Ein Rückblick auf „Männerpolitische Perspektiven in der neuen Legislaturperiode“

Das Bundesforum Männer hat am 22. Februar 2018 zur Fachveranstaltung „Männerpolitische Perspektiven in der neuen Legislaturperiode“ Vertreter_innen aus Politik und Verbänden in das IG Metall Haus Berlin eingeladen, um einen Blick auf den Entwurf des Koalitionsvertrages von CDU/CSU und SPD zu werfen und Impulse für eine gleichstellungsorientierte Jungen-, Väter- und Männerpolitik zu diskutieren.

Zur Podiumsdiskussion waren Vertreter_innen verschiedener Fraktionen eingeladen. Leider wurde kurzfristig und zeitgleich im Deutschen Bundestag eine namentliche Abstimmung zu einem Antrag der AfD angesetzt, so dass eine Teilnahme der Bundestagsabgeordneten nicht möglich war. Sven Lehmann (Bündnis 90/Die Grünen) konnte es terminlich einrichten, vor der Abstimmung kurz Rede und Antwort zu stehen. Weitere Gäste des Bundesforum Männer waren Tanja Smolenski, Leiterin des Fachbereichs Grundsatzfragen und Gesellschaftspolitik beim IG Metall Vorstand, und Alexander Nöhring, Geschäftsführer des Zukunftsforums Familie.

Nach der Begrüßung durch Martin Rosowski, Vorsitzender des Bundesforum Männer, stellte Tanja Smolenski die Beschäftigtenbefragung der IG Metall vor. Die Ergebnisse waren Grundlage für die letzten Tarifverhandlungen. Dr. Dag Schölper, Geschäftsführer des Bundesforum Männer, skizzierte, warum Väter und Männer als gleichstellungspolitische Akteure in den Blick genommen werden müssen – und wo politisch hier immer noch eine Leerstelle ist. Sven Lehmann, Tanja Smolenski, Alexander Nöhring und Martin Rosowski griffen im Anschluss Fragen aus dem Publikum auf und diskutierten verschiedene männer- und gleichstellungspolitische Fragen. Moderiert wurde die Veranstaltung von Thomas Altgeld vom Netzwerk Jungen- und Männergesundheit und Mitglied im Vorstand des Bundesforum Männer.

Einen ausführlichen inhaltlichen Rückblick von Jens Janson, einem Teilnehmer, lesen Sie hier:

Frösche, Zeit und das System

Eine Leerstelle zu füllen – dafür sei das Bundesforum Männer e. V. seit 2010 angetreten, so zeichnete Martin Rosowski, Vorsitzender des Interessenverbands, am 22. Februar 2018 im IG Metall-Haus in Berlin die Aufgabenstellung. Bis dahin habe die männerbewegte Szene einen jahrzehntelangen Weg zurückgelegt. Die besagte Leerstelle bestehe heute darin, eine differenzierte Männerperspektive aktiv in den politischen Gleichstellungsdiskurs einzubringen.

Zarter Hinweis auf Gleichstellungspolitik für Männer

Sich angesichts der aktuellen bundespolitischen Lage abzustimmen, hatte das Bundesforum Männer zu seiner Fachveranstaltung „Männerpolitische Perspektiven in der neuen Legislaturperiode“ eingeladen. Denn mit den Vereinbarungen über eine Regierungskoalition für die nächsten dreieinhalb Jahre liegen neue Richtungsanzeigen auf dem Tisch. 70 Gäste und Mitstreiter_innen aus unterschiedlichen Fachzusammenhängen hatten sich versammelt, neugierig, welche Ansatzpunkte das Koalitionspapiers eröffnen könnte. Eine respektable Anzahl angesichts des eher „zarten Hinweises“ (Rosowski) im Dokument, der immerhin hinreichend klar festschreibt:  Gleichstellungspolitik hat auch Jungen und Männer einzuschließen.

Diese Tatsache, sagte Rosowski, sei nun aber auch in angemessener Weise an die Gemeinten zu adressieren. Nach wie vor analysierten Männer ihre jeweilige Situation anders als Frauen und zögen daraus spezifische Schlüsse mit Blick auf einen eigenen emanzipatorischen Fortschritt. Ein an Defiziten orientierter Diskurs komme nicht an, vielmehr sei an positiven Ressourcen anzusetzen. Und manche Formen von Benachteiligung seien hinter dem Anschein von Privilegien verborgen.

