Rück- und Ausblicke auf eine moderne Männerpolitik

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Persönliche Stellungnahme von Martin Rosowski, Vorsitzender des Bundesforum Männer

Berlin, 03. November 2016

Den Anlass des diesjährigen Weltmännertages möchte ich nutzen, um auf einige Fehlentwicklungen in der Diskussion um den gleichstellungspolitischen Beitrag von Männern in diesem Jahr zurückblicken und dabei auch zu persönlichen Angriffen gegen mich grundsätzlich Stellung zu beziehen.

Ich bin ehrenamtlicher Vorsitzender des Bundesforum Männer – Interessenverband für Jungen, Männer & Väter. Im Herbst 2010 wurde ich von den Gründungsmitgliedern des Vereins in dieses Amt gewählt, 2014 wurde ich wiedergewählt. Ich stehe somit für die Politik des Bundesforums, aber ich bin nicht das Bundesforum. Das Bundesforum Männer ist vielmehr ein Dachverband mit über dreißig bundesweit agierenden Mitgliedsorganisationen. Bei aller Verschiedenheit in Größe, Organisationsgrad oder Arbeitsweisen der einzelnen Einrichtungen eint die Mitglieder des Bundesforum Männer der Gestaltungswille einer modernen Gleichstellungspolitik im Interesse von Jungen, Männern und Vätern. Das Bundesforum Männer wurde gegründet, weil im gleichstellungspolitischen Diskurs eine Leerstelle konstruktiv zu füllen war: eine gleichstellungsorientierte und zugleich empathische und anwaltschaftliche Perspektive für Jungen, Männer und Väter. Als Vorsitzender setze ich mich persönlich dafür ein, dass diese Perspektiven auf die bundespolitische Agenda gelangen und  dort auch nachhaltig bearbeitet werden. Mir ist wichtig, dabei in gutem Austausch mit anderen gleichstellungspolitischen Akteurinnen und Akteuren zu sein. Auch Kontroversen sind zu führen, im Interesse einer Entwicklung hin zu einer in einem umfassenden Verständnis geschlechtergerechten Gesellschaft.

Für dieses Engagement war und ist nicht zu erwarten, dass ich mir damit nur Freunde mache. Denn klar ist auch, dass mein Engagement nicht beliebig ist. Es ist ein zwar durchaus weites, aber dennoch klar umgrenztes normatives Fundament, auf dem meine Arbeit für das Bundesforum wie die aller Mitgliedseinrichtungen basiert. Die verabschiedete Plattform des Bundesforums ist für uns alle unabdingbar handlungsleitend. Ich will als Vorsitzender, aber auch als Vertreter meines Verbandes, der Männerarbeit der Ev. Kirche in Deutschland, dazu beitragen, einengende und dominante Männlichkeitsstrukturen und Rollenbilder zu überwinden. Dabei sehe ich meine ehrenamtliche Arbeit auch als Beitrag zu einer Vermittlung zwischen verschiedenen Gruppen von Männern und ihren spezifischen Lebenslagen und Herausforderungen.

Mit anderen Worten, ich erkenne die Vielfalt der Lebenslagen von Jungen, Männern und Vätern an und bekämpfe sie nicht: Homosexuelle Männer, alleinerziehende Väter, ihre Partnerinnen pflegende Rentner, Jungs mit Lesekompetenzschwäche, Männer mit Vereinbarkeitsproblemen. Das sind nur einige Beispiele. Für mich, aber auch für das Bundesforum Männer insgesamt ist dabei nicht „der“ Feminismus das politische Gegenüber.

Gleichstellungsorientierte Politik für Jungen, Männer und Väter bedeutet das Bohren dicker Bretter. Es geht um nicht weniger als die gesamtgesellschaftlichen ökonomischen, juristischen und bürokratischen Strukturen. Weder das Bundesforum Männer noch ich als Person brauchen den eitlen großen Auftritt im medialen Scheinwerferlicht. Ich stehe für substanzielle Überzeugungsarbeit bei den Verantwortungsträgerinnen und Verantwortungsträgern, dass ganz im Sinne von Gender Mainstreaming bei allen politischen Entscheidungen die Auswirkungen (auch) für Jungen, Männer und Väter antizipiert werden.

