XXY2060 ungelöst – Zukunft 2060 – Aussichten für Männer und Frauen

„Karriere ist eben auch, wenn die Beziehung hält!“

ein Tagungsbericht von Ferdinand Kriesche

„Warum sind Sie denn eigentlich hier?“ mit dieser vielleicht nicht ganz ernstgemeinten Frage begrüßten sich Henrike von Platen, Präsidentin der Business and Professional Women Germany und Martin Rosowski, Vorstand des Bundesforum Männer, gegenseitig zur „Tagung XXY ungelöst. Zukunft 2060 – Aussichten für Männer und Frauen“ am 31.10.2015 im Hotel Aquino in Berlin. So unernst die Frage vielleicht gemeint war, so ernst und direkt fielen die Antworten beider dazu aus. Geschlechterfragen können nicht nur von Frauen beantwortet werden. „Es können sich nicht 50% der Menschheit um 100% kümmern“ so von Platen. Dazu müssen Männer, als aktive Mitglieder der Gesellschaft, Geschlechterfragen mitgestalten und nicht nur „einfach mitgedacht“ werden, so auch Rosowskis Schlussfolgerung.

Eben diese Wünsche hatten über 100 Teilnehmer_Innen aus Wirtschaft und Gesellschaft zusammen geführt. Wie stellen wir uns Gleichstellung vor? Welche Erwartungen haben wir an unsere Arbeitgeber, an die Gesellschaft aber auch – an uns gegenseitig? Wollen wir gemeinsam auf etwas hinarbeiten? Und wenn ja, worauf?
Zukunft lässt sich nur gestalten, wenn man ein Bild davon vor Augen hat. Wie diese im Jahr 2060 aussehen könnte wurde in fünf kurzen Impulsreferaten überlegt.

Gesellschaftliche und demografische Umbrüche werden unsere Arbeit und unsere Personalführung ebenso beeinflussen wie technische Innovationen, so Margarete Koppers, Vizepräsidentin der Berliner Polizei. Abteilungen werden sich aus unterschiedlichen Ethnien und kulturellen Hintergründe zusammensetzen, Sprachcomputer unsere Kommunikation erleichtern und Arbeit wird selbstbestimmt und überwiegend digitalisiert ablaufen. Die Folge daraus kann nur eine Führungskultur sein, die Frauen ebenso Zugänge bietet und sich nicht mehr als führend sondern als moderierend und organisierend versteht. Und vielleicht – so die kühne Hoffnung der Versammelten – wird die höchste Behörde der Polizei dann auch nicht mehr „Der Polizeipräsident“ heißen.P1020830

 

Doch kann es in einer „durchgegenderten Welt“ im Jahre 2060 noch Sinnlichkeit und Begehren zwischen Männern und Frauen geben? Ja, sagt Xavier Sanchez, und legte den Grundstein dafür mit einer gemeinsamen Beckenbewegungsübung. Der professionelle Burlesque-Tänzer schilderte seine eigenen Erfahrungen als Mann mit einer so sinnlichen Darstellungsform. Die männliche Erotik wird vom Publikum oft noch bewundert, die Darstellung von Sinnlichkeit und Verletzbarkeit jedoch erzeugt oft noch Irritationen. Und doch, so ist Xavier überzeugt, wird Burlesque im Jahr 2060 ihren Platz in der Mitte der Gesellschaft gefunden haben und als Sinnbild lebendiger und leidenschaftlicher Erotik Männer und Frauen inspirieren.