Damit legte Rosowski den Fokus auf eine entscheidende Herausforderung emanzipatorischer Gleichstellungspolitik für Männer: die komplexe, oft unheilvolle Verschränkung von Geschlechterstereotypen mit der Zuweisung ökonomischer Ressourcen. Konkret: der männliche stets leistungsbeflissene Alleinernährer mit höheren Einkommenschancen im lukrativen Produktionssektor steht der weiblichen Zuverdienerin im schlechter entlohnten Sozial- oder Dienstleistungsbereich gegenüber. Rosowski kommt zu dem Schluss: Die immer noch wirksamen Stereotypen sind wohl nur über einen echten Ausgleich der Einkommensverhältnisse zu bewirken.

Erst recht aber seien dafür die Unterstützungsbedarfe von Männern ernst zu nehmen. Spezifisch auf die Lebenssituationen von Männern zugeschnittene Beratungsangebote gäbe es fast nirgends. Gleichstellungspolitik stelle eine Voraussetzung für den sozialen Frieden dar. Alarmierend sei, dass eine rechtspopulistische Szene diese Fragen bereits für sich entdeckt habe und als Antwort altbekannte  Männer- und Frauenbilder in Anschlag bringe.

Wenig hätte diese Mahnung nachdrücklicher untermalen können als die Tatsache, dass an diesem Nachmittag das Podium für die geladenen Politikerinnen und Politiker leer blieb. Denn just für diesen Tag hatte die AfD im Bundestag mittels eines inhaltlich abseitigen Antrages (auf Missbilligung von Äußerungen des Journalisten Deniz Yücel) die Abgeordneten zu einer persönlichen Stimmabgabe genötigt. Allein Sven Lehmann von den GRÜNEN war gekommen und reizte seine Zeitkapazität buchstäblich bis zur letzten Minute aus, was die vorangegangenen Redebeiträge auf hohe Touren brachte.

Arbeit, Arbeit, Arbeit?

Tanja Smolenski, bei der IG Metall  Leiterin des Fachbereichs Grundsatzfragen und Gesellschaftspolitik, referierte im Eiltempo die Arbeitszeitwünsche und Vereinbarkeitsbedarfe von Beschäftigten. In den jüngst verabschiedeten Tarifvereinbarungen der Gewerkschaft haben Regelungen zur Verkürzung von Arbeitszeit, verbunden mit Ausgleichszahlungen, wenn Beschäftigte sich um Kinder und Pflegebedürftige kümmern, großes öffentliches Aufsehen erregt. In den Medien sei gar von Anzeichen eines „Systemwechsels“ die Rede gewesen, berichtete Smolenski. Die Gewerkschaft hatte solche wegweisenden Forderungen nicht nach Belieben aufgestellt. Ihr liegen die detaillierten Befunde einer Beschäftigtenbefragung vom letzten Jahr zugrunde, an der mehr als 680.000 Beschäftigte teilnahmen, davon über eine halbe Million Männer.

Gute Bedingungen für eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf zählten mit zu den wichtigsten Faktoren für die Zufriedenheit mit der persönlichen Arbeitszeit. In diesem Zusammenhang müsse beachtet werden, dass Schichtarbeit in vielen Bereichen im Wachsen begriffen sei, z. B. neben der klassischen Produktion gerade auch bei Dienstleistungen rund um die Uhr, merkte Smolenski an. Die Daten machten deutlich: Die tatsächliche Arbeitszeit ist oft erheblich höher als die tariflich vereinbarte. Erst recht als die gewünschte. Und Väter hegen den größten Wunsch nach Reduktion ihrer Arbeitszeit.

Der Clou des Tarifverhandlungsergebnisses in der Metall- und Elektrobranche liegt in einer flexiblen Gestaltung der Möglichkeiten: Eine bestimmte Summe eines Monatsgehalts kann einmal im Jahr als Auszahlung in Anspruch genommen oder aber in Zeit für Kinder oder Pflege umgetauscht werden. Die Umsetzung der neuen Möglichkeiten obliegt in der Praxis dann den Betrieben. Dort ist festzustellen, dass entsprechende Regelungen, sofern  überhaupt vorhanden, sich auf die klassischen Gruppen beziehen – und das sind nicht in erster Linie die Männer. Nun hängt der Erfolg der Vereinbarung einmal mehr von der Auflösung vorherrschender Stereotype ab.

