertig. Es gibt Männer, die sehr alt werden und Männer, die schon vergleichsweise jung sterben. Schauen wir die sogenannten „verlorenen Lebensjahre“ an, also die Summe der Jahre, in denen Menschen einer gesellschaftlichen Gruppe vor der Vollendung ihres 70. Lebensjahrs sterben, dann ist diese Summe bei Männern gegenüber der Gruppe der Frauen fast doppelt so hoch. Das bedeutet, dass die geringere Lebenserwartung der Männer vor allem dem vergleichsweise frühen Tod einer vergleichsweise großen Anzahl entspricht. Hier gibt es also eine Schieflage, der sich Männer aber auch die gesamte Gesellschaft stellen müssen.

Um dieses Thema anschaulicher zu machen, nehmen wir die durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen als Maßstab und rechnen sie auf ein Jahr um. Nikolaus wird noch mitgefeiert, aber am 10. Dezember ist für die Männer Schluss, Weihnachten muss ohne Männer stattfinden. Dass das keine wissenschaftliche Aussage ist, ist natürlich deutlich. Aber sie macht das Problem etwas greifbarer.

BFM: „Fünf Jahre kürzere Lebenserwartung“, das klingt ziemlich endgültig. Müssen sich Jungs und Männer damit abfinden oder haben sie ihre Gesundheit selbst in der Hand?

Stiehler: Aus den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten wissen wir, dass die geringere Lebenserwartung kein biologisches Schicksal ist. Erst mit Beginn der Industrialisierung öffnete sich diese Schere zu Ungunsten der Männer. Die Freisetzung der Männer aus einer familiennahen Arbeitswelt in die industrielle Arbeit brachte neue Vulnerabilitäten mit sich. Dabei sprechen wir zum einen von einer größeren Gefahr durch Arbeitsunfälle und Berufserkrankungen. Andererseits geht es aber auch um Belastungen, die sich aus dieser neuen Lebensform ergaben. Einfach ausgedrückt: Die Freisetzung der Männer aus den Familien führte nicht zu einer Ent- sondern zu einer Belastung der eigenen Gesundheit. So hat beispielsweise der Tabakkonsum in dieser Zeit deutlich zugenommen und trug zu einem Gutteil zu der geringeren Lebenserwartung von Männern bei.

Männer ziehen Ihr Selbstverständnis heute immer noch zu großen Teilen aus ihrer Berufsbiografie. Dabei beugen anscheinend vor allem außerberufliche Beziehungen Gesundheitsproblemen vor. 

Bis heute zeigt die Todesursachenstatistik, dass Männer vor allem bei den Krankheiten vorn liegen, die mit einem ungesunden Lebensstil zusammenhängen. Das bedeutet, dass sich verschiedene Faktoren männlichen Rollenverständnisses seit Beginn der Industrialisierung nicht geändert haben. Zwar ist die Schere zwischen Frauen und Männern seit Beginn der achtziger Jahre wieder etwas zurückgegangen. So haben die Frauen unter anderem beim Rauchen „aufgeholt“. Wir können hier also auch von Kosten der Emanzipation sprechen. Außerdem sind gesundheitliche Gefahren aufgrund veränderter Arbeitsbedingungen in vielen Berufen nicht mehr so gravierend wie früher. Aber dennoch gilt, dass weiterhin Männer häufiger in gefährlicheren Berufen arbeiten. Und auch die Familienarbeit wird statistisch immer noch stärker von Frauen übernommen. Für Männer heißt das, dass sie ihr eigenes Selbstverständnis weiterhin vor allem aus ihrer Berufsbiografie ziehen und stärker karriereorientiert sind. Frauen sind eher bereit, in Teilzeit zu arbeiten und dafür auch finanzielle Einbußen hinzunehmen. Das wirkt sich auch auf die Gesundheit aus. So ist ein interessanter Befund, dass die Doppelbelastung von Beruf und Familie protektiv wirkt. Ein Grund dafür könnte sein, nicht vom beruflichen Erfolg allein abhängig zu sein und darauf sehr viel Energie zu verwenden. Auch der Beziehungsreichtum des familiären Alltags wirkt bei aller Anstrengung positiv.

BFM: Das Bewusstsein für ungesunde Verhaltensweisen ist heute ja größer denn je. Vermutlich hat jeder Mann oder Junge sich schon mal vorgenommen auf die eine oder andere Art gesünder zu leben. Was empfehlen Sie Jungen und Männern, die etwas für ihre Gesundheit tun wollen?