Frauen sind in Journalistenschulen und in den Redaktionen zahlenmäßig hochgradig vertreten. Doch sobald es um die Besetzung von Führungsposten geht, reden wir nur noch über Männer, so stellt Katharina Finke, freischaffende Auslandskorrespondentin, fest. Die Ursache beginnt bereits bei Marginalisierungsverfahren in den Redaktionen vor Ort: Kann man eine Mutter in ein Krisengebiet zur Berichterstattung schicken? Kann das Kind den Vater nicht im schlimmsten Fall eher entbehren als die Mutter? Und doch sind es gerade Frauen, die in solchen Ländern wertvolle Eindrücke sammeln und publizieren können sagt sie mit Verweis auf ihre Recherchen zur Situation der Frauen in Indien. Die Offenheit, die Ihr dort begegnet ist, wäre einem Mann wohl niemals entgegen gebracht worden. Und apropos Indien: Dort zeichnet sich angesichts zahlreicher Vergewaltigungsfälle schon heute das Bild das wir uns hier wünschen: dass Männer und Frauen gemeinsam für Gerechtigkeit, Solidarität und Gleichheit kämpfen.
Steuern wir überhaupt in eine neue Zukunft oder wiederholen wir eher die Grauen der Vergangenheit? Mit dieser nachdenklichen Frage stieg Özcan Karadeniz, Projektkoordinator „Väterzeit im Ramadan?“, angesichts der aktuellen europäischen Situation in seinen Vortrag ein. Sollte das Jahr 2060 tatsächlich im Zeichen einer vielfältigen Gesellschaft stehen, so dürften wir Bildung nicht mehr als druckhafte Vermittlung von Informationen denken. Primär wird Bildung bedeuten Kindern Raum und Möglichkeiten für ihre Persönlichkeitsbildung zu geben. Nur wenn sie ein starkes Selbstbewusstsein haben, können sie gemeinsam eine Welt bestreiten in der sie es nicht nötig haben ihre Mitmenschen abzuwerten und zu benachteiligen.P1020896

Der ursprüngliche Zweck der Wirtschaft ist es die Gesellschaft zu verbessern“ eine Botschaft, auf die sich die Menschen heutzutage wieder zusehends verpflichten, so der Eindruck von Dr. Mariana Bozesan, mehrfache Unternehmensgründerin und dauerhaftes Mitglied des Club of Rome. Ökologische und gesellschaftliche Herausforderungen der heutigen Zustände sind nur der Beginn weiterer Anpassungsleistungen, die wir bis zum Jahr 2060 vollbringen werden müssen. Und genau hierin besteht die Chance für eine gerechtere und nachhaltigere Gesellschaft, die sich weiterhin neue Werte erschließen und auch umsetzen wird.

Kreatives Nachdenken im World Cafe

Mit den Eindrücken aus den Vorträgen machten sich die Teilnehmer_Innen in den World Cafés zu den Themen Arbeit, Management und Familie, Männer und Frauen, Medien, Kultur und Bildung, Wohlstand, Politik und Gesellschaft, an die Fragen nach jüngsten Veränderungen, weiteren Bedarfen und der Frage welche Veränderungen sinnvoll und nötig sind und wer dafür in die Pflicht genommen werden kann. Auf zahlreichen Thementischen mit häufigen Wechseln begegneten sich Männer und Frauen immer wieder neu. Nicht selten stellten die Beteiligten dabei fest, dass man doch in vielerlei Hinsicht an denselben Fronten kämpft.

 ?????????????Veränderungspotentialen von Arbeitswelt und Gesellschaft

Nach einem stärkenden Mittagessen, bei dem die Gedanken aus den Gesprächsrunden weiterhin vertieft und ausgetauscht werden konnten, wurden die Eindrücke und Ergebnisse in zwei Podien zusammengetragen und gemeinsam mit weiteren Fachleuten aus Wirtschaft und Gesellschaft diskutiert.

