Vorhautbeschneidung als Elternrecht?

Mittwoch, 21.11.2012

Morgen wird der Bundestag das von der Bundesregierung vorgeschlagene Beschneidungsgesetz beraten, mit dem die Vorhautbeschneidung als allgemeines Elternrecht normiert werden soll. Diese Lösung lehnt das BUNDESFORUM MÄNNER, der Interessenverband für Jungen, Männer und Väter in Deutschland, ab. Mit Unverständnis nimmt das BUNDESFORUM MÄNNER wahr, wie eilig die Regierung das strittige Thema Vorhautbeschneidung von der Agenda haben möchte. Dazu erklärt der Vorsitzende des Bundesforums, Martin Rosowski:

„Die Terminierung der ersten Beratung des Gesetzes noch vor der Sachverständigenanhörung im Rechtsausschuss am 26.11.2012 und umrahmt von Haushaltsberatungen ist für uns nicht nachvollziehbar. Der Regierungsentwurf ist zumindest unausgewogen. Im Kern soll ein Recht der Eltern normiert werden, der Vorhautbeschneidung bei ihren Jungen zuzustimmen. Unser Hauptanliegen ist der Schutz der körperlichen Unversehrtheit von Jungen. In Hinblick darauf ist der Gesetzesentwurf wenig kreativ. Offenkundig zählt die Schaffung von Rechtssicherheit für die Bundesregierung mehr als der Schutz von Neugeborenen, Säuglingen und Kindern.“

Absatz 1 des vorgesehenen § 1631d stellt eine Beschneidung grundsätzlich der freien Entscheidung der Eltern anheim, und zwar ausdrücklich ohne die Voraussetzung einer medizinischen Indikation oder religiösen Begründung. Das eröffnet großen Spielraum für völlig unzureichende Beweggründe wie Ästhetik oder Hygiene, um das Genital eines Jungen ohne seine Einwilligung operativ zu manipulieren.

Noch schwerer wiegt Absatz 2. Hierin wird für Jungen unter 7 Monaten die Voraussetzung aufgehoben, dass der Eingriff nach den Regeln ärztlicher Kunst ausgeführt werden muss. Der Hintergrund ist: Eine Narkose für Neugeborene, um ohne medizinische Gründe eine Beschneidung durchführen zu können, wird von Kinderanästhesisten aufgrund der Risiken abgelehnt. Die Bundesregierung will aber die Vorhautbeschneidung bei Neugeborenen und Säuglingen legalisieren und professionellen religiösen Beschneidern Rechtssicherheit geben. Die Konsequenz für das Kind ist, dass es ohne eine Narkotisierung dem Beschneidungsschmerz ausgesetzt wird. Die Traumatisierung des Körpers wird völlig außer Acht gelassen bzw. offenbar als Notwendigkeit erachtet.

Das Kindeswohl, die betroffenen Jungen und ihre Interessen werden in diesem von vermeintlichen Zwängen geprägten Gesetzgebungsverfahren in skandalöser Weise ignoriert. Die Tatsache, dass auch Männer und Jungen verletzlich sind, wird gesellschaftlich verkannt und durch überkommene Rollenzuschreibungen verdeckt.

Selbstverständlich nehmen wir mit Respekt zur Kenntnis, dass es sich bei einem Teil der Beschneidungs­praxis um sehr alte religiöse Traditionen handelt. Dennoch sind wir überzeugt, dass es gerade deswegen notwendig ist, eine gesetzliche Regelung erst dann vorzunehmen, wenn eine breite und konstruktive gesellschaftliche Auseinandersetzung stattgefunden hat. Auch die betroffenen Religionsgemeinschaften sind unserer Ansicht nach in der Pflicht, sich dieser Auseinandersetzung zu stellen. Die bisher vorgetra­genen Bedenken von Ärzteverbänden und Psychologen, Strafrechtlern, Religionswissenschaftlern und anderen Fachleuten sowie auch von Teilen der jüdischen und muslimischen Gemeinschaften sind ernst zu nehmen.