Offener Brief

Eine Antwort auf die vielfältigen Anwürfe von Männern, die sich selbst als Sprachrohr „der“ Männer verstehen

Männerpolitik in Deutschland hat viele Gesichter. Interessenvertretung von Jungen, Männern und Vätern ist ein wichtiges Anliegen, aber keine einfache Sache. Das BUNDESFORUM MÄNNER begreift sich als eine professionelles Netzwerk für politische Beratung und ja, auch für Lobby-Arbeit.

Nun steht das BUNDESFORUM MÄNNER schon seit längerem in der Kritik. Besonders heftig und mitunter voller Aggression und Häme sind die Äußerungen von anderen Männern, die sich selbst als die „wahren“ Vertreter „der“ Interessen von Jungen, Männern und Vätern sehen. Heute hat sich der Vorsitzende des Bundesforums Martin Rosowski in einem Offenen Brief an die männerpolitisch aktiven ‚Kollegen‘ von agens, MannDat usw. gewandt.

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Werte Kollegen der maskuli(ni)stischen Bewegung,

liebe Mit-Männer,

schön, dass unsere Arbeit so viel Resonanz in Ihren verschiedenen Internetforen findet. Mit großer Aufmerksamkeit registrieren wir das vitale Interesse, mit dem in den entsprechenden  Blogs und Chats über uns diskutiert wird. Das ist gut so, schließlich sind wir der Interessenverband für Jungen, Männer und Väter in Deutschland und Ihnen geht es ja nach eigenem Bekunden ebenfalls darum, die Situation von Männern in Deutschland zu hinterfragen und Probleme offenzulegen.

Gerade daher überrascht uns allerdings die Aggressivität, mit der seit geraumer Zeit gerade in diesen Foren Un- oder Halbwahrheiten über uns verbreitet werden. Eigentlich dachten wir, dass die Zeiten vorbei seien, in denen Männerrollen von Konkurrenz und Hahnenkampf geprägt waren.

Uns wird Nähe und Kritikunfähigkeit gegenüber „dem“ Feminismus vorgeworfen und behauptet, wir ließen uns für Zustimmung und Wohlfeilheit vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend kaufen, wir seien uneffektiv und eine unfähige Lobbyistentruppe!

Niemand wird ernstlich erwarten, dass wir uns auf diesem Niveau für offensichtlich propagandistische Unterstellungen rechtfertigen. Im Gegensatz zu vielen Argumentationsmustern, die wir in diesen Kommunikationskanälen entdecken, steht bei uns das „Anti“ nicht im Vordergrund. Wir sind keine Bewegung gegen Frauen – auch nicht per se gegen Feministinnen -, wir sind ein Interessenverband für Männer! Und ja, wir sind der Ansicht, dass es Diskriminierung von Frauen gegeben hat und noch immer gibt und dass darum die Förderung von Frauen in spezifischen sozialen, ökonomischen und politischen Kontexten notwendig war und weiterhin ist. Daher fühlen wir uns auch nicht von den unterschiedlichen Strömungen der Frauenbewegungen bedroht. Das widerspricht aber erst recht nicht unserem originären Ziel, uns überall da für Jungen- und Männerförderung stark zu machen, wo sie sinnvoll und erforderlich ist und Benachteiligungen von Jungen und Männern dort anzuprangern, wo sie tatsächlich bestehen. Es geht uns dabei aber nicht um eine Festschreibung richtigen Junge- oder Mann-Seins oder um die Wiederherstellung alter Hierarchien zwischen den Geschlechtern, sondern um eine neue Gerechtigkeit zwischen Frauen und Männern und um Offenheit für die Lebens- und Teilhabemöglichkeiten von Männern und Frauen.

Der Bund der Steuerzahler stellt sich in seinem aktuellen Schwarzbuch auf den Standpunkt, die Finanzierung eines Netzwerkes – eben des BUNDESFORUM MÄNNER e.V. -, das sich für Jungen-, Männer- und Väterpolitik stark macht, sei Verschwendung von Steuergeldern. Die politisch einseitige und undifferenzierte Instrumentalisierung seines sich selbst erteilten Kontrollauftrages mag Problem des Bundes der Steuerzahler sein – der Beifall, der dafür aus dem Lager so genannter Männeraktivisten kommt, stellt hingegen ein zentrales Problem für die Glaubwürdigkeit des maskuli(ni)sti-schen Lagers dar, wie ernst es ihm wirklich mit den Interessen von Männern ist!

Sicherlich kann man der Meinung sein, dass der Staat doch nicht die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern zu fördern und auf die Beseitigung bestehender Benachteiligungen hinzuwirken habe – und sich damit außerhalb des Grundgesetzes stellen. Man kann auch das Sozialstaatsprinzip ablehnen und finden, dass eine Unterstützung subsidiär erbrachter Arbeit grundsätzlich falsch sei, weil dies von den Märkten allein erbracht werden müsste. Ein solches Politikverständnis wird aber nur noch von einem verschwindend geringen Anteil der Bevölkerung geteilt, von uns auf jeden Fall nicht.