Die Frosch-Perspektive

Wo also setzen Männer letztlich ihre Prioritäten? Wie gehen sie mit Konflikten zwischen Leistungserwartungen, Lust am Erfolg, echten oder gar selbst gewählten Zwangslagen um und wie mit ihren Wünschen, aber auch Verpflichtungen in Familien und Beziehungen? Dag Schölper, Geschäftsführer des Bundesforum Männer, hatte eine Fülle soziologischen Materials für solche Fragen in petto, aber er wählte zur Analyse der Situation von Männern die „Frosch-Perspektive“. Seine eigene; die des Vaters, der Stress bei der Arbeit nicht an seinem achtjährigen Sohn beim Frühstück auslassen möchte, während das jüngere Kind mit Infekt im Bett liegt, in der Obhut der gerade ebenso kranken Mutter.

Denn es geht bei der virulenten Lage von Männern in der Gesellschaft ja nicht nur um eine sogenannte Wahlfreiheit des Lebensstils, um persönliches Selbstbild und partnerschaftliche Aufgabenteilung. Unter diesen Widerspiegelungen alltäglicher Geschlechterfragen findet sich ein Geflecht an Abhängigkeiten unterschiedlicher Bereiche des individuellen Lebensvollzugs wie auch gesellschaftlicher Rahmenbedingungen. Ein illustrierendes Beispiel aus Schölpers Lebenserfahrung: Als Vater rund um die Uhr beim schwer erkrankten Kind in der Klinik bleiben zu können, erfordert zunächst überhaupt die nötige Zeit aufwenden zu können; es befremdet mitunter die im gleichen Mehrbettzimmer untergebrachten Mütter; es entlarvt sich unversehens als stillschweigend vorausgesetzte Entlastungsaufgabe für das knappe Krankenhauspersonal; es macht sichtbar, dass es kaum Beratungs- und Unterstützungsangebote für die eigene persönliche Situation als Vater gibt. So treten (nicht nur männerbezogene) Mängel am Gesundheitswesen ebenso zutage wie die Folgen von Armut für nachwachsende Generationen, so wächst Kritik am Ehegattensplitting und an der Bevorteilung von Besserverdienenden beim Kindergeld, offenbaren sich Zusammenhänge von Gewaltphänomenen, empathieloser Jungensozialisation und fehlenden Präventionsmaßnahmen bis hin zur Solidaritätsverweigerung mit Geflüchteten. Unter anderem.

Mann sein, Sozialpolitik, Wirtschaftspolitik, Familienpolitik erweisen sich als ein kompakt verschränktes Gebilde. Umgekehrt lässt sich mit der Forderung nach einer Kindergrundsicherung, wie sie das Bundesforum Männer teilt, eben auch direkt Männer-Politik betreiben. Oder mit Beratungsangeboten in Schule und Kita.

Kuchen für die Männer

So umfassend eingeordnet, wären nun Diskussionen über Anknüpfungspunkte männerorientierter Gleichstellungspolitik mit Vertreterinnen und Vertretern von Bundestagsparteien an der Reihe gewesen. Mit Sven Lehmann stand immerhin noch ein Gesprächspartner aus dem Bundestag für kurze Zeit zur Verfügung. Der Vertreter von Bündnis 90/Die Grünen spitzte sein Statement denn auch zu: Der Kuchen einer emanzipatorischen Gleichstellungspolitik müsse insgesamt größer werden. Schon deshalb, damit die Mittel für die Förderung von Frauen nicht geschmälert würden. Zudem müsse der Blick auf den ganz konkreten Lebensalltag von Männern und Jungen gerichtet werden. Als wichtigsten Hebelpunkt identifizierte er, dafür zu sorgen, dass „Männer nicht im Hamsterrad sein müssen“. Und auch Lehmann betonte die Bedeutung von Zeit-Politik. In ihr formuliere sich aktuell die größte Kapitalismuskritik.

Strukturelle Fragen, etwa zu Steuerrecht oder Pflegegeld griffen die Vereinbarungen der potentiellen Koalitionäre hingegen erst gar nicht auf, resümierte Lehmann. Es oblag der Publikumsdiskussion, solche Themenfelder ins Spiel zu bringen. Zwei stachen hervor: Die komplett ausfallende Thematisierung der gewaltigen Anzahl mehrheitlich männlicher Wohnungsloser, darunter auch Väter, und die Forderung nach einem gesetzlich geltenden Sorgerecht von Vätern ab Geburt des Kindes.

Immer wieder: Wechselmodell

Auf dem Podium nahmen nunmehr allein noch Martin Rosowski, Tanja Smolenski und Alexander Nöhring, Geschäftsführer des Zukunftsforums Familie Platz. Dafür entspann sich über die Fragen und Beiträge des Auditoriums dann eine vielfältige Debatte.

