Elterngeld Plus – Ein Plus für Väter?

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Notizen zur Fachveranstaltung des Bundesforums Männer am 21.01.2015 in Berlin

Stellen wir uns für einen Moment vor wie es wäre: Männer werden Väter. Von Anfang an umsorgen sie ihre neugeborenen Kinder, sind bei ihnen, wachsen mit ihnen in eine tiefe und verlässliche Bindung hinein. Die Mütter haben den Rücken frei, um zu arbeiten, für ihren Erwerb, ihre Rente, für ein Unternehmen. Das sie braucht, wie es die Väter braucht. Alle drei, Arbeitgeber, Frauen und Männer, bekommen das, was sie brauchen und wollen. Und die Politik macht’s möglich, denn die gesamte Gesellschaft investiert in ihre Zukunft…

2015_ElterngeldPLUS-6Ein Baustein dazu soll ab Jahresbeginn ein neues Elterngeldgesetz sein. Grund genug für das Bundesforum Männer – Interessenverband für Jungen, Männer und Väter e. V., dieses Gesetz einer Überprüfung zu unterziehen. Im Rahmen seines Projekts „Männer übernehmen Verantwortung. Vater, Partner, Arbeitnehmer“ lud das Bundesforum zu einer Veranstaltung am 21. Januar nach Berlin ein.

Eine Maßnahme für Väter?

Das Gesetz trägt ein Plus im Namen – und im Gepäck, darin enthalten: eine im Vergleich zum alten Elterngeld doppelte Laufzeit von einem weiteren Jahr und noch einmal zusätzliche Bonus-Monate, in denen Vater und Mutter jeweils unter bestimmten Bedingungen Teilzeit arbeiten und zusätzlich Geld vom Staat erhalten können. Die Summe selbst zwar nicht erhöht, sondern wird auf die neuen Zeiträume gestreckt. Aber: die Möglichkeiten der Teilzeitarbeit, der Anreiz für die Mütter eher mehr Stunden arbeiten zu gehen bzw. der Väter, entsprechend Arbeitszeit zu reduzieren sind erhöht und obendrein flexibler gestaltet. Die Phasen können zudem variabel aufgeteilt, zu unterschiedlichen Zeiten in Anspruch genommen und miteinander kombiniert werden. Ganz im Sinne des oben skizzierten Ideals.

Klingt ein bisschen kompliziert? – Naja, „komplex“ nennt es Hans-Georg Nelles von „Väter und Karriere“ (Düsseldorf) und Vorstandsmitglied des Bundesforums in seiner einführenden Darstellung des Gesetzes. Gibt es da „Ein Plus für Väter?“ Die Frage verfolgen rund 50 Männer und Frauen, Vertreterinnen und Vertreter aus Männer-Arbeit, Gleichstellung, Jungen-Pädagogik, Beratungsstellen, Gewerkschaften, Parteien, von Arbeitgeberseite, Unternehmen und noch mehr.

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Hans-Georg Nelles

Der Aufklärungsbedarf ist, das wird deutlich, eklatant. Einfach und einfach schön ist das Ziel – aber wie kommt man da hin? Am Einzelfall erweist sich nämlich bald: so ganz genau überblickt noch niemand wie die Bestimmungen anzuwenden sind. Zu viele Faktoren wirken sich auf die konkrete Berechnung aus. Auch die zuständigen Elterngeldstellen haben, so hört man, den Bund bereits dringlich um klare Umsetzungsrichtlinien gebeten. Für die Eltern bereite das Familienministerium eine Broschüre vor. Es wird Zeit: erstmals ausgezahlt werden soll das Geld ab Juli.

Das Bundesforum aber interessiert sich für mehr als für spezielle Verfahrensfragen: „Handelt es sich um eine familienpolitische Maßnahme wie wir sie bisher kennen?“, fragt der Vorsitzende Martin Rosowski und meint damit ein solches Instrument, das vorrangig die Entlastung von Frauen anstrebt und dafür Männer sozusagen zweckgebunden einbeziehen möchte. „Oder zielt die Maßnahme gleichermaßen auf die Bedarfe von Vätern?“ In diesem Falle sei sie auch an die Männer zu adressieren, um sie aktiv zu erreichen. Darum geht es der Veranstaltung. Denn die Vertreter des Bundesforums sind entschlossen, einen solchen Ansatz nachdrücklich zu unterstützen.