Das Bundesforum beklagt die Situation der Männer nicht, sondern es tut etwas für sie, täglich in den Mitgliedsorganisationen – und bringt sich für sie in unserem Netzwerk in die Politik ein. Dies alles geschieht nicht virtuell in Blogs und Chats, sondern durch konkrete und intensive Einflussnahme auf die handelnden und entscheidenden Personen und Strukturen der Politik. Der Vorteil eines Netzwerkes wie dem Bundesforum Männer besteht darin, dass unsere Mitgliedsorganisationen, die täglich in unmittelbarem Kontakt mit Hunderttausenden von Männern sind, ihre jeweilige Meinungsbildung bereits hinter sich haben, wenn sie zu gemeinsamen Positionen gelangen. Und auf diesem Feld war das Bundesforum in den ersten 20 Monaten seines Bestehens keineswegs untätig. Es gibt wohl keinen männer- und geschlechterrelevanten politischen Diskurs in dieser Zeit, an dem wir uns nicht beteiligt hätten. Nur einige Beispiele:

  • Die Sorgerechtsfrage nicht verheirateter Eltern
  • Die Stärkung der Rechte nicht-rechtlicher Väter
  • Die Rechtmäßigkeit religiöser Beschneidung
  • Der BoysDay
  • Die Quotenfrage
  • Die Gesetzesinitiative „Jungen, Männer und Väter stärken“
  • Der Gleichstellungsbericht der Bundesregierung
  • Die Reform des Bundesgleichstellungsgesetzes
  • Das Pflegezeitgesetz
  • Die Diskussion um das Ehegattensplitting
  • Adoptionsrecht für homosexuelle Paare
  • Gewalt in Partnerbeziehungen
  • Entgeltgleichheit
  • Die familienpolitische Kritik am Betreuungsgeld

Zu all diesen Fragen und mehr wurden Positionen des BUNDESFORUM MÄNNER und seiner Mitglieder in Pressemitteilungen, öffentlichen Statements, Anhörungen, Politikergesprächen und Expertisen eingebracht. Dabei geht es uns allerdings nicht um Schwarz-Weißmalerei, sondern um fachlich fundierte, auf wissenschaftliche Analyse gründende nachhaltige Positionen. Wir verstehen unsere inhaltliche Arbeit nicht als einseitige ideologische Propaganda, sondern als ausgewogene und differenzierende professionelle Beiträge zur Gestaltung und Veränderung von Politik im Interesse der Gleichstellung von Männern und Jungen wie Frauen und Mädchen.

Die politische Relevanz einer Organisation definiert sich nach unserem Verständnis nicht durch die Hoheit über die erste Schlagzeile des Boulevards, sondern durch die strategisch rechtzeitige Platzierung der Position. So war es das Statement des BUNDESFORUM MÄNNER zum Betreuungsgeld, das den Bundestagsabgeordneten in der entscheidenden Debattenpause in den Händen lag. Und es war der äußerst differenzierte Impuls des Bundesforums zur Diskussion über die religiöse Beschneidung, der den Mitgliedern des Deutschen Ethikrates wie der versammelten Presse in der entscheidenden Sitzung vorlag. Dass wir mit den Ergebnissen der politischen Entscheidungen nicht immer zufrieden sind, versteht sich von selbst und mag uns in der einen oder anderen Frage sicherlich einen.

Wir sind offen für alle, die uns in unserer Arbeit  unterstützen wollen und bereit sind, sich dem BUNDESFORUM MÄNNER anzuschließen. Die Zahl der Mitgliedsorganisationen wächst zunehmend. Es ist bedauerlich, dass Organisationen wie Agens oder MannDat, sich bis heute nicht zu einer Mitgliedschaft entschließen konnten, weil sie nicht bereit waren, der Plattform unserer Zusammenarbeit zuzustimmen.

Warum nicht? Was ist männerpolitisch nicht konsensfähig daran, dass wir uns

  • gegen jegliche geschlechtliche Diskriminierung …
  • auf umfassende gesellschaftliche Gleichstellung der Geschlechter in ihren jeweiligen Entwicklungen, Identitäten und der Vielfalt ihrer Lebensentwürfe …
  • auf konstruktiven Dialog zwischen den Geschlechtern …
  • auf die Ermutigung und Unterstützung von Männern, ihre Rolle als aktive Väter wahrzunehmen und als positive Vorbilder und verlässliche Bezugspersonen für Jungen und Mädchen zur Verfügung zu stehen …
  • auf  eine Arbeit mit Jungen, die Jungen Handlungsoptionen und Zukunftsperspektiven jenseits patriarchaler und einengender Rollenvorstellungen ermöglichen …
  • auf den Respekt vor der Vielfalt sexueller Identitäten und vor dem Recht auf sexuelle Selbstbestimmung …
  • auf die Überwindung von Gewalt und die Überwindung des Tabus des Mannes als Opfer von Gewalt …

verpflichten?

Wer diesen Grundsätzen nicht folgen kann, sollte dies auch in aller Öffentlichkeit deutlich machen, damit die Frauen und Männer in Deutschland wissen, woran sie sind. Wir haben die Prämisse unseres politischen Selbstverständnisses offengelegt: Geschlechtergerechtigkeit.

Mit männlich-kollegialen Grüßen
für den Vorstand des BUNDESFORUM MÄNNER

Ihr

Martin Rosowski
Vorsitzender