Workshop 1: Unbegleitete minderjährige Geflüchtete

Doku: Fachforum „Geflüchtete Jungen, Männer und Väter“ Berlin im Januar 2016

ein Impuls von Andreas Meissner

Andreas Meissner vom Jugendhilfeträger evin e.V. in Berlin ist gleichzeitig auch der Landeskoordinator für Berlin des Bundesfachverbandes Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (BumF e.V.). Evin e.V. hat ein Wohnprojekt für 100, von denen lediglich drei Mädchen sind. Andreas Meissner ist die pädagogische Leitung dieser Einrichtung und seit über 17 Jahren im Feld der Arbeit mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge tätig.

Einleitend gibt Andreas Meissner im Workshop einen Überblick auf die Situation unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge in Deutschland: Derzeit halten sich in Deutschland ca. 57.000 unbegleitete Flüchtlinge auf, von denen der allergrößte Teil männlich ist. Die Anzahl der Minderjährigen, die als Kinder und Jugendliche mit ihren Familien oder einzelnen Verwandten kommen ist jedoch noch weitaus größer. Ihre Hauptherkunftsländer sind in der Regel identisch mit den Herkunftsländern der erwachsenen Geflüchteten (Syrien, Irak, Eritrea, Afghanistan).

In der Jugendhilfeeinrichtung in der Andreas Meissner arbeitet, werden derzeit fast 100 Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 20 Jahren betreut. 96 davon sind männlichen Geschlechts und sie leben bei in betreuten WG‘s und Einzelwohnungen. Aktuell sind 12 (bald 19) Jugendliche sind in der Clearingstelle des Trägers untergebracht, einer Erstaufnahmeeinrichtung mit einer dreimonatigen Aufenthaltsdauer. Circa dreiviertel der betreuenden SozialarbeiterInnen und ErzieherInnen sind im Übrigen weiblich.

Dann wirft Andreas Meissner zentrale Fragen auf: Was macht die Arbeit mit männlichen jungen Geflüchteten aus? Stehen Jungs vor besonderen Herausforderungen, die mit ihrer Geschlechtszugehörigkeit zusammenhängen?

17 Jahre Berufserfahrung

Er beruft sich in seinem Statement nicht auf wissenschaftliche Untersuchungen oder Studien, sondern auf seine über 17jährige Berufserfahrung in diesem Bereich, wo er Erfahrungen mit (überwiegend) männlichen Flüchtlingskindern sammeln konnte.

Der Referent sieht einen Unterschied zwischen erwachsenen Männern und Kindern/Jugendlichen mit ihrem Schicksal darin, dass sich Letztere noch in kindlichen Entwicklungsphasen bzw. in der Pubertät befinden und das ihre Entwicklung und die damit verbundenen Aufgaben durch die Flucht unterbrochen oder zumindest gestört werden.

Ihre Kindheit oder Jugend erfährt durch die Flucht einen radikalen Bruch und viele Dinge, die sie bisher für normal und weitestgehend geregelt hielten, müssen nun in Frage gestellt werden.

Elternrolle von geflüchteten Vätern

Vielfach werden die Rollenbilder von Männern und Frauen, die die Minderjährigen in ihrer Herkunftsgesellschaft erlebt haben im Exil konterkariert. In Flüchtlingsfamilien werden die Eltern, insbesondere oft die Väter, die als „Ernährer der Familie“ galten, ihrer Elternrolle nicht mehr gerecht oder es wird fast unmöglich, sie wie zuvor weiter zu leben.

Geflüchtete Mütter und Väter können der Familie keine Sicherheit mehr bieten und die Zukunftsperspektive ist ebenfalls ungewiss. Nicht selten bekommen die Kinder eher Zugang zur aufnehmenden Gesellschaft und der jeweiligen Sprache, so dass sie dann elternähnliche Funktionen (z.B. für jüngere Geschwister) übernehmen. Sie sind oft gezwungen Aufgaben zu bewältigen, die eigentlich traditionellerweise den Eltern (oder eben den Vätern) zuzurechnen wären, wie z.B. das Organisieren und Bewältigen von Terminen bei Behörden oder Ärzten.

