Vielfältig sind die Wünsche von Vätern ihr Leben zu gestalten – Vielfältig sind auch die Problemlagen

Erste Eindrücke zur Fachtagung „Strategien moderner Väterpolitik“, am 10. & 11. März 2016 in Berlin

von Jens Janson, Referent der Männerarbeit der EKD

Vielfältig sind die Wünsche von Männern, ihr Leben als Vater zu gestalten und dem Glück, Kinder zu haben, Raum zu geben. Vielfältig auch sind die Problemlagen, mit denen diese Wünsche konfrontiert sind: die Interessen von Arbeitgebern, die Notwendigkeit des Gelderwerbs, die Modelle öffentlicher oder privater Kinderbetreuung, die Voraussetzungen gelingender Paarbeziehungen und Partnerschaften zwischen Eltern. Und entsprechend vielfältig sind die Stellschrauben und Lösungsideen für diese Herausforderungen: Arbeitszeitmodelle, Betriebskulturen, Beratung für Väter wie für Unternehmen, gesetzliche Maßnahmen, öffentlich wirksame Rollenmodell, Politik, Väterpolitik.

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Christine Morgenstern (BMFSFJ)

Einigkeit besteht in der Feststellung: Die Debatte geht nicht mehr darum, ob sich Männer überhaupt fragen, wie sie ihre Vaterschaft aktiv leben wollen und können. Sie wollen es, es geht um die Frage, wie? Damit ist die Politik am Zug. Und so war der Titel der Fachtagung „Strategien moderner Väterpolitik“ in Berlin punktgenau formuliert. Das Bundesforum Männer e. V. hatte im Rahmen seines Projekts „Männer übernehmen Verantwortung – Partner, Vater, Arbeitnehmer“ am 10./11. März in die DGB-Vorstandszentrale eingeladen, um Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Politik und sozialer Arbeit  miteinander ins Gespräch zu bringen und Formulierungen von tragfähigen Lösungsansätzen zu erarbeiten. Rund 70 Männer und Frauen berieten über zwei Tage hinweg intensiv und mit Lust an der Sache, und dem einmütigen Wissen , dass nach langen Phasen, in denen Politik für Väter sich in Appellen zu individueller Gesinnungsänderung erschöpfte, die Zeichen nun auf Grün stehen.

Moderne Gleichstellungspolitik heißt heute eindeutig, dass sie Männer ebenso in ihren Fragen und Interessen mit politischen Maßnahmen unterstützt wie Frauen. Auch darin bestand Einigkeit zwischen der Leiterin der Abteilung Gleichstellung im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Christine Morgenstern und Martin Rosowski, dem Vorsitzenden des Bundesforums Männer, deren Beiträge die Tagung eröffneten.
Christine Morgenstern hob hervor, dass auch eine moderne Einstellung zur partnerschaftlichen Aufgabenverteilung kein Selbstläufer sei, sondern Promotoren und Rahmenbedingungen brauche, die es ermöglichten, diese neuen Einstellungen und Lebensentwürfe auch zu leben. Dramatisch sei nach wie vor, dass bei jungen Männern an bestimmten Knotenpunkten im Lebenslauf, wie der Geburt eines Kindes, die Präferenz für ein gleichgestelltes Rollenmodell kippe und nur noch knapp 40% der jungen Männer eine partnerschaftliche Aufgabenteilung in ihrer Partnerschaft anstrebten.

Priorität für Vaterschaft

Das Bundesforum Männer hat just ein ehrgeiziges Projekt aufgelegt, das sich mit der Lage jener jungen Männer und Väter befasst, die auf der Flucht nach Deutschland kommen, und vor allem auch mit den Fragen, die sich im Blick auf Männlichkeiten für unsere Gesellschaft auftun. Eine dringliche Aufgabe, wie auch Frau Morgenstern unterstich,. Es geht dabei nicht nur um die Vermittlung unterschiedlicher Werteeinstellungen zwischen westlichen und orientalischen Kulturen. „Wir haben demnächst 500.000 junge Männer hier, die ‚Väter‘ suchen, die ihnen sagen sollen, was sie machen sollen. Das wird noch spannend!“ formulierte im Verlauf der Tagung ein altgedienter Vorkämpfer für Männerarbeit. Eine solche Argumentationslinie dürfte schwerlich in einem anderen Diskussionsrahmen zu hören sein. An diesem Punkt – der Vaterschaft – laufen für die Zukunft der Gesellschaft bedeutsame Diskursstränge zusammen. Vielleicht wird sich also die Warnung eines weiteren Experten als unbegründete  Befürchtung erweisen, dass aktuelle Politikfelder wie Fluchtproblematik und EU-Krise die Behandlung von Themen wie Gleichstellung und Väter verdrängen werden.

