Workshop „Geflüchtete Männer“

Doku: Fachforum „Geflüchtete Jungen, Männer und Väter“ Berlin im Januar 2016

Erfahrungen aus dem Projekt „MenSano“

Torsten Weber vom Männernetzwerk Dresden berichtete vom Projekt „MenSano“, bei dem Ansätze der Gesundheitsförderung für Geflüchtete in örtlichen Asylbewerberheimen durchgeführt wurden. Im Zeitraum vom 01.11.2013 bis 31.12.2014 hat das Projekt „MenSano“ Männer mit Fluchtmigrationserfahrung im Alter zwischen 18 und 50 Jahren angesprochen, die in zwei Dresdener Gemeinschaftsunterkünften lebten.

Zum Projektstart hat „MenSano“ folgende Hauptprobleme der Zielgruppe ermittelt: Allgemein galten beengte Wohnverhältnisse ohne ausreichende Berücksichtigung kultureller Hintergründe der Geflüchteten sowie die Langeweile aufgrund fehlender Arbeitserlaubnis als zentrale Probleme. Als migrationsbezogene Probleme wurden die quälende Ungewissheit bezüglich des Fortgangs des Asylverfahrens, fehlende Sprachkenntnisse, Heimweh und das Vermissen der zurückgebliebenen Familie ausgemacht.

Auf der Basis dieser Vorüberlegungen setzte sich das Projekt „MenSano“ mit gesundheitsbezogen Herausforderungen auseinander, die bei den Männern mit Fluchtmigrationserfahrung festgestellt wurden: manchmal Alkohol- und Drogenmissbrauch, verschiedene physische (wie z.B. Diabetes, Hepatitis C) und psychische Erkrankungen (v.a. Traumatisierungen) sowie mitunter schwer diagnostizierbare unspezifische Beschwerden.

Ziele

Dabei war das Ziel, im Umgang mit den geflüchteten Männern diese gesundheitlichen Probleme geschlechtssensibel zu verstehen und zu bearbeiten. So war eine Annahme, dass die evtl. im Herkunftsland gelebten, traditionellen Männlichkeitsbilder mit auslösend für alltägliche und Gesundheitsprobleme sein könnten, wenn es im Konflikt mit modernen Männerbildern in Deutschland zu Spannungen kommt. Außerdem war eine Vermutung, dass es zu Schwierigkeiten kommen könnte, eine erfüllte Sexualität auszuleben, weil Partnerinnen fehlen oder die problematischen Wohnverhältnisse das erschweren würden.

Das Ziel des Projekts „MenSano“ richtete sich in diesem Rahmen auf die Gesundheitsförderung für männliche Geflüchtete und verfolgte einen präventiven Ansatz. Das Konzept des Projektes orientierte sich theoretisch am Modell der Salutogenese nach Aaron Antonovsky, mit dem sich die Frage in den Blick nehmen lässt, was geflüchtete Männer brauchen, um gesund zu bleiben?

Als ein Aspekt der Salutogenese sollte das Projekt den Aufbau bzw. Erhaltung des Kohärenzgefühls fördern, wofür folgende drei Aspekte als notwendig erachtet werden: Verstehbarkeit (Transparenz und Klarheit bezüglich der Erfahrungen in Deutschland), Bewältigbarkeit (Erschließung von Ressourcen, soziale Unterstützung, gutes Gefühl) und Sinnhaftigkeit (Bezug zum eigenen Leben herstellen, Lohn der Anstrengungen sehen)

Als grundlegende Voraussetzung für den Projekterfolg eingeschätzt wurde der Ansatz der Ressourcenorientierung in der Arbeit, vorhandene Beratungserfahrungen des Trägers in verschiedenen Kontexten sowie ein gute Vernetzung innerhalb Dresdens.

Angebote

Als regelmäßige Angebote wurden vor diesem Hintergrund durchgeführt:
• Offenes Café in den Räumlichkeiten des Männernetzwerks (Spiele, Internetzugang)
• Aufsuchende Arbeit in den zwei Gemeinschaftsunterkünften
• Psychosoziale Beratung
• Kollegiale Beratung für Fachkräfte

Ergänzend wurden themenbezogen Projekttage angeboten wie ein Kochprojekt, das dem Aufbau von Kontakt und Vertrauen diesen sollte. Außerdem sollte das Kochprojekt das Kennenlernen der Projekt-Räumlichkeiten und das Gespräch der Geflüchteten untereinander fördern. Projekttage gab es auch mit Sportangeboten wie z.B. Volleyball und einen Thementag „Gesundheit“ in Kooperation mit einem örtlichen Bildungsträger.

