XX und XY = XXY ungelöst: Ein Beitrag von Martin Rosowski

Reicht es nicht längst schon mit der Gleichberechtigung der Frauen? Müssen wir mehr für Männer tun? Erstaunliches entsteht, wenn Männer- und Frauenverbände kooperieren.

Von Martin Rosowski

Wie steht es um die Gleichberechtigung von Männern und Frauen in Deutschland? Man könnte meinen, dass ein Männerverband hier eine andere Wahrnehmung als ein Frauenverband hat. Und dass es vielleicht wenig Schnittmengen geben könnte.

„XXY ungelöst. Zukunft 2060 – Aussichten für Männer und Frauen“. So lautete der Titel der ersten gemeinsamen Fachtagung des Frauenverbands Business and Professional Women (BPW) als großem international aktiven Frauenverband mit dem Bundesforum Männer als dem Interessenverband für Jungen, Männer und Väter in Deutschland im November 2015. Während der Planungen wurde ich oft gefragt, warum wir bei so etwas mitmachen, ja was denn die Gleichstellung Männer eigentlich angeht.

Die Rolle der Männer in der Gleichstellungspolitik hat sich historisch entwickelt. In der Frühphase der Frauenbewegung haben Männer Frauen, die für ihre Rechte eintraten, als Bedrohung empfunden: für die Gesellschaft, die öffentliche Ordnung und für die eigenen Privilegien. Spätestens in den 1970er Jahren gehörte es dann zur Political Correctness, dass moderne Männer Frauen in ihrem Emanzipationskampf unterstützen. Heute gibt es immer mehr Männer, die sich selbst aus einseitigen Rollenzwängen emanzipieren wollen und deutlich machen, dass sie sich keineswegs per se als Männer privilegiert sehen oder diese vermeintliche Privilegierung für sich gar nicht in Anspruch nehmen wollen. Solche Männer kämpfen gegen einseitige Rollenzuweisungen als Haupternährer, für ihre Rechte als Väter oder für die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeitszeit und privater, partnerschaftlicher oder familiärer Lebenszeit. Sie sind mittlerweile wichtige Akteure in der Gleichstellungspolitik. Um die geht es genauso wie um die jungen Männer nicht privilegierter Milieus, die zu Bildungs- und Modernisierungsverlierern werden, oder um die Männer, deren Rollenzwänge sie krank machen, früher sterben lassen, die kriminell werden oder als Täter und Opfer in den Kreislauf von Gewalt verstrickt sind. Gerade weil es gilt, diese Ambivalenz von Ressourcen- und Benachteiligungsorientierung adäquat auszubalancieren, bleibt das Verhältnis von Männern zur Gleichstellung spannungsvoll.

Spannungsvolles Verhältnis

Da sind auf der einen Seite die klassischen Argumentationsklischees aus dem Bereich sogenannter männerrechtlerischer Positionen: „Die Gleichstellung der Frauen ist längst erreicht – jetzt sind wieder die Männer dran …“ „Der Gender Mainstream ist eine totalitäre Ideologie zur systematischen Unterdrückung von Männern …“

Auf der anderen Seite sind die Feststellungen von Carsten Wippermann aus der Sinus-Studie Männer: Rolle vorwärts, Rolle rückwärts ebenso ernst zu nehmen: „Männer empfinden Unbehagen, wenn ihnen in der öffentlichen Debatte von Frauen gesagt wird, was Männern fehlt, was deren Lasten sind, welche Bedürfnisse zu kurz kommen und in welcher Weise sie sich verändern sollen.“ „An einer ernsten ganzheitlichen Emanzipation der Männer seien die meisten Frauen (der Frauenbewegung) nicht interessiert – so der Verdacht vor allem geschiedener Männer und Väter.“

Diese unterschiedlichen Zitate machen die zwei Ebenen deutlich, von denen her eine Gleichstellungspolitik ohne einen gezielten Blick auch auf Männer in Schieflage geraten kann. Zum einen der emotionale Reflex solcher traditioneller Männer, die sich durch Frauenförderung in ihrer Rollenidentität bedroht sehen. Auf der anderen Seite emanzipatorische Männer, die enttäuscht sind darüber, dass ihre Interessen und Bedürfnisse in der Geschlechterdebatte marginalisiert oder gar ignoriert werden. Solche Schieflagen kann Gleichstellungspolitik nur dann verhindern, wenn sie eine zweidimensionale Gleichstellungsperspektive konkret werden lässt: Nachhaltige und gerechte Geschlechterpolitik kann immer nur auf die Lebenssituation von Frauen und Männern gerichtet sein.
Um geschlechtergerechte und chancengleiche Bedingungen zu schaffen, benötigen wir politische Instrumentarien, die die Spezifika in den Lebensbedingungen analysieren und diese Analyse zur Grundlage weiterer Gestaltung von Lebensverhältnissen machen. So entstehen Männerpolitiken (Markus Theunert hat diesen Plural erstmals verwendet, um die Teilpolitiken für Jungen, Männer und Väter profilierter darzustellen) als konstitutive Elemente von Gleichstellungspolitik. In diesem Sinne versteht sich zum Beispiel auch das Bundesforum Männer als gesellschaftlicher Kooperations- und Diskurspartner der politisch Handelnden.

