Bundesforum Männer zum Tod von über 30 jungen Männern bei Beschneidung in Südafrika

Erklaerung zu Beschneidungstoten in Südafrika-20130715

Wir sind erschüttert über den Tod von über 30 Jungen, die Opfer der rituellen Beschneidungspraktiken der südafrikanischen Volksgruppen  Xhosa, Sotho und Ndebele geworden sind. Schon im Mai 2013 war der Tod von über 20 Jungen in der Mpumalanga und Limpopo Region zu beklagen. Über 300 weitere Jungen liegen derzeit im Krankenhaus und müssen ärztlich behandelt werden. Viele kämpfen dabei mit dem Verlust oder der Verstümmelung ihrer Genitalien und sind schwer traumatisiert durch die Folgen der Beschneidung oder anderer Torturen denen sie in den Initiationsritualen ausgesetzt waren Damit ist das Jahr 2013 eines der blutigsten der jährlich stattfindender Initiations- und Männlichkeitsrituale, denen Jungen zwischen 10 und 15 Jahren insbesondere in den ländlichen Regionen Südafrikas ausgesetzt sind.1  Auch in der südafrikanischen Gesellschaft werden die Umstände der Tragödie und die Form der Durchführung der Beschneidungsrituale scharf kritisiert.

Dabei zielen die Kritiken oftmals darauf ab, die Beschneider besser zu qualifizieren, die Beschneidung unter besseren hygienischen Bedingungen und medizinischer Kontrolle durchzuführen, innerhalb staatlich zertifizierter und kontrollierter Beschneidungszentren/ Initiationsschulen durchzuführen und illegale Bescheidungszentren zu bekämpfen. Entsprechend wird eine verbesserte gesetzliche Beschneidungsregelung gefordert, welche in Zusammenarbeit mit den örtlichen „Leadern“ in der ländlichen Region umgesetzt werden soll.2

Anlässlich der über 20 Toten im Mai 2013 kommentierte der CEO of the South African National AIDS Council (SANAC), Dr. Fareed Abdullah:

„Wir denken auch, dass die Gesundheitsbehörden in Mpumalanga schnell  handeln müssen, um sicherzustellen, dass wirksame Maßnahmen an Ort und Stelle getroffen werden um mehr Todesfälle zu verhindern. Dies muss den Abschluss der Verhandlungen mit den traditionellen Führern einschließen, dass die Beschneidungen mit den höchsten Sicherheitsstandards durchzuführen sind. Das umschließt nicht nur eine Vereinbarung zwischen den Gesundheitsbehörden der Provinz und den traditionellen Autoritäten, sondern auch ein gemeinsames Verständnis über die Gesetze, unter denen wir alle leben müssen und die notwendigen Schritte, welche die Landesgesetzgebung ergreifen müssen, um in Konflikt stehende oder widersprüchliche Gesetze anzugehen .“3

 SANAC mens sector betont in einer Erklärung, dass die Kritik die gesellschaftliche Bedeutung der traditionellen Beschneidung nicht in Frage stelle, sondern die katastrophalen Folgen und Risiken für die Jungen bei ihrer Durchführung.4

Verstärkt wird diese insgesamt positive Haltung zur traditionellen Beschneidung auch dadurch, dass die Beschneidung aus hygienischen- und AIDS/ HIV Präventionsgesichtspunkten sowohl von Gesundheits- als auch gleichstellungsorientierten Männergruppen unterstützt wird, z.B.  in den Kampagnen wie „Brothers for life“ oder „One Man Can“ von Sonke Gender Justice Network, SANAC mens sector, und anderen.

