Ein Tagungsbericht …auf Arbeit. Männerpolitische Perspektiven

Jens Janson

Leise Revolution? Zur Tagung „…auf Arbeit. Männerpolitische Perspektiven“ des Projekts „Männer übernehmen Verantwortung. Partner, Vater, Arbeitnehmer“ des Bundesforums Männer – Interessenverband für Jungen, Männer und Väter am 21.09.2015 in Berlin

„Arbeit, Arbeit, Arbeit“?

Am Ende haben alle gesungen, ein großer, gelöster Chor im Bluesrhythmus. Das alte Arbeiterlied von den Sixteen tons, den sechzehn Tonnen Kohle. Von damals, wie der Musiker sagte, „als man zum Arbeiten noch in die Fabrik ging“. Und das Singen, Tönen und Tanzen tat gut nach so viel Hören, Weiterdenken, Mitreden und – ja, Arbeit. Aber es gibt sie eben doch, jene, die in die Fabrik arbeiten gehen. Dass sie in der Regel auf solchen Tagungen fehlen unter den Teilnehmenden – mit 130 Anmeldungen eine der großen bei einem solch speziellen Themenzuschnitt – markiert vermutlich ein fortwährendes Problem. Im Schichtdienst Arbeiter, hatte als Gastgeber im stilvollen Bauhausgebäude der Bezirksleiter der Berliner IG Metall, Olivier Höbel, angemerkt, sähen keinen Grund, Home-Offices zu begrüßen und für sich auch keine Zeit, sich über Gleichstellung Gedanken zu machen. Vielmehr sei sogar dort, wo früher (also in der DDR) Frauen schon einmal in Männerdomänen aufgetaucht waren, ein Trend zurück zur Tradition à la Westen zu beobachten. Zeichen andauernder Rollenbilder?

Dabei hat sich ja tatsächlich Entscheidendes verändert im wechselseitig sich bedingenden Verhältnis von „Männern und Arbeit“, wie der Vorsitzende des Bundesforums Männer, Martin Rosowski, in seiner Einführung zur Tagung programmatisch feststellte. Die Rollenbilder, nach denen in Deutschland Arbeit organisiert wird, hinken den realen Wünschen der Beschäftigten vielfach hinterher. Väter wollen mehr Zeit für die Familienarbeit. Mutter zu werden soll nicht zwangsläufig zur Abbruchkante der Erwerbsbiographie werden. Für Männer, so Rosowski, sei heute die Balance zwischen Arbeit und Leben das entscheidende Kriterium in ihren Lebensentwürfen.

Die landläufige Tatsache, dass die Ausgestaltung von Männlichkeit(en) eng mit der Organisation von Arbeit verknüpft ist, bildet den Ausgangpunkt des zweijährigen Projekts „Männer übernehmen Verantwortung. Vater, Partner, Arbeitnehmer“ des Interessenverbands für Jungen, Männer und Väter e. V.

Auf der ersten Haupttagung des Projekts (eine folgende wird sich der Vaterschaft widmen) wurde deutlich: Problem ist nicht mehr das immer noch bemühte Selbstverständnis der Männer, die sich scheinbar ans Privileg klammerten, Alleinernährer in Partnerschaft und Familie zu sein. Es sind vielmehr die strukturellen Bedingungen: die Asymmetrie bei der Entlohnung von produktiven und (sogenannten „re-produktiven“) sozialen und Fürsorge-Tätigkeiten, das Verdienstgefälle in Partnerschaften, die Betriebskulturen, die gesetzlichen Rahmenbedingungen. All das legt Männern zwangsläufig nahe, alten Rollenmodellen einen letzten Sekundärgewinn zuzuschreiben. Folgerichtig ist es demnach, den Stellenwert und die Wertigkeit von Arbeit zum Gegenstand zu machen. „Arbeit, Arbeit, Arbeit!“ gab jüngst Sigmar Gabriel als Parole für die Lösung der „Flüchtlingskrise“ aus. Arbeit! So richtig das sein mag, die dreifache Anrufungsformel bezeichnet im Stil das Gewicht eines urdeutschen Phänomens.

