Zirkumzision in Deutschland: Impulse für eine öffentliche Diskussion

Das Bundesforum Männer nimmt die in die aktuelle Beschneidungsdebatte eingebrachten kontroversen Positionen mit hohem Respekt zur Kenntnis. Als Interessenverband für Jungen, Männer und Väter ist es uns allerdings wichtig, einige spezifische Perspektiven in die öffentliche Diskussion mit Nachdruck einzubringen und gezielte Fragen an die beteiligten Akteure zu stellen.

  • Bei der Zirkumzision, also der Beschneidung der Vorhaut,  handelt es sich um einen chirurgischen Eingriff am männlichen Genital, der zumeist medizinisch weder akut noch präventiv indiziert ist. Diesen Sachverhalt juristisch zu bewerten, ist Aufgabe des Gesetzgebers und der Gerichte. Als Interessenverband weisen wir jedoch darauf hin, dass es sich hier in den meisten Fällen um minderjährige Jungen handelt, an denen dieser Eingriff vorgenommen wird und die vielfach aufgrund ihres Alters in keiner Weise in der Lage sind, ihr Einverständnis dazu zu geben.
  • Die geschlechtliche Identität der Betroffenen wird in der Diskussion erstaunlich selten thematisiert und die Motivation dieser körperlichen Manipulation auf dem Hintergrund bestimmter Männlichkeitskonstruktionen so gut wie nicht hinterfragt. Daher sei noch einmal hervorgehoben: Jungen werden bei der Beschneidung Objekte eines irreversiblen medizinischen Eingriffs, weil sie Jungen sind und zukünftige Männer werden. Der religiöse Ritus der Beschneidung gar rückt den Eingriff am männlichen Körper ins Zentrum und macht ihn zum Garanten für die Konsistenz von Glaubensgemeinschaften, wobei er auf diese Weise kulturelle Zuschreibungen transportiert, die öffentliche Bilder von Männlichkeiten und das Selbstverständnis von Männern beeinflusst.
  • Das Bundesforum Männer tritt in seiner inhaltlichen Plattform dafür ein, dass Jungen Handlungsoptionen und Zukunftsperspektiven jenseits patriarchaler und einengender Rollenvorstellungen ermöglicht werden. Sie sollen bei der Entwicklung von Lebensentwürfen gefördert werden, die ihnen Perspektiven auf eine mündige, verantwortliche und geschlechtergerechte Teilhabe an gesellschaftlichen Gestaltungsprozessen eröffnen. Dieses Recht auf Selbstbestimmung der Mitglieder unserer Gesellschaft, setzt allerdings ihren Schutz vor Eingriffen in ihre körperliche Unversehrtheit voraus und erfordert besondere Achtsamkeit gegenüber der Persönlichkeitsentwicklung und Ausbildung  der sexuellen Identität gerade junger Menschen.
  • Das Bundesforum Männer begrüßt den wachsenden Konsens über die Bedeutung aktiver Väter in der Versorgung und Erziehung von Kindern. Aktive Vaterschaft setzt aber auch Übernahme von Verantwortung für das Kindeswohl voraus. Letzteres bildet aus unserer Perspektive das entscheidende Kriterium und die konstitutive Bedingung für jegliche Aspekte des Elternrechtes. Handlungsleitend für elterliche Sorge muss die individuelle Entwicklung des Kindes vor allen kollektiven Normierungen sein.
  • Die Beschneidung der Vorhaut ist keine chirurgische Lappalie. Die Auswirkung auf die psychosoziale Entwicklung von jungen Männern ist bis heute nicht ausreichend erforscht, obwohl Fälle von Traumatisierungen und Beeinträchtigungen der Sexualität bekannt sind. Ebenso wenig hat diese Fragestellung bis heute Einzug in die Gesundheitsberichterstattung der Bundesregierung gehalten. Hier sind geschlechtsspezifische Desiderata der Gesundheitsforschung und -politik festzustellen, die von der Regierung gemeinsam mit den Fachverbänden für Männergesundheit zu bearbeiten sind.
Es fällt auf, mit welcher Schärfe der aktuelle Diskurs um die Beschneidung geführt wird. Vor allem vor dem Hintergrund der Frage nach der Gewährung der freien Religionsausübung in diesem Zusammenhang ist hohe Sensibilität gegenüber den Gefühlen der betroffenen Glaubensgemeinschaften angebracht. Das Bundesforum Männer möchte mit den folgenden Fragen zu einer Versachlichung der Diskussion beitragen –
 
An die Abgeordneten des Deutschen Bundestages:
Welchen Stellenwert haben Sie in Ihrer Entscheidungsfindung zur Resolution für die grundsätzliche Legalisie- rung von Beschneidungen der Unversehrtheit des Körpers der Jungen eingeräumt? Ist die Empathie unserer Gesellschaft für das leibliche Wohl unserer Jungen aus Ihrer Sicht ausreichend?
 
An die medizinischen Standesverbände in Deutschland:
Steht die medizinisch nicht indizierte Beschneidung eines nicht zur Einwilligung fähigen Kindes mit dem ethi- schen Selbstverständnis Ihrer Organisationen in Einklang? Welche psychosozialen Auswirkungen der Beschneidung auf die Entwicklung von Jungen sind wissenschaftlich evident?
 
An die religiösen Glaubensgemeinschaften in Deutschland:
Welche Rolle spielt die bewusste Erziehung zu Leidenserfahrung und Opferbereitschaft von Jungen auf ihrem Weg zum Mannsein in Ihrer Glaubenstradition? In welchem theologischen Verhältnis stehen Gottesbeziehung, Initiation in die Gemeinschaft und Beschneidung?
 
An die Väter in Deutschland:
Unter welchen Bedingungen und aus welchen Beweggründen sind Sie bereit, einen medizinisch nicht not- wendigen chirurgischen Eingriff am Genital Ihres Jungen zuzulassen? Wie gehen Sie emotional mit dem Schmerz Ihres Jungen und seiner Angst vor dem Schmerz um?
 
Wir hoffen, mit unseren Feststellungen und Fragen eine sachliche Weiterführung der Diskussion zu initiieren und laden zu weiterem fachlichen Austausch ein.
 
Berlin, 20. August 2012
Der Vorstand