Damit wende ich mich gegen Ansätze und Akteure, die Gender Mainstreaming zunächst völlig verzerrt darstellen, um sodann den selbst entworfenen Popanz mit Kriegsgeheul zu bekämpfen. Dazu zählte ich durchaus auch die Initiatoren des so genannten „Ersten Deutschen Genderkongress“, der im Herbst 2015 in Nürnberg stattfand. Die Veranstaltung wurde ab dem Sommer beworben, wie wir im Bundesforum zur Kenntnis nahmen. Uns erschien das zunächst einfach nur amüsant, dass Akteure, die seit langem dafür bekannt sind, dass sie mit großer Häme Begriffe wie „Gender“ oder „Gender Mainstreaming“ niederzuschreiben versuchen, nun zu einem „Genderkongress“ einladen wollten. Schnell wurde jedoch der Widersinn offenkundig, dass nun ausgerechnet jene Polarisierer sich über das gesamte Spektrum der etablierten Parteien hinweg als die einzige Gruppe zu inszenieren suchten, die sich für die Interessen von Jungen, Männern und Vätern stark mache.

Im Austausch mit Vertretern und Vertreterinnen der fraglichen Parteien über den Charakter des geplanten Kongresses informierten wir über unsere begründete Einschätzung der Veranstaltung. Offenkundig hatte ein Großteil der angefragten Politiker_innen kein Interesse daran, im einschlägigen Umfeld dieser Veranstaltung über Gleichstellungspolitik zu diskutieren. Dass dies die Initiatoren des Kongresses ärgerte, ist durchaus verständlich.

Die Art der Reaktion darauf jedoch beschreibt dann doch anschaulich die wahren Intentionen hinter der Veranstaltung: Anstatt eine politische Kontroverse zu führen, wurde eine Sammelstrafanzeige gegen mich wegen übler Nachrede organisiert. Wie zu erwarten, hat die Staatsanwaltschaft Hannover die Anzeige  wegen nicht vorhandenem Anfangsverdacht abgewiesen. Ohne die Reaktion der Behörde abzuwarten verfassten die Anzeigesteller jedoch „offene“ Briefe an Bundesministerien, Bundestagsausschüsse und Mitglieder des Bundesforums, in denen ich eines angeblich strafbaren Verhaltens bezichtigt wurde. Auch an die Presse wandte man sich. Presseinformationen kann herausgeben, wer möchte. Aber für mich war irritierend, dass daraufhin selbst eine Zeitung wie die FAZ, die ich bislang mit seriösem konservativem Journalismus verband, mit einem schlecht gemachten Artikel über einen vermeintlichen Richtungsstreit in der Männerbewegung aufwartete.

Genau darum aber geht es eben nicht. Ein Richtungsstreit entsteht aus der Spannung von widerstreitenden inhaltlichen Positionen. Die Initiatoren der besagten Veranstaltung haben meines Erachtens bis heute jedoch noch keinen ernstzunehmenden Beitrag zu dem komplexen Diskurs über Geschlechterverhältnisse in Deutschland und Europa geleistet. Wie auch, handelt es sich bei ihnen um politisch irrelevante Einzelkämpfer, deren einzige Vernetzungsleistung in der gemeinsamen Empörung über das Feindbild „des Feminismus“ besteht. Zudem würde ein Diskurs über Richtungen eine minimale Bereitschaft voraussetzen, gewisse diskursethische Spielregeln einzuhalten. Wer Strafanzeige wegen Beleidigung und übler Nachrede stellt und dann beklagt, dass man das konstruktive Gespräch verweigere, hat die Grundvoraussetzungen von gelingender Kommunikation nicht verstanden.

