Fachforum „(Junge) Männer – Flucht, Migration, Vertreibung“ am 22. Januar 2016 in Berlin. Ein Bericht

Beitrag von Jens Janson

Es bedurfte keiner langen Einleitungen, um zu begründen, warum das Bundesforum Männer, der Interessenverband für Jungen, Männer und Väter e. V. die erste Veranstaltung des Jahres zum Thema „(Junge) Männer – Flucht, Migration, Vertreibung“ anberaumte. Rund 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmern kamen am Freitagmittag, dem 22.01.2016 in der NABU-Zentrale in Berlin zu einem Fachforum zusammen, das nicht lange vorbereitet werden konnte und auch nicht aufgeschoben.

Phantom des gefährlichen Mannes

Schon vor den Ausschreitungen und Übergriffen in der Silvesternacht in Köln (und in weiteren Städten) war in den Äußerungen populistischer Redner und Politiker_innen ein Phantom aufgeschienen: das des gefährlichen jungen Immigranten in seiner Eigenschaft als Mann. Auch durch Leitartikel und Feuilletons irrlichterte es. Sehr schnell wurde diese Phänomen als erstaunlich dicht unter der Oberfläche lauernder rassistischer Reflex enttarnt, während die Frage nach einem womöglich kulturell verankerten Sexismus‘ männlicher Einwanderer zugleich einen Schatten auf diejenigen warf, die den Asyl Suchenden mit Willkommen entgegengehen.Die Bewältigung der Aufnahme von Millionen nach Deutschland flüchtender Menschen wird derzeit in Bevölkerung, Medien und Politik als die entscheidende Herausforderung der Gesellschaft für Jahre oder sogar Jahrzehnte eingeschätzt. Viele Einheimische fühlen sich bedroht.

Populistische oder offen rechtsradikale Positionen, erhalten erstmals wieder hohe Zustimmung. Gemeinhin als seriös geltende Spitzenpolitiker sehen das „Schicksal des deutschen Volkes“ in Gefahr. Frauen könnten sich nicht mehr auf die Straße trauen, jedenfalls in ganzen Stadtteilen, warnen Feministinnen. Staatsrechtler bangen um „Volk, Raum und Grenze“ als Grundlage des Staates. Freilich tritt nicht konkret hervor, was die vielfach „besorgten“ Bürgerinnen und Bürger eigentlich befürchten. Zu früheren Gelegenheiten rumorten Ängste um den eigenen Arbeitsplatz, leere Staatskassen und der Eindruck, die Sozialleistungen würden ungerecht verteilt. Doch den Deutschen geht es gut, es herrscht faktisch Vollbeschäftigung, und der Staatshaushalt steht glänzend da. Dennoch beherrscht das Wort „Krise“ die Debatten. „Flüchtlingskrise“ nicht im Sinne einer Notsituation der Menschen, die auf ihrem Weg in eine ungewisse Zukunft Leib und Leben riskieren, sondern als unbestimmter Symbolbegriff der gegenwärtigen Lage der Deutschen.

In dieser Situation bündelt sich das dumpfe Unbehagen in einem Szenario wie es nicht besser geeignet sein könnte zur Abwehr der eigenen kollektiven Erregung: der gewalttätigen Übergriffe auf Frauen durch eine Gruppe von Migranten an Silvester in Köln. Das Thema ist zudem Brennstoff für die Medien und in der Folge für die sozialen Medien: Sex, Crime, Islam, Ausländer! Im Brennpunkt der Erregung aber steht nun wie gerufen der der böse, geile, fremdgläubige Mann, der sich all dessen bemächtigen will, was wir uns kulturell sublimierend entäußert haben wollen.Bereits im Spätherbst hatte das Bundesforum Männer eine Schieflage konstatiert und in einer Stellungnahme festgehalten, dass die Schutzwürdigkeit von Frauen und Mädchen auf der Flucht besonderer unterstützender Maßnahmen bedürften, zugleich aber angemahnt, die Situation der Männer nicht zu verkennen, die ebenso unter traumatisierenden Erlebnissen und den auf ihnen lastenden Erwartungen ihrer zurückgebliebenen Angehörigen litten.

