Prostitutionsdebatte

Zwischen „Schmuddelkram“ und zu regulierender Normalität

Interview mit Martin Rosowski,

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Martin Rosowski

Vorsitzender des Bundesforums Männer und
Hauptgeschäftsführer der Männerarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland

 

Frage: Herr Rosowski, wie steht das Bundesforum Männer zur Prostitution? Verbot oder nicht?

Martin Rosowski: Ich denke, dass sich Frauen prostituieren und dass Männer zu Prostituierten gehen lässt sich nicht effektiv verbieten. Umso mehr müssen wir danach fragen, wie Frauen und auch Männer vor Gewalt und Ausbeutung im Prostitutionsmilieu, vor allem aber vor Menschenhandel zu Prostitutionszwecken geschützt werden können.

Frage: Also besteht kein drängender rechtlicher Reformbedarf?

MR: Unsere Gesetzeslage ist klar: Strafbar macht sich, wer Menschen zu sexuellen Handlungen zwingt, wer Menschen gegen ihren Willen festhält, wer die Notlage solcher Menschen ausnutzt. Das gilt eben auch für Freier. Also ist die Rechtsprechung gefordert, hier sensibel zu sein und nachweisliche Straftaten auch entsprechend zu sanktionieren. Ich sehe aber wenig Sinn darin, neue Gesetze zur Freierbestrafung zu fordern. Noch absurder finde ich die Idee, die Kunden von Prostituierten grundsätzlich unter Strafe zu stellen.

Frage: Aber in anderen europäischen Ländern ist man diesen Weg gegangen.

MR: Ja, aber gerade ein Beispiel wie Schweden offenbart die Doppelbödigkeit einer solchen Gesetzeslage. Die Prostitutionsszene, die unter Verbot steht, wandert in den Untergrund und der Staat ist nicht in der Lage ein Minimum an Kontrolle auszuüben. Die Situation von Frauen, die Prostitution unter Zwang ausüben, wird immer dramatischer. Die Szenen, die die Interessenvertreterinnen der Huren in Schweden von Campingplätzen oder aus geheimen Wohnungen schildern, sind wahre Horrorszenarien.

Frage: Umfragen zeigen, in Deutschland befürwortet lediglich ein Fünftel ein Prostitutionsverbot.

MR: Befragungen in Schweden ergeben, dass schwedische Männer zu über 90% die Freierbestrafung gut finden. Dennoch sind Schweden nicht weniger  häufig Gäste in europäischen Bordellen als Männer aus Deutschland.

Frage: Wie kommt das?

MR: Wir wissen leider sehr wenig über die Motivation von Prostitutionskunden. Allerdings gibt es ermutigende Ergebnisse von Projekten, in denen versucht wurde, Freier als Mitstreiter gegen Gewalt und Zwang im Sexgeschäft zu gewinnen. In vielen Fällen der Aufklärung von Menschenhandel ging der entscheidende Hinweis von Freiern aus. Dieses würde sich erheblich verändern, wenn das Sexgeschäft insgesamt unter Verbot und Strafe gestellt würde.

Frage: Herr Rosowski, in der Prostitutionsdebatte der vergangenen Monate ging es auffallend wenig um Männer. Von den Freiern war ab und an die Rede, aber was ist mit den Männern, die sich prostituieren? Belastbare wissenschaftliche Erkenntnisse sind ohnehin rar in diesem Bereich. Aber gibt es denn gar nichts, was man hier mitdenken müsste?

MR: In der Tat gibt die Situation von Männern in der Prostitution Anlass zu großer Sorge.

Frage: Wer sind diese Männer?

MR: Die „Jungs“, wie sich männliche Prostituierte selbst nennen, sind in aller Regel tatsächlich sehr jung. Sie müssen ihre Tätigkeit mangels Kunden zumeist in einem Alter beenden, in dem Frauen gewöhnlich erst in die Prostitution einsteigen. Viele der Jungs sind obdachlos. Die „Szene“ ist der Ort, an dem sich ihr ganzes Leben abspielt. Ihren ganzen Tagesablauf richten sie auf die Gewohnheiten der Kunden und den Kontakt zu möglichen Freiern aus.

Frage: Wie sieht ihre Situation aus?

MR: Ihr „Geschäft“ ist wenig organisiert bzw. professionalisiert und findet damit außerhalb jeglicher Kontrolle und ohne Schutz statt. Vielfach bestimmt Drogenkonsum, Spielsucht oder Alkoholmissbrauch ihr Leben. Immer mehr von ihnen sind an HIV oder anderen sexuell übertragbaren Infektionen erkrankt. Safer Sex spielt in der Szene bei weitem keine vergleichbare Rolle wie in der weiblichen Prostitution. Insgesamt finden die jungen männlichen Prostituierten so gut wie keine annähernd hygienischen Arbeitsbedingungen vor.

