Das Leben von Männern und Jungen in einer Flüchtlingsnotunterkunft

Drei Beispiele aus dem Alltag in Notunterkünften

von Andreas Haase

Die aktuellen Vorfälle in der Silvesternacht in Köln, Stuttgart und anderen Städten lassen (jugendliche) männliche Flüchtlinge in unangenehmer Art und Weise in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rücken. Es ist jedoch wichtig, zu differenzieren, dass nicht alle männlichen Flüchtlinge solche grenzüberschreitenden Handlungen begehen. Ganz im Gegenteil, in den Notunterkünften verhalten sich die allermeisten sehr ruhig und besonnen. Mit diesem Beitrag soll der Blick auf den Alltag in einer Flüchtlingsnotunterkunft gerichtet werden. Was sind die Themen der Flüchtlinge, was Probleme und Ressourcen, die sie mitbringen und wie gehen sie mit ihrer (Flucht-)Situation um?
Die Antworten auf diese Fragen sind so vielschichtig, dass ich sie nicht beantworten kann. Ich möchte jedoch einige Beispiele aus meiner Arbeit in einer Flüchtlingsnotunterkunft hier vorstellen, die einen kleinen Einblick in das Leben von Männern und Jungen in Notunterkünften geben.
Dabei greife ich auf meine Erfahrungen als Verwaltungsleiter (für 10 Monate) in einer Notunterkunft und aus meine Tätigkeit als psycho-sozialer Berater in verschiedenen Notunterkünften zurück. Der Aufenthalt der Menschen in den Notunterkünften dauert derzeit ca. 2 Wochen. Daher ist also nur ein kurzfristiger Beratungsprozess möglich.

1. Beispiel

Ich wurde dazu gerufen, als ein Mann aus Aserbaidschan im Medical-Center Schwierigkeiten bereitete. Er war zu diesem Zeitpunkt schon zweimal in der Psychiatrie für jeweils eine Woche untergebracht und dort medikamentös eingestellt worden. Nach jeweils einer Woche wurde er aber wieder entlassen. Er wirkte sehr verzweifelt, wusste nicht so recht was er wollte. Aus seinen Aussagen war zu entnehmen, dass möglicherweise Foltererfahrungen Hintergrund seiner Situation waren. Mit Hilfe eines Dolmetschers (russisch) konnte ich den Mann zumindest so weit beruhigen, dass ein Gespräch mit ihm möglich war. Die Fragen nach seinen Wünschen bewirkten deutlich, dass er ruhiger wurde und seine Aufgebrachtheit (aggressives Sprechen) abnahm. Ich ging auf seine Bedürfnisse ein und gestaltete eine aufmerksame Gesprächsatmosphäre, auch wenn der Betroffene sich in seinen Aussagen immer wiederholte und sehr verzweifelt wirkte. Der Dolmetscher konnte meine Art, beruhigend auf den Betroffenen einzuwirken, gut weitergeben. Ich hatte das Gefühl, mit dem Betroffenen besser in den Kontakt zu kommen. Dann sagte mir der Dolmetscher, dass der Mann auf einmal ‚Blödsinn‘ erzählen würde. Ich bat den Dolmetscher mir diesen ‚Blödsinn‘ zu übersetzen. Er erzählte mir, dass der Betroffene daraufhin hingewiesen hätte, dass „bei ihm sexuell noch alles klappen würde und er dort seinen Mann stehen könne“. Der Dolmetscher konnte diese nicht im Zusammenhang mit der aktuellen Situation stehende Aussage kaum einordnen. Gerade deswegen war es wichtig, auch diese Aussage übersetzen zu lassen und in die weitere Beratung mit einfließen zu lassen. Mir wurde schlagartig deutlich, wie sehr der betroffene Mann mit seinem Selbstbild zu kämpfen hatte, in seiner derzeitigen psychischen Verfassung nicht seinem eigenen Rollenbild als Mann zu entsprechen. Ich nahm seine Stimmung auf, ohne konkret auf seine (sexuelle) Aussage einzugehen, und gab ihm zu verstehen, dass er in der Situation so sein konnte, wie er gerade war. Und dass ich ihn mit seiner Verzweiflung und seiner Verfassung so annahm, wie er ist. So kam ich mit ihm immer besser in Kontakt und konnte ihn letztlich überzeugen, sich wieder in die Psychiatrie einweisen zu lassen.