Andreas Meissner betont, dass die (oft männlichen) Kinder und Jugendlichen in geflüchteten Familien aber nicht als reine Opfer schlimmer Verhältnisse viktimisiert werden sollten, sondern sie sollten auch als potentielle Kompetenz- und Hoffnungsträger der Familie betrachtet werden, die oft über erstaunliche Energien und Resilienzen verfügen.

Den Alltag selber meistern

Männliche unbegleitete Flüchtlingskinder- und jugendliche stehen im Gegensatz zu den Begleiteten vor der Herausforderung, ihren Alltag in der neuen Gesellschaft selbst zu regeln. Denn selbst wenn sie in Einrichtungen des betreuten Jugendwohnens leben, sind sie letztendlich natürlich für alles was sie tun und entscheiden selbst verantwortlich und müssen die entsprechenden Konsequenzen tragen.

Manche der Jugendlichen haben viele alltägliche Dinge (z.B. Kochen, Organisieren, Lernen) schon zu Hause gelernt, andere stehen vor ganz neuen Herausforderungen, die in ihrem Herkunftsland nicht unbedingt zu den Herausforderungen des Alltags eines männlichen Jugendlichen gehörten. Das bisher internalisierte männliche Rollenbild wird im Exil bei vielen massiv in Frage gestellt.

Insbesondere bei Diskussionen um das Putzen in den WG‘s, die gesunde Ernährung, das Aushandeln von Regeln und das gleichberechtigte Wahrnehmen von Männern und Frauen erlebt das Team immer wieder, wie insbesondere männliche Jugendliche überfordert sind. Wobei man natürlich auch in diesem Punkt die Vielfalt geflüchteter Jugendlicher im Blick behalten muss.

Gleichstellung? Kritische Neugierde

In der Regel erleben die Fachkräfte der Einrichtung aber auch, dass die jungen Männer sich mit der neuen Lebenssituation zu arrangieren versuchen und interessiert sind, wie bestimmte Dinge in ihrem Exil funktionieren. Andreas Meissner erlebt eher selten eine totale Ablehnung der Gleichberechtigung der Geschlechter. Häufiger erlebt er eine kritische Neugier gegenüber Themen wie Geschlechterrollen oder Sexualitäten. Auch bei der Verarbeitung von Traumata und Ängsten sowie in Konfliktsituationen vermag der Referent keine einheitlichen oder generalisierbaren, d.h. für junge männliche Geflüchteter typische Verhaltensweisen auszumachen.

In der Wohneinrichtung erlebt das Team Jungs, die ihre Konflikte nach innen verarbeiten, vergleichsweise gehäuft auch solche, die sich selbst verletzen, die verbal und/oder körperlich aggressiv werden, die Alpträume haben und anfangen einzunässen oder Jungs, die in jeder Hinsicht völlig unauffällig oder teilweise auch überangepasst sind.

Manche wünschen sich in der Betreuungsperson oder anderen Vertrauenspersonen eine Mutter- oder Vaterfigur und möchten der behütete Sohn sein, andere wollen zielgerichtet und weitgehend ohne „Überbehütung“ ihren Weg verfolgen.

Abschließend stellt Andreas Meissner die These in den Raum, dass die jungen Geflüchteten, wie alle anderen Menschen auch, viele Identitäten haben, von denen zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedliche Facetten in den Vordergrund rücken. Mal sehen sich die Jugendlichen offensichtlich mehr als Flüchtlinge (dazu werden sie allerdings eher gemacht), mal als Jungs oder Männer, in anderen Situationen als begeisterte Fußballfans oder als Syrer, Afghane oder Eritreer. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Diese Vielfalt aufzugreifen und mit ihr zu arbeiten erscheint dem Referenten ein zentraler Aspekt in der (Zusammen-)Arbeit mit diesen jungen Menschen.

 

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