Stolpersteine

Torsten Weber stellte dann Türöffner und Stolpersteine des Projekts vor. Als erfolgreich bezeichnete er den Ansatz der aufsuchenden Arbeit, der durch die Präsenz in den Gemeinschaftsunterkünften ermöglicht wurde: so erfolgten viele Einladungen in die Bewohnerzimmer und es gab eine große Bereitschaft der Geflüchteten, über ihre aktuelle Sorgen und Nöte zu sprechen. Auch die Unterstützung bei juristischen bzw. Verwaltungsangelegenheiten der Klienten, wie z.B. Mahnschreiben, Ratenzahlungsvereinbarungen, Anhörungen, fehlende Mitwirkungspflichten usw., sieht Weber als erfolgreich. Außerdem gelang es, verschiedene lebenspraktische Hilfen zu leisten wie z.B. die Übersetzung der Beipackzettel von Medikamenten. Helfen konnte das Projekt auch dabei, Arbeits-, Beschäftigungs- und Freizeitangeboten für die Geflüchteten zu recherchieren sowie bei der Kontaktaufnahme zu diesen Angeboten zu unterstützen. Die Kochprojekte waren Bestandteil des Projekterfolgs, weil viele Teilnehmer erreicht wurden, so dass durch die entspannte Atmosphäre der Beziehungsaufbau gefördert werden konnte. Gut war auch die kollegiale Beratung mit Fachkräften aus dem Bereich der Flüchtlingshilfe, die als für die Beteiligten als entlastend sowie hilfreich für die Lösungsentwicklung und Nutzung von Synergien eingeschätzt wurde.

Torsten Weber berichtet dann auch von Schwierigkeiten, die sich bei der Projektdurchführung zeigten. Die Einbeziehung von Dolmetschern in die Beratung war teils problematisch, weil die Filterungen des Gesagten zu Verständigungshindernissen führten. Auch die Arbeit mit hier üblichen, aber für die Zielgruppe unvertrauten Beratungsmethoden (wie z.B. zirkuläre Fragen oder Systemaufstellung) verlief oft nicht günstig. Es war auch nicht leicht, mit der geringen Verbindlichkeit in den Angeboten mit Komm-Struktur wie beim Offenen Café und den Sportangeboten umzugehen. Als hinderlich machen sich auch die fehlenden Räume zur ungestörten Beratung in den Gemeinschaftsunterkünften bemerkbar. Die interdisziplinäre Kooperation mit Verantwortlichen anderer Professionen vor Ort, wie bei der Arzt- oder Schulbegleitung, verlief dann schwierig, wenn dort andere Ideen vorherrschten und handlungsleitend waren, was Ziel und Aufgabe des Projekts „MenSano“ sein sollten.

Erfahrungen

Abschließend nennt Torsten Weber in einem Resümee Besonderheiten des Projekts „MenSano“, deren Beachtung für ähnliche Folgeprojekte evtl. hilfreich sein könnte:

Um die Beziehung zu den Geflüchteten und zu den Heimleitern nicht aufs Spiel zu setzen, nahm das Team zuweilen Abstand von Teilen der Konzeption, weil andere Aufgaben, wie Informationen vermittelnde Beratungen und die Unterstützung in juristischen bzw. Verwaltungsangelegenheiten, die eigentlich zentralen Zielsetzungen überlagerten. Den Geflüchteten ließen sich arbeitsteilig abgegrenzte Zuständigkeiten oft schwer vermitteln, so dass das Team als zuständig für vielfältige Probleme angesprochen bzw. tätig wurde, von denen sich die Geflüchteten Unterstützung erhofften.

Zusammenfassend war eine Erkenntnis, dass das Thema der Gesundheit keinen niedrigschwelligen Zugang zu Geflüchteten bietet. Andererseits erwies sich die Arbeit mit Fachkräften und Multiplikator*innen zum Thema Männlichkeit als sehr wichtig und als eine wesentliche Ergänzung zur unmittelbaren Arbeit mit den Geflüchteten selbst.

Nach Auswertung der Projekterfahrungen bemühte sich das Männernetzwerk darum, das Konzept zu verändern, um es mit mehr Fachkräften vor Ort bzw. in Kooperation mit Jugendeinrichtungen und Stadtteilhäusern zum Thema Gesundheit verstärkt über soziokulturelle Angebote fortzusetzen. Aufgrund anderer Schwerpunktsetzungen bezüglich der Bedarfe (starker Fokus auf Sozialberatung statt Gesundheit) kam es jedoch nicht zu einer Projektfortsetzung.

 

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