Männerpolitische Beiträge zu einer geschlechtergerechten Gesellschaft

Ein Bericht zur internationalen Tagung am 22. und 23. Oktober in Berlin

Eine geschlechtergerechte Gesellschaft braucht Politik für Männer.
Die Erkenntnis ist nicht neu, auf Seiten der Parteien- und Regierungspolitik indessen erst sehr wenige Jahre alt. Höchste Zeit also, „männerpolitische Beiträge zu einer geschlechtergerechten Gesellschaft“ zu sichten, zu formulieren oder auch nur zu fordern. So generell verfolgte das die Konferenz „Männerpolitik“, zu der das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend vom 22.-23. Oktober 2012 ins Ellington-Hotel nach Berlin einlud.

Verständlich, dass sich unter den Teilnehmenden viele seit Jahren rührige Aktivisten wie bei einem großen Familientreffen fühlten. Der Vernetzungsgrad ist inzwischen hoch in Deutschland. Erfreulich, dass dieser Umstand zu relativ einmütigen Verständigungen über die zu behandelnden Grundfragen führte. Erstaunlich schließlich für das Selbstverständnis einer im Grunde noch sehr jungen politischen Bewegung, wie der Beiklang des fast schon Selbstverständlichen mitschwang. Denn außergewöhnlich war doch so Einiges an dieser Veranstaltung.

300 Teilnehmende aus den unterschiedlichsten Feldern von Politik, Initiativen und Interessengruppen, aus der Wissenschaft, von großen Verbänden bis hin zu kleinen Beratungsbüros. 14 Vorträge, elf Workshops, ein Botschaftsempfang – allein schon die numerische Dimension war neu. Das Ganze organisiert von gleich zwei Bundesministerien, und das aus zwei Nationen, denn auch das österreichische Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz lud mit ein und nutzte das Event sogar, um in wienerisch-charmanter Konkurrenz im Nachbarland den eigneen zweiten Männerbericht vorzulegen. International geprägt wurde die Tagung vollends durch Experten und Teilnehmer aus Norwegen, der Schweiz und Luxemburg. Bzw.: auch Expertinnen und Teilnehmerinnen, denn ein hoher Prozentsatz des Plenums waren Frauen. Und als auch nicht gerade üblich kann gelten, dass ein Kongress dieses thematischen Zuschnitts von der Ministerin und dem Minister selbst eröffnet wird und ein entsprechendes Medieninteresse findet.

„Freiheit und Selbstbestimmung“ hat sich Dr. Kristina Schröder als Ziel der Gleichstellungspolitik auf die Fahnen geschrieben – zugunsten aller denkbaren Optionen des Frauen- und Männerlebens. Mag sein, dass man dieser Politik noch mit Vorbehalt begegnet. Sehr lange wurde Männern nicht gerade zugetraut, dass ausgerechnet sie die Gleichstellung der Geschlechter voranbringen könnten. Und nun sagt die zuständige Ressortchefin, sie halte „die Verengung auf frauenpolitische Perspektiven“ für mitverantwortlich dafür, dass eben jene Gleichstellung oft schleppend vorankomme. Und geht als nächstes mit dem als typisch männlich geltenden Ideal des allseits flexiblen und allzeit verfügbaren Arbeitsnehmers ins Gericht wie einstmals frühe Vertreter einer nachdenklich-selbstkritischen Männerbewegung. Dass ihre Ablehnung einer Quotenregelung für weibliche Führungskräfte umstritten ist, dass ihre Partei eigentlich nicht in erster Linie für Arbeitnehmerinteressen kämpft – dahingestellt! Es sind in der Tat Spitzensätze für die Männerpolitik, wenn zum Ziel erklärt wird, dass die modernen „Arbeitsnomaden“ nicht länger Leitbild sein dürften. Und wenn angesichts neuer Bilder von Vaterschaft beschworen wird: „Der Wertewandel wird die Arbeitswelt verändern!“ Vorlagen, an denen sich die Ministerin und die Politik in Deutschland in Zukunft messen lassen dürfen.
„Der klassische Familienvater ist Geschichte“, so auch der immerhin sozialdemokratische Bundesminister aus Österreich. Dass Männeranliegen in diesem Land im Ressort „Arbeit und Soziales“ verortet sind und nicht etwa im Familienministerium, gibt Chancen und Risiken zu bedenken. Rudolf Hundstorfer betonte, Männerpolitik fordere zur Emanzipation heraus. „Wir müssen bei uns selber beginnen.“ Wichtig sei ebenso, eine engagierte Großvaterschaft zu fördern. Besonderes Augenmerk liegt in der Alpenrepublik außerdem auch auf der Situation von Migranten.

