Kommentar zum aktuellen Medienereignis „Hitzlspergers Coming Out“

Naht das Ende des „Schwulen Passes“?

Rosowski

Martin Rosowski

 

 

 

 

Das Outing des Ex-Fußballprofis und Nationalspielers Thomas Hitzlsperger erzeugt gerade einen unglaublichen medialen Hype. Soll man sich darüber freuen, verwundern, ärgern …? Vielleicht von jedem ein wenig!

Ich freue mich, dass endlich ein Prominenter aus der ersten Reihe der Männerdomäne Fußball öffentlich macht, dass er Männer liebt. Das ist historisch und vor nicht allzu langer Zeit hat man es noch für unmöglich gehalten, dass sich das jemand leisten könnte, ohne Schaden an seiner Karriere und Unversehrtheit der Persönlichkeit zu nehmen. Aus gutem Grund hat Hitzlsperger ja auch sein Karriereende abgewartet, bevor er an die Öffentlichkeit ging. Zweifelsohne hat er damit vielen jungen Männern und Frauen im Leistungssport, die sich nicht trauen, ihre Homosexualität offen zu leben, einen großen Dienst erwiesen. Zugleich trägt er aber auch als sportliches Vorbild dazu bei, dass vor allem viele kickende Jungs nachdenklich werden im Hinblick auf das klassische Rollenbild des Fußball-Helden. Mein Sohn und seine Fußballkameraden finden den Schritt des Ex-Profis cool und beginnen innerhalb der Mannschaft zu diskutieren, wie sie denn mit einem solchen Outing im eigenen Team umgehen würden. Vielleicht ist mit dem Fall Hitzlsperger ein Prozess angestoßen, der langfristig zu Umdenken bei Verband, Spielern und Fans führen könnte.

Es verwundert mich allerdings, dass die scheinbare Selbstverständlichkeit eines prominenten homosexuellen Lebensentwurfes so viel Aufsehen erregt. Aber warum verwundert mich das eigentlich? Haben wir doch gerade im Kontext der Orientierungshilfe der Evangelischen Kirche in Deutschland zur Situation der Familien erlebt, wie gewisse Kreise das zweihundertseitige Papier auf die knappe Seite reduzieren, in der das verbindliche Zusammenleben von homosexuellen Menschen gewürdigt wird. Die Homophobie als gesellschaftliche Diskriminierungsstruktur ist noch immer ungebrochen wirksam. Gerade für uns Männer, homo- und heterosexuelle Männer gemeinsam, gilt es daher, ihr entgegenzutreten, wo immer sie uns begegnet – im öffentlichen Diskurs ebenso wie in der persönlichen Reflexion! Das Bundesforum Männer ist ein Ort, an dem das beispielhaft geschehen sollte.

Und schließlich ärgert es mich maßlos, wie viel Voyeurismus in der öffentlichen Berichterstattung mitschwingt und wie heuchlerisch so manche Äußerung aus Politik und DFB daherkommt. Die Kanzlerin spendet Lob für die Courage Hitzlspergers , obwohl sie noch im Wahlkampf öffentlich äußerte, dass sie Schwule „nicht möge“. Der DFB-Präsident hielt den „Thomas“ schon immer für einen wunderbaren Menschen, doch unter seiner Führung hat das verbandliche Engagement für die Antidiskriminierung von homosexuellen Sportlern deutlich nachgelassen. Ehrlichkeit gegenüber den eigenen Vorbehalten und das Zulassen von Irritation wären für mich glaubwürdigere Anzeichen eines Bewusstseinswandels als verdächtig laute Lippenbekenntnisse, die nicht wehtun!

Thomas Hitzlsperger hat einen Anfang gemacht. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Sicherlich wird, wenn der Ball in wenigen Wochen in den Stadien wieder rollt, noch immer in der Fankurve von der „schwulen Sau“, dem „schwulen Pass“ oder gar dem „schwulen Wetter“ die Rede sein – aber vielleicht wird es auch den einen oder anderen mehr geben, der widerspricht. Ich nehme mir das jedenfalls vor – gerade weil ich diesen Sport so verdammt liebe …

Martin Rosowski