Zum 2. Internationalen Männerpolitikkongress am 6. und 7. Oktober 2014 in Wien

Männerpolitik. Beiträge zur Gleichstellung der Geschlechter

Eindrücke von Jens Janson

 

Von der Sensation zur Normalität

Männerpolitik. Ein Begriff macht Geschichte. Vor  zwei Jahren war es noch eine kleine Sensation, dass Bundesministerien zu einer internationalen Konferenz über männerpolitische Beiträge zu gerechteren Verhältnissen zwischen den Geschlechtern nach Berlin einluden. Männerpolitik hat auf dieser Ebene inzwischen eine Kontinuität: just fand in Wien, wie 2012 vom österreichischen Bundesminister Rudolf Hundstorfer versprochen, die Folgeveranstaltung statt. Der große Kongress war eine Kooperationsleistung, geplant und organisiert vom österreichischen Bundesministerium für Arbeit, soziales und Konsumentenschutz und dem deutschen Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Unterzeile: „Beiträge zur Gleichstellung der Geschlechter“. Da es sich um eine Fortsetzung handelt, liegt automatisch ein Vergleich nahe. Was hat sich getan? Welche Richtungen werden verfolgt? Wer ist gemeinsam auf dem Weg? Wohin soll es in Zukunft gehen?

Und nächstes Mal in Luxemburg…

Es ist erkennbar: Das Interesse ist nicht erlahmt, nicht seitens der großen Politik noch bei den vielen Organisationen, die sich originär mit dem Thema befassen, seien es staatliche oder kommunale Institutionen, Interessenverbände, Bildungsträger, Beratungsstellen und viele kleine und größere Initiativen. Mehr Teilnehmende, ca. 400, aus noch mehr Nationen, rund einem Dutzend. Am Pult und auf Podien 40 Referierende. In knapp anderthalb Tagen in der altehrwürdigen Aula der Wissenschaften mitten in der Wiener Altstadt, inklusive Empfang auf Einladung der Luxemburger Ministerin für Chancengleichheit Lydia Mutsch. Sie hatte zudem eine besondere Botschaft im Gepäck: Ins Großherzogtum für 2016 erneut einzuladen, sei noch nicht entschieden, doch werde sich die Regierung dem sicherlich nicht entziehen. Genausowenig wie dem Plan, Männerpolitik zu einem Punkt der anstehenden EU-Ratspräsidentschaft Luxemburgs zu machen.  

Regierungsamtliche Grüße

„Es findet ein internationales Voneinander-Lernen statt“, stellte der gastgebende Bundesminister Rudolf Hundstorfer zur Eröffnung fest. Von deutscher Seite markierte die Parlamentarische Staatssekretärin Elke Ferner schon einmal die Zielvorgabe: Das nächste Jahrzehnt werde genutzt werden, um „über eine neue Arbeitskultur zu reden“. Die Luxemburgische Ministern Lydia Mutsch erwartete vor allem „einen Erfahrungsaustausch, weil wir neue Ideen brauchen!“

Männerpolitik?!

Aber was ist „Männerpolitik“? Liegt ihr Reiz in der Erkenntnis, dass die Gleichstellung von Frauen im Bereich Erwerbstätigkeit dringend auf Veränderungen auf Männerseite angewiesen ist? Geht es darum, Männer davon zu überzeugen, dass die Übernahme von Fürsorge in ihren Familien wichtiger ist als sie das scheinbar bislang selbst wahrgenommen haben? Ist es die Bereitstellung neuer Rollenmodelle? Sind Männer zu schützen vor der Überforderung durch wachsende Flexibilisierungsforderungen aus der Wirtschaft und zugleich dem Bedürfnis, Zeit für ihre Kinder zu haben? Müsste man Männerpolitik nicht zunächst mit der nachweislich fehlenden Gleichstellung von Frauen verrechnen? Oder sollte man grundsätzlich erst einmal kapitalistische Strukturen der Fremdausbeutung hinterfragen, die alle Geschlechter nach eigenem Gusto zu verwerten versuchen? Damit Männer vielleicht grundsätzlich die Freiheit haben, sich zu fragen: Wie wollen wir selber leben?

Manchmal wäre weniger eben doch mehr

Über derlei hätte man reden und streiten mögen. Aber durch die Fülle war dafür überhaupt keine Zeit, schon gar nicht um die ganze Vielfalt und Vielgestaltigkeit von Männerleben zum Zuge kommen zu lassen. So musste man sich beschränken. Auf wichtige zwei Aspekte freilich: die drängende Problematik, wie Männer, insbesondere junge Väter, Erwerbsarbeit und Familie bzw. Fürsorge-Arbeit („Care“) vereinbaren könnten. Und als Zweites die Bestrebungen, weitere Kooperationen und Vernetzungen zu knüpfen.
Viele Studien wurden vorgestellt, beauftragt von EU und verschiedenen Länder-Regierungen und Institutionen, die stets zu einem ähnlichen Befund kamen: Dem bekannten Phänomen, dass die Mehrzahl der Männer ihr Interesse an einer deutlichen Reduzierung von Arbeitszeit ausdrücken, weil sie Zeit für Kinder und Familie wünschen, dass dieser Wunsch aber dennoch in verschwindendem Maße Verwirklichung findet. Woran liegt das? Sind es fehlende Rahmenbedingungen der Staaten? Verhindern es die Arbeitgeber? Wollen die Männer am Ende gar nicht wirklich? Oder müssen erst kulturell tief verankerte Vorstellungen von Männlichkeiten verschwinden? Ist es von alldem etwas oder verdeckt das eine ein anderes, um das es letzten Endes geht?

