Männerpolitisches Netzwerktreffen am 23. Oktober 2012 in Berlin

Im Anschluss an den Internationalen Männerkongress „Männerpolitik. Männerpolitische Beiträge zu einer geschlechtergerechten Gesellschaft“ konnten Martin Rosowski, Vorsitzender des BUNDESFORUM MÄNNER – Interessenverband für Jungen, Männer und Väter, und Markus Theunert, Präsident des Dachverbands der Schweizer Männer- und Väterorganisationen männer.ch etwa 80 Teilnehmer_innen aus Deutschland und der Schweiz, aus Österreich, Luxemburg und Norwegen zu einem internationalen männerpolitischen Netzwerktreffen begrüßen. Das Treffen tagte von 14.30 bis 17.30 Uhr im Ellington Hotel Berlin.

Eingeladen waren die Teilnehmer_innen des vorangegangenen Kongresses des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und des österreichischen Bundesministeriums für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz, insbesondere jene, die sich in Nichtregierungsorganisationen im Feld der Männerpolitik engagieren. Gemeinsam haben wir Herausforderungen erörtert, die sich uns in nächster Zeit stellen.

Darüber haben wir uns in fünf moderierten Gesprächsforen ausgetauscht und die Ergebnisse anschließend in einem Plenum zusammengeführt.

Das Gesprächsforum 1 „Kommunikation und Mobilisierung“ wurde von Dr. Dag Schölper und Thomas Gesterkamp moderiert. Diese Gruppe erörterte folgende Fragen: Wie vermitteln wir unsere Anliegen nach aussen? Was ist ein gutes Wording? Wie sprechen wir insbesondere noch wenig interessierte Männer an? Wie schaffen wir Synergien zwischen Männerarbeit und Männerpolitik? Wie können wir Männer geschlechterpolitisch mobilisieren, die „nur“ ihre individuellen Herausforderungen lösen möchten? Wie psychologisch und sozial darf Männerpolitik sein, um noch ernst genommen zu werden?
In dieser Gruppe wurde unter anderem der Wunsch nach Professionalisierung der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit laut. Die angesprochenen Themen bräuchten eine Vertiefung in eigenen Workshops. In der Zusammenarbeit mit den Medien spielen „einfache“ Schlagzeilen, Personalisierung und Exklusivität eine wichtige Rolle. Auch für die Öffentlichkeitsarbeit allgemein müssen wir im Umgang mit den Werkzeugen versierter werden.

Das Gesprächsforum 2 „Politische Prioritäten und Agenda-Setting“ leiteten Martin Rosowski und Franz-Josef Schwack. Hier ging es um die Fragen, welche Themen in den nächsten zwei bis drei Jahren vordringlich sind, welche durch die politischen Prozesse und Gremien „vorgegeben“ sind und welche wir selbst auf die Agenda setzen können.
Die Auseinandersetzung in diesem Themenfeld brachte eine große Bandbreite zu Tage: So sollte ein Gremium für den Geschlechterdialog gebildet, die vielfältigen Problemstellungen im Arbeitsleben bearbeitet, der Bedarf an Männerberatungsstellen verdeutlicht, die Genderperspektive als Querschnittsaufgabe gesehen, die Männergesundheit in den Blick genommen, das Thema Sexualität aufgegriffen, Gewalt in seinen Facetten untersucht und das Männerleben nach der Erwerbstätigkeit beachtet werden. Im Blick auf das Agenda-Setting sei deutlich geworden, dass wir uns nicht auf ein Ressort beschränken, sondern alle Politikbereiche beachten müssen.

Im Gesprächsforum 3 „Kultur, Organisationsentwicklung und paradoxe Opposition“ diskutierten die Teilnehmer_innen unter der Moderation von Markus Theunert und Dr. Stephan Höyng zu den Fragen: Wer gehört überhaupt zu „uns“? Wie gehen wir mit Widersprüchen und Meinungsverschiedenheiten um? Wie entwickeln wir eine sorgfältige Debattenkultur, welche zielorientiert und politisch wirksam ist, ohne traditionell politisch-männliches Machtgebaren zu reproduzieren? Wie gehen Akteure einer gleichstellungsorientierten Männerpolitik mit der Männerrechtsbewegung und den Antifeministen um? Wieviel Dialog ist möglich und sinnvoll?