Aufständische Männer

Was aber werden Männer künftig mit diesem Begriff verbinden? Es falle Männern leichter, sich von alten (und bereits ungewollten) Rollenmodellen zu verabschieden, wenn sie nicht mehr die Hauptverantwortung tragen müssen, konstatierte Dr. Ralf Kleindiek, Staatssekretär im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Wirtschaftliche Unabhängigkeit in Beziehungen wiederum stärke die Partnerschaftlichkeit. Damit benannte er den Kernbegriff der Ministerin Manuela Schwesig, in den sie ihren Zuschnitt von Gleichstellungspolitik fasst. Was ja auch den Wünschen von Männern entgegenkommt. 60 % der Väter wünschten sich Teilzeit, nur 15 % schafften das bislang, erinnerte Kleindiek. Im Gange sei „eine leise Revolution, und die Aufständischen sind oft die Männer“. Weitere Unterstützung über gesetzliche Regelungen blieben auf der Agenda. Sie bildeten den Einstieg in das von Schwesig eingeführte Zukunftsmodell der „Familienarbeitszeit“ mit 32 Stunden Wochenarbeitszeit pro Partner. „Männer bewegen sich, und damit bewegt sich etwas in der Gleichstellungspolitik. Diese Bewegung unterstützen wir.“

Wohin nun die Bewegung gehen könnte, das kennzeichnete Dr. Dag Schölper, Geschäftsführer des Bundesforums, als ethische Fragestellung. Wie sähe es aus, das gute Leben? Als Antwort entwarf die Bundesvorsitzende der Katholischen Arbeitnehmerbewegung, Regina Dolores Stieler-Hinz, die Vision einer Tätigkeitsgesellschaft. Nicht mehr Erwerbsarbeit sollte in Zukunft den Fokus bilden, sondern eine Triade von individueller, gemeinwesenbezogener und Erwerbs-Arbeit. Schon die Erosion der Sozialsysteme aufgrund ihrer Verwurzelung in stets prekärer werdenden Erwerbsverhältnissen gebiete eine Umsteuerung. Angesichts des immensen Anteils unbezahlter Leistungen der Menschen sei festzustellen: Die Tätigkeitsgesellschaft ist längst Realität! Eine Perspektiverweiterung lege in der Folge dann auch neue Vergütungsformen nahe. Welche neue Wertigkeiten entsprächen. Denn ins Zentrum zu rücken sei die Frage: „Was macht uns aus?“ Ansprüche auf hohe Einkünfte relativierten sich für denjenigen, der halbtags von zuhause im Mehrgenerationenhaus aus arbeite, nebenbei, aus Neigung und zur Absicherung eine Ausbildung absolviere (für Männer beispielhaft: zum Erzieher), entspannte Freiräume für die Kinder habe, sich zivilgesellschaftlich oder kreativ engagiere. Oder einfach einmal chille. Dezentrale Organisationsformen, ein Grundeinkommen und weitere, definierte Bausteine gehören zu diesem Konzept.

Man solle diese Vision bitte nicht im Reich der Märchen verorten, bat die Rednerin. Freilich, rechnet man die immer noch gesamtgesellschaftlich benötigten Tätigkeiten in diesem Beispiel zusammen, bleibt zwi-schen Erwerbsarbeit, Generationenarbeit und Gemeinwohlarbeit nicht mehr gar so viel übrig von jenem Zeitreichtum, den das Modell sehr sympathisch verspricht. Verteilungsgerechtigkeit aber mahnt es durch-aus konsequent an.

Dass noch einige Wege zu gehen sind und die Reflektion darüber, was Männer denn insbesondere an ihre Arbeit bindet, das beschäftigte Markus Theunert, den mittlerweile international gefragten Präsidenten der Organisation „männer.ch“ aus der Schweiz, in seinem anschließenden Hauptvortrag umso intensiver. Denn öffentlich sichtbare Erwerbsarbeit sei für Männer ja auch eine entscheidende Bezugsquelle von Anerkennung. Männer erarbeiteten sich auf diese Weise, für andere der Liebe wert zu sein. Die Bindung an kulturellen Prägungen wie den Zwang zur Leistung sei daher zu berücksichtigen, wenn man sich daran macht, Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern im Bereich der bezahlten und unbezahlten Arbeit zurückzudrängen. Diese stellten ethisch eine Ungerechtigkeit und ökonomisch eine Verschwendung dar. Der Anteil der von beiden Geschlechtern geleistete Arbeit über beide Sektoren hinweg sei gleich groß, wobei Männer den Überhang im monetär entgoltenen Bereich innehätten. Eine Verschiebung in Richtung Ausgleich zwischen den Geschlechtern müsse nun an verschiedenen Hebeln ansetzen.