Gendersensibler Blick auf geflüchtete Männer

Von Anfang an sei die Debatte um die Geflüchteten in Polarisierungen abgedriftet, skizzierte der Vorsitzende des Bundesforum, Martin Rosowski, zu Beginn des Fachforums diese Hintergründe: gute und schlechte Flüchtlinge, Familien, denen Mitgefühl entgegenschlug und skeptisch beargwöhnte junge Männer. Die Vorannahme, dass diese die Problemträger der so genannten Flüchtlingskrise darstellten, habe dann durch die Übergriffe von Köln als bestätigt gelten können. Zu schlussfolgern sei: Die Integration der geflüchteten Männer innerhalb der deutschen Gesellschaft kann nur gelingen, wenn in gemeinsame Bemühungen für ein wertebasiertes Zusammenleben gendersensibel die Situation und die Bedürfnisse der Männer beachtet werden. Das Fachforum hatte es sich demzufolge zum Ziel gesetzt, zumindest damit zu beginnen, die Lage der Flüchtlinge wie auch die Debatte in der Mehrheitsgesellschaft und der Politik differenziert wahrzunehmen, nach dem Bedarf der Asyl suchenden Männer an Unterstützung und Bildungsmaßnahmen zu fragen, zu erheben, welche Angebote bereits gemacht werden und was politisch zu empfehlen und gegebenenfalls einzufordern ist.

Der Verlauf der Tagung zeigte dann durchaus Leerstellen an, deren Aufarbeitung aber in den Diskussionen der Teilnehmenden umso mehr als Herausforderung begriffen wurden.Golschan Ahmad Haschemi von der Amadeu Antonio Stiftung stellte in ihrem Vortrag Grundsätze rassismuskritischer Jugendarbeit voran, mithilfe derer das Projekt ju:an Betreuungskräfte berät. Dabei machte sie folgende Gleichung auf: Die jeweilige Maskulinität junger Muslime wird nicht reflektiert. Dies leistet der Vorstellung einer homogenen Gruppe der Geflüchteten Vorschub, der dann das Gegenbild der scheinbar einheitlichen deutsche Männer entspricht: „Wir und die!“ Unterstellungen, die früher an Rasse oder Ethnie festgemacht wurden, werden heute mit dem Begriff der andersartigen Kultur unterlegt. Demgegenüber stellte die Bildungsreferentin fest: Sexismus wirkt sich überall aus, wo es Männlichkeitsvorstellungen gibt, die auf binären Geschlechterkonstruktionen aufruhen.

In der Jungenarbeit führt das zu Stigmatisierungen. Dagegen setzt das Projekt ju:an Bildung mit denjenigen, die mit Jugendlichen arbeiten und die eigenen Antisemitismen und Rassismen bislang nicht reflektiert haben. Darüber hinaus gibt es praxisorientierte Handlungsempfehlungen. Konkrete Tipps, angefangen von einer gründlichen Recherche, wo Jugendliche überhaupt untergebracht sind und wie sie zu erreichen sind, welche Sprachbarrieren bestehen, welche Unterstützung schon ansässige Selbsthilfeorganisationen leisten können oder wie die hiesigen Jugendlichen in Einrichtungen einbezogen werden können. Dabei sind sowohl bestehende Vorurteile von Jungen und Mädchen in der offenen Jugendarbeit zu berücksichtigen wie menschenfeindliche Voreinstellungen bei den geflüchteten Jugendlichen. Allein deren große Zahl (31 % aller Asylanträge reichen Jugendliche ein) erfordert eine Beteiligung und Sensibilisierung der Institutionen der offenen Jugendarbeit. Deren Mitarbeitende müssen sich auf eine geduldige, nachhaltige Arbeit einstellen. Einmalige Fortbildungen reichen keineswegs aus, die Arbeit muss regelmäßig reflektiert werden. Und: zum Engagement gehört es, politisch Stellung zu nehmen, sei es, rassistischen Auswüchsen entgegenzutreten, sei es, Ressourcen und Personal kontinuierlich einzufordern. Besonderes Augenmerk legt das Projekt auf Methoden zur Unterstützung geflüchteter Mädchen und von Jugendlichen mit queeren Fluchtgründen (also aus Gründen der individuellen geschlechtlichen Identität).