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(v.l.n.r.) Martin Patzelt (CDU), Bettina Jarasch (Grüne/B90), Dr. Fritz Felgentreu (SPD)

In der anschließenden Podiumsdiskussion wurde auf der politischen Ebene die Gestaltung des privaten, öffentlichen und ökonomischen Raumes im Interesse von Vätern ausgeleuchtet. „Wir müssen auf die Mütter und auf die Väter hören, nicht auf Ideologien oder den Zeitgeist. Der entwickelt sich manchmal schneller, als wir denken!“, rief Martin Patzelt (MdB), der für die CDU im Familienausschuss des Bundestages sitzt, seinen Mitstreiter_innen in der Politik zu. Auf dem Podium bestätigte sein SPD Kollege Dr. Fritz Felgentreu (MdB): „Man darf nicht mehr auf juristische Argumente hören, warum etwas nicht geht. Denn da geht es um das Ausweichen vor inhaltlichen Argumenten. Entscheidend ist, in welche Richtung wir wollen!“ Es gehe um Arbeitszeitpolitik, konkretisierte Bettina Jarasch, Mitglied im Bundesvorstand von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. Ihre Partei brachte unlängst eine Neugestaltung der Elternzeitregelungen ins Gespräch, der jeweils drei achtmonatige Phasen für Mutter, Vater und gemeinsame Betreuung zur Verfügung stellen will.

Zeitpolitik

Visionen zu entwerfen für das Leben von Vätern – versuchsweise für das übernächste Jahrzehnt – ist nun aber Aufgabe für Fachleute. Die Tagungsteilnehmer und -teilnehmerinnen machten sich, angelehnt an das Workshop Modell der „Zukunftswerkstatt“ daran, die Richtung zu markieren. Es sollten dabei sehr konkrete Zielbestimmungen heraus moduliert werden.

Aktive Vaterschaft braucht vor allem eines: Zeit. Um diesen Tatbestand rankten sich mit die meisten Forderungen. Wobei vielen Arbeitnehmern schon gedient wäre, würden die tariflichen Normzeiten eingehalten. Reichen würde das wohl nicht, weshalb eine Neudefinition der Normarbeitszeit angezielt werden sollte. Teilzeit für Väter und Mütter im Sinne einer für alle vertretbaren Familienarbeitszeit. Warum sollte das nicht gehen – sobald man sich traute, althergebrachte, eben durch Normen fixierte Vorstellungen zu überwinden? Schließlich kommen auch immer mehr Unternehmen zu dem Schluss, dass das Gesamtvolumen an geforderter Arbeitszeit durchaus flexibel aufgeteilt werden kann. Aber hier hängt eines am anderen: Teilzeit muss dann auch eine Familie ernähren können. Was mindestens zweierlei nach sich ziehen müsste: einen existenzsichernden Mindestlohn und eine Bereinigung der Entgeltungleichheit nach Geschlechtern, die wiederum mit der in verschiedenen Branchen korrespondiert. Zudem – damit wäre eine dritte Voraussetzung gefordert – hätte das tiefgreifende Auswirkungen auf die Organisation der Sozialsicherungen. Vielleicht alles nicht unmöglich umzusetzen. Es bedürfte freilich einer Reihe grundsätzlicher Perspektivwechsel. Einer könnte etwa sein, das Recht von Kindern auf Zeitkontingente von Elternseite zugrundezulegen.

Bis es dazu kommen sollte, bedarf es vielfacher Beratung, der von Eltern als auch der von Unternehmen. Beratungsstellen in Unternehmen selbst, für Väter aber auch für Personalleitungen wurden immer wieder als Desiderat genannt. Denn vielfach scheint es weniger an Möglichkeiten als an Fantasie und Prioritätensetzungen zu mangeln. Schon ein Anwachsen von Role-Models in den Reihen von Spitzenpolitikern (und -politikerinnen!) könnte etwas bewegen – innerhalb des Politikbetriebs und im Sinne öffentlicher Vorbilder. Die Erprobung geteilter Führungsverantwortung liegt auf der gleichen Ebene. Arbeit müsste dann auch in stärkerem Maße so organisiert werden, dass Vertretungen leichter zu strukturieren wären, was wiederum eine Aufgabe für umfassende und stetige Bildungsmaßnahmen darstellen würde.

