Vereinbarkeit für Männer und Väter kein Thema für den Frauengipfel?

Berlin, 03.11.2016. Martin Rosowski schildert seine Eindrücke vom Frauengipfel, zu dem Bundeskanzlerin Angela Merkel für den 19. Oktober 2016 eingeladen hatte. Die Fragen stellte Dag Schölper.

Frage: Herr Rosowski, Sie waren in Ihrer Rolle als Vorsitzender des Bundesforum Männer zum zweiten Mal von der Bundeskanzlerin zum Frauengipfel eingeladen. Sie waren dort als „Quotenmann“ unter lauter Frauen aus dem Topmanagement der deutschen Wirtschaft. Spiegelt sich in dem Treffen der Erfolg einer zukunftsweisenden Gleichstellungspolitik?

MR: Als ehrenamtlicher Vorsitzender eines Interessenverbandes für Jungen, Männer und Väter war ich ja eher als Zaungast geladen. Als solcher konnte ich mich des Eindruckes nicht erwehren, dass für die Damen Managerinnen ohnehin ausgemachte Sache war, dass Männer so oder so auf der gegnerischen Seite stehen. Entweder als machtgierige Verhinderer und Blockierer der Karrieren von Frauen. Oder als selbstgefällige Möchtegernpapas, die weder im Job noch der Familie ihren Mann zu stehen bereit wären. So wurden die sogenannten Vätermonate von den Topmanagerinnen nur als staatlich gesponserte Familien-Pauschalurlaubszeit denunziert. Das heißt offenbar, Eltern-Sein muss in den Augen der weiblichen Führungselite entbehrungsvolle Schwerstarbeit sein, sonst zählt das alles nichts. Männer, die ein Meeting früher verlassen, weil sie Kinder von der Kita abholen müssen, sind ihnen jedoch gleichzeitig ein Ärgernis. Diese Männer täten dies nur ausnahmsweise und würden sich dafür noch abfeiern lassen.

Frage: Wird die frappierende gleichstellungspolitische Widersprüchlichkeit in diesen Argumenten nicht gesehen?

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Foto: Bundesfourm Männer/Michael Miethe

MR: Nein. Frauen mit Kindern raten die Managerinnen nachdrücklich, sie sollten ohne Gewissensbisse Vollzeit arbeiten. Gleichzeitig wenden sie gegen Väter ein, dass wahre Mutterschaft nur aufopferungsvolle Rundumversorgung der Kinder heißen könne, was nicht mit zwei Papamonaten im All in-clusive-Cluburlaub zu haben sei – so das dort wiederholt bemühte väter- und letztlich elternfeindliche Zerrbild.

Frage: Wie soll das aber gehen, dass alle Vollzeit arbeiten? Wer kümmert sich dann um Kinder und Pflegebedürftige?

MR: Familie und Führungsverantwortung geht dann nur mit bezahlten Dienstleistungen und einem optimal ausgebauten Betreuungssystem zusammen. Letzteres ist für die Vereinbarkeitsfrage aber ohnehin unverzichtbar, egal ob im Falle von Voll- oder Teilzeiterwerb.

Frage: Dann wird beim Gipfeltreffen der Frauen in Führungspositionen davon ausgegangen, dass jede und jeder ausreichend verdient, um dieses Modell leben zu können? Aber gilt das auch für diejenigen, die in den Arbeitszeiten der Eltern auf die Kleinen aufpassen? Und die ja nicht nur aufpassen, sondern einen strukturierten und hoch- wertigen Bildungsplan verfolgen sollen? Gelingt das einem Doppelverdienerpaar, wo er 40 Stunden und mehr als Bauelektriker – und damit saison- und konjunkturabhängig – unterwegs ist und sie als Frisörin? Oder ist der Frauengipfel von einem zynischen Fatalismus geprägt, dass an der gesellschaftlichen Schere, die der Kapitalismus immer wieder erzeugt, nichts zu ändern sei?

MR: Ja, diesen Eindruck kann man durchaus gewinnen. Lassen Sie mich das an einem Beispiel verdeutlichen. In einem Workshop berichteten zwei jüngere Frauen von ihren Erfahrungen mit Jobsharing in einer Führungsposition. Dabei wurde nichts schöngeredet. Aber die Chancen überwogen in der Sicht der beiden Frauen, die sich einen Führungsposten miteinander teilen. Im anschließenden Plenum wurde dieses Modell und damit die realen Erfahrung der beiden Frauen von den anwesenden Topmanagerinnen als grundsätzlicher Irrweg für Frauen abgekanzelt. Teilzeit heiße doch immer nur weniger Geld für gleich lange Arbeit.