Was geschieht in den weiteren am Kongress beteiligten europäischen Ländern?
Ein bemerkenswertes Bild bietet die Schweiz. Mit männer.ch bekommt es das Land der Eidgenossen seit einiger Zeit mit einer umtriebigen außerparlamentarischen Kraft zu tun, die in den Leuchtturmthemen „Soziales, Familie und Sexualität“ immer wieder überraschende gesellschaftliche Impulse setzt. Dazu bietet eine politische Kultur besondere Gelegenheiten, die stark auf plebiszitäre Einflussnahme baut. Was vielleicht ein Phänomen erklären kann, das die Vertreterin der nationalen Frauenorganisation ergeben konstatierte (welche gleichfalls ohne staatliche Unterstützung auskommen muss): Einer wichtigen Gesetzesvorlage zur Elternzeit wurde im Nationalrat gerade von den Männern die Bremse gelöst. Man bedenke: Es gibt nach wie vor keine Möglichkeit für Väter, Elternzeit nach deutschem Modell zu nehmen. Für Mütter auch nicht.

Am anderen Ende des Kontinuums befanden sich Berichte aus Norwegen, wo die gesetzlichen Rahmenstellungen dazu geführt haben, dass 95 % aller Väter Familienmonate in Anspruch nehmen. Das Land weist die dritthöchste Geburtenrate der EU auf. In Kindergärten arbeiten mit immerhin 12 % dreimal so viele männliche Erzieher wie in Deutschland. Man hat erkannt, dass Gleichberechtigung in Beziehung die Gewalttätigkeit senkt, man nutzt einen Männerrat, man finanziert Beratungszentren für Männer und man nimmt wahr, dass immer mehr Männer eine Absenkung ihrer Arbeitszeit wünschen. Norwegen wird von der deutschen Politik in Vielem als vorbildlich angesehen.

In Luxemburg wiederum waren es die Erfahrungen mit dem deutschen Bundesforum Männer – Interessenverband für Jungen, Männer und Väter e. V., die der zuständigen Ministerin entscheidende Anstöße gab. Ad hoc wurden zwei relevante männerpolitisch aktive Stiftungen gegründet und ein Männerbüro zur Beratung und politischen Willensbildung eingerichtet. Und es soll weiter gehen: Die Tagung „Männerpolitik“ wurde als Gelegenheit begrüßt, auf diesem Feld neue Erkenntnisse zu gewinnen.
Dass es an einer Fülle empirischer valider Befunde seit zwei Dekaden nicht mangelt, demonstrierten die Vorträge der Professoren Paul Zulehner und Carsten Wippermann im wissenschaftlich orientierten Teil der Tagung. Prof. Dr. Stefan Höyng verwies nachdrücklich auf die Notwendigkeit einer Männerforschung, die von Anfang an ihre Interessen bewusst reflektiert. Erst die Einbeziehung der Motive mache die Forschung einer politischen Umsetzung zugänglich.

Folgerichtig ist festzustellen: Der Wunsch nach neuen Einsichten und einer veränderten Politik kann nur vom bürgerschaftlichen Engagement der Interessenvertretungen von Männern ausgehen. Eine internationale Tagung wäre nicht möglich gewesen ohne die finanzielle und organisatorische Logistik, die die Ministerien zur Verfügung stellten. Vor allem aber wäre sie wirkungslos ohne einen etablierten, zivilgesellschaftlich gut organisierten und in seinen Positionen über Abstimmungsprozesse seiner Mitglieder legitimierten Gesprächspartner, wie es in Deutschland das öffentlich geförderte Bundesforum Männer darstellt. Kristina Schröder zeigte sich dieses sensiblen Zusammenhangs bewusst, indem sie betonte, dass auch kontroverse Positionen aus dem Bundesforum zu erwarten seien.

Die Idee und die inhaltliche Planung der Tagung stammte denn auch aus Kontakten zwischen Vertretern des Bundesforums und dem Schweizerischen männer.ch, dessen Präsident Markus Theunert auch die kommende Dokumentation übertragen wurde. Der österreichische Minister wiederum überraschte mit der Einladung zu einer Folgekonferenz in zwei Jahren in Wien.
Von der Konferenz sollte „ein deutliches Ja zur Gleichstellungspolitik als nachhaltiger Politik der Geschlechtergerechtigkeit und der fairen Chancen für Frauen und Männer ausgehen“, so der Einladungstext. In Berlin ist der Wille dazu in Politik und Zivilgesellschaft klar bekundet worden. Fast zu bruchlos, könnte man im Nachhinein kommentieren. Wie steht es wirklich um die Einbeziehung von Kräften, die einer Gleichstellung entgegenstehen oder abweichende Vorstellungen von ihrer Ausgestaltung hegen? Wo verlaufen die Konfliktlinien verschiedener Interessen? Wie reif sind Wirtschaft und Gesellschaft tatsächlich für einen Wertewandel in der Arbeitswelt? Wenn die Friktionen und Ressourcenkämpfe nicht mehr zwischen Frauen und Männern als homogenen Gruppen, sondern zwischen unterschiedlichen Lebensentwürfen verlaufen, die als „traditionell“ und „modern“ bezeichnet werden: Wo behindern sich solche Modelle auf juristischer, sozialpolitischer und ökonomischer Ebene? Und wie kann es zu einem Ausgleich kommen, der allen zugute kommt?

Darüber dürfte in Zukunft noch zu streiten sein.