2. Beispiel

In der Notunterkunft kam ein junges Paar (beide Ende 20) aus Bagdad an. Bei ihrer Ankunft stritten sie sich sehr. Die Frau wollte auf keinen Fall mit ihrem Ehemann in einem Zimmer untergebracht werden. Daraufhin wurde der Mann sehr ungehalten und laut, bis die Ehefrau, um eine Eskalation zu verhindern, einwilligte, gemeinsam untergebracht zu werden. Beiden wurde empfohlen, sich bei mir beraten zu lassen. Als sie am nächsten Tag zur Beratung kamen, waren sie schon wieder versöhnt, wenngleich in dem Gespräch die Problematik des Paares deutlich wurde. Er hatte sie zur Flucht überredet und sie war schweren Herzens mitgegangen. In Bagdad lebte ein Bruder, der auf ihre Hilfe angewiesen sei und sie machte sich große Sorgen um ihren Bruder. Um diese Sorge klein zu halten führte sie mehrere Telefongespräche (bis zu 2 Stunden) am Tag mit ihrem Bruder. Dieses machte wiederum den Mann eifersüchtig. Der Streit am Vortag entstand dadurch, dass sie entschieden hatte, nach der Registrierung bei der Zentralen Ausländerbehörde (ZAB) in einen bestimmten Bus zu steigen. Sein Ärger war, dass sie entschieden hatte. Dieses Muster und die damit verbundenen Probleme zogen sich wie ein roter Faden durch alle Streitigkeiten des Paares. Sie drohte ihm in dem Beratungsgespräch mit Trennung, wenn er weiterhin so eifersüchtig und kontrollierend sei. Ich konnte mit ihm ein wenig daran arbeiten, dass Frauen in Deutschland sehr wohl das Recht haben, sich zu trennen, ohne dass sie dadurch moralisch hinterfragt werden. Auch wenn er verschlossener als sie wirkte, ließ er sich auf diese Beratung ein. Nach Auskunft der Betreuer*innen in der Notunterkunft wiederholte sich diese Problematik während des Aufenthaltes noch einmal. Leider war es nicht möglich, mit dem Paar ein zweites Mal zu arbeiten.

3. Beispiel

Ich wurde zu einem Fall hinzugezogen, bei dem ein Vater seinen 22-jährigen Sohn geschlagen hatte. Die Familie lebte etwa 2 Monate in der Notunterkunft, zum einen, da es einen Krankheitsfall gab und zum anderen, weil es Bestrebungen des Betreuungsverbandes gab, die beiden ältesten Geschwister (Sohn, 22 Jahre und Tochter, 18 Jahre) in die Kommune zuweisen zu lassen, in der auch die Notunterkunft war. Beide halfen während ihres Aufenthaltes dem Betreuungsverband bei Übersetzungen im medizinischen Bereich. Bei der jungen Frau wurde das Potential eines Medizinstudiums gesehen. Über die Tatsache, dass eine kommunale Zuweisung lange auf sich warten ließ, wurde der Vater ungeduldig und stritt mit seinem Sohn. In der Auseinandersetzung kam es zu einem körperlichen und gewalttätigen Übergriff des Vaters gegenüber dem Sohn. Daraufhin wurde sowohl dem Vater als auch dem Sohn eine Beratung bei mir empfohlen.
In dem Gespräch mit dem Vater zeigte dieser nur wenig Einsicht und Reue. Seine Auffassung war die, dass er das Familienoberhaupt sei und schließlich sein Sohn zum einen dankbar dafür sein solle, dass er die Flucht organisiert und die Familie nun unbeschadet nach Deutschland gebracht habe und zum anderen, dass sich sein Sohn den Anweisungen des Vaters unterzuordnen hätte. In dem Gespräch mit dem Vater wurde auch ihm deutlich, dass seine strenge Haltung auch aus seiner eigenen Erziehung durch seinen Vater stark beeinflusst wurde. Da war Unterordnung Pflicht. Ich konnte ihm deutlich machen, dass er auf Dauer, wenn er weiter so mit seinem Sohn umgehen würde, Schwierigkeiten in Deutschland bekäme, da ein solches grenzüberschreitendes Verhalten strafbar sei. Er sagte mir am Ende unseres Gespräches zu, für ein gemeinsames Gespräch mit seinem Sohn unter meiner Moderation zur Verfügung zu stehen.
Danach habe ich zwei Gespräche mit dem Sohn geführt, in denen deutlich wurde, dass der Sohn sich den starren und strengen Vorstellungen seines Vaters nicht mehr länger beugen wolle. Diese angespannte Situation zwischen seinem Vater und ihm sei so, seit er ca. 16 Jahre wurde. Für mich war beeindruckend, wie klar der Sohn seinen Konflikt mit dem Vater und seinen Ablösungsprozess schildern und beschreiben und gleichzeitig dem Vater auch die Wertschätzung für das, was er bzgl. der Flucht geleistet habe, entgegenbringen konnte.
In dem gemeinsamen Gespräch habe ich den Sohn aufgefordert, diese Wertschätzung einerseits und auch den Ärger andererseits dem Vater gegenüber auszudrücken. Beides konnte der Sohn deutlich zum Ausdruck bringen. Die Wertschätzung kam beim Vater an, mit der Konfrontation bzgl. seiner Strenge und Wunsch nach Unterordnung kam er dagegen nur bedingt zurecht. Zumindest ist es in dem Gespräch gelungen, dem Vater das Versprechen abzugewinnen, in künftigen Konfliktsituationen, den Sohn nicht wieder zu schlagen. Da aufgrund des Asylgesetztes die Familie nur gemeinsam einer Kommune zugewiesen werden konnte, arrangierten sich beide damit, gemeinsam in dem Familienverbund weiter zu reisen und sich bei Meinungsverschiedenheiten aus dem Weg zu gehen. Dem Vater fiel das Loslassen des Sohnes sehr schwer und es gelang ihm eher über Abwertung des Sohnes. Der Sohn konnte damit erstaunlich gut umgehen.