Alexander Nöhring mahnte nachdrücklich, Abgaberegelungen wie Ehegattensplitting und beitragslose Mitversicherung verhinderten gerade in Deutschland, dass sich eine partnerschaftliche Aufteilung der Arbeits- und Familienpflichten auszahle. Dabei stellten zwei solide Einkommen für Eltern den besten Schutz gegen Armutsrisiken dar. 50 Prozent der von Armut betroffenen Kinder fänden sich in Aufstocker-Familien. Aus Armutskreisläufen auszubrechen sei oft aussichtslos.

Auch hier betonte Martin Rosowski nochmals die Notwendigkeit, Prioritäten des gesamten Wirtschafts- und Gesellschaftssystem zu hinterfragen, gerade auch, wenn man von der Perspektive individueller Lebensverläufe ausgehe: Warum werden die Bereiche güterproduzierender Branchen den anderen vorgezogen? Ziemlich anders klang es wiederum, als ein FDP-Mitarbeiter die Wahlfreiheit der Lebensgestaltung als Ziel formulierte – unter Beachtung zuallererst der Interessen der Wirtschaft. Auch der Unterschied von Lebenswirklichkeiten in Ost und West kam zur Sprache. Das Ehegattensplitting kommt vor allem westdeutschen Paaren zu Gute, und in den östlichen Bundesländern besteht der stärkste Bedarf nach Entgeltausgleich bei Arbeitszeitreduzierungen.

Auch zunächst unscheinbare Faktoren wie die Bedingungen des Wohnungsmarkts sind zu beachten, worauf Nöhring hinwies. Wie das Engagement von Vätern in Nachtrennungsfamilien gestaltet werden kann,  hängt nämlich nicht zuletzt von der Wohnsituation ab. Die Forderung nach einer verstärkten Etablierung des Wechselmodells (geteiltem Wohnsitz der Kinder sowohl bei Vätern als auch bei Müttern) wurde immer wieder aufgeworfen. In der öffentlichen Debatte würden Männer – ob Väter oder nicht – vom Grundsatz her stets als Alleinstehende behandelt.

Gerade an diesen Stellen der Diskussion spannte sich der Bogen hin zur Anfälligkeit für ein rechtspopulistisches Männerbild. Es wurde davor gewarnt, dass eine Vernachlässigung der Unzufriedenheit bspw. von Trennungsvätern eine Wählerschaft hervorbringe, die anfällig sei für rechtspopulisstische Weltbilder und die sich derzeit in den sozialen Netzwerken organisiere. Auch Smolenski konstatierte eine Neigung zu solchen Haltungen in gewerkschaftlichen Bereichen. Umso mehr müssten Fragen wie Teilzeit und gerechte Modalitäten bei der Finanzierung von Trennungsfamilien öffentlich thematisiert werden. Dem Männerbild in der AfD hingegen sei vernehmbar zu widersprechen.

Symbole der Zukunft

Wenig Raum blieb in der Diskussion dann noch für weitere Zukunftsfragen: Wie werden sich die großen Trends Digitalisierung und Dekarbonisierung auf Arbeitsplätze und Arbeitsmarkt auswirken? Werden vor allem Berufe, die hauptsächlich von Frauen ausgeübt werden, in besonders starkem Maße wegfallen, während die schlechten Löhne in den verbleibenden Berufsfeldern eine Chance auf Partnerschaftlichkeit in Familien zunichtemachen? Wären umgekehrt die jetzt noch als „weiblich“ eingeordneten Tätigkeiten in ihrer öffentlichen Wertigkeit zu steigern, schon indem sie mittels höherer Tarife auch für Männer attraktiver gemacht würden? Wie ließen sich die Abschlüsse der Metall- und Elektrobranche auch in sozialen Berufen etablieren?

Am Ende geht es also wieder um viele Leerstellen. Um die Fragen, wie die unterschiedlichsten progressiven Absichten in gleichstellungspolitischen Maßnahmen für Männer – ob in Politik, Wirtschaft oder Betrieben – zu verwirklichen wären. Die Aussagen der Koalitionsvereinbarung bleiben an diesem Punkt symbolisch, befanden die Tagungseilnehmer_innen. So sei es auch bereits in der vorherigen Legislatur gewesen, erinnerte Martin Rosowski, und doch: die wachsende Unterstützung in Politik und Gesellschaft sei damals wie heute endlich spürbar.

Die Fachveranstaltung des Bundesforum Männer mag als ein Zeichen für diese Entwicklungen stehen.

 

 

 

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