Frage: Ist Zwangsprostitution in diesem Bereich auch ein Thema?

MR: Zumindest ist davon auszugehen, dass 85% aller männlichen Prostituierten einen Migrationshintergrund haben. Sie stammen zumeist aus ärmlichen Regionen Osteuropas, Lateinamerikas, Nordafrikas und Asiens und gehören nicht selten diskriminierten Minderheiten an. Einige sind Opfer von Menschenhändlern, andere kommen freiwillig in die Prostitution nach Deutschland, weil sie sich von einem zeitlich begrenzten Aufenthalt hier eine Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse erhoffen und die Versorgung ihrer Familien gewährleisten wollen.

Frage: Und wie hierfür die gesetzliche Lage zu bewerten?

MR: Das heutige Prostitutionsgesetz greift für die Situation dieser Männer nicht. Es zielt auf einen persönlich-selbstbestimmten und wirtschaftlichen Schutz, der auf den mann-männlichen Bereich der Prostitution aus vielerlei Gründen nicht anwendbar ist. Am ehesten profitieren vermutlich die so genannten Call-Boys von dem Gesetz, doch sie stellen die absolute Minderheit aller Männer, die sich prostituieren.

Frage: Stellt sich die Frage, wer hier eigentlich für wen die Debatte um ein Prostitutionsverbot führt. Vier Fünftel der Menschen in Deutschland sprechen sich gegen ein solches Verbot aus. Auch von jüngeren Feministinnen wie Meredith Haaf (*1983) wird kritisiert, dass Alice Schwarzer einen „Feldzug gegen die Prostitution“ führe, dem ein geradezu frauenfeindlicher Sexualitätsbegriff zugrunde liege. Ist die Prostitutionsdebatte also nur im Kontext einer Auseinandersetzung der Generationen zu verstehen?

MR: Sie ist sicher auch im Kontext des Generationenwandels zu sehen. Sie hat aber auch sehr viel mit einem radikalen Paradigmenwechsel innerhalb der feministischen Theorien zu tun. Frauen zu Opfer zu machen, war lange Zeit eine wohlfeile Strategie des Emanzipationskampfes. Doch in allen modernen soziologischen Deutungssystemen ist die Viktimisierung selbst heute als Diskriminierungsstruktur entlarvt. Und genau das werfen die betroffenen Frauen Alice Schwarzer ja vor, dass sie von ihr ungefragt als Opfer dargestellt werden und aus der eigenen Sicht damit gar diskreditiert werden als hilflose Objekte, die von einer vermeintlich moralisch höher stehenden Bürger(innen)-Eilte gerettet werden müssten. Ich kann das gut verstehen und ich empfinde es als äußerst unappetitlich, aus welcher Gier nach medialer Öffentlichkeit sich jede Menge Prominente für diesen Entrüstungsfeldzug  instrumentalisieren lassen.

Frage: Wie ist die Debatte einzuschätzen, wird sie einen Mehrwert über den Moment hinaus haben?

MR: Genau darin liegt eben die Chance dieser Debatte. Es geht nicht darum, sich libertinistisch von jeglicher kritischer Betrachtung  des Geschäftes mit dem Sex zu verabschieden. Es geht vielmehr darum, die Tiefendimensionen dieses Phänomens auszuloten. Die Prostitution ist doch letztlich ein Spiegelbild bestimmter Facetten der Geschlechterverhältnisse in unserer Gesellschaft.
Wie gehen wir mit den Fragen der Sexualität um? Wie definieren wir eine lebensfreundliche Balance zwischen Freiheit und Verantwortung? Wie kultivieren wir die Aushandlung unterschiedlicher Bedürfnisse nach körperlicher Nähe, Lust und Befriedigung? Vor allem aber: Wie kommunizieren wir diese Fragen mit unseren Kindern? Wie erleichtern wir unseren Jungen und Mädchen den Zugang zu einer selbstbestimmten Sexualität? Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die durch diesen besonderen Fokus, noch einmal in den Mittelpunkt gerückt ist. Als Bundesforum Männer müssen wir unseren profilierten Beitrag zu dieser Aufgabe im Diskurs mit den Männern, Jungen und Vätern in unseren Mitgliedsverbänden  leisten.

Die Fragen stellte Dag Schölper, Geschäftsführer des Bundesforums Männer

 

Mehr zum Thema „Männer in der Prostitution“ kann in einem 2011 verfassten Text von Rosowski nachgelesen werden. Den Text als PDF-Dokument gibt es hier.