Arbeitgeber, Arbeitnehmer – alle mit dabei

Unter der thematischen Fokussierung auf die Vereinbarkeit (und dort noch einmal auf die Inanspruchnahme von Elternzeit, österreichisch: Karenz) flossen aber all die vielen Aspekte zwangsläufig wieder ein. Das Aufgebot der vielen Referentinnen und Referenten war beeindruckend: aus Österreich, Deutschland, Slowenien, Großbritannien, Luxemburg, Frankreich, der Schweiz und von der Europäischen Union kamen sie. Wichtig und ermutigend war es zu zeigen, wie viele Institutionen und Organisationen ihren Beitrag und ihre Anstrengungen zur Themenstellung ausweisen konnten. Auch das Projekt „Männer übernehmen Verantwortung in Vaterschaft, Partnerschaft und Arbeit“ des Bundesforums Männer e. V. präsentierte sich hier. Bemerkenswert war, dass neben den üblicherweise befassten Stellen in Ministerien und Forschungseinrichtungen auch die (österreichische) Arbeitgeberseite sich den Erfordernissen von Männerpolitik stellte. Dass die Sozialpartner hier eine besondere Rolle spielen, wurde betont. Freilich mit divergierenden Positionen.

Wien2014Podium01

Vaterschaft und Erwerbsarbeit neu ausbalancieren

Die Podien waren gefüllt. Indessen konnten sich angesichts der schieren Fülle an Beteiligten und zu Tage liegenden Fragen Diskussionen auch nur im Ansatz abzeichnen. Einigkeit bestand in der Erkenntnis, dass ein gerechterer Zugang zu Erwerbsarbeit und familiärem Engagement zwischen den Geschlechtern vor allem in der Beendigung der herrschenden Verteilung von Arbeitszeit liegen muss. Konkret wurde das in zwei Richtungen: Einmal in der Forderung, das von Paaren überwiegend gelebten Modell von „Hauptverdiener plus Zuverdienerin“ abzulösen. Zum anderen im Ziel, die einseitige Konzentration von Männern und Frauen in bevorzugten Erwerbsbereichen zu überwinden, unter anderem durch Programme der Jungen-Arbeit. Nicht zuletzt mahnten auch Stimmen, zu den geforderten Caring-Kompetenzen von Männern gehöre auch die Übernahme von Sorge für sich selbst.

Zum Wie und Wer der Zusammenarbeit

Die erhofften „neuen Ideen“ hatten es bei so vielen Einflussfaktoren und Perspektiven doch recht schwer, sich zu entfalten. Und das gegenseitige voneinander Lernen? Teils bestehen ja bereits seit längerem vorzügliche Verbindungen, etwa zwischen dem Bundesforum Männer und männer.ch sowie in die Ministerien hinein. Andererseits ist noch Auseinandersetzung nötig. Dispute brechen etwa entlang der Frage auf, wie „pro-feministisch“ Männerpolitik sich aufzustellen habe, bzw. wie das zu definieren wäre, und inwiefern Männer Gegenstand einer Veränderung von außen sein müssten oder ob man ihnen eher selbstbestimmte Entwicklungstendenzen zutrauen dürfte. Hier gelangen Ansätze aus den skandinavischen Ländern teils zu ganz anderen Schlussfolgerungen als jene im deutschsprachigen Raum. Und während etwa in Deutschland vom Bundesforum Männer verlässliche Kooperationen zum Deutschen Frauenrat gepflegt werden, können mit anderen Interessenvertreterinnen – so auf dem Abschlusspodium zu erleben –  durchaus noch aus dem Stand heraus hitzige Debatten entstehen, hier um das Thema Gewalt.

Zu homogen?

Die Tagung bezog außerdem weitere Männlichkeiten, z. B. homosexuelle oder solche mit Migrationshintergründen, nicht ein. Wie auch?, fragte als Vertreter für Integrationsforschung Haci Halil Uslucan, wenn es in dieser Gruppe selbst wiederum so viel Diversität gibt, die es zu beachten gelte. Umso erfreulicher, dass die österreichischen Männerberatungsinitiativen den Kongress zum Anlass nahmen, für den nächsten Tag einen Zusammenschluss auf den Weg zu bringen, um dann für Politik und z. B. Frauen-Verbände als Gesprächspartner auf nationaler Ebene organisiert zu sein.

Weiter machen und dazu lernen

„Wir hatten zu viel vor – die Dichte, die Vielfalt, das kann auch mal zu viel sein “, war dann auch das Fazit der zuständigen Sektionschefin im österreichischen Sozialministerium. Es war manchmal mühsam für das spürbar hoch engagierte Auditorium, das kaum Gelegenheiten erhielt, aktiv zu partizipieren. Gerade weil ihm so viel geboten werden sollte. „Finden kann man sich,“ hatte Ministerin Mutsch zu Beginn schon gesagt, „nur in Diskussionen im kleinen Bereich“. Dazu war Gelegenheit – neben dem Programm. Als Veranstalterin hat sich die Regierungspolitik nicht gescheut, eine ehrgeizige Aufgabe anzupacken. Als Adressatin des Themas konnte sie davon profitieren, wie kompetent und im besten Sinne divers die vielen Ansätze sind, Männerpolitik zu diskutieren und zu positionieren.

Männerpolitik – ein Begriff, der angekommen ist, um Wirkung zu entfalten. 2016 vielleicht in Luxemburg und ganz gewiss darüber hinaus.

Jens Janson

 

Zum Autor:

Jens Janson (Jg. 1967) ist Referent der Männerarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland und Mitglied der Fachgruppe Männer des Bundesforums Männer