Bildung und Beratung

Unabhängig von Erwerbsarbeitsstrukturen wäre auch, so die Teilnehmer und Teilnehmerinnen, an Bildungseinrichtungen sowie Schulen und Kitas manches zu verändern: Ihr Angebot müsste „bunter“ werden, um im Sinne einer gender-gerechten Ausrichtung Väter persönlich anzusprechen und zu gewinnen. Dies kann heute noch schon daran scheitern, dass Kurse nicht nach Bildungsgesetzen zuschussfähig sind, die sich digitaler Arbeitsformen oder des „Lernens am Lagerfeuer“ in Väter-Angeboten mit Event-Charakter bedienen. Dabei spielt die Bereitstellung von Räumen für die Freizeitgestaltung von Vätern mit ihren Kindern doch gerade eine wichtige Rolle. Viele Väter begleiten ihre Kinder in sportlichen Aktivitäten und entwickeln als Ehrenamtliche in vielen sozialen und sportlichen Bezügen eine Kultur der Väterlichkeit. Für andere  Zusammenhänge könnten  auch Kurse hilfreich, Übergänge hinein in die Vaterschaft, aber in steigendem Maße auch in die Großvaterzeit bewusst vorzubereiten und zu gestalten. Auch dies Fälle für Beratungsbedarfe.

Was gerade auch für das Gelingen von Beziehungen gilt. Trennungen von Eltern mit Kindern bis zu sechs Jahren auf 50 Prozent zu reduzieren, formulierte eine Arbeitsgruppe als konkrete Zielsetzung. Denn viele Paare hätten nicht lernen können, dass Streit nicht zwingend zur Auflösung von Beziehungen führen müsse. Wenn aber eine Trennung vollzogen ist, so eine weitere Gruppe, dann sind Maßnahmen dringend vonnöten, die Vätern den Kontakt mit den Kindern weiterhin gewährleisten. Das beginnt bei der Berücksichtigung von Besuchskosten bei großen Entfernungen („Multilokalität“) im Sinne eines Anspruchs der Kinder selbst und umfasst auch die Schließung rechtlicher Lücken, etwa im Unterhaltsrecht, wenn finanzielle ‘Unwuchten‘ gerade dadurch auftreten, dass die Kinder jeweils von beiden Eltern an wechselnden Orten betreut werden. Rechtliche Leerstellen tun sich auch dort auf, wo gleichgeschlechtliche Partner die Fürsorge für ihre Kinder hegen. Auch dafür müssten wiederum Beratungsstellen Hilfe und Unterstützung anbieten. Und die müssten auch nach Arbeitsschluss und an Wochenenden geöffnet sein.Bild-103

Greifbare Utopien

Manche Statements bündelten all diese Zusammenhänge im Verlauf der Fachtagung wie Kristallisationspunkte: Etwa dass Väter keine Sonderbehandlung, nicht einmal öffentliche Aufwertung wünschten. Sondern als „normal“ akzeptiert werden möchten. Dass es hilfreich wäre, die Message zu befördern: „Dein Kind braucht dein Engagement, weil du es bist.“ Und dieses zu sich selbst Kommen von Vätern – so wichtig es ist – bleibt weithin merkwürdig unbesprochen. „Vater, Partner, Arbeitnehmer – Männer übernehmen Verantwortung“, so lautet der programmatische Titel des Projekts des Bundesforums. Es spricht Männer zuallererst auf eine Funktion hin an. Dabei ließen sich vermutlich Ressourcen eröffnen, wenn Männer im Sinne von Selbstfürsorge ihre Bedürfnisse und Belange ernst nehmen könnten: für Kinder, für Partnerschaften, für die Gesellschaft. Ein offenbar vorerst noch  utopischer Ansatzpunkt.

Die Umsetzung des prallen Straußes an Ideen einzufordern, aber auch die sorgsame Bearbeitung der Widrigkeiten und Herausforderungen ist nun die sich anschließende Aufgabe des Bundesforums Männer. Manche Ziele und Wunschvorstellungen dürften sich in Widersprüchen zerreiben, z. B. Teilzeit für alle vs. Teilzeit als „Falle“ für die Rentenansprüche. Auch die Innovationsleistung von Unternehmen ist ungleich verteilt, z. B. zwischen industriellen und kleinen mittelständischen Betrieben. Vielfalt der Wünsche trifft auf Vielfalt der Probleme. Vielfältig sind aber auch die Kompetenzen, die eine Institution, wie der Interessenverband für Jungen, Männer und Väter in wachsendem Maße zu versammeln imstande ist, indem er sich einmütig darauf ausrichtet ein Ziel auszudifferenzieren und zu transportieren: Väterpolitik.

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