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Dass Väter großes Interesse daran haben, mehr Zeit für ihre Kinder einzusetzen, dass sie sich engagiert in der Pflege, Fürsorge und Erziehung einbringen wollen, daran besteht unter den Teilnehmenden nämlich kein Zweifel. Es werden entsprechende Statistiken angeführt, die aber niemanden zu überzeugen brauchen. Die Gefahr wird vielmehr in der so genannten Retraditionalisierung-Falle gesehen, in jenem Effekt, der Paare aus ökonomischen Gründen und angesichts struktureller Rahmenbedingungen wider Willen dazu zwingt, zum Modell des männlichen Haupternährers zurückzukehren. Obwohl partnerschaftliche Aufteilung von Erwerbsarbeit und Familienleben von Frauen wie Männern gewünscht werden.

Ans neue Gesetz wird also die Frage gestellt: Wird für Männer und Väter das Plus eigentlich wirklich transparent? Transportiert es im Endeffekt tatsächlich die Botschaft, dass Erwerbsarbeit und familiäre Fürsorge der Gesellschaft beide von gleichem Wert sind? Schnell wird klar, dass diese Frage sehr komplexe Analysen erfordert.

Versammelte Expertenschaft im „Café“

Insofern erweist es sich als fruchtbar, dass die Diskussion in Form eines World Cafés geführt wird. Es passt zur Vielgestalt der Thematik, dass die Teilnehmenden an verschiedenen Tischen in wechselnder Zusammensetzung die Frage erörtern können: „Weder Pralinenschachtel noch Springteufel – wo sehen wir die Chancen und Risiken von Elterngeld Plus?“ So kann sich die versammelte Expertenschaft im Dialog entfalten. Am Ende werden dann zwar keine endgültigen Antworten stehen. Aber die Fülle der aufgeworfenen Fragen bildet die Anforderungen der Realität von Vätern ab – mitten zwischen Partnerschaftsarrangements, ökonomischen Notwendigkeiten, wirtschaftlichen Leitinteressen und politischen Lösungsversuchen.

Es sind jene im Gesetz vorgesehenen Bonus-Monate, die vor allem hinterfragt werden. Sie können den Elterngeldbezug verlängern, wenn beide Eltern in dieser Phase in Teilzeit 25-30 Stunden die Woche erwerbstätig sind. Das setzt somit im Grunde voraus, dass die Eltern ursprünglich zwei Vollzeitarbeitsplätze innehaben. Die klassische halbe Stelle, sei es für Frauen oder Männer, wiederum fällt als Alternative aus. Auch kann der anvisierte Korridor von 25-30 Stunden Teilzeitarbeit für beide Partner während der Bonuszeit nur dann erreicht werden, wenn ein Betrieb genau dies auch ermöglicht. Oder ermöglichen kann. Überhaupt die Betriebe: Sie kommen ja gar nicht vor in den Szenarien des Gesetzes, die sich allein auf freien Wahlentscheidungen des Elternpaares beziehen.

Hier zeigt sich, wie wertvoll die Beteiligung von Arbeitgeberseite an der Diskussion ist. Die Vertreterin fragt: Wie soll ein Unternehmen die entstehende Arbeitszeitreduzierung auffangen, ohne auf Mini-Jobs zurückzugreifen oder den Kolleginnen und Kollegen die Mehr-Arbeit zuzuweisen? Beides steht ja nicht in bestem Ruf. Es wird nicht gehen, das ist den Beteiligten schnell einsichtig, ohne die aktive Mitarbeit der Unternehmen. Hier aber müssten sich ganze Kulturen ändern: Wie kann man wegkommen vom Verdacht, Teilzeit stelle ein Anzeichen für geringe Motivation zu Leitungsaufgaben dar? Und Karriere – auch für die „neuen“, Fürsorge-orientierten Väter – muss sie schon deshalb möglich sein, damit die dann einmal in der Lage sein werden, in Leitungspositionen neue Werte zu repräsentieren und durchzusetzen.

Partnerschaftlichkeit gefordert

Unternehmen werden umdenken müssen, da besteht auf allen Seiten Einigkeit. Aber warum sollten sie das tun? Die neuen Väter bringen vielleicht einen ideellen Gewinn an den Arbeitsplatz zurück, aber der lässt sich nicht berechnen. Auch bestwilligen Unternehmen, angefangen bei den kleinen, müssten daher finanzielle Anreize geboten werden – aus der öffentlichen Hand. Die Diskussion läuft daher unweigerlich auf die große Dimension zu: Müsste sich nicht sogar die gesamte Arbeits- und Lebenskultur der Gesellschaft wandeln?