Perspektive mit Leerstellen

Womit eine offenkundige Leerstelle erkennbar wird: Spezifische Fluchtgründe von Jungen und Männern und die Frage, wie sich die Fluchterfahrungen auf sie im Besonderen auswirken, sind nicht im Blick. Warum? Weil, so Golschan Ahmad Haschemi die Gesellschaften sowohl in den Herkunftsländern als auch in Deutschland von hegemonialer Männlichkeit geprägt sind. Ein Ertrag der Tagung ist es daher bereits, dass Ahmad Haschemi die Anfrage zurück ins Projektteam trägt. Eine Vertreterin vom Christlichen Jugenddorf (CJD) weist auf erste Ansätze in einem eigenen Projekt hin, das männerspezifische Fluchtgründe aufgreift, z. B. die Bedrohung durch Bürgerkriegsparteien als Soldaten rekrutiert zu werden. Und auch die belastenden Erwartungen an männliche Flüchtende werden gesehen. Erkenntnisse lägen allerdings noch wenige vor. Und was ist nun mit der heiklen Frage, ob das kulturell geprägte Männer- und Frauenbild von männlichen Migranten sexuelle Übergriffe begünstigt? Wie umgehen mit dem lastenden Rassismusverdacht hinter solchen Fragen? Ist es legitim hier einen besonderen Bedarf für die Begleitung und Betreuung von jungen muslimischen Männern zu sehen? Nein, ist die Einstellung von Ahmad Haschemi. Sexualisierte Gewalt gibt es überall und an all diesen Stellen ist sie zu bekämpfen. Gerade rassistische Wahrnehmungsstrukturen legten den (Fehl-) Schluss nahe, in der hiesigen Kultur komme es zu weniger Übergriffen.

Ein äußerst schwieriges Diskussionsfeld. Schon die feministischen Debatten der jüngsten Zeit, über Intersektionalität, wurden von harten Auseinandersetzungen darüber bestimmt, welches Gewicht einem untergründig wirksamen Rassismus in westlich geprägten Argumentationsverläufen zukommt.In Bezug auf die Situation von Männern ist dabei zumindest zu fragen, ob die jeweilige Sozialisation in durchaus unterschiedlichen Rechtsräumen ausgeklammert werden kann oder gar muss, damit es nicht zu jener Aufspaltung in „wir und die da“ kommt. Möglicherweise versperrt man sich auf diesem Weg ja auch Zugänge bei der Bewertung der Situation, aber auch im Dialog mit den Geflüchteten. Denn auch wenn nicht zu bestreiten wäre, dass Sexismus die Folge von binären Geschlechtervorstellungen ist, wie Ahmad Haschemi es herausstellte, könnte es sich doch als klug erweisen, unterschiedliche Formen und Deutungskontexte herauszuarbeiten, die jeweils eigens angesprochen werden müssten, um sie dann überwinden zu können.

Erfahrungen nutzen

Genau hinzuschauen ist die Basis aller sozialen Arbeit. In drei Workshops gab das Fachforum Gelegenheit, Chancen oder Hindernissen in der Praxis der Arbeit mit geflüchteten Jungen und Männern kennenzulernen. Männliche Jugendliche mit Migrations- und Fluchterlebnissen werden vom Berliner Verein Evin e. V. begleitet. Die Jungen sind, wie Andreas Meißner von der Jugendhilfeorganisation weiß, zunächst einmal „normale“ Jugendliche mit jeweils besonderer Geschichte. So wie Gleichaltrige hier, und doch auch anders. Sie seien oft mit kritischer Neugier unterwegs, insbesondere dafür, wo sie nun eigentlich angekommen sind. Auf dieser Grundlage ist der Kontakt mit den Jungen und Jugendlichen zu knüpfen. Das Wichtigste ist, ihnen eine emotionale Anbindung zur ermöglichen. Ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen, führt aber auch zu Konsequenzen für politische Weichenstellungen: Von immenser Bedeutung für die Integration der Jugendlichen ist es, einen Familiennachzug zu gewähren und zu organisieren. Arbeit mit geflüchteten männlichen Jugendlichen, zeigt das Fachforum, heißt auch, sich in diesem Sinne in die gesellschaftspolitische Diskussion einzuschalten.

Für die Beratung und Betreuung von Familien mit Fluchthintergrund stand beispielhaft das Angebot von Elterntrainings der Münchner Organisation Refugio. Sie legt besonderen Wert darauf, die Gespräche in der Muttersprache zu führen, wie die Beraterin Melisa Budimlic schilderte. Die Elterntrainings sind eingebettet in therapeutische Maßnahmen, die versuchen, die Leiden infolge von Folter und traumatischer Flucht aufzuarbeiten. Die persönlichen Themen der Väter sind selbstverständlich Bestandteil der Elternberatung. Sie bekommen unter anderem Informationen über die Rahmenbedingungen in Deutschland und das, was Kinder unter diesen Umständen hier brauchen. Auch hier ergeben sich Forderungen auf der politischen Ebene: Der Familiennachzug muss zwingend mit der UN-Kinderrechtskonvention begründet werden. Denn nach ihr haben Kinder die gleiche Rechte – überall auf der Welt. Die Teilnehmenden erkannten in der Elternarbeit weitere Anknüpfungspunkte für die Arbeit mit männlichen Asyl Suchenden. Vorhandene Strukturen wie Sportvereine könnten genutzt werden, um über gemeinsame Aktivitäten gerade auch mit den Vätern in Kontakt zu kommen.Was insgesamt oft nicht leicht gelingt.

