Mehr Zeit für ein gutes Leben – Arbeitszeitverkürzung weiterdenken

Deutscher Frauenrat und Bundesforum Männer zum Internationalen Frauentag 2015

Kürzere Arbeitszeiten, humane Arbeitsbedingungen, bessere Löhne: Diese Forderungen prägten schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Kämpfe von Industriearbeiterinnen, auf die der 8. März als weltweiter Aktionstag von Frauen zurückgeht. In dieser Tradition stellen sich die Fragen nach einem gut ausbalancierten Leben heute für Frauen und Männer gleichermaßen. Der Deutsche Frauenrat und das Bundesforum Männer nehmen den Internationalen Frauentag 2015 zum Anlass, das Thema Arbeitszeitverkürzung erneut in die politische Debatte einzubringen.

„Die Zeit für eine solche Debatte ist mehr als reif; die ‚kurze Vollzeit‘ bis zu 30 Stunden pro Woche scheint als Lösung für viele Probleme in der politischen Diskussion auf“, betont die Vorsitzende des Deutschen Frauenrates, Hannelore Buls: „Viele Frauen und Männer wünschen sich eine vollzeitnahe Arbeitszeit. Sie würde ihnen in der Regel einen ausreichenden Verdienst ermöglichen, den Verbleib im Beruf gewährleisten, den Aufstieg weniger behindern und auch Zeit für die Familie, für politisches und soziales Engagement und kulturelle Teilhabe gestatten . Die Realität auf dem Arbeitsmarkt aber sieht anders aus: Es ist die ‚kleine Teilzeit‘, mit 20 und weniger Stunden pro Woche, die heute immer häufiger angeboten und freiwillig oder unfreiwillig genutzt wird – und zwar vor allem von Frauen. Immer mehr teilen sich das gleichbleibende Arbeitszeitvolumen des ‚weiblichen‘ Arbeitsmarktes, ein Phänomen, das für den eher männlich geprägten Arbeitsmarkt nicht zutrifft. Die Erwerbsarbeitszeit von Frauen wird also individuell und im Durchschnitt immer kleiner. Das macht die eigenständige Existenzsicherung schwer bis unmöglich und bereitet den Abstieg in die Altersarmut vor. Teilzeit ist also kein Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. Wir begrüßen daher jeden Schritt, wie die Elternzeit Plus, und jeden Vorschlag, wie den für eine finanziell unterstützte 32-Stundenwoche für Mütter und Väter, hin zu einer besseren Vereinbarkeit von Familien- und Berufsarbeit für Frauen wie Männer. Doch dürfen sich diese arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen nicht auf Familien mit kleinen Kindern beschränken. Denn die Vereinbarkeitsfrage stellt sich zunehmend auch für Erwerbstätige mit zu pflegenden Angehörigen. „Grundsätzlich aber muss Arbeitszeitverkürzung über eine familienbezogene Arbeitszeitpolitik hinausgedacht werden. Wenn wir die bezahlte und unbezahlte Arbeit zwischen den Geschlechtern gerechter verteilen wollen, kommen wir um eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung nicht herum.“ So Hannelore Buls.
    
„Immer noch gilt in vielen Unternehmen eine einseitig auf Männer bezogene Anforderungs- und Anwesen-
heitskultur, die es Männern schwer macht, Aufgaben im Familien- und Sorgebereich dauerhaft zu übernehmen. Die Arbeitskultur ist nach wie vor vom Leitbild des zeitlich voll verfügbaren, dem Job verschriebenen und von fürsorglichen Pflichten entlasteten Arbeitnehmers geprägt“, kritisiert der Vorsitzende des Bundesforums Männer, Martin Rosowski.
                                                   
Er fordert „vereinbarkeitsorientierte Unternehmenskulturen, die – statt auf Arbeitsverdichtung und prekäre flexibilisierte Arbeitsplätze zu setzten – aktiv Männer und Väter Perspektiven anbieten, in denen es normal ist, dass Männer nicht durchgehend in Vollzeit arbeiten und wegen ihrer kranken Kinder oder pflegebedürftiger Angehöriger zuhause bleiben. Dafür müssen sich aber Unternehmens- und Organisationskulturen auf allen Hierarchie- und Entscheidungsstufen verändern. Unternehmensleitungen sind gefragt, die die Führungs- und Entscheidungsebenen als Adressaten der Vereinbarkeitsfrage einbeziehen und sich endgültig von der Kultur des Verfügbarkeitsprimats verabschieden.“
„Obwohl ein großer Teil der jungen Männer sich eine partnerschaftliche Aufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit wünschen, unterliegen viele Paare auch heute noch der Weichenstellung eines Voll-zeiterwerbs für den Mann und der Hauptfamilienarbeit für die Frau. Grund dafür ist das tief verwurzelte Stereotyp des Mannes als „Versorger seiner Familie“, dem das gender-bedingte Einkommensgefälle zwischen Frauen und Männern in unserer Gesellschaft voll entgegenkommt! Wenn das Prinzip der vollen Wahlfreiheit ernst genommen wird, dann muss dieses unselige Zusammenwirken von einseitigen Platzanweisungen der Rollenstereotype und ungerechter Bewertung von Arbeit überwunden werden“,
fordert Rosowski.

Der Deutsche Frauenrat und das Bundesforum Männer halten eine generelle Neubewertung und -verteilung ökonomisch orientierter und gesellschaftlich notwendiger Arbeit für dringend erforderlich. Mit der ökonomischen Unabhängigkeit der/des Einzelnen müssen auch die klischeehaften Bilder vom Mann als  „Haupt-Familienernährer“ und der Frau als „Familienbetreuerin mit Nebeneinkommen“
endlich durch sichtbare Vielfalt ersetzt werden. Dabei ist es Aufgabe der Politik, politische Unterstüt-zungs- und Regulierungsstrukturen zur Verfügung zu stellen, die der Pluralität der Familienformen, Partnerschaften und individueller Lebensentwürfe gerecht werden und gleichzeitig die Existenz sichern.

Unsere gemeinsamen Forderungen lauten daher:
  • Kürzere, familiengerechte und lebensphasenorientierte Arbeitszeiten, die sich dem Lebensverlauf anpassen und auch unterhalb des derzeitigen Vollzeitniveaus ein existenzsicherndes Einkommen für Männer und Frauen gewährleisten.
  • Jede/r muss durch Erwerbstätigkeit selbständig so leben können, dass dabei genügend Freiraum bleibt, um Sorge für sich selbst und andere zu übernehmen, aber auch an Kultur teilzuhaben.
  • Eine neue „Norm“ einer 30-Stunden-Woche, um alle Menschen im Erwerbsalter existenzsichernd beschäftigen zu können – ohne Arbeitsverdichtung und erhöhten Leistungsdruck.
  • Eigenständige Existenzsicherung muss existenzsichernde Altersvorsorge für Männer und Frauen einbeziehen.
  • Neue Bewertungsmaßstäbe für den Wert von Arbeit: Sie darf nicht allein unter der Perspektive einer betriebswirtschaftlichen Wertschöpfungslogik, sondern auch an einer neuen Fürsorgekultur sowie an einer sozialen und ökologischen Werteskala gemessen werden.

Berlin, 5. März 2015

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