Haben Männer geschlechtsspezifische Interessen?

Wer wie oben argumentiert, trifft immer wieder auf das perplexe Erstaunen: Haben Männer denn überhaupt geschlechtsspezifische Interessen? Wenn nicht, hätte sich das Bundesforum als Dachverband von bundesweit agierenden Organisationen aus allen Bereichen der Gesellschaft wohl nicht gebildet. Interessen zu suggerieren gelingt allerhöchstens in der Werbung, und auch dort nur mit deutlich begrenzter Halbwertszeit.

Ärgernisse – Herausforderungen – Aussichten

Männer treffen heute auf ein sehr umfängliches und oft auch widersprüchliches Portfolio an Rollenerwartungen. Dazu gehört in allererster Linie der in der Selbst- wie in der Außenwahrnehmung gesellschaftlich gewollte aktive Vater. Doch zugleich ist eine andere, letztendlich widersprechende, Rollenzuweisung nicht verschwunden, nämlich die des Haupternährers der Familie. Diesem Stereotyp entspricht nahezu logisch zwingend die Tatsache, dass es nach wie vor eine große Einkommenslücke zwischen Frauen und Männern gibt. Das herrschende Wirtschaftssystem tut sein Übriges hinzu. Wert von Arbeit wird nach wie vor an Produktion, Wachstum und materieller Wertschöpfung bemessen. Reproduktion und Fürsorge werden als selbstverständlich kostenlos erbrachte Dienstleistungen dem ökonomischen System zugrunde gelegt. Eine Folge davon ist eine Abwertung von erziehenden, sozialen und pflegenden Berufen – in denen entsprechend der Platz anweisenden Rollenstereotype vorrangig Frauen arbeiten. Abwertung erfahren aber auch Männer, die im beruflichen Kontext offensiv Zeit und Raum für die Wahrnehmung ihrer Fürsorgeverantwortung in ihren nicht erwerblichen Lebensbereichen einfordern.

An diesen gesellschaftlichen Widersprüchen scheitern innovative partnerschaftliche Rollenarrangements junger Menschen, so aufrichtig und so engagiert sie diese auch anstreben. Es geht hier also nicht um persönliche Lebensentscheidungen angesichts einer vorgegaukelten Wahlfreiheit, sondern um ökonomische, soziale und kulturelle Strukturen, die die jungen Menschen sehr früh als unvermeidliche Zwänge erfahren.

Eine Gesellschaft, die fürsorgliche Männer will, muss daher Paradigmenwechsel vollziehen. Männer, die fürsorglich Zeit mit Kindern, Familie oder kranken Angehörigen verbringen, brauchen klare unterstützende Signale. Diese Zeit muss als das anerkannt werden, was sie ist: produktive Zeit für die Gesellschaft und somit auch für den Arbeitgeber. Wenn das nicht geschieht, werden Männer und Frauen weiterhin informelle Deals zur Ausbalancierung ihrer Lebensbereiche suchen, ohne etwas an den großen Strukturen trotz guten Willens ändern zu können. Oder sie werden scheitern und dafür auch noch die Schuld bei sich selbst suchen. Denn das Gelingen solcher Arrangements hängt entscheidend davon ab, in welchen sozialen Milieus und unter welchen ökonomischen Bedingungen sie sich vollziehen.

Männer sollten aktiver werden

Ist es angesichts solcher komplexer Zusammenhänge denn überhaupt noch zeitgemäß, männer-(und frauen-)spezifische Perspektiven zu entwickeln? In der gesellschaftlichen Diskussion hält sich das Kokettieren mit den Unterschieden zwischen den Geschlechtern hartnäckig. Noch immer ist der Streit um die Bedeutung von kulturellen und biologischen Prägungen nicht beigelegt.