Männern in Flüchtlingseinrichtungen wollte die Stadt Dresden Unterstützung zukommen lassen. Mit bester Absicht. Das Männernetzwerk Dresden wurde beauftragt und erprobte eine ganze Reihe von Maßnahmen und Angeboten, die Torsten Weber im Fachforum darstellte. Im Zentrum stand dabei Gesundheitsberatung und -fürsorge mit Gewicht auf einem salutogenetischen (gesundheitsfördernden) und ressourcenorientierten Ansatz. Freilich stößt der in der Realität der Wohnheime an seine Grenzen: Dort gibt es keine privaten Räume für vertrauliche Begegnungen. Eine sonst in Beratungsstellen übliche Komm-Struktur stellt aber ein fast unüberwindliches Hindernis dar, und sei es nur, dass es an einem gültigen Fahrausweis mangelt. Sprachbarrieren und kulturelle Unterschiede bei der Einschätzung von verbindlichen Terminen oder sozialtherapeutischen Techniken können ohne geänderte Rahmenbedingungen kaum bewältigt werden.Verstehen und lernenEs sind oft die privaten Kontakte, so einer der Teilnehmer in diesem Workshop, die das nötige Vertrauen schaffen. Gewissermaßen nebenbei, etwa über Hilfe bei Behördenangelegenheiten oder bei Gesundheitsproblemen. Und dafür helfe in Deutschland das Bewusstsein für die eigene Geschichte. Gerade die Älteren wüssten sehr genau, welche psychischen Folgen Flucht und Vertreibung verursachten. Da gäbe es keine Unterschiede zu den betroffenen Männern, Frauen und Kinder heute. Verstanden werden müsste unter anderem auch die Verantwortung, die gerade auf den Männern lasten würde, die ihre Familien in Zukunft im neuen Land versorgen wollten und dabei stets in Gefahr stünden, zu scheitern und sich aufzugeben. Freilich käme auch manches Ungekannte hinzu, wie z. B. die Auswirkungen der Praxis der arrangierten Ehen.

Am Ende war klar: Das Fachforum wollte Bedarfslagen erschließen und von vorhandenen Ansätzen lernen, was männliche Geflüchtete, Jungen, Jugendliche und erwachsene Männer an Hilfen in ihrer Situation brauchen. Und wie diese Hilfe dazu beitragen kann, Konflikte zu entschärfen und die Grundlage für ein gutes, zukunftsfähiges Zusammenleben in Deutschland zu bilden. Und es gibt sie, natürlich, die Erfahrungen und erfolgreichen Ansätze, die die Richtung weisen.Dort aber sammeln sich vor allem offene Fragen. Die Bedürfnisse des männlichen Anteils der Geflüchteten sind zugrundezulegen, aber längst nicht hinreichend erhoben und reflektiert, genauso wenig wie die spezifischen Schwierigkeiten, die sich in der neuen Umgebung und Kultur daraus ergeben. Jene, die ehrenamtlich oder professionell Hilfe leisten, brauchen dringend ein klareres Verständnis und benötigen erweiterte Kompetenzen. Und die alles umfassende Frage richtet sich an die deutsche Gesellschaft: in welchem Rahmen und mit wie viel Offenheit kann sie den Immigranten eigentlich begegnen? Welche Abwehrreflexe ergeben sich aus eigenen ungeklärten Konflikten innerhalb der Gesellschaft – sei es der eigene latente Sexismus und Rassismus oder die immer noch unverarbeiteten Ängste und die Scham aus der Geschichte von erlittener und selbst betriebener Vertreibung und Verfolgung.

All das ließe sich mit geeigneten Anstrengungen angehen, vielleicht mittels eines Projekts, das diese so genannte „Flüchtlingskrise“ zu einer einmaligen Chance für Deutschland wandeln könnte. Ein Projekt, das in zwei Hinsichten besonders wäre: Indem es genauer hinschaut, was gebraucht wird, weil es gendersensibel angelegt ist und darunter auch bewusst den Blick auf die Bedürfnisse der Männer richtet. Die Veranstaltung des Bundesforums Männer könnte ein Aufschlag dafür sein.

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