Männer heute: Wir sind mehr als unsere Arbeit

Anlässlich des Equal Pay Day 2014 am 21. März erklärte Martin Rosowski, Vorsitzender des Bundesforum Männer:

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Die Gleichstellungspolitik zeigt endlich Erfolge. Rollenbilder verändern sich hin zu mehr Partnerschaftlichkeit. Geschlechterkampf ist passé. Stereotype Vorstellungen, die Frauen an Haus und Herd binden oder die Berufstätigkeit von Frauen als schädlich für die Kinder erachten, lösen sich auf. Erwerbstätigkeit war für ostdeutsche Frauen schon lange Normalität und ist es immer mehr auch für Frauen in den alten Bundesländern.

Die Erfahrungen von Massenarbeitslosigkeit und real sinkenden Einkommen erschütterten auf der anderen Seite das alte Männerbild. Mannsein lässt sich heute nicht mehr ausschließlich über Beruf und Karriere definieren.

Viele, gerade jüngere Männer, suchen ganz selbstverständlich nach Möglichkeiten, Familien- und Erwerbsarbeit in eine zufrieden stellende Balance zu bringen. Doch sie erleben, wie herrschende ökonomische Interessen und Flexibilitätsansprüche ihr Leben beeinflussen. Dadurch finden sie sich in Rollenkonstellationen wieder, die sie für längst überwunden hielten.

Die Erfahrungen der Geschlechter nähern sich einander an und führen zu gemeinsamen Interessenlagen. Dabei werden unter anderem Vereinbarkeit und Lohngleichheit zu einem Männerthema.

Lohndifferenz überwinden

Zur gemeinsamen Interessenlage gehört im Besonderen, den Ursachen zu Leibe zu rücken, die trotz vieler positiver Entwicklungen noch immer zu einem hohen Einkommensgefälle zwischen Frauen und Männern führen. Wer die Lohndifferenz überwinden will, muss auch bei der Arbeitszeitverteilung ansetzen.

Trotz partnerschaftlicher Einstellung wählen Paare nach der Geburt von Kindern doch häufig wieder  die  klassischen Familienarrangements der erziehenden Mutter und des erwerbstätigen Vaters oder werden durch wirtschaftliche Rahmenbedingungen in diese Arrangements gedrängt. Die Konsequenzen für die berufliche Lebenslaufperspektive und die Altersversorgung, die sich aus der Zuverdiener-Rolle der Frauen dabei ergeben, sind hinlänglich bekannt. Mir ist daher an dieser Stelle wichtig die andere Seite der Medaille hervorzuheben: Viele von uns Männern wollen sich mit diesen einseitigen Rollenaufteilungen nicht mehr abfinden – nicht aus altruistischen Gefühlen gegenüber den Frauen, sondern aus Gründen der Selbstsorge!

Konsequente Gleichstellung

Dreiviertel der jüngeren Männer geben jüngsten Studien zufolge an, dass sie sich für ihre Partnerschaften eine konsequente Gleichstellung in Familie und Beruf wünschen. Dieselben Studien zeigen aber auch, dass sich diese Wünsche nur für sehr wenige in die Tat umsetzen lassen, besonders wenn die Paare Kinder bekommen. Vielfältige Anreize entfalten eben jene  Sogwirkung in Richtung traditioneller Aufgabenteilungen und Rollenmuster. Väter finden sich auf die Rolle des Hauptverdieners und ihre Partnerinnen auf die Rolle der Hausfrau, Mutter und Zuverdienerin zurückgeworfen.

Dieser Magnetismus entsteht aus einem Geflecht, in dem Elternzeitregelungen auf Ehegattensplitting treffen, sich mit der Mitversicherungsmöglichkeit verbinden und sich durch das übliche Lohngefälle zwischen ‚typischen‘ Männer- und Frauenberufen verstärken. Hinzu kommen ein soziales Umfeld, dass häufig eine traditionelle ‚Verantwortungsübernahme‘ des Vaters goutiert und eine unzureichende Infrastruktur, die retraditionalisierende Entscheidungen als ‚rational‘ erscheinen lassen. Heraus kommt das altbekannte Bild von einem Paar: Erwerbsmann und Hausfrau mit Zuverdienst. Wobei anzumerken ist, dass in zunehmendem Maße weder der Mann noch die Frau ein Einkommen erzielen, das existenzsichernd ist und schon gar nicht Altersarmut vorbeugt. Darum müssen Minijobs abgeschafft werden und muss Erwerbsarbeit immer sozialversicherungspflichtig sein.

Kollektive Schizophrenie auflösen

Die Gesamtsituation ist von einer gehörige Portion kollektiver Schizophrenie geprägt: Obwohl wir alle den aktiven Vater wollen, treffen Männer im beruflichen Alltag auf  Arbeitszeitstrukturen, die es ihnen  schwer machen, zu einer vernünftigen Balance zwischen Erwerbs- und Familienleben zu gelangen.

Hier muss sich vor allem in den Betrieben und Unternehmen die Stimmung verändern! Wir brauchen Teilzeitarbeitsmodelle, auf die Männer ein gesetzliches Anrecht haben und die von den Arbeitgebern glaubhaft vertreten werden. Im Übrigen wissen viele Männer sehr wohl die Steigerung der Lebensqualität zu schätzen, wenn sie sich die Erwerbsarbeits- wie die übrige Lebenszeit und die Verantwortung  für das Haushaltseinkommen ausgeglichen mit ihren Partnerinnen teilen können – weil ihnen damit viel Existenzdruck genommen wird.