Fazit

In allen drei geschilderten Situationen geht es um das eigene Rollenverständnis von Männern und ihren Umgang damit, entweder wenn sie dieses Rollenverständnis nicht erfüllen können oder wenn ihnen Widerstand gegen ihre Art zu handeln entgegen gebracht wird.
Gerade in der Ausnahmesituation der Flucht und dem Ankommen in einem fremden Land greifen sie erst einmal auf ihre bewährten Handlungsmuster zurück, die häufig unseren Vorstellungen des Zusammenlebens zwischen Eltern und Kindern, Frauen und Männern, Freunden und Verwandten und der Menschen in der Gesellschaft konträr sind. Es bedarf einer sensiblen Vorgehensweise, mit den geflüchteten Männer und ihren Vorstellungen, Wünschen und Sorgen so in Kontakt zu kommen, dass sie bereit sind, über ihre bisherigen vertrauten und erfolgreichen Handlungsmuster kritisch nachzudenken.
Es bedarf jedoch auch von Seiten der Mehrheitsgesellschaft (Männer wie Frauen) Sensibilität, Fingerspitzengefühl und Wertschätzung jedem einzelnen Mann (und Jungen) gegenüber, um ausgehend mit dem, was die geflüchteten Männer und Jungen bewegt, zu arbeiten. Dabei gilt es die Handlungsmuster der betroffenen Männer und Jungen, auch wenn wir diese als kritisch betrachten, erst einmal als Basis und Ausgangspunkt eines Veränderungsprozesses zu würdigen. Die zu uns geflohenen Männer und Jungen brauchen ihre Handlungsmuster vorerst, um in dieser für sie schwierigen Situation Boden unter den Füßen zu haben. Sind ihre Handlungsmuster dabei grenzüberschreitend und gewalttätig, sind wir gefordert, den Betroffenen dieses deutlich zu machen, ihnen die Konsequenzen ihres Handelns aufzuzeigen und dabei gleichzeitig jedoch ihre Würde zu wahren.
Ein Lernfeld auch für jeden von uns.

17. Januar 2016

Zum Autor: Andreas Haase (agentur männerwege GbR) ist Gestalttherapeut, Coach und Gendertrainer und derzeit Einrichtungsleiter der ZUE Bielefeld (Flüchtlingsnotunterkunft) für den ASB Regionalverband Ostwestfalen-Lippe e.V.