Das Bundesforum Männer engagiert sich nicht gegen bestimmte Akteure, sondern für geschlechtergerechte Verhältnisse in unserer Gesellschaft. Und ja, ich finde ein Mehr an gleicher Aufgaben- und Lastenverteilung gut. Ich mache mich dafür stark, dass Männer aktive Vaterschaft leben können und fordere Männer auch dazu auf, sich dafür einzusetzen. Ich will, dass Jungen und Mädchen in ihrer kindlichen Lebenswelt Männer erleben können, in der Kita, in der Schule. Ich will das nicht, weil ich meine, dass Männer per se bessere Erzieher oder Grundschullehrer wären als Frauen in diesen Berufen. Männer haben unterschiedliche Ressourcen, die bislang aber nur sehr schlagseitig auf die Gesamtheit aller gesellschaftlichen Bereiche verteilt sind. Das ist nicht Gleichberechtigung, sondern Ressourcenvergeudung.

Und ja, ich finde, dass Erwerbsarbeit auch Teilhabe an Gesellschaft bedeutet. Darum sollen Frauen und Männer einen gleichen Anteil an Erwerbsarbeit und Erwerbseinkommen haben. Das schafft die sozioöko-nomischen Bedingungen für eine geschlechtergerechte Verteilung an Produktion und Reproduktion. Er-werbsarbeit muss aber auch eigenständige Existenzsicherung bedeuten. Sonst entstehen Abhängigkeiten, die zu hierarchischen Strukturen gerinnen und die altbekannten Geschlechterungleichheitsmuster des patriarchalischen kapitalistischen Systems ewig wiederholen: Männer an die Werkbänke und Frauen an den Herd. Ich will, dass Jungen mit anderen Normalitätsbildern aufwachsen, weil sie ihre Väter als anwesend und fürsorglich erleben können und nicht nur als abwesende Brotverdiener. Das gilt für alle Vaterschaftsmodelle, auch und gerade für Trennungsväter. Sie juristisch in die Lage zu versetzen, diese Verantwortung auch aktiv wahrnehmen zu können, dafür wird sich das Bundesforum mit den entsprechenden Fachverbänden auch zukünftig stark machen.

Bei aller positiven Wertschätzung und Ressourcenorientiertheit setze ich mich gemeinsam mit den Mit-gliedsorganisationen des Bundesforums aber auch dafür ein, dass Realitäten zur Kenntnis genommen werden. Männer werden zu Opfern von Gewalt, im öffentlichen Raum, aber auch in den eigenen vier Wänden. Diese Männer brauchen Schutz und Unterstützung, sie brauchen aber zuerst einmal Anerkennung. Noch immer scheinen Männer als Opfer für Viele kaum vorstellbar. Das muss sich ändern. Daher fordert das Bundesforum Männer in allen gleichstellungspolitischen Kontexten die fehlende nachhaltige psycho-soziale wie gesundheitsbezogene Berichterstattung und Forschung sowie Maßnahmen der entsprechenden Prävention ein. Dies gilt für psychisch kranke, von sexuellem Missbrauch und Gewalterfahrung betroffene Männer ebenso wie für die Arbeit mit Männern als Gewalttäter. Nur in einem solchen Kontext kann es gelingen, den Respekt für die Vielfalt sexueller Identitäten und das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung proaktiv zu stärken und den rechtspopulistischen Tendenzen der Anti-Gender-Kampagne den Boden zu entziehen.

Ich gehöre nicht zum Lager derer, die das wissenschaftliche Instrumentarium der kritischen Männlichkeitsforschung gleichsetzen mit einer grundsätzlichen und stereotypen Männerkritik. Ich glaube an die Ressourcen, die Männer zur positiven Gestaltung unserer Gesellschaft einbringen können. Und so werden selbst die verbohrtesten Männerrechtler bald erkennen, dass die Zeiten vorbei sind, in denen Männer sich vorschreiben lassen, wie sie zu sein haben, welche Lebensentwürfe sie zu wählen haben, was sie fühlen sollen und wie sie sich inszenieren. Männer wollen Vielfalt, in der sie ihre individuelle Männlichkeit in Autonomie, Respekt und Würde leben können. Männlichkeiten in Deutschland wandeln sich, vor allem werden sie vielschichtig – und das ist gut so!

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Martin Rosowski ist Theologe und Historiker, Geschäftsführer der Männerarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Vorstand des Bundesforums Männer – Interessenverband für Jungen, Männer und Väter e.V.

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