Ein Teilnehmer bringt es auf den Punkt: Das Gesetz will die Partnerschaftlichkeit bei den Paaren fördern. Es reicht indessen nicht aus, nur die Familien zu berücksichtigen. Partnerschaftlichkeit muss zur Grundlage werden zwischen den Mitarbeitenden untereinander, zwischen Unternehmen und Mitarbeitenden, zwischen Menschen mit und ohne Fürsorge-Verantwortung. Auch die Sicherstellung einer vertrauenswürdigen, flächendeckenden Kinderbetreuung ist unumgänglich

Die zweite Frage des World Cafés können die Teilnehmenden nur vor dieser Gesamtschau erörtern (die, es sei gesagt, noch mannigfaltige Einzelfragen umschließt: Was ist mit getrennten, was mit sozialen Vätern? Wie entscheiden sich Eltern, wenn sie am Ende um Arbeitszeitreduzierungen konkurrieren?): „Was ist zu tun, damit das Elterngeld Plus ein Erfolg wird?“ – Das Urteil ist einhellig: Zuerst einmal das Gesetz begrüßen, seine Signalwirkung als positiv herausstreichen! Man kann seine Anwendungen auf jeden Fall als ersten Probeschritt sehen. Die konkreten Ausgestaltungen der Elternzeit als Einstieg in neue Arbeitszeitmodelle. Vor allem sind schnellstens Beratungsmöglichkeiten für Ämter, Eltern und Betriebe einzurichten, vielleicht sogar über mobile Beratungsteams. Allerdings müssten selbst die landläufigen Beratungsstellen erst einmal besser mit Kenntnissen versorgt werden. Medienkampagnen wären nötig, um für die Ziele des Gesetzes zu werben. Sie sollten neue Leitbilder publizieren, sowohl für Männer als auch für familienfreundliche Arbeitsformen.

Das Bundesforum Männer hat hier seine Aufgabe

Es stecke viel Potential in diesem Ansatz, ist die weitgehende Meinung. Es ist das Bundesforum Männer selbst, das an dieser Stelle einen wichtigen Beitrag leisten muss.

Denn, so Martin Rosowski auf dem die Tagung abschließenden Podium, das Gesetz wirke sich noch nicht als echte Maßnahme für Väter aus, solange es auf traditionell eingestellte Männer träfe statt vielmehr auf neue und vielfältige Formen von Vaterschaft. Diesen politischen Willen gälte es, zu verfolgen. Und die Bedeutung der am Arbeitsplatz verbrachter Zeit neu zu definieren, fügt Dag Schölper an, Geschäftsführer des Verbands.

Dr. Dag Schölper

Dr. Dag Schölper

Da gibt es unter den Versammelten Konsens: Im Raum steht allenthalben das Bild einer „kurzen Vollzeit“ für alle Arbeitnehmenden, die zudem neu definiert werden muss. „Das ist unsere Aufgabe“, erklärt Vorstandsmitglied Prof. Dr. Stephan Höyng für das Bundesforum Männer. Ebenso wie darauf zu pochen, dass „kein Vater durchs Elterngeld Plus-Netz fallen darf“; Michael Tunç vom Bundesweiten Netzwerk Männlichkeiten, Migration und Mehrfachzugehörigkeiten weist darauf hin, dass schließlich nicht alle Väter in gleichem Maße in die Sozialsysteme integriert sind.

Und was passiert, wenn der „Schonraum“ der Elternzeit verstrichen ist? Die Elterngeld-Diskussion, bezogen auf Väter, führt unweigerlich zu vielen Fragen der Geschlechterpolitik, resümiert ein Teilnehmer. Stellen wir uns also einmal vor, wie es wäre: Wenn Männer und Frauen ihre Fürsorge, Verantwortung und Interessen partnerschaftlich teilen können und Erwerbsarbeit ganz selbstverständlich dazu dient, sich selbst und der Generation der Kinder ein Plus an gutem Leben zu verwirklichen.

von Jens Janson

 

 

Das Projekt „Männer übernehmen Verantwortung. Vater, Partner, Arbeitnehmer“ wird gefördert vom BMFSFJ_Web_de