Frage: Ja, aber ist denn das nicht eine realistische Warnung? Die Teilzeitfalle ist doch als Problem erwiesen und allgemein bekannt.

MR: Sicher. Aber wie soll sich daran etwas ändern, wenn das Topmanagement nicht dafür sorgt, dass 30 oder 35 Stunden auch verbindlich eingehalten werden? Von der Bezahlung her sollte es im Bereich z.B. der Finanzdienstleistungsbranche auch grundsätzlich machbar sein, in langer Teilzeit zu arbeiten. Warum Jobsharing in leitenden Positionen hier derart blockiert wird, ist für mich nicht nachvollziehbar. Das Mantra vom „das geht nicht“, in das auch die Führungsfrauen mit einstimmen, wird durch unablässige Wiederholung nicht schlüssiger. Für Männer wäre es meiner Überzeugung nach ebenfalls sehr interessant, wenn sie nicht mehr den stressgeplagten Übererfüller geben müssten. Im Übrigen ist diese Haltung der Mangerinnen auch nicht sehr unterstützend für Frauen in ihrer Vereinbarkeitsproblematik.

Frage: Kann das als ein Überbietungswettbewerb um den ersten Platz auf dem Stresspodest verstanden werden, als Kampf um den Nachweis, wer nun der wirklich stärker belastete ist, der über Vollzeit arbeitende Mann und Vater oder die doppelbelastete Frau und Mutter, und ist das nicht Ausdruck eines pervertierten neoliberalen Selbstregulierungsregimes?

MR: An solchen Bildern möchte ich mich nicht unbedingt beteiligen. Aber in der Tat geht es um die Re-Normierung der Vollzeit-Arbeits-Ideologie der Wirtschaft. Was hier allerdings sträflich ver-nachlässigt wird ist die Tatsache, dass dieses ein-seitige autokratische Zeitregime von den Menschen nicht mehr akzeptiert wird. Vor allem junge Leute sind nicht mehr bereit, ihre Lebenszeit radikal in den Dienst der Erwerbsarbeit zu stellen! Doch erst wenn diese Einstellung als Frage des Wettbewerbsvorteils um qualifizierte Arbeitnehmer_innen spürbar wird, werden Unternehmen reagieren.

Frage: Trügt der Eindruck, dass Ihnen die Topmanagerinnen orthodoxer in der Nichtinfragestellung ökonomistischer Prämissen vorkommen als manch einer ihrer männlichen Kollegen? Und ist das Ihrem Eindruck nach auch die Politik der Kanzlerin, die ja zu diesem Gipfel eingeladen hat?

MR: Es ist schwierig, auf spekulative Fragestellungen eindeutig zu antworten. Aber die Nachfragen der Kanzlerin zielten auf die konkreten Erfahrungen und die gelebten Situationen. Es scheint mir, als würde Frau Merkel nicht allein auf den Erfahrungshorizont von Managerinnen bauen wollen. Doch ich unterstelle ihr einmal, dass sie verstehen will, wie Führungsfrauen ticken und was ihnen ermöglicht hat, in die Position gelangt zu sein, in der sie heute sind. Ihr scheint es um ein Verständnis zu gehen, was es für mehr Teilhabegerechtigkeit braucht. Deutlich offensiver ist die Haltung von Bundesministerin Schwesig, die sich auch beim Frauengipfel nachdrücklich für mehr Teilzeit, und für mehr Partnerschaftlichkeit in der Aufteilung einsetzt. Damit hat sie sich bei den Managerinnen nicht unbedingt Freundinnen gemacht.
Etwas befremdlich ist für mich, dass die leitende Verwaltungsebene des Bundesministeriums wider besseres empirisches Wissen den stereotypen Darstellungen der „Rosinenpicker-Papas in 2-monatiger Elternzeit“ nicht widerspricht. Stehen die Zeichen hier etwa in Richtung Abschaffung der Partner_innen-Monate? Der Gipfel wäre eine gute Gelegenheit gewesen, um an Väter adressierte proaktive Anreize in den Unternehmen für mehr Inanspruchnahme der ElterngeldPlus-Optionen einzufordern. Die Infragestellung der fälschlich so genannten zwei Vätermonate hingegen wäre ein fatales Signal in die komplett falsche Richtung.