Schereneffekte verhindern

Mit Blick auf die Familien hält das Bundesforum Männer den Vorschlag einer Familienarbeitszeit von 32 Wochenstunden für einen Schritt in die richtige Richtung. Ab dem Zeitpunkt der Geburt öffnen sich die Arbeitszeitschere zwischen Müttern und Vätern und damit verbunden auch die Einkommensschere. Ziel muss es sein, dass die Gruppe der Mütter insgesamt mehr arbeitet und die Gruppe der Väter insgesamt weniger. Das  würde die Schereneffekte verhindern oder zumindest abmildern und insgesamt den Bedürfnissen der Väter und Mütter entgegen kommen.

Wie gesagt, junge Männer wollen Partnerschaften auf Augenhöhe. Es wird ihnen aber denkbar leicht gemacht, sich der strukturell begünstigten Magnetwirkung traditioneller Aufgaben- und Sphärenteilung zu ergeben. Entscheidungen zuungunsten von paritätischer Aufgabenteilung werden noch immer positiv sanktioniert.

Berufs- und Lebensplanung für Jungen

Junge Männer werden auf ihrem Bildungsweg weitgehend ihren Illusionen überlassen, dass sich Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Kinderfürsorge schon irgendwie von selbst reguliere. Bei der Berufswahl entscheiden sich junge Männer wie zufällig ganz überwiegend für eine kleine Zahl von traditionell männlich dominierten Berufen. Offenkundig fehlt es an einer aufklärenden Berufs- und Lebensplanung, die deutlich macht, dass eine Berufstätigkeit mit einer regelmäßigen Wochenarbeitszeit von 40 und mehr Stunden gepaart mit höchsten Flexibilitäts- und Mobilitätsanforderungen ihr mehrheitlich geteiltes Ideal von konsequenter Gleichberechtigung in allen Lebensbereichen fast zwangsläufig zum Scheitern verurteilt – vor allem, wenn dies für Frauen und Männer die Norm ist.

Boys‘ Day

Darum sind Angebote wie der bundesweite Boys‘ Day wichtige Ansätze, die weiter ausgebaut werden müssen, um eine vorausschauende Lebensplanung zu bekommen. Der Erste Gleichstellungsbericht machte sehr deutlich, wie sehr Entscheidungen wie die Berufswahl Weichen stellen für den weiteren Lebensverlauf. Zudem muss dafür gesorgt werden, dass es für Männer (und Frauen) nicht länger als unvernünftig gelten muss, beispielsweise einen sozialen Beruf zu ergreifen, weil hier nicht genug zu verdienen ist. Darum fordert das Bundesforum Männer die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns – ohne Ausnahmen.

Mehr zeitliche Spielräume

Und noch eines müssen wir in diesem Kontext beachten: Männer brauchen nicht nur als Väter von kleinen Kindern mehr zeitliche Spielräume. Auch der Anteil der häuslich pflegenden Männer hat in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen. Waren es 1991 noch 17 Prozent, sind es heute bereits ca. 30 Prozent. Hinter diesen Zahlen verbirgt sich die große Gruppe der älteren Männer, die ihre Partnerin pflegen. Doch aktuelle Untersuchungen gehen mittlerweile von immerhin ca. 10% Söhnen aus, die als Erwerbstätige für die Pflege Ihrer Eltern verantwortlich sind, das bedeutet einen Anstieg von ca. 50% in den vergangenen 12 Jahren.

Gerade für die erwerbstätigen Männer zwischen 20 und 67 ist die Situation belastend – sie brauchen dringend Rahmenbedingungen, die die Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Pflege ermöglichen. Hier fordern  Frauen wie Männer völlig zu Recht eine radikale Reform des Familienpflegezeitgesetzes, das seinem Anspruch auf Vereinbarkeit von Pflege und Beruf – auch für Männer – tatsächlich gerecht wird. Mindeststandards sind dabei der Rechtsanspruch auf befristete Teilzeit wie das verbriefte Rückkehrrecht auf die vorherige Arbeitszeit. Eine solche politisch und handwerklich saubere Lösung würde es Männern wie Frauen gleichermaßen erheblich erleichtern, den Schritt in die Teilzeit zu gehen und somit Beruf und Pflege vereinbaren zu können.

Egalitäre Aufgabenteilung

Das Bundesforum Männer tritt für eine egalitäre und partnerschaftliche Aufteilung von Erwerbs-und Familienarbeiten sowie für die freie Berufswahl jenseits traditioneller Rollennormen für Jungen und Mädchen ein.  Daher ist es aus unserer Sicht entscheidend, dass  die Ursachen für Einkommensunterschiede zwischen Frauen und Männern beseitigt werden, indem gemeinsam Sorge dafür getragen wird, dass Frauen und Männer in ihrer Berufswahl nicht durch traditionelle Muster und Verdienstmöglichkeiten eingeschränkt werden und fürsorgliche Väter oder männliche Erzieher und Altenpfleger in Zukunft ebenso normal sind wie Frauen in Führungspositionen.

 

Berlin, 18. März 2014

 

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