Und in der Tat bestehen, egal wie auch immer sie konstruiert sein mögen, deutliche Unterschiede darin, wie Männer und Frauen über ihre Interessen kommunizieren. Wo und wann sie Problemanzeigen definieren, was sie als gesellschaftliche Unterstützung einfordern, das unterscheidet sich erheblich. Deshalb ist der spezifische Austausch unter Männern (wie Frauen) ebenso dringend erforderlich wie die spezifische Adressierung von Gleichstellungsmaßnahmen an Männer, damit diese auch begreifen, dass sie gemeint sind und dass sie davon auch profitieren können. Das beste Beispiel dafür ist das Elterngeld Plus, das erhebliche flexible Möglichkeiten der gleichzeitigen Gestaltung von Elternzeit und reduzierter Erwerbsarbeitszeit bietet, aber von Männern nicht auf Anhieb als auch an sie gerichtet verstanden wird.

Die Gesellschaft braucht keine Jammer-Männer

Die gesellschaftliche Diskussion lässt einen solchen gendersensiblen Blick auf die Männer oft nicht zu. Stattdessen findet sich nicht selten eine gesellschaftlich-öffentliche Negativsicht auf alles Männliche. Das sind die Gewalttäter, die Profiteure, die Blockierer, die Kriegstreiber oder die Sexisten. Wie anders ist zu erklären, dass die große Zahl an Flüchtlingen vor allem deshalb als besondere Bedrohung wahrgenommen wird, weil es so viele Männer sind? Niemand wird bestreiten, dass die kulturellen Unterschiede in der Bewertung des Geschlechterverhältnisses uns nicht vor große Herausforderungen stellen werden. Doch dieses Problem ist in der Integrationspolitik nicht neu und hat nicht allein etwas mit den (muslimischen) Männern zu tun.

Zum anderen sind da diese jammernden Männer, die sich von den Frauen speziell und der Weiblichkeit (letztendlich in ihrer Wahrnehmung des Feminismus) an sich unterdrückt fühlen und der Meinung sind, jetzt sollte in der Gleichstellungspolitik Schluss sein mit der Frauenförderung und die Männer sind nun dran. Diese Gesellschaft braucht keine Jammer-Männer. Sie braucht Männer, die selbstbewusst den partnerschaftlichen, aber wenn nötig auch kontroversen Diskurs mit den Frauen führen und klar und deutlich ohne Larmoyanz ihre Interessen benennen und für sie eintreten. Denn das gemeinsame Ziel kann ja nur die faktische und nachhaltige Gleichstellung aller Geschlechter sein.

Die Rollenstereotype, die Männer und Frauen in ihren Entwicklungsmöglichkeiten noch immer behindern, werden nur über den Weg der Herstellung gleicher ökonomischer Verhältnisse zwischen Frauen und Männern zu überwinden sein. Das gilt vor allem für die nach wie vor noch weiblich konnotierten Dienste am Menschen und die niedrige Bezahlung in den entsprechenden Berufen.

Aber aus einer spezifischen Männersicht ist es zugleich dringend geboten, die Unterstützungsbedarfe von Männern und Jungen ernsthafter in den Blick zu nehmen. Die gesamte psychosoziale Beratungslandschaft ist in unserem Staat extrem einseitig auf Frauen oder gar nicht geschlechtssensibel ausgerichtet. Beratungsangebote für Männer als Gewalttäter, noch mehr als Gewaltopfer (sei es durch sexuellen Missbrauch oder [kriegsbedingte] Posttraumatisierungen), als an psychischen Erkrankungen leidende Männer (Burn-out, Depression, Suizid etc.), als Fragende in Sachen männlicher Sexualität, als Männer, die eine erwerbsarbeitsbezogene Gesundheitsprävention benötigen oder als Männer/Väter in Trennungskrisen oder Sorgerechtsstreit  – all solche dringend erforderlichen Unterstützungsangebote gibt es nicht, zumindest nicht in ernsthafter, nachhaltiger öffentlicher Förderung.

Gerechte Verhältnisse zwischen den Geschlechtern sind eine Grundbedingung gesellschaftlichen Friedens. Solange Männer jedoch lediglich als Unterstützer von Frauen hinzu gebeten werden, ist dieser Prozess zum Scheitern verurteilt. Geschlechtergerechtigkeit kann nur erreicht werden, wenn Männer als aktive Gestalter von Gleichstellung wahr- und ernst genommen werden.

Dieser Beitrag ist am 17. September 2016 auf ZEIT ONLINE erschienen und unter folgendem Link einsehbar.
 
Ursprünglich stammt der Beitrag aus dem Buch von Henrike von Platen (Hrsg.): Neue Courage! Business and Professional Women (BPW) Germany 1931-2016, Verlag Barbara Budrich, 2016, 307 Seiten; 24,90 €

Martin Rosowski ist Theologe und Historiker, Geschäftsführer der Männerarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Vorstand des Bundesforums Männer – Interessenverband für Jungen, Männer und Väter e.V.