Im Gespräch mit Victoria Kupsch, Programmleiterin des European Democracy Lab, und Dr. Roland Leroux, Präsident der United Leaders Association, diskutierten die Berichterstatter_innen der World Cafés Dagmar Terbeznik, Coach und Trainerin und der Personalberater, Alfred Fernholz, auf dem ersten Podium die Fragen nach Gegenwart und Veränderungspotentialen von Arbeitswelt und Gesellschaft. Langfristige Lösungen sahen die Beteiligten nicht in einer eindimensionalen Personalfrage „Frauen stellen keine Frauen ein“ stellt Dr. Leroux über die erste Generation von weiblichen Führungspersonal fest – Auch diese haben sich zu ihrer Zeit den übermächtigen Normen ihrer Unternehmen angepasst, die gehoffte Solidarität blieb aus. „Im Grunde geht es darum sein Leben zu gestalten“ dazu braucht es ein Mitspracherecht aller Beteiligten im Unternehmen und eine Umverteilung von Privilegien und Wohlstand.

P1020871Den Anlass dazu können Unternehmen erfahrungsgemäß schon heute bei der Besetzung von Führungspositionen ausmachen: Denn obwohl es oft genügend qualifizierte Frauen gibt, die in höhere Positionen aufrücken können, wägen diese nicht selten die Nutzen gegen die Kosten ab und scheuen am Ende nicht die Verantwortung, sehr wohl aber die Opfer von Familie, Zeit und Integrität, die sie in einer antiquierten Arbeits- und Führungskultur bringen sollen. Es sind diese Bedingungen, unter denen in der Zukunft nicht nur Frauen und Männer, sondern auch die Unternehmen selbst leiden werden

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Am Anfang des Podiums zu Bildung, Kultur und Geschlechterverhältnis stand die Feststellung, dass Studium und Schule heute dem eigentlichen Bildungstrend entgegen laufen. Student_Innen sind heutzutage gezwungen Creditpoints nachzujagen und Semesterzahlen einzuhalten anstatt sich die Welt selbst zu erschließen. Die aktuellen Umstände lassen sie nicht zu den mündigen und kreativen Menschen zu werden, die die Wirtschaft nun plötzlich so viel lieber hätte als die leistungsstarke „human ressource“, die sie mit der Bolognareform selbst in Auftrag gegeben hat. Tom Schulz, Mitbegründer der AQAL AG, ist überzeugt, dass die neuen Inputs für Unternehmen aus den Start-Up-Unternehmen kommen werden. Dies sind die neuen Konzepte in denen junge Menschen aus dem Korsett des Bildungswesens und althergebrachter Unternehmen ausbrechen.
Jenseits von Strukturen und einklagbaren Gesetzen ist es aber auch das menschliche Miteinander in den Betrieben, das Möglichkeiten schafft, so die Erfahrung von Regina Mehler, CEO der Women speaker foundation München. Wenn Teams offen miteinander kommunizieren, sich ergänzen und gegenseitig unterstützen muss eine Elternzeit kein Untergang mehr sein. Wenn Kollegen und Kolleginnen sich gegenseitig auffangen, so erhöht dies die Möglichkeiten aller Beteiligten ein befriedigendes Arbeits- wie auch Berufsleben zu führen. Denn: „Karriere ist eben auch, wenn die Beziehung hält!“ so ein vielbeklatschter Satz von Hans-Georg Nelles, Organisationsberater mit dem Schwerpunkt Väter & Karriere.

P1020905Diskutiert werden konnten die vielfältigen Fragen und Anregungen ausgiebig in den Pausen und an den Info-Ständen vom Equal Pay Day, dem BPW-Germany, und dem europäischem Projekt GenDiv – Collaborative learning for gender diversity in decision making positions von Dissens – Institut für Bildung und Forschung e.V. sowie am Stand vom Bundesforum Männer. Hier konnte übrigens jeder und jede an einer Fotostellwand ausdrücken, was er oder sie „schon immer einmal ..“ tun, sein oder werden wollte.

Ob sich die gemeinsamen Zukunftsvisionen nun bewahrheiten würden, darüber konnten Martin Rosowski und Henrike von Platen in ihrem Schlusswort freilich keine Auskunft geben. Dass Zukunft sich aber nur gestalten lässt, wenn die Geschlechter aufeinander zugehen, darin waren sich nicht nur die beiden auf der Bühne, sondern auch die Teilnehmer_Innen einig.

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