Das Bundesforum Männer ist sich darüber bewusst, dass wir aus einer westlich geprägten bundesdeutschen Perspektive heraus nicht die Bedeutung ritueller Zeremonien für die südafrikanischen Kulturen erfassen und Infrage stellen können, aber keine Tradition egal in welcher Kultur und keine rituelle Einführung in die Männlichkeit darf den Tod auch nur eines Jungen und das Leid so vieler Jungen in Kauf nehmen.
Dies meint vielleicht auch Khumalo Bafana von SANAC mens sector wenn er schreibt:

„Das Patriarchat übt so viel Druck auf Männer und Jungen aus, sich solchen riskanten Praktiken auszusetzten. Warum sollten unsere jungen Männer in so missliche Positionen platziert werden, dass sie bereit sind zu sterben, um als echte Männer sozial akzeptiert werden?
. . wir brauchen einen nachhaltigen Dialog darüber, was es bedeutet und was es braucht, um ein Mann zu werden. Die Rolle und Wirksamkeit der Praktiken wie diese muss in Frage gestellt werden. Was bedeuten diese Praktiken in der demokratischen Ordnung in der wir leben? Wie können wir sie ausüben in einer Weise, die die Werte unserer Nation bewahren?“5

Wir rufen alle gesellschaftlichen und insbesondere die geschlechtersensiblen und gleichstellungsorientierten Gruppen in Südafrika dazu auf, diese katastrophalen Folgen für tausende junger Männer zum Anlass zu nehmen sich nicht auf die Forderung nach Einhaltung von medizinischen Standards zu beschränken, sondern darüber hinaus in einer kritischen Auseinandersetzung mit den traditionellen Männlichkeitsritualen den Preis der Männlichkeit, den hier die Jungen zahlen, stärker in den Vordergrund zu stellen.

Dabei sollte auch die bisherige Praxis der Medizinischen Beschneidung von Männern (MMC), wie sie von der WHO mit dem Ziel der Prävention im Bereich HIV/AIDS empfohlen und z.B. in der Kampagne Brothers For Life6  von SANAC, USAID, SONKE u.a. propagiert wird, zur Diskussion gestellt werden. Immer wieder wird dabei auf (durchaus umstrittene) Studien7  verwiesen, die von einer 60% Verringerung des HIV Ansteckungsrisikos bei Männern durch eine vollständige Beschneidung ausgehen. Deshalb empfiehlt die WHO die Beschneidungen  als Schutzmaßnahme. Ob sich die Beschneidung wirklich positiv auswirkt oder bspw. durch die scheinbare Schutzwirkung kontraproduktiv zu einem verringerten Einsatz von Kondomen oder dem vermehrten Betreiben risikoreicher Sexpraktiken führt, ist unklar.8

Wir fordern darüber hinaus die WHO auf, ihre Empfehlung bzgl. der medizinischen Beschneidung als HIV/AIDS Prävention zu überprüfen und die medizinischen Risiken und möglichen psychischen Folgen einer Beschneidung stärker zu berücksichtigen, die gerade mit einer totalen Entfernung der Vorhaut einhergehen.

[1] http://www.voanews.com/content/thirty-more-south-african-boys-die-after-botched-circumcision-ritual/1697451.html

[2] http://www.genderjustice.org.za/resources/newsletters/sanac-mens-sector-newsletter/issue-4-june-2013/2001367-statement-on-the-death-of-initiates-in-mpumalanga.html

[3] Ebd.

[4] Ebd.

[5] http://www.genderjustice.org.za/resources/newsletters/sanac-mens-sector-newsletter/issue-4-june-2013/2001361-dying-to-be-men.html

[6] http://genderjustice.org.za/resources/newsletters/sanac-mens-sector-newsletter/issue-3-february-2013/2001291-brothers-for-life-medical-male-circumcision-mmc-social-mobilisation-and-summer-campaign.html

[7] http://www.beschneidung-von-jungen.de/home/maennliche-beschneidung/argumente-fuer-beschneidung/beschneidung-zum-schutz-vor-aidshiv/beschneidung-impfung-gegen-aidshiv.html

[8] http://www.aidshilfe-koeln.de/uploads/media/1003-024_MI_02_HIV-Praevention.pdf