Stiehler: Zunächst erst einmal geht es nicht um Umerziehungsprogramme. Viele Männer sagen, dass sie mit ihrem Leben zufrieden sind. Und das sollten wir auch ernst nehmen. Es geht nicht nur darum, dem Leben Jahre zu geben, sondern auch den Jahren Leben. Dennoch stelle ich immer wieder fest, dass Männer in ihrer Sozialisation sehr gut gelernt haben, die an sie gestellten Erwartungen zu erfüllen und das dann auch noch als eigenen Willen anzusehen. Männer wollen funktionieren – und das möglichst perfekt. Das mündet dann in die bereits erwähnte vorrangige Berufsorientierung. Ich empfehle also jedem Mann in den Beratungen, die ich durchführe, und Männergruppen, die ich leite, ab und an einmal auf die Bremse zu treten und innezuhalten. Dabei geht es darum, sich Fragen nach dem eigenen Leben zu stellen, der eigenen Zufriedenheit, dem eigenen Wollen. Und nicht das Entweder-Oder zählt. Ab und an der Aktivität bewusste Zeiten des Nichtstuns an die Seite stellen. Die eigene Stärke leben, aber auch mal schwach sein können. Seinen Mann zu stehen, aber auch mal Hilfe in Anspruch nehmen.

Kleine Schritte in der Ernährungsumstellung und im Zeitmanagement sind manchmal mehr, weil nachhaltiger, als ein radikaler Wandel der bisherigen Lebensweise.

Es kann auch unter dem Fokus der Gesundheit nicht darum gehen, in ein neues Hamsterrad der Selbstoptimierung zu steigen. Kleine Schritte in der Ernährungsumstellung und im Zeitmanagement sind manchmal mehr, weil nachhaltiger, als ein radikaler Wandel der bisherigen Lebensweise. Darüber hinaus geht es vor allem um die Gestaltung guter Beziehungen, weil die zentral für das eigene Wohlbefinden sind. Wirklich gute Freunde sind wichtig, in Partnerschaft muss investiert werden, damit sie nicht in alltäglicher Selbstverständlichkeit erstirbt. Und als Vater und Großvater kann ich sagen, dass eine aktive Vaterschaft wesentlich zur Lebensfreude beiträgt.

BFM: Unsere Gesundheit ist immer auch von der Gesellschaft abhängig in der wir leben. Die Bundes- und Länderpolitik können große Programme und Gesetze auf den Weg bringen, die Kommunalpolitik kann vor Ort neue Ideen anstoßen. Welchen Beitrag kann die Politik leisten, um den Tag der ungleichen Lebenserwartung nach hinten zu verschieben?

Stiehler: Die Schwierigkeit im politischen Feld besteht darin, dass Männer immer noch zu wenig ihre Interessen vertreten – nicht als Kampfansage, sondern als ein Eintreten für sich. Das gilt im persönlichen Bereich ebenso wie im gesellschaftlichen. Mir fällt auf, dass männliche Gesundheitspolitiker eher etwas zur Frauengesundheit sagen können als zur Männergesundheit.

Wir sind als Stiftung Männergesundheit erfolgreich dafür eingetreten, dass im Präventionsgesetz die geschlechtsspezifische Sichtweise bei Maßnahmen zur Gesundheitsförderung festgeschrieben wurde. Allerdings wurde gerade dieser Punkt in den Ausführungsregelungen der Länder meist gleich wieder abgeschwächt. Die Geschlechtsspezifik und dabei noch stärker die Männerspezifik spielt in der politischen Gesundheitsdebatte kaum eine Rolle.

Vor allem kleine Betriebe brauchen politische Unterstützung, um präventive Angebote für Männer einzuführen.

Ich möchte ein Beispiel nennen: Bei einer Befragung des sächsischen Gleichstellungsbeirats unter den Krankenkassen, Gesundheitsämtern und Vereinen nach geschlechtsspezifischen Angeboten in Prävention und Gesundheitsförderung zeigte sich, dass es diese kaum gibt. Und falls doch, dann richteten sie sich an Mädchen und Frauen. Dabei wäre es gut, spezifische Angebote für Männer zu entwickeln, beispielsweise in der betrieblichen Gesundheitsförderung. Die sächsische Wirtschaft mit ihren meist sehr kleinen Betrieben braucht die Unterstützung der Politik, zum Beispiel bei betriebsübergreifenden Projekten. Die Familienbetriebe mit wenigen Angestellten können es meist nicht leisten, spezifische gesundheitsfördernde Maßnahmen zu entwickeln und umzusetzen. Leider wurde unserer entsprechenden Initiative mitgeteilt, dass in der Männergesundheit derzeit kein Schwerpunkt der Politik gesehen wird.

BFM: Vielen Dank für das Gespräch!

Dr. phil. Matthias Stiehler ist Theologe, Erziehungswissenschaftler und Psychologischer Berater. Er leitet die Beratungsstelle für AIDS und sexuell übertragbare Infektionen im Gesundheitsamt Dresden und ist Vorsitzender des Dresdner Instituts für Erwachsenenbildung und Gesundheitswissenschaft e.V.. Von 2005-2015 war er Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit. Seit 2011 übernimmt er Aufgaben im Gleichstellungsbeirat der sächsischen Landesregierung. Dr. Stiehler war Mit-Herausgeber des Ersten Deutschen Männerberichts und des Männergesundheitsberichts 2013.