In dieser divergent besetzten Gruppe wurde vor allem die Frage erörtert, welche Formen der Kooperation zwischen verschiedenen „Lagern“ der Männerbewegung und Männerarbeit sinnvoll und durchführbar erscheinen. Die Antwort auf diese Frage wird vor allem dadurch erschwert, dass es hier Gruppierungen gibt, die sich stark diffamierend gegenüber anderen Männergruppierungen und auch gegen Frauen äußern. So lange bzw. dort wo solche Diffamierungen tonangebend sind, scheinen Koalitionen – auch in Fragen, zu denen augenscheinlich Konsens besteht – unrealistisch.

Matthias Lindner und Frank Meißner sprachen im Gesprächsforum 4 „Politische Strategien und Visionen“ mit den Teilnehmer_innen darüber, wie ein längerfristiger Horizont gleichstellungsorientierter Männerpolitik aussieht, und wer dabei unsere Verbündeten sind. Welche politischen Mehrheiten suchen wir? Welche Partner gibt es außerhalb der Männer-/Genderszene?
Hier wurde vertieft, wie wichtig es ist, auf alle politischen Parteien zuzugehen und Schnittmengen – auch zwischen den Parteien – auszuloten. Auf Dauer gehe es darum, Männerbilder aufzudecken und kritisch zu hinterfragen, die (noch) die aktuelle Politik bestimmen. Außerdem müssten wir uns verstärkt in langfristig angelegte politische Debatten (z.B. zu den Themen rund um die Arbeitswelt) einbringen. Über den politischen Tellerrand hinaus wären auch die Werbeindustrie, die Spielzeugindustrie, die Filmindustrie, die Musikindustrie, die Sport- und Fußballverbände, die Arbeitgeberverbände und das weite Feld der Bildung und Pädagogik interessante Bündnispartner. Insgesamt handele sich über lange Prozesse, für die auch die europäische Politikebene immer bedeutsamer werde. Deswegen sollten wir auch die europäische Vernetzung vorantreiben.
Im Gesprächsforum 5 „Internationale Vernetzung“, das von Christian Scambor und Marc Gärtner moderiert wurde, ging es darum, was es an „Vernetzungsgefäßen“ braucht. Lose oder strukturiert? Wie nutzen wir das Web? Wie gestalten wir die Zusammenarbeit der deutschsprachigen Akteure mit den anderen europäischen Ländern?

Diese Gruppe formulierte vor allem den Bedarf an Vernetzung der Forschung und Vernetzung von Praxisprojekten. Der Austausch von guten Beispielen könne auch zu Kooperationen im Rahmen von EU-Projekten führen. Dies sei in allen Arbeitsfeldern (Jungenarbeit, Väterarbeit, Gesundheit, Gewalt, Arbeit, Sexualität und Gender) wünschenswert. Dabei müssten jedoch immer auch die verschiedenen nationalen Rahmenbedingungen im Blick sein. Angeregt wurde auch, sich verstärkt in bestehende Vernetzungsstrukturen einzubringen, wie z.B. www.menengage.org oder www.roleofmen.eu. Marc Gärtner regte an, bei letzterer Plattform sich nach den Ergebnissen der aktuellen Studie zu erkundigen, weil noch unklar ist, wie viel davon veröffentlicht wird.

Für den geplanten Folgekongress im Jahr 2014 in Wien werden wir wieder ein Netzwerktreffen der NGO anregen. „Unterwegs“ gilt es, die persönlichen Kontakte, die geknüpft werden konnten, zu nutzen, um Männerpolitiken gemeinsam voranzubringen und wo immer es geht, weitere Vernetzungstreffen durchzuführen.