Eindringlich warnte Theunert davor, die Diskussion auf den Gesichtspunkt „Ungerechtigkeit“ zu verkürzen. Das Resultat sei anstelle einer weiblichen Emanzipation die Imitation hergebrachter männlicher Modelle – nicht nachhaltig und auch nicht unbedingt sozial ausgewogen! Um für Veränderungen zu werben, sei dennoch zu betonen: Eine menschlichere Gesellschaft wirke sich auch auf die wirtschaftliche Effektivität aus. Mit solcher Argumentation konnte Markus Theunert unlängst die Ohren der EU Arbeits- und Sozialminister und -ministerinnen erreichen. Man brauche dort das Knowhow, das in Organisationen wie dem Bundesforum Männer gesammelt werde.

Das macht Hoffnung auf kommende strukturelle Fortentwicklungen. Wie auch Theunerts Interpretation einer statistischen Beobachtung, die zunächst irritieren mag: Männer gingen demnach nämlich nicht vordergründig Teilzeitarbeitsverhältnisse ein, um dann mehr Kräfte in familiäres Engagement zu investieren. Sondern es sei das Bedürfnis nach Selbstsorge, das sie motiviere. Und das sei ein emanzipatorischer Schritt. Er wirke sich gleichfalls als Vorbild für Jungen aus, wie er auch auf dem Arbeitsmarkt Platz für die Interessen von Frauen und Müttern schaffe. Theunerts Ansatz sah im Weiteren eine Reihe erfreulich konkreter Vorschläge und „Hebel“ für eine gerechtere Organisation von Arbeit zwischen den Geschlechtern vor.

Männer sind Teil der Lösung

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung, Experten und Expertinnen aus vielen gesellschaftlichen Sektoren, Verwaltung, Forschung, Gewerkschaften, Zivilgesellschaft, Arbeitgeberschaft etc. waren mit intensiver Rezeption beschäftigt. Zeit und Raum zum Diskutieren fanden sich erst im Workshop-Teil am Nachmittag. Sie deckten die Aspekte der Grundfrage nach dem Verhältnis von Männern zur Arbeit bzw. der Anforderungen der Arbeitswelt speziell an Männer am Lebensverlauf entlang ab. Jungen-Förderung durch Initiativen zu alternativer Berufswahl, Vereinbarkeit von Familie und Beruf mit Blick auf den Beitrag von Unternehmen, Übernahme von Pflegeverantwortung durch (ältere) Männer – viele Inhalte und offene Fragen konnten im Sinne einer breiten Multiplikation vermittelt werden. Valide erforschte Indizes für gute Arbeit wurden dargestellt und weiter zur Grundlage für Zukunftsmodelle. In Praxisberichten zeigte sich, wie Arbeitnehmer sich selbstbestimmt für ihre Gesundheitsvorsorge einsetzen, damit Arbeit nicht (mehr) krank macht. Die aktuellen Probleme zeichneten sich ab, über Ziele bestand weitgehend Einvernehmen.

Männer sind, Theunert folgend, als Teil der Lösung ernst zu nehmen und anzusprechen. Es gibt eine Aufbruchsstimmung, die nicht erlahmt und die immer weitere Kreise zieht.

Und so konnte die Versammlung schließlich singen. Angeheizt vom Berliner Musiker Michael Betzner-Brand und seinem Keyboard. Eine erfrischend gute Idee der Veranstalter für solche diskursorientierte Kopf- und Sitz-lastige Tagungen. „Sixteen tons“ – das Arbeiterlied verwies aber untergründig noch einmal auf die Widerstände, die sich im Wege türmen. Wie sind jene Männer zu erreichen und solidarisch einzubinden, die tatsächlich in Schichten Schweres wuchten? Wie die Arbeitgeber zur Beteiligung am Umbau der Arbeits-Gesellschaft zu bewegen, die nicht, von der Sorge um spezialisierte Fachkräfte alarmiert, von selbst tätig werden? Sie sind nicht gänzlich unbeeindruckt, aber sie folgen bisweilen ganz unverstellten Logiken, von Weltverbesserungswünschen unberührt. Kostendruck und Kundenerwartungen seien es, die Betrieben oft gar keine Spielräume ließen, mahnte etwa Nora Fasse von der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände in ihrem Workshop. Wo sich freilich auch zeigte, wie unterschiedlich sich die Situationen in verschiedenen Branchen darstellen. In den Ingenieurs-Bereichen sei Vieles schon angekommen, meinte ein Teilnehmer aus der Wirtschaft. Die anderen sollte das Bundesforum vielleicht einzeln und gezielt zum Austausch laden. Genau dieser Austausch, gerade auch in informellen Nischen, kennzeichnet die Chance solcher Projekt-Tagungen.

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Zum Autor:

Jens Janson (Jg. 1967) ist Referent der Männerarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland und Mitglied der Fachgruppe Männer des Bundesforums Männer