Interview: Männergesundheit 2.0

Jetzt geht es um die Umsetzung der gewonnen Erkenntnisse

Vom 13.-15. März fand in Dresden das Treffen des Netzwerks Männergesundheit statt. Unter dem Titel „Quo vadis Netzwerk Jungen- und Männergesundheit?“ wurden Perspektive, Selbstverständnis sowie zukünftige Aufgaben des Netzwerkes diskutiert. Zu dem Netzwerktreffen fanden sich insgesamt 23 Expertinnen und Experten aus dem ganzen Bundesgebiet ein. Wir sprachen mit dem Tagungsleiter, Dr. Matthias Stiehler, Dresdner Institut für Erwachsenenbildung und Gesundheitswissenschaft e.V., über das Netzwerk und die zurückliegende Veranstaltung.

Dr. Stiehler, was ist das Netzwerk Jungen- und Männergesundheit? Wer hat sich zusammengeschlossen – und mit welchem Ziel?

Das Netzwerk Jungen- und Männergesundheit ist ein informeller Zusammenschluss von Akteuren der Männergesundheitsforschung und Männergesundheitspraxis. Es wurde 2005 gegründet. Seine Ausrichtung ist stärker sozialwissenschaftlich, was beim Thema Männergesundheit nicht selbstverständlich ist. Denn das wird in der Öffentlichkeit noch vorrangig als ein rein medizinisches Thema wahrgenommen. Das Netzwerk möchte das ändern: Die kürzere Lebenszeit von Männern resultiert nicht allein aus medizinischen Problemen, die mit Pillen oder Vorsorgeuntersuchungen behoben werden könnten, sondern ist auch Ergebnis sozialer Strukturen.

Was ist das Besondere an den Netzwerktreffen und was war in diesem Jahr das Hauptthema?

Die Akteure des Netzwerks sind in verschiedenen Organisationen und Institutionen im Bereich Männergesundheit tätig. Die informelle Vernetzung trägt dazu bei, sich auszutauschen, eigene Projekte vorzustellen und neue Perspektiven zu diskutieren.

Während des Treffens wurde deutlich, dass der inhaltliche Austausch in einem informellen Rahmen nicht überschätzt werden kann. Zumeist treten die Akteure mit ihren Aktivitäten (Forschungen, Vorträge, Praxisangeboten) im offiziellen Rahmen auf, was den Themen ein gewisses Korsett anlegt. Auf unserem Treffen ist es dagegen möglich, auch einmal offener umstrittene Themen anzusprechen und sich quasi auf unsicheres Terrain zu begeben. Gerade von solch einem Austausch lebt die Fortentwicklung der Männergesundheit.

Beim diesjährigen Treffen in Dresden standen Selbstreflexion und Zukunftsperspektiven des Netzwerkes im Vordergrund. Seit Gründung wurde im Bereich der Männergesundheit viel erreicht, was bedeutet, das Forderungen und Ziele nachjustiert werden müssen.

Was können Sie als Ergebnis zusammenfassen? Welche inhaltlichen Umgewichtungen sind erkennbar?

Das Thema Männergesundheit hat in der Gesellschaft – nicht zuletzt durch das Erscheinen mehrerer Männergesundheitsberichte – an Fahrt aufgenommen. Es ist in den Medien präsenter und auch die Aktivitäten in der Männerszene sind von Gesundheitsgedanken stärker durchdrungen als noch vor zehn Jahren. Es gibt mittlerweile zahlreiche Männergesundheitsprojekte vor Ort.

Das stellt an uns alle, die sich in diesem Thema seit vielen Jahren bewegen, die Anforderung, die erarbeiteten Standards klarer zu kommunizieren. Denn immer wieder wird das Rad neu erfunden bzw. werden alte Fehler und Vorstellungen von der Art und Weise, wie Männer mit ihrer Gesundheit umgehen, reproduziert. Hier gilt es für uns, für Fachlichkeit zu sorgen.

Zugleich geht es darum, das Thema Männergesundheit fortzuentwickeln. Wir sind jetzt in einem neuen Stadium angekommen. Ursprünglich war das Ziel, das Thema erst einmal in der Gesellschaft zu platzieren und Ungleichheiten in der Wahrnehmung von Männern beim Thema Gesundheit anzusprechen. Dies fand den stärksten Ausdruck in der Forderung an die Bundesregierung, einen Männergesundheitsbericht herauszugeben. Dieses Ziel ist nun erreicht, die Defizite in Sachen Männergesundheit sind nun dargelegt. Jetzt geht es um die Umsetzung, also um die Überführung der Erkenntnisse in die Praxis.

Wie kann die idealerweise aussehen?

Das genau ist die Frage. Es ist an der Zeit, die verschiedenen, bereits existierenden Projekte und Initiativen zu evaluieren und herauszuarbeiten, was Männer erreicht und was weniger. Wir brauchen gute Konzepte. Es reicht nicht aus, erfolgreiche Frauenangebote zu kopieren und mit dem Zusatz „für Männer“ zu versehen. Das ist zu kurz gesprungen. Es gibt aber zahlreiche erfolgreiche Projekte, beispielsweise im Bereich der betrieblichen Gesundheitsförderung. Die sollten wissenschaftlich unter die Lupe genommen und ihre Erfolgsfaktoren identifiziert werden.

Welche Inhalte werden die Arbeit des Netzwerkes zukünftig bestimmen?
Uns beschäftigt vor allem die Männergesundheit in der Arbeitswelt, psychische Gesundheit von Männern, Männer und Sexualität, Männer und Familiengesundheit und natürlich auch die Jungengesundheit. Die wohl entscheidende Frage wird aber sein, inwieweit sich Männer als ernst zu nehmende Anwälte ihrer eigenen Anliegen in unserer Gesellschaft weiter durchsetzen können – und wie wir Wissenschaftler das forcieren können.

 

Das Interview führte Dr. Bettina Albers.