Bericht zum Workshop männliche geflüchtete Jugendliche

Doku: Fachforum „Geflüchtete Jungen, Männer und Väter“ Berlin im Januar 2016

von Klaus Schwerma

Zunächst gab Andreas Meißner seinen Impuls (s.o.). Der Blick auf männliche, geflüchtete Jugendliche sollte einer doppelten Perspektive erfolgen nach dem Motto „anders und gleich“: einerseits unterscheiden sie sich mit ihrer Fluchterfahrung und den Erfahrungen ihrer Herkunftsländer von deutschen Jugendlichen ohne Flucht- bzw. Migrationserfahrung. Andererseits sollte man sie immer auch als Jungen oder Jugendliche wahrnehmen und behandeln, mit all den für das Alter typischen Themen, Werten oder Verhaltensweisen. Es ergibt sich die schwierige Herausforderung, beide Perspektiven gleichzeitig wahrnehmen zu können, die sich bereits im bekannten Ausspruch der afroamerikanischen Aktivistin Pat Parker zeigen: „Wenn du mit mir sprichst, vergiss, dass ich eine Schwarze bin. Und vergiss nie, dass ich eine Schwarze bin“ (Pat Parker, zitiert nach Rommelspacher 1995, S. 100). Diese Aufforderung der Afroamerikanerin Pat Parker verbindet dabei untrennbar die zwei Forderungen, Differenz anzuerkennen und gleichzeitig nicht auf diese Differenz festgelegt zu werden. Das bedeutet für die praktische Arbeit mir der Zielgruppe, die eigene Haltung im Sinne beider Aspekte immer wieder zu reflektieren.

In der Diskussion wurde auch von der Erfahrung berichtet, dass man die Einstellung der männlichen, geflüchteten Jugendlichen genau wahrzunehmen: Berichtet wurde, dass viele der männlichen, geflüchteten Jugendlichen dem Leben in Deutschland mit einer kritischen Neugier und Offenheit begegnen. Diese Neugier darauf, wie das Leben in Deutschland ist, sollte als wichtiger Ansatzpunkt der Jugend- und Jungenarbeit genutzt werden.

Geflüchtetensozialarbeit braucht als Basis für die Arbeit und den Erfahrungsaustausch mit männlichen, geflüchteten Jugendlichen (ob nun als unbegleitete, minderjährige Geflüchtete oder als Angehörige einer hier lebenden Familien mit Fluchterfahrung) tragfähige emotionale Beziehung/Bindung zwischen Fachkräften der Geflüchtetensozialarbeit und den Jugendlichen. Das Ermöglichen emotionaler Beziehungen/Bindungen wird als zentrale Grundlage für die erfolgreiche Integration der Familien, gerade aus Sicht der geflüchteten Jugendlichen, bewertet. Damit ist bereits die wichtige Forderung an die Politik angesprochen, den Familiennachzug nicht zu begrenzen, sondern schnell zu ermöglichen: Die Sicherung des Zusammenlebens der Familienangehörigen ist für eine gute Integration, insbesondere der Kinder/Jugendlichen geflüchteter Familien, sehr bedeutsam. Im Zuge der Gewaltvorfälle der Kölner Silvesternacht ist es allerdings schwerer geworden, im politischen Raum Aufmerksamkeit für diese elementaren Bedarfe der Familien zu finden bzw. den politischen Willen zur Verwirklichung zu mobilisieren.

So gelingt es kaum noch, die enorme Bedeutung des Familiennachzugs für eine gute Entwicklung der Kinder/Jugendlichen in geflüchteten Familien gegen die politischen Ziele der Zuwanderungsbegrenzung durchzusetzen, die sich von der Begrenzung des Nachzugs eine Verringerung der Fluchtmotivation erhofft.

An dieser Stelle sieht sich das Bundesforum Männer in der Pflicht, sich zum Wohl der Kinder/Jugendlichen geflüchteter Familien für die Möglichkeiten der Familienzusammenführung bzw. des Familiennachzugs zu engagieren, wie es auch von den großen Sozialverbänden gefordert wird. In diesem Sinne sieht sich das Bundesforum Männer in der Verantwortung, gegen die Instrumentalisierung von Problemen wie der Kölner Gewaltvorfälle aktiv zu werden, damit nicht die Bedarfe oder Verletzbarkeiten von (männlichen) Geflüchteten an den Rand gedrängt werden, sondern trotzdem im Blick und in der Sozial-/Bildungsarbeit bzw. Politik handlungsleitend bleiben müssen.

Literatur:

Rommelspacher, Birgit (1995): Dominanzkultur. Texte zu Fremdheit und Macht. Berlin